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Laufberichte

Familientreffen nach der Wende

12.07.09

Während die einen auf der Schönbeinstraße zum Schlussspurt ansetzen, heißt es für uns, kurz vor der Ziellinie scharf abzubremsen und um den unübersehbar mit „Wende“ beschrifteten Pfosten zu driften. Aber nicht nur die im Ziel angekommenen werden begrüßt, auch ich werde vom Sprecher namentlich nochmals auf die Pendelstrecke geschickt.

Je weiter wir uns nach der Wende von Metzingen wieder entfernen, desto weniger Gegenverkehr haben wir, ganz zu schweigen von der Dichte des Feldes in unserer Laufrichtung. Bei den Zuschauern stelle ich aber keinen Schwund fest. Entweder haben so viele andere Marathonläufer ihre Angehörigen mitgebracht oder es lebt sich in dieser Gegend so ruhig und beschaulich, dass die paar Unentwegten eine solche Attraktion sind, dass sich das Ausharren lohnt. So oder so, die Zurufe und Aufmunterungen sind sympathisch.

Es dauert nicht lange und die Spitze kommt entgegen. Ich versuche mich in einer Zielzeitprognose und stelle später fest, dass ich mich bei Pferdewetten versuchen sollte. Meine Prognose ist auf die Minute richtig!

Dieter und ich machen aus unserem Sonntagspaziergang einen kleinen Studiengang. Aufmerksam betrachten wir die Läuferinnen und Läufer, die sich schon auf dem letzten Viertel befinden. Da gibt es den laufenden Muskel, das verzerrte Gesicht, die weit aufgerissenen aus ihren Höhlen starrenden und die zugekniffenen Augen, das entspannte Lächeln und das fröhliche Zuwinken. Quizfrage an die Leser: Welches ist die Beschreibung der Damen….? In der Tat, die Frauen kommen mit einer Leichtigkeit und Unbekümmertheit entgegen, die beweist, dass das schöne Geschlecht nicht einfach schmerzunempfindlicher ist, sondern offenbar noch gar nicht leidet, während die Herren der Schöpfung bei gleicher Leistung am Anschlag sind.

Locker und schnell ist Patric unterwegs, denn heute ist er ausnahmsweise nicht als Zugläufer dabei. Er hat Zeit zu grüßen und schafft es trotzdem am Schluss auf den dritten Platz in seiner Altersklasse.

Genauso interessant ist aber festzustellen, wie viele bekannte Gesichter wir sehen. Nicht solche, die aus Funk und Fernsehen bekannt sind – Horst Preisler einmal ausgenommen – vielmehr sind es solche wie wir, die ebenfalls laufend laufend unterwegs sind. Es kommt mir vor wie an einem Familientreffen. Von den Jungen sind nicht allzu viele dabei, die haben immer noch Wichtigeres vor, aber die reiferen Generationen lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen. Und dann gibt es diejenigen, die zwar nicht ganz so nah am Familienstammbaum sind, aber auch zum gleichen Geäst gehören.

Die Aufmerksamkeit (und Bewunderung)der geduldig ausharrenden Zuschauer gehört nun einzig und allein den Marathoniken. Nicht ganz, denn beim Verlassen des Sportplatzes in Dettingen kommt uns eine Walze entgegen. Es sind die Walker und – weitaus zahlreicher – ihre nordischen Abkömmlinge, welche sich uns strammen Schrittes entgegenstellen. Mit unseren von zahlreichen Kilometern gestählten, schlanken Staturen gelingt es, uns ohne Schaden zu nehmen an ihnen vorbeizuschlängeln.

Beim zweitletzten Verpflegungsposten gehören wir zu den Glücklichen, welche die beiden letzten Becher Cola ergattern können. Wenigstens gibt es das, im Gegensatz zu Vaseline, welche bei keiner Erste Hilfe Station zur Grundausrüstung gehört. Statt mit einem kunstvollen Verband abzudecken würde mein Kumpane die Scheuerstelle unter dem Shirt lieber mit einem bisschen Vaseline pflegen.

Auf den letzten drei Kilometern schließen wir uns mit zwei weiteren Läufern zusammen und legen den Rest schwatzend, scherzend und lachend zurück. Einigen Zuschauern zerstören wir damit das Bild, dass Marathon ein Synonym für Blut, Schweiß und Tränen ist. Als Gruppe werden wir angekündigt und nach meinem Hüpfer zwischen den Zielohren hindurch wird mir gratuliert, wie wenn ich eine Wahnsinnstat vollbracht hätte, und die Medaille umgehängt. Ich weiß diese Geste zu schätzen, denke dabei aber, dass ich meinem Großvater posthum einen ganzen Karton voll Edelmetall verleihen müsste. Schließlich hat er mit fast neunzig Jahren noch täglich auf der Alp die Weidezäune zu Fuß kontrolliert und dabei jeweils locker mehr als die Hälfte eines Marathons zurückgelegt.

Ich habe ja nichts anderes als einen schönen Sonntagsspaziergang in einer schönen Landschaft gemacht und bin dabei von freundlichen Menschen angefeuert und von netten Helfern verpflegt worden. Ich nehme die Medaille gerne zu meiner Sammlung, finde aber, dass die Organisatoren und zahlreichen Helfer auch eine Auszeichnung verdient haben.

Die Leichtathleten im Ermstal haben sich spätestens mit dieser zweiten Austragung in etwas hineingeritten, aus dem sie nicht so leicht herauskommen – und das ist auch gut so. Und da ich jetzt die Örtlichkeit kenne, macht es auch nichts, dass die Ausschilderung zu Garderoben und Zielverpflegung etwas lückenhaft war. Was ist das schon im Vergleich zu dem Luxus einer warmen, sauberen Dusche für die letzten Finisher?

Ich könnte mir vorstellen, dass das Marathonfeld erweitert werden könnte, indem Marathonneulingen auf dieser geeigneten Strecke Zugläufer oder sogar Coaches zur Verfügung gestellt werden, welche die Rookies zu einem erfolgreichen Finish begleiten. Die Teilnehmer des Halbmarathons kennen nun die Strecke und lassen sich vielleicht auf dieses schöne Wagnis ein.

Ich bin schon mal gespannt auf die Meldezahlen im 2010. Wird es Familienzuwachs geben?

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Informationen: Ermstal-Marathon
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