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Laufberichte

Höhenmetersammeln und touristische Höhepunkte

 

Nachdem der zehnte Trailmarathon Heidelberg erstmals im September statt im Oktober stattfindet, hätte man eigentlich auf einen spätsommerlichen Laufgenuss hoffen können, aber Petrus wollte offensichtlich, dass wir ausgerechnet in diesem Jahr schon früher als gewohnt die Heizung einschalten müssen. Am Mittwoch trainierte ich noch bei 25 Grad und zeitweise Sonnenschein, jetzt starte ich bei etwa 10 Grad. Doch zumindest bleibt es entgegen der Prognosen aller Wetterdienste die ganze Strecke über trocken.

Ich freue mich seit vielen Wochen darüber, dass der Termin für den Trailmarathon in diesem Jahr mal wieder auf mein arbeitsfreies Wochenende fällt, da lasse ich mich nicht von der Witterung abhalten. Nach bisher 105 Marathon- bzw. Ultramarathons ist das die erste Strecke, auf der ich nun schon zum vierten Mal starte.

Als Höhenmeter werden auf der Startseite der Homepage 1500 angegeben, bei der Streckenbeschreibung steht 1800, bei der detaillierten Karte 1826. Auf jeden Fall ist es ein herausforderndes Streckenprofil, das niemand unterschätzen sollte.

Wem 42 km zu lang sind, der kann auch beim 30 km langen Half-Trail mit 1325 Höhenmetern, beim dieses Jahr erstmals angebotenen 20 km Base-Trail mit 622 Höhenmetern oder als Zweier-Staffel beim Duo-Marathon laufen. Wer es länger mag, kann beim Long Distance-Trail mit ca 50 km starten und 2211 Höhenmeter sammeln.

Gestern fand ab 18 Uhr bereits der 7 km lange Twilight Trail statt, der über die Himmelsleiter zum Königstuhl und über unsere Trailstrecke hinab führte. Erstmals wurde die Laufveranstaltung durch ein Mountainbike-Rennen auf einer 9 Kilometer langen Route vom Molkenkurweg hinauf zum Königstuhl und hinab auf den ganzjährigen, offiziellen MTB-Trails ergänzt. Es gibt auch eine Gesamtwertung für Mountainbike und Base-Trail.

 

 

Für viele internationale Touristen, bei denen nur zwei oder drei Tage Deutschland im Programm ihrer Europareise steht, zählt Heidelberg zu den unverzichtbaren Höhepunkten. Die Stadt mit 160.000 Einwohnern hat in guten Zeiten fast 14 Millionen Besucher pro Jahr, davon auch sehr viele Gäste aus Asien und aus Amerika. Da ich bereits eine Stunde vor dem Start meine Unterlagen am Karlsplatz abhole, habe ich noch genug Zeit für ein paar Fotos entlang des ersten Streckenkilometers. Die Heiliggeistkirche wurde 1398 bis 1515 mit Sandstein aus dem Neckartal gebaut, hat eine gotische Hallenkirche mit barockem Dach und achteckigem Glockenturm. Von 1706 bis 1936 war das Innere der Kirche durch eine Mauer in einen protestantischen und einen katholischen Teil getrennt.

Die 1788 erbaute Neckarbrücke entstand, nachdem bei einem katastrophalen Eishochwasser nicht nur die frühere Brücke, sondern auch 39 andere Gebäude zerstört wurden. Das zweitürmige Tor stammt aus dem Mittelalter. Bis 1878 musste man hier Brückenzoll zahlen. Der Bau der Brücke war damals so teuer, dass von den Bürgern dafür eine Sondersteuer kassiert wurde. 1945 wurden zwei Pfeiler gesprengt und drei Bogen stürzten ein.

Ich bin in meinem Leben schon sehr oft über diese im Jahr 1788 erbaute Brücke gegangen oder gelaufen, und immer grüßte ich den Brückenaffen. Schon im 15. Jahrhundert stand im Brückenturm eine Affenfigur aus Stein, die mit ihrem blanken Hinterteil in Richtung der Mainzer Bischöfe grüßte und mit einem Spiegel in der Hand die Passanten zur kritischen Selbstreflexion aufforderte. Nachdem Turm und Affe im Pfälzer Erbfolgekrieg zerstört wurden, kam erst 1979 eine neue Figur, dieses Mal als Bronze und mit anderer Symbolik. 

Einige Jahre lang war es Mode, als Liebesbeweis kleine Schlösser an Brücken zu hängen. Inzwischen steht am nördlichen Ende der Brücke der Liebesstein, wo diese Schlösser gesammelt werden.

 

 

Kurz vor 11 Uhr gibt der Organisationschef Christian Herbert ein paar Infos zu Strecke und Markierung, dann startet zuerst der 50 km Block. Gleich darauf sind wir Marathonis dran, dahinter die kürzeren Distanzen. Vorbei an der Kirche erreichen wir schon nach 300 Metern die Brücke. Auf der anderen Seite laufen wir kurz neckaraufwärts. Dann führt uns die Hirschgasse steil bergauf. Ich schone hier meine Kraft und marschiere, aber die ganze Zeit über rasen die Leute der kürzeren Distanzen mit Vollgas an mir vorbei.

Nach etwa 700 m wird die Strecke eine Weile leichter. Wir erreichen den wunderschönen Philosophenweg. Heute merkt man nichts davon, dass der Südhang des Heiligenbergs eine der wärmsten Stellen Deutschlands ist. Hier wachsen auch viele mediterrane und exotische Pflanzen. Schon im 19. Jahrhundert spazierten und philosophierten hier die Heidelberger Professoren und Studenten, später kamen auch die vielen Reisenden hinzu.

 

 

Danach geht es fast zwei Kilometer weit meist auf breiten Wegen durch den Wald 180 Höhenmeter bergauf. Hier überhole ich einige Läufer, die am Anfang zu schnell waren.  Dann erreiche ich die Thingstätte. Diese nach dem Vorbild griechischer Theater gestaltete Freilichtbühne wurde 1934-35 von den Nationalsozialisten erbaut und sollte vor allem für Propagandaveranstaltungen genutzt werden. Der Aufstieg über die 178 steilen Sandsteinstufen zählt zu den Höhepunkten des Trail Marathons.

 

 

Die nächsten 12 Kilometer führen in stetem Wechsel zwischen kurzen Auf- und Abstiegen mal über knackige Trails, mal über leichte Waldwege. Diese Abwechslung macht für mich den Reiz des Trailmarathons aus. Vor allem bis zum Weißen Stein genügend gut laufbare Trails, die diesen Namen wirklich verdienen, aber nie zu anspruchsvoll sind, dazu Abschnitte zum Entspannten und schnellerem Laufen.

Bereits in den Läuferinformationen wurden wir darauf hingewiesen, dass wir auch eigene Getränke und Riegel mitnehmen sollen. Die erste Verpflegungsstelle ist dieses Mal erst bei km 17.  Ich war leichtsinnig und habe am Start nur eine kleine, leere Flasche eingesteckt, da ich die Strecke kenne und davon ausging, dass ich nach den verregneten Tagen auf jeden Fall bei km 7 am Turnerbrunnen Wasser abfüllen kann, doch dieser ist trocken. Einen Kilometer weit laufe ich nun auf asphaltiertem Weg durch das schöne Mühlbachtal bergauf. Dann kann ich am Buchbrunnen doch endlich etwas trinken.

Der Wechsel zwischen Trail und Forstweg geht munter weiter. Die Strecke ist hervorragend markiert. An den Stellen, wo sich die Routen der unterschiedlichen Distanzen trennen, sehen unübersehbar große Schilder sowie Leute, die uns in die jeweils passende Richtung weisen. Eine Idee wird heute hier erstmals ausprobiert: Da bisher die Flatterbänder, die abzweigende Wege absperren, oft von Wanderern oder Radfahrern abgerissen wurden, sind diese jetzt nicht mehr quer über den Weg gespannt sondern liegen mit Steinen beschwert direkt auf dem Boden.

Noch einmal komme ich an einem Brunnen mit Wasser vorbei. Heute mühe ich mich viel langsamer als gewohnt den Berg hinauf, da ich seit meinem letzten Marathon wegen Krankheit nur diese Woche zwei kurze Trainingsläufe machen konnte.

 

 

Bis zum Weißen Stein brauche ich dieses Mal drei Stunden und halte es durchaus für möglich, dass es heute nach 104 beendeten Läufen mein drittes DNF wird.

Am 1906 von Mitgliedern des Odenwaldclubs errichteten 23 m hohen Aussichtsturm beim Weißen Stein gibt es bei der ersten Verpflegungsstelle Wasser, Iso, Red Bull, Bananen und Riegel. Die Riegel sind extrem trocken, sodass ich nur die Hälfte runter kriege und gleich weiterlaufe.

2,5 km geht es nun auf recht leichten Wegen weiter. Dann komme ich bereits zu einer weiteren Verpflegungsstelle mit Getränken. Die nächste folgt erst nach 11 Kilometern. Ab hier ist die Strecke für mich bis zur Neckarbrücke neu. Seit 2019 geht es auf dieser Route ohne Straßenquerung ins Neckartal. Zuerst laufe ich auf meist breiten, bequemen Wegen 270 Höhenmeter bergab. Dann bremst mich ein anstrengender Aufstieg. Einerseits bedauere ich, dass die neue Route über keine richtigen Trails führt, andererseits komme ich so schneller voran. Es folgen noch weitere kurze Gegenanstiege. Dass wir am Mausbach aber nicht über den herrlichen Trail, sondern auf dem Forstweg am anderen Ufer laufen, finde ich wirklich schade.

Unten führt die Route nun am Kloster Stift Neuburg vorbei, das im 12. Jahrhundert zu den Benediktinern gehörte, danach wechselnd anderen Orden und inzwischen wieder den Benediktinern.  Die Klosterkirche sehe ich nicht, da die Strecke außerhalb der Mauern u.a. am Biergarten der Hausbrauerei vorbei führt. Bald darauf folgt ein bequemer und schöner Streckenabschnitt. 1,7 km weit laufe ich über den Treidelpfad direkt am Ufer des Neckar.

 

 

Dann geht es über die 1954 erbaute Spannbetonbrücke, die wegen marodem Zustand in den nächsten Jahren durch einen Neubau ersetzt werden soll. Am Bahnhof Schlierbach/Ziegelhausen ist bei km 30.5 die dritte Verpflegungsstelle, wieder mit Wasser, Iso, Red Bull, Banane und den Riegeln, von denen ich wieder kein ganzes Stück essen kann.

Noch 12 Kilometer und drei Stunden bis zum Zeitlimit - das schaffe ich auf jeden Fall. 600 m geht es nun mit ordentlicher Steigung bergauf. Dann folgen einige Kilometer mit normalerweise laufbaren Steigungen, die ich heute aber meist auch nur marschiere. Bald mündet die Zusatzschleife der 50 km Strecke in die Marathonstrecke. Wenn ich sehe, wie schnell manche Läufer, die bereits 8 km mehr hinter sich haben, an mir vorbeiziehen, komme ich mir erst recht wie eine Schnecke vor. Egal, es kommen auch für mich wieder flottere Tage. Ab und zu laufe ich kurz auf Trails, meist wieder auf breiten Wegen, mal bergauf, dazwischen auch wieder abwärts. Dann erreiche ich endlich das Stück, das gewissermaßen das unverzichtbare Wahrzeichen dieser Veranstaltung ist, die Himmelsleiter. Ab 1844 wurde diese steile Treppe gebaut. Insgesamt führen mehr als 1300 unregelmäßige Sandsteinstufen vom Schloss hinauf zum Königstuhl. Wir dürfen aber nur einen Teil dieser Treppe besteigen.

An der Stelle, an der ich die Himmelsleiter erreiche, teilt sich die Route. Der Half-Trail führt über die Treppe direkt hinab zum Schloss, ich steige dagegen ein Stück weit sehr steil hinauf. Bald verläßt die Strecke für eine Weile die Treppe und führt auf anderen Wegen aufwärts, teilweise mit netter Aussicht. Doch dann wird es wirklich anstrengend. 140 Höhenmeter steige ich die steilen Stufen hinauf. Die Treppe scheint kein Ende zu nehmen. Dennoch liebe ich diesen Weg.

Endlich oben! Jetzt freue ich mich auf die Verpflegungsstelle, die früher hier oben war. Doch weit und breit sehe ich keine Tische. Ich hatte bei der Streckenbeschreibung überlesen, dass die VP jetzt erst unten nahe beim Blockhaus steht.

Wer glaubt, jetzt nur noch ein paar Kilometer entspannt bergab zu laufen, kennt die Strecke nicht. Für mich ist dieser Teil abgesehen von der Himmelsleiter der beste Teil des Marathons. Vor allem im oberen Abschnitt lassen diese Pfade jedes Trailrunnerherz höher schlagen. Wer jetzt noch genug Kraft in den Beinen hat, kann die steinigen, heute mal wieder sehr rutschigen Pfade hinab rasen. Genau das liebe ich an unserem Sport. Kein rechts, kein links, kein vorher, kein danach, keine anderen Gedanken als nur die uneingeschränkte Konzentration auf die paar Meter unmittelbar vor meinen Füßen! Ich verstehe aber auch, dass manche Teilnehmer hier lieber nur noch wandern.

Nach der VP oberhalb der Blockhütte (wieder Wasser, Iso, Red Bull, Banane und Riegel) geht es noch einmal 500 m auf einem breiten Waldweg bergauf, dann führt schon der nächste Trail bergab. Beim Hotel Molkenkur laufe ich unter der Bergbahntrasse hindurch und am schönen Häuschen der Bergbahnstation vorbei. 1890 wurde die Zahnradbahn bis zur Molkenkur eröffnet. Bis 1907 wurde die  Talfahrt noch mit Wasserballast durchgeführt. Das Wasser wurde mit einer von einer Dampfmaschine angetriebenen Pumpanlage zur Bergstation befördert. 1907 kam die obere Bergbahn bis zum Königsstuhl hinzu, eine elektrisch betriebene Standseilbahn. Seit 1961 ist die gesamte Strecke elektrisch.

 

 

Wieder führt ein steiler Trail bergab. Zwei 50 km Läuferinnen eilen in hohem Tempo und mit ansteckend guter Laune an mir vorbei. Auch ich fühle mich jetzt wieder deutlich fitter als während der letzten Stunden und gebe Gas. Zum Schluss folgt dann noch einmal wunderschönes Touristenprogramm. Zuerst die klassischen Fotos vom Schloss, dann ein Parcours durch den Schlossgarten mit dem Neptunbrunnen und dem Musengaul, der bis vor wenigen Jahren vor dem Badischen Staatstheater in Karlsruhe stand, unterhalb es Schlosses schnell durch Parkanlagen bergab, an einem verträumten Außenbereich der Altstadt vorbei und noch kurz über die Hauptstraße zum Karlsplatz und ans Ziel.

44 Minuten vor dem Zeitlimit komme ich an. Ein alkoholfreies Bier, eine Portion Maultaschen, dann muss ich nur noch ein paar Treppenstufen in die Tiefgarage hinab zu meinem Auto gehen.

Der Blick auf die Ergebnislisten zeigt, dass wie fast überall die Teilnehmerzahlen deutlich sinken, was 2022 zum Teil auch an der extrem schlechten Wetterprognose lag, wegen der es wohl keine kurzfristigen Anmeldungen gab. Nur noch 27 Prozent der Finisher sind die klassische Marathon-Distanz gelaufen.

Marathon 123 Finisher (im Vorjahr 176), Half-Trail 172 Finisher (2021 288), Long Distance Trail 72 Finisher (2018 103), beim neuen Base-Trail 92 Finisher.

 

Alle Ergebnisse und weitere Infos unter www.trailmarathon-heidelberg.de

 

Informationen: Trail Marathon Heidelberg
Veranstalter-WebsiteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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