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Laufberichte

Trailway to heaven

 

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Beim Trailmarathon in Heidelberg zeigt sich einmal mehr, wie wahr dieses Sprichwort ist. Während seit März bei anderen Laufveranstaltungen Absagen einander die Klinke geben, haben es Organisatoren und Behörden in Heidelberg geschafft, mit Kreativität und positiver Grundeinstellung die Botschaft möglich zu machen: „Der GELITA Trail Marathon 2020 findet statt!“. Im Laufjahr 2020 offenbart sich damit einer der wenigen, aber um so wichtigeren Lichtblicke in der Läuferszene.

Seit 2013 darf man sich in Heidelberg über ein Laufspektakel der besonderen Art freuen. Schon der Austragungsort ist ein besonderer. Für viele ist Heidelberg der Inbegriff der deutschen Heile-Welt-Stadt, das urbane Synonym der Romantik. Mit intakter mittelalterlicher Altstadt, naturnah eingebettet in eine sanfte Hügel-Fluss-Landschaft  und der wohl berühmtesten Schlossruine der Republik.

Studenten gibt es zuhauf, Touristen noch mehr, zumindest in „normalen“ Zeiten. Aber ein Marathon? Aus der Bezeichnung „Trailmarathon“ mit dem Zusatz „urban & nature“ offenbart sich schon, dass Asphalt eine eher untergeordnete Rolle spielt. Noch deutlicher wird dies, wenn man Streckenplan und Wegbeschreibung studiert: Bei gerade einmal drei Kilometern liegt der City-Anteil, der Rest spielt sich im Umland ab. 1.500 für den Marathon avisierte Höhenmeter zeigen, dass sich selbst im beschaulichen Odenwald Höhenmeter in alpinen Dimensionen aufaddieren können.2.000 sind es gar für den, der sich für den seit 2019 im Angebot stehenden 50 km-Long Distance Trail entscheidet.

 

Besondere Zeiten, besondere Regeln

 

Am Rande der Altstadt, auf dem Karlsplatz, schlägt das Herz der Veranstaltung. Hier sind Start und Ziel und hier finde ich auch alles andere, was zur Infrastruktur einer Laufveranstaltung gehört. Beherrscht wird der erst 1805 anstelle des abgerissenen Franziskanerklosters angelegte und nach dem Großherzog Karl Friedrich von Baden benannte Platz von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und dem Palais Boisserée. Echte Hingucker sind das nicht, anders als der extravagante Sebastian Münster-Brunnen in der Platzmitte. Gucken sollte man vor allem auch nach oben: Denn hoch und direkt über dem Platz thronen die mächtigen Mauern des Heidelberger Schlosses.

 

 

Schon vor dem Start ist zu spüren, dass den besonderen Zeiten entsprechend besondere Vorkehrungen getroffen werden. Abstand und Maske sind das Gebot der Stunde bereits bei der Abholung der Startnummer an einem der weißen Pavillons im durch Zäune abgeriegelten Start-/Zielbereich. Wer sie nicht erst direkt vor dem Start am Sonntag holen will, hat hierfür am Samstag nur in den frühen Abendstunden Gelegenheit.

Bevor man tröpfchenweise vorgelassen wird, sind die Hände zu desinfizieren, eine unterschriebene Gesundheitserklärung ist abzugeben. Auf sonstiges Rahmenprogramm, insbesondere die traditionelle Maultaschen-Party, oder eine Messe wird verzichtet. Insofern fühlt sich dieser Auftakt mehr wie ein Amtsgang an.

Für ein privates „Carbo Loading“ bieten jedoch die angrenzenden Gassen der Altstadt reichlich Gelegenheit. Man merkt zwar, dass die Heerscharen fernöstlicher Gäste fehlen. Wobei "fehlen" zumindest für mich nicht "vermissen" bedeutet. Denn einsam ist es trotzdem nicht. Heidelberg ist und bleibt auch in Corona-Zeiten eine Touristenhochburg. Und in den vielen Lokalen, Kneipen und Cafes in der Altstadt pulsiert zumindest samstagabends wie ehedem das Leben. Schon etwas gedulden muss ich mich, bis ich im traditionsreichen "Hackteufel" vor einer dampfenden Pfanne hausgemachter Kässpätzle sitze.

 

Warmup durch die Altstadt

 

Überaus ausschlaffreundlich terminiert ist die Startzeit. Erst ab elf Uhr geht es los. Genug Muße bleibt daher für ein entspanntes Frühstück in der selbst um acht Uhr morgens fast noch nachtschlafenden Altstadt. Die nette und vergleichsweise früh am Morgen öffnende Casa del Caffe in der Steingasse sei da empfohlen. Heidelberg jenseits des trotz Corona alltäglichen Rummelspuks ist auch ein Erlebnis für sich.

Distanzierte Emsigkeit erwartet mich im Startgelände. Auf 500 ist die Gesamtzahl der Starter über die angebotenen Distanzen zwischen 30 und 50 km heuer limitiert. Kein Wunder, dass die Plätze schon lange vor dem Start ausgebucht waren. Über den ganzen Platz verteilen sich die Läufer, artig Mund-/Nasenschutz tragend. Ein wenig eigenartig wirkt das schon, selbst auf musikalische Untermalung wird verzichtet. Aber die Stimmung ist gut, der gelösten Vorstartkommunikation tun die Restriktionen keinen Abbruch. Viele Läufer haben statt der Maske ein sehr viel verwegener wirkendes Schlauchtuch übergezogen, ohnehin sind nicht wenige "aufgebrezelt", als ginge es auf einen Wüsten-, Dschungel- oder Sonstwohin-Abenteuertrip.

An einem Kaffee-Mobil kann man sich noch einen letzten Coffein-Kick holen oder sich an einem Kaffee schlicht aufwärmen, denn ein überaus kühler Wind fegt über den Platz. Als Umkleide- und Ruheplatz ist insbesondere der Brunnen begehrt. Das ändert sich schlagartig, als ohne Vorwarnung der Wasserbetrieb einsetzt. Nicht alle sind schnell genug - zur Belustigung der Umstehenden.

Der Corona-Compliance gemäß ist auch ein stimmungsvoller Massenstart tabu. Gestartet wird vielmehr in 20er-Blöcken, wobei die Devise „lang vor kurz“ gilt. Die Ultras haben also den Vortritt. Auf der Startnummer ist der persönliche Block bereits vermerkt. In einem langgezogenen vergitterten Startkanal darf  nach Aufruf des Startmoderators ein Block hinter dem anderen Aufstellung nehmen.

Ab 11 Uhr geht es nach dem ersten Countdown dann Schlag auf Schlag: Im Einminutentakt werden die Minikohorten auf die Piste geschickt. Ein Viertelstündchen muss ich mich gedulden: Dann harre auch ich mit meinem Block M7 gespannt direkt vor dem Startbogen.

 

 

Und: Go! Als erste Aktion befreie ich mich jenseits der Startlinie von der Maske, dann kann es frei atmend losgehen über das holprige Kopfsteinpflaster. Der zentralen Hauptstraße folgend geht es sogleich und direkt durch die historische Altstadt. Heidelbergs autofreie Flaniermeile lockt mit zahlreichen Gelegenheiten, bei Shopping und Gastronomie sein Geld loszuwerden, darunter so berühmt-berüchtigten wie Käthe Wohlfahrts Christmas Store, der aktuell besonders unter der Ferntouristenflaute leiden dürfte.

Sightseeing kompakt steht gleich zu Beginn auf dem Streckenprogramm. Mit dabei sind etwa das geranienbehangene Rathaus und die gotische Heiliggeistkirche, Begräbnisstätte der pfälzischen Kurfürsten, am Marktplatz. Schon biegen wir nach rechts ab in die Steingasse. Durch das leuchtend weiße Brückentor mit seinen beiden markanten barocken Rundtürmen, einst Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, treten wir hinaus auf die Karl-Theodor-Brücke. Alte Brücke wird sie auch schlicht genannt, eingedenk der 200 Jahre, die sie auf dem Buckel hat. Der erste Kilometer liegt hinter uns, als wir über diese Brücke den Altstadtkern verlassen und den Neckar queren.

 

Raus aus der City, rein in die Natur

 

Es lohnt sich, auf der Brücke den Blick zu wenden. Denn die Postkarten-Panoramakulisse der Altstadt, überragt von Kirchtürmen und Schloss vor den laubbewaldeten Hängen des Königstuhls, ist ohne Zweifel eines der optischen Highlights des Streckenkurses. Das war es dann  mit dem gemütlichen Teil des Streckenkurses. Jenseits der Alten Brücke, in Heidelberg-Neuenheim, ist das kulturelle Intro (fast) beendet, jetzt geht es zur Sache.

 

 

Noch ein kurzes Stück weit folgen wir dem Ufer des Neckars. Dann, nach 1,5 km, steigt der Kurs bergzugewandt über die Hirschgasse kräftig an. Eine Blöße will sich hier noch keiner geben. So macht sich der verstummende Pulk heftig schnaufend, aber noch im gedämpften Laufschritt an diese Hürde. Aber nicht lange. Noch steiler wird es und dominoeffektmäßig fällt einer nach dem anderen ins Marschtempo.

Der Anstieg katapultiert uns hinauf auf den sogenannten Philosophenweg. Quasi als Belohnung für die Mühen eröffnet sich uns von dem Höhenweg aus ein wundervoller Ausblick auf Altstadt, Schloss und Neckartal. Die Ablenkung für Geist und Sinne währt aber nur kurz. Denn am Ende des Philosophenwegs wartet schon ganz unphilosophisch weitere physische Mühsal in Form des nächsten Anstiegs in Richtung Heiligenberg.

Durch dichten Laubwald traben wir moderat aber beständig bergan, zunächst noch auf Asphalt, dann auf einem bequemen Naturweg, der sich zusehends verengt. Nach fünf Kilometern liegt ein weiteres kräftezehrendes Streckenhighlight vor uns: Die Thingstätte.

 

 

Die Thingstätte ist keineswegs, wie der Name suggerieren könnte, ein alter germanischer Kultplatz, sondern eine in den 30er-Jahren nach dem Vorbild griechischer Theater erbaute Freilichtbühne, allerdings mit üppigen Dimensionen. 20.000 Zuschauer hatten hier einst Platz. 178 Stufen sind es, die von ganz unten nach ganz oben führen. Und die sind auch von uns zu bewältigen.

Ich lasse es mir nicht nehmen, die Stufen allesamt im Laufschritt anzugehen, muss dies allerdings mit einem kräftigen Schweißschub bezahlen. Der Ausblick auf die Stätte von oben ist überaus beeindruckend. Einst hatte man von den Tribünen über die Bühne hinweg bis hinab nach Heidelberg spähen können. Dichtes Baumwerk versperrt aber mittlerweile den Fernblick. Ein gutes Gefühl bedeutet die Eroberung der Thingstätte für uns aber auch deshalb, weil damit der erste der drei „Gipfel“ des Streckenkurses erobert ist.

 

Durchs Mühlental zum Weißen Stein

 

Uns ein eindrückliches Trailerlebnis zu vermitteln, ist ein besonderes Anliegen des Veranstalters. Und so werden wir in stetigem Auf und Ab, Hin und Her über Wege und Pfade aller Art durch die Natur gescheucht. Lust am anspruchsvollen Waldlauf sollte man also unbedingt nach Heidelberg mitbringen, sonst ist die Krise vorprogrammiert.

Auf einem schönen Waldpfad mit butterweichem Boden geht es weiter, beständig bergab. Locker und leicht traben wir dahin. Aufpassen müssen wir dennoch, im trockenen Bodenlaub, Relikten des letztjährigen Herbstes, nicht etwas zu übersehen. Ein kurzer Gegenanstieg bringt uns hinauf zur Schlossblickhütte – ein kurzer und für längere Zeit letzter Blick auf das Heidelberger Schloss ist uns hier durch das noch dichte Laub vergönnt.

Hinunter führt der Pfad nun bis an den kaum als solchen wahrnehmbaren Ortsrand von Handschuhheim. Ab hier folgen wir ein Stück weit dem sich durch das Mühlental windenden Bach. Auf einem kaum ansteigenden Naturweg geht es läuferisch gemütlich dahin. Die Erholungsphase hat ein Ende, als wir den Bach queren und dem auf der anderen Seite in Gegenrichtung verlaufenden, kräftig durch den Wald ansteigenden Weg folgen. Eine anspruchsvolle Etappe steht uns bevor. Über die nächsten Kilometer führt sie uns hinauf bis zum zweiten „Gipfel“, dem Weißen Stein.

 

 

Unser Weg verliert sich schon bald im Natur-Nirwana. Im Zickzack, hin und her, mal auf Asphalt, mal über breite Forstwege, mal über Stock und Stein auf Pfaden geht durch den trotz Herbst immer noch meist üppig grünen Wald. Auf- und Abwärtspassagen wechseln einander immer wieder ab, sodass der zunehmende Höhengewinn sich nur ganz allmählich vollzieht und bemerkbar macht. Was die Orientierung angeht, muss man sich ganz der Streckenmarkierung des Veranstalters – in Form von Flatterbändern sowie Bodenpfeilen aus Sägespänen oder roter Kreide – anvertrauen, denn die geht binnen kürzester Zeit verloren.

Aber Muße zur Orientierung bleibt gerade auf den Traileinlagen ohnedies keine, tut man doch gut daran, sich voll auf den Untergrund zu konzentrieren. Heimtückische Wurzeln und Stolpersteine lauern nur darauf, uns zu Fall zu bringen. Aber: Genau das wollen wir! Die anspruchsvollsten, unwegsamsten Passagen durch die unkultivierte Natur sind ohne Zweifel auch die schönsten und diejenigen, die das Trailerlebnis erst  ausmachen.

Wie aus dem Nichts taucht ein wuchtiger Steinturm aus dem Baummeer auf. Der Weiße Stein (548 m üNN) , die Nummer zwei unter den Strecken-„Gipfeln“ ist erreicht. 17 Kilometer können wir damit auf dem Laufkonto verbuchen. Ein lauschiger Biergarten lädt zum Verweilen ein, wenn er denn geöffnet hätte. Immerhin dürfen wir uns hier oben auf die erste der drei Verpflegungsstellen entlang des Parcours freuen. Auch die vergleichsweise dünne Streckenversorgung ist den aktuellen Umständen geschuldet. Immerhin stehen neben Wasser und Elektrolyt auch Red Bull, Riegel und Bananen im Angebot. Geschmacklich kann ich der Energydrink-Plörre wenig abgewinnen. Aber im Hier und Jetzt ist es zur Regeneration von Körper und Geist nicht die schlechteste Wahl. Und ehe ich mich versehe, habe ich eine Dose leergeschlürft.

 

Wald, soweit das Auge reicht

 

Dass ich mich in der Folge "beflügelt" fühle, ist allerdings nicht nur dem Energy-Drink geschuldet, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass es nun kilometerweit merklich und beständig abwärts geht. Primär über Forstwege in langen Geraden führt unser Weg dahin. Im Übrigen haben die nächsten elf Kilometer rein optisch sehr viel mit den vorangehenden gemein: Bäume, Bäume, Bäume. Wald, soweit das Auge reicht. Wobei der Blickfeld zumeist äußerst limitiert ist. Das ist natürlich weniger stressig, aber läuferisch auf die Dauer auch eingeschränkt animierend. Umso mehr freut es da, ab und an auf einen Waldpfad abgeleitet zu werden.

 

 

Auch wenn immer wieder kleinere Gegenanstiege zu bewältigen sind, so geht es tendenziell weiter und weiter hinab und es erstaunt mich, wie viele Höhenmeter es doch gewesen sein müssen, die wir uns zuvor läuferisch aufwärts erarbeitet haben. Zunächst sind es nur einzelne Häuser, die ich für Augenblicke durch das lichte Grün des Blätterdachs in der Tiefe erspähe, dann öffnet sich auf einmal der Wald und wir laufen an Apfelbäumen entlang einem großen Gehöft entgegen, vor dem sich zahlreiche Gäste an Tischen in der Sonne aalen. Es ist die Klosterhofwirtschaft der Benediktinerabtei Stift Neuburg am Ortsrand von Ziegelhausen, die wir passieren. Eine eigene Brauerei hat das Kloster, aber für eine Kostprobe ist jetzt keine Zeit.

An alten Mauern entlang entschwinden wir erneut im Grün. Aber nur für kurze Zeit. Als ich nach 28 km den zweiten Verpflegungsposten auftauchen sehe, weiß ich, dass wir nun endgültig Boden des Neckartals, gute 100 m üNN, erreicht haben. Ich lasse mir Zeit, mixe mir aus Wasser und Elektrolytpulver einen Drink und lasse das Ganze in einem Satz durch meine Kehle laufen. Das tut gut. Hier im Tal und im Stand spüre ich erstmals so richtig die Kraft der Sonne.

Unter der untertunnelten Bundesstraße hindurch führt uns der Weg geradewegs an den Fluss. Direkt unterhalb der Uferstraße verläuft unser Parcours nun auf einem betonierten sogenannten Treidelweg gerade einmal einen Meter über dem Wasser direkt am Neckarufer entlang. Zweck der Treidelwege war einst, vom Ufer aus Schiffe stromaufwärts ziehen zu können. Heute bietet uns dieser Weg ein besonders wassernahes Naturerlebnis. Vereinzelt postierte Mitglieder der Wasserwacht haben ein Auge darauf, dass nicht ein erschöpfter oder fehltretender Läufer unfreiwillig ein Bad im Neckar nimmt. Etwa eineinhalb Kilometer bleiben wir auf diese Weise hart am Wasser, ehe wir den Neckar über die Ziegelhäuser Brücke queren und bei km 30 den lokalen Bahnhof von Schlierbach erreichen.

Kurz darauf setzt sich unser Naturtrip fort. Der Asphalt mutiert zur Forststraße und dieser wiederum zum Pfad. Durch dichten Wald führt uns der Streckenkurs entlang der Hänge des Neckartals schnell wieder in einsame Höhen. Ein Weilchen noch begleiten uns die Ausblicke ins Tal, dann tauchen wir wieder ab in die Waldesstille und -einsamkeit. Einige Flach- und Gefällestücke lassen den „Laufmotor“ wieder anspringen, ansonsten ist nicht nur bei mir nur noch mehr oder weniger dynamisches Walken angesagt.

 

Ein bisschen Hölle auf dem Weg gen Himmel

 

Bei km 34 sind wir, zumindest luftlinienbetrachtet, der Altstadt schon ziemlich nahe. Selbst das Schloss blitzt in der Ferne kurz durch das Blätterdach. Aber nichts da. Jetzt wartet der wohl härteste „Job“ des Rundkurses auf uns: Der Aufstieg  zum Heidelberger Hausberg, dem Königstuhl (567 m üNN), über die sogenannte Himmelsleiter.

Die Bezeichnung "Himmelsleiter" ist ein Euphemismus ohnegleichen. "Höllensteig" wäre aktuell wohl treffender. Über mehr als 1.200 Stufen aus unregelmäßig behauenen, oft verquer liegenden  Sandsteinen führt dieser Steig, 270 Höhenmeter überwindend, vom Heidelberger Schloss direttissma zur Gipfelregion des Königstuhls. Seit 1844 gibt es die Himmelsleiter schon. Allzu viele Gipfelstürmer wird es heutzutage nicht mehr geben, die diesen Weg wählen, zumal man den Gipfel auch sehr viel bequemer mit der Bergbahn direkt von der Altstadt aus erreichen kann. Aber um einen erschöpften Marathoni final nochmals ordentlich zu quälen, ist dieser Steig ohne Zweifel bestens geeignet, auch wenn wir ihn nur partiell bewältigen müssen.

 

 

Schweigend und keuchend stapfen wir im Zeitlupentempo Stufe für Stufe dem bis zuletzt vom Laubwald verborgenen Gipfelziel entgegen. Ungewohnt Musikalisches, gar als „House“ identifizierbar, schallt mir schließlich von oben entgegen und nimmt an Lautstärke zu. Auch wenn man den Punkt der Erlösung nicht sehen kann, so motiviert zumindest das Hören. Dann endlich: Einige Zuschauer erwarten uns am Ausgang des Steigs und als Quelle der Beschallung outet sich ein panzerartig anmutendes Action-Gefährt aus dem Red Bull-Stall. Der höchstgelegene Streckenpunkt ist erreicht und bei einem Fläschchen Wasser am dritten Verpflegungspunkt feiere ich angemessen den Gipfelsturm.

 

Das Schloss zum Finale

 

Sechs Kilometer liegen noch vor mir, und die führen (fast) nur noch bergab. Das heißt aber keineswegs, jetzt gemütlich auslaufen zu können. Extrem wurzelig und steinig ist der Pfad, der steil hinab führt. Verwunschen wirkt der Wald um mich herum, denn Gestein und Baumstämme sind moosüberzogen. Mehr hoppele als laufe ich hinab. Auf bequemeren Forstwegen und immer wieder einsamen Waldpfaden geht es in Schleifen weiter gen Tal.

Ein Stück weit folgen wir auf einem Pfad der von Heidelberg zum Kaiserstuhl führenden Straße, ehe der herrlich eingewachsene Friesenweg die finale Landschaftspassage unseres Kurses einläutet. Unterwegs quere ich zwischen den Stationen „Schloss“ und „Molkenkur“ über eine Brücke die Trasse der Bergbahn. Schon seit 1890 ist die Standseilbahn in Betrieb. Von der Brücke genieße ich für Momente einen tollen Fernblick gen Altstadt und Neckar, ehe mich das blickdichte Dickicht wieder verschluckt.

 

 

Der Friesenweg führt mich bis zum Wolfsbrunnenweg oberhalb des Schlossgartens, wo ich erstmals Blickkontakt auf die Rückseite des Schlossareals habe. Hoch thront die einstige Residenz der pfälzischen Kurfürsten über Stadt und Neckartal. Bereits in den Erbfolgekriegen im 17. Jahrhundert wurde das Schloss durch die Franzosen zerstört. Fast schon ein Glücksgriff war, dass es in der Folgezeit nur teilweise wiederhergestellt, in diesem Zustand aber bis heute aufwändig restauriert und konserviert wurde. Erst dadurch hat sie ihren Aufschwung zur weltweit gerühmten Insignie einer romantischen Ruine genommen. Spürbar ist die Magie dieses Ortes vor allem, wenn man erleben darf, wie der rote Neckarsandstein der Gemäuer in der Abendsonne erstrahlt.

Im Sauseschritt geht es gen Schlosspark hinab. Im Schlossgarten angelangt gilt es, diesen in einem weiten, zunächst streng rechtwinklig ausgerichteten Bogen zu umrunden. Eindrucksvoll ist der Blick über den gepflegten Rasen hin  zu den  wuchtigen Außenmauern und Türmen des Schlosses. Von unserem Parkrundkurs werden wir auf einen Pfad gelotst, der zunächst moderat direkt zu Füßen der Wehrmauern entlang führt, um dann in engen Serpentinen steil in Richtung  Altstadt abzufallen.

 

Finish im Zeichen von Corona

 

Unten angekommen geht es über kopfsteingepflasterte Gassen direkt dem Ziel auf dem Karlsplatz entgegen. Jeder der Ankömmlinge wird vom Zielmoderator namentlich begrüßt und kann  unter dem Zielbogen im Fokus des wartenden Fotografen seinen Emotionen freien Lauf lassen.

Ansonsten steht auch der Zieleinlauf ganz im Zeichen von Corona. Gleich jenseits der Ziellinie herrscht wieder Maskenpflicht, die Medaille wird per Besenstiel gereicht und die Zielverpflegung gibt’s im Beutel. Immerhin: Das alkoholfreie Weißbier bekomme ich separat in der Flasche. Und das ist in diesem Moment fast das Wichtigste.

Trotz Distanz und Regeln menschelt es gehörig, es wird gelacht und gescherzt,  Glückwünsche ausgetauscht, zugeprostet oder einfach auch nur in der Horizontalen entspannt. So anormal die Zeiten sind, so normal und unverkrampft wird im Hier und Jetzt mit den Gegebenheiten umgegangen.

 

 

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein anspruchsvolles wie wunderbares Trailrunning-Erlebnis rund um eine wunderbare Stadt. Für die meisten wird es das einzige Laufevent in der Saison 2020 sein. Umso mehr sticht es hervor. Auch mit „Corona“ wird diese Erinnerung unzweifelhaft verbunden bleiben. Insbesondere wird man sich dabei erinnern, wie professionell damit in der Praxis umgegangen wurde und damit der Läufergemeinschaft selbst in Zeiten wie diesen und gegen den Trend eben jenes besondere Erlebnis ermöglicht wurde.

Während ich mit kühlem Bier in der Hand noch ein wenig Zielatmosphäre schnuppere und vor mich hin sinniere, fällt mein Blick auf einen Stand, an dem Restposten des diesjährigen Teilnehmershirts verkauft werden. Eingedenk des Umstands eines von ungetragenen Finishershirts überquellenden Schranks wollte ich bestimmt nicht auch noch 30 € für ein weiteres Shirt ausgeben. Doch je öfter ich mir das Shirt anschaue, desto mehr reift der Gedanke: Dieses muss ich haben. Denn originell ist nicht nur das Bergmotiv mit Flügeln, sondern auch der so überaus treffende Leitspruch: „Trailway to heaven“. Schluss der langen Rede: Natürlich habe ich es gekauft.

 

Informationen: GELITA Trail Marathon Heidelberg
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