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Laufberichte

Vom Knochenbrecher zum Ice Bucket Challenge

24.08.14
Autor: Joe Kelbel

In Kastellaun (km 27) laufen wir durch den Torbogen, an dem der Halbmarathon gestartet wurde. Chef Ottmar klatscht die Marathonläufer ab. Kastellaun war im 30jährigen Krieg sehr international: Spanier, Schweden, Lothringer, Hessen und Franzosen zerstörten die Stadt. In der Kaserne der Stadt entwickelt die Bundeswehr zurzeit ein abhörsicheres Kommunikationssystem. Haha, zwei tonnenschwere Satelliten werden von hier aus gesteuert.

Hinter Kastellaun treffen die HM-Läufer auf den Radweg und geben uns mit ihrem schnellen Lauf nochmals Zunder. Bis km 37 werden sie mich reihenweise überholen. Ich kämpfe, bleibe  dran, der schnelle Lauf ist mir noch unheimlich, meine neue Sehne hält, der Kopf will mehr.

Im Bundeswehrgelände liegt eines der größten Hügelgräberfelder, sie führen weiter in die ehemalige Raketenbasis Pydna. Hier sollten 96 Cruise Missiles mit Atomsprengköpfen stationiert werden.

1981: 300.000 Demonstranten gegen den Natodoppelbeschluß in Bonn, ich war zwar dort, war aber, ich gebe es zu, anders beeinflusst. 1986 hier in Kastellaun war mit 200.000 Demonstranten der Wendepunkt für die Politiker. Schluß mit lustig. Die Hunsrückbahn wurde revitalisiert, hunderte Sonderzüge transportierten Demonstraten, die das Grundrecht für Meinungsfreiheit forderten.  Direkt hier an der Raketenbasis Pydna stiegen die Flowerpeople aus. Friedlicher Protest. Dennoch, 1987 trafen die ersten Riesenraketen ein. Die Atomsprengköpfe wurden zunächst auf dem Flughafen Hahn gelagert, dort war es sicherer.

Unglaubliches Wunder, aber wahr, zwei Monate später, am 01.12.87 unterzeichneten Reagan und Gorbatschow den Abrüstungsvertrag. Ende der 80er zogen die allierten Truppen mitsamt dem Scheiss ab. Oh wie dankbar müssen wir sein! Ich bin stolz, hier zu laufen, um an diesen Schwachsinn erinnern zu dürfen.

Bei Bell (km 30) fand man das hölzerne Grab einer hohen keltischen Persönlichkeit, mitsamt Luxuskarosse, damals natürlich auch aus Holz. Nur der Trinkbecher, Zeichen seiner Würde, war aus Bronze. Unsere rosa Trinkbecher sind aus Hartplastik, Zeichen für Recycling.

Wir laufen durchs Külztal. Rechter Hand, zwischen unserer Laufstrecken und der Strasse, auf einer saftigen, schrägen Wiese, deutlich farbliche Unterschiede im Pflanzenbewuchs. Die Trockenheit liebende Wegwarte markiert mit ihren blauen Blüten, die Grundmauern eines römischen Gutshofes (70 n. Chr.), der hier in der sonnigen, windgeschütze Lage mit stabilen Quarzbrocken samt Warmwasser-Bodenheizung gebaut wurde. Kein Ort für meine Ice Bucket Challenge.

Alterkütz  (km 37), am Streckenrand steht eine kinderreiche Familie, früher hätte sie mit dem Wuermelingpass („Karnickelschein“) preisgünstig mit der Hunsrückbahn fahren können, jetzt helfen sie am VP aus.

Neuerkirch und Keidelheim passiere ich jetzt wieder im Eiltempo, da höre ich eine Stimme von hinten: „ Joe! Mach schnell, sonst brenne ich dir wieder einen auf die Schulter!“ Es ist unglaublich, genau an dieser Stelle hatte ich vor zwei Jahren auch den 105 kg-Riesen Matthias überholt, seitdem nie wieder gesehen. Wie damals puschen wir uns mit Mordsgebrüll Richtung Ziel. So muss das sein! Kampf bis zum Letzten! Voll Stoff, ein grandioser Zieleinlauf. Zack! Und ein grandioser Sieg!

Auf der Finishermedaille ein Bild der „Traumschleife Klingenfloss“, ein wundersamer, schwieriger Wanderweg (8 km), mit sagenumwobener verfallener Klosteranlage, jedoch für Alt und Jung gut machbar. Ausgehend von Laubach oder Alterkürz mit zwei Einkehrmöglichkeiten, die schon Napoleon nutzte.

Auf dem Schlossplatz in Simmern ist Volksfest. Ein Sponsor verteilt alkfreies Weizen, ein anderer Quinoa-Mahlzeiten. Aber ich habe heute schon genug gelitten, will nicht übertreiben.  „Vegan“ und „alkfrei“ sind indianische Synonyme für „ ich habe keinen Erfolg bei der Jagd“. Im Festzelt habe ich Erfolg.

Nun sollte man nicht mit vollem Magen ins Schwimmbad gehen. Aber wir haben freien Eintritt ins Erlebnisbad, da geht das schon. Beim ersten Mal verstopfe ich auch glatt die Wasserrutsche. Aber keine Gefahr, niemand da, Marathonläufer sind Warmduscher und die Rutsche eiskalt. Nach wenigen Anläufen gelingt mir ein neuer Bahnrekord.

Und nun mein Ice Bucket Challenge unter der brutal-kalten, kochenbrechenden Dusche des Erlebnisbades in Simmern ! Ich habe gesiegt! Grandiose Marathonveranstaltung! Marathon ist die zweitschönste Nebensache der Welt und hiermit nominiere ich die Veranstalter Rosi und Ottmar Berg zum Ice Bucket Challenge! So! Das habt Ihr nun davon!

 

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Marathonsieger

Männer

1 Schmidt, Josias (GER)     02:48:15
2 Kopp, Sascha (GER)     02:57:54
3 Müller, Christian (GER)     02:59:12

Frauen

1 Krieg, Stefanie (GER)  LG MuLi  03:34:06
2 Lenger, Rebecca (GER)  LG Laacher See  03:39:09
3 Hein, Susanne (GER)  BBTS Dahlbruch  03:47:06

181 Finisher

12
 
 

Informationen: Hunsrück Marathon
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