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Laufberichte

Blut und Spiele

23.06.12
Autor: Joe Kelbel

Ich beobachte in der nächsten Stunde, was alles so hinter mir läuft, oder besser -  lief. Das macht wirklich Spass und mir wird klar, welch großer Abstand nun schon zwischen den Läufern ist. Erdnussflips sind gut, Chili beschleunigt meinen Weiterlauf. „Meine Nachttischlampe ist bei km 54, ich muss los, liebe Leute!“

Hinter Remchingen endecke ich das unleserliche Blechschild. Es weist auf ein Hügelgrab hin. Es ist das höchste, das ich je gesehen habe. Als die Römer hier 80 n. Chr. ankamen, waren die Kelten schon seit 300 Jahren verschwunden. Doch irgendwie übernahmen die Römer die hiesigen Götter, die sie in Stein meisselten. Es gibt einige Rätsel, z.B. die zwei römischen Viergöttersteine, eingemauert in den Kirchen von Remchingen und Nöttingen. Eine Steinplatte nennt den Ort hier „Senota“.

Barbara und Sigrid haben mein Tempo, aber nicht meine Geduld. Ein Foto von uns dreien, da entdecke ich in einer Scheune in Mutschelbach einen Opel Manta. Nun sagt ein altes germanisches Sprichwort: Wo man Manta hat, da lass dich nieder. Und bei  einem alten Deutz-Trecker auch. Und erst recht, wenn es Wölfle Bier gibt. Nun wird es Nacht.

Ohne Nachttischlampe wird es hier sehr dunkel. Ich verabschiede mich von den netten Leuten und treffe Dennis, den Newcomer wieder. Ihm ist alles widerfahren, was ich vor Stunden prophezeit habe. Mit leichterem Magen ist er nun wieder ganz gut dabei.

Was ich jetzt in der Einsamkeit zwischen Mutschelbach und Langensteinbach erlebe, gehört für mich zu den Wundern des Fidelitas: Glühwürmchen. 5 Kilometer Paradies, genau zu lokalisieren: Rechts die feuchten Wiesen, in der Ferne  die L 563, links der Wald. Und dort schweben auf einer Höhe von ca einem Meter Millionen von Glühwürmchen über dem grünen Moos. Ich halte an. Lautlos gleiten die Flieger durch das lichte Unterholz. Gedanken. Dieses  freie Spiel dient nur der Fortpflanzung, die Männchen fliegen, die Weibchen liegen rücklings auf dem Boden, senden mit ihrem leuchtenden Unterleib nach oben. Ein leichtes Spiel, wird man denken. Doch vor diesen Tagen der Fortpflanzung im Juni liegen harte Jahre im Untergrund, wo zwar nicht das Finanzamt, dafür aber Mauwurf oder Wildsau stören.

Ich  stehe lange da, um diesem wunderbaren Schauspiel zuzusehen. Ohne die Lauferei wäre ich jetzt nicht hier in diesem Wald, könnte diese grünlichkaltkeuchtende Ruhe nicht geniessen.

Glücksmomente, als ich mich spontan in Langensteinbach zu den Nachschwärmern an den Biertisch setze: „Wisst ihr eigentlich, wieviele Millionen Glühwürmchen hier 200 Meter vor Euch im Wald um die Weibchen buhlen? Es ist unglaublich!“

Nun, es gibt leckeren Knoblauch-Curry-Dip, passend zu meinen Chilioliven, die mich schon seit Kilometern grüßen, Zum Glück ist im Wald um diese Uhrzeit niemand mehr. Es ist traurig, die Leute hängen vor der Glotze und hauen sich die Chio-Dinger rein. Dabei würde ihnen im Juni  das Heer der Glühwürmchen  die ersehnte Kraft für den Alltag geben.  Das war  mein Runners-High, das Liebesspiel der Glühwürmchen. Das Blut kommt jetzt.

Ich habe meine Stirnlampe. Sie ist entgegen meiner Befürchtung doch im Beutel bei km 44. Früher war hier beim Karlsbader Anstieg ein VP. Kurz vor dem Eingang in den Schwarzwald nämlich, der letztes Jahr noch mit Friedhofslämpchen bestückt war. Heute frage ich mich, warum die Jungs hier am Waldrand feiern.

Es ist dunkel, sehr dunkel. Fritz erscheint in meinem Lichtkegel, sieht fertig aus, ist aber der geborenen Kämpfer. Um den muss man sich keine Gedanken machen. Plötzlich liege ich langgestreckt auf dem Boden, wünsche mir in meiner Müdigkeit eine schlimme Verletzung, um nicht mehr aufstehen zu müssen. In Ittersbach, etwa um 1 Uhr nachts machen mich zwei Mädels auf meine blutigen Socken aufmerksam.

Die folgenden Kilometer durch den dunklen Schwarzwald sind wieder purer Laufgenuss. Auch wenn der Eindruck entsteht, ich hätte an jeder VP mein Malzbier getrunken und Pause gemacht,  die Stunden dazwischen sind ein unbeschreibliches Erlebnis, so intensiv, dass ich immer sehr, sehr gerne beim Fidelitas dabei bin.

Stundenlang durch den Wald, parallel zur Alb. Kleine engsitzende Augen glotzen mich an. Es sind wohl irgendwelche Marderartige.  Sie verschwinden schnell, wenn  man sie orten will. Winzige Fledermäuse fliegen in meinem Scheinwerferlicht, krallen sich die fettesten Flattermänner, die ich sonst zwischen den Zähnen hätte. Links und rechts der Strecke tapst es, raschelt es, rumort es. Der Wald lebt. Es ist unglaublich. Doch wenn ich mit meinen Scheinwerfer ins Dunkle leuchte, ist da nichts. Es ist ein eigenartiger Cocoon, der mich umgiebt. Ich bin in einem Raumschiff und wetze duch einen 3 D Film. Ein unglaubliches Laufgefühl. Nicht wie Biel, wo du immer Leute um dich rum hast.

Viel Zeit verbringe ich bei den Rotkreuzhelfern, die im Generatorenlicht über die Nacht der Läufer wachen. Wenn die Kaffepats durch die Maschine gedrückt werden, flackert das Licht. Ich brauche jetzt alle 5 Kilometer einen Espresso. Die Leute sind nett, auch wenn kurzzeitig der Generator jault.

Die letzten 5 Kilometer sind grausam. Wir sind heute Morgen schon hier langgelaufen. Die Vorstellung, nochmal aus Versehen  80 Kilometer laufen zu müssen, geht ziemlich auf die Birne. Ich versuche cool zu bleiben, ich kenne ja die Strecke. Aber ein Hinweisschild zeigt nach links, 1,3 Kilomter zum Stadion. Und geradeaus? 40 Minuten für die  letzten 5 Kilometer. Um 3:30 in der Früh sind das jetzt keine Spielchen mehr. 

Schwer ist der Fidelitas nicht, aber sehr emotional. Einer meiner liebsten Läufe, mehr als der Bieler 100er. Bei dem gab es dieses Jahr warme Duschen, hier bin ich wohl ein bisschen zu spät dran. Um 4 Uhr morgens ist nichts mehr los, niemand da. Ein Foto vom Liegewagen des heutigen Gewinners Réné, der mal gaaanz spielerisch diesen Lauf gewonnen hat  und ab in den Kofferraum.

 

Siegerliste

 

Fidelitas Nachtlauf, 80 km

Männer

1 René Strosny Bautzener LV  6:12:16,7
2 Guido Schwager Pforzheim  6:35:35,4
3 Stefan Hauck TSV 1862 Neuburg  6:36:07,1

1 Annett Bahlcke LG Nord Berlin  7:41:14,7
2 Anne Staeves LG Trampeltier  7:43:23,8
3 Grit Seidel LG Nord Berlin Ultrateam  7:50:01,3

131 Finisher

 

Nachtmarathon

Männer

1 Steffen Bayer  3:06:59,0
2 Marco Schnurr  3:08:26,1
3 Rainer Veith   3:10:08,2

Frauen

1 Marita Rottach  3:40:41,1
2 Stefanie Thanhäuser  3:44:31,2
3 Petra Marton  4:01:07,1

61 Finisher

12
 
 

Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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