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Laufberichte

Good Vibrations

28.04.13

Meilenschild 5 mahnt wieder zur Vorsicht. Wir verlassen jetzt den Wald und, wie ich gestern schon feststellen konnte, können mich raue Winde erwarten. Ich nehme diese Gefahr jetzt gerne in Kauf, denn mit Verlassen des Waldes liegt auch der Nebel hinter mir. Da genieße ich gerne die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, während  ein Blick Richtung Pazifik zeigt, dass immer noch mit Stochern im Nebel gerechnet werden kann.

Die Stimmung im Feld ist locker. Während die Kühe bei Meile 6 wohl darüber nachdenken, wie blöd man wohl sein muss, 42 km zu laufen,  freuen sich die Marathonis über ein phantastisches Lauferlebnis. Schon sind 10 Kilometer zurückgelegt. Extra  für die Kontinentaleuropäer wurde ein entsprechendes  Schild aufgestellt. Es bleibt die einzige Kilometer-Angabe.

Nach Beendigung der siebten Meile laufen wir jetzt laut Hinweistafel  für die Army.  Zwei Helfer sagen die Zeiten  an, und zwar die Zwischenzeit und die voraussichtliche Endzeit.  Bestimmt gehört es auch zu ihren Aufgaben, die Hinweistafel zu bewachen, denn das sind begehrte Souvenirs.   

Viele Läufer zeigen ihre Sympathie zu Boston und tragen entsprechende  T-Shirts. Manche tragen auch ihre Startnummer vom Boston Marathon. Die Gedanken sind daher  immer wieder bei den Ereignissen am 15. April.

Auf dem 8 Meilen-Schild  macht der Veranstalter auf den Mud Run Ende März aufmerksam. Die Schuhwahl, die heute leicht fällt, sollte man dort sehr sorgfältig treffen. Koushik läuft hier zu mir auf. Während ich heute meine Premiere gebe, startet er hier seit 2002 regelmäßig. Damit ich auch einmal auf einem Foto bin, knipst er gleich eins von mir. Er erzählt mir, dass er von hier aus auch schon Wale sehen konnte. Heute ist das nicht der Fall.

So haben wir mehr Zeit, uns auf die Strecke zu konzentrieren. Die Strecke führt hier leicht bergab zu Meile 9. Auch wenn Pinocchio uns versichert, dass es ab jetzt nur noch bergab geht, schenke ich ihm keinen Glauben. Schließlich kenne ich das folgende Streckenprofil seit gestern genau. Da brauche ich noch nicht einmal einen Hinweis auf seine lange Nase und damit auf die Flunkerei. Lieber genieße ich noch einmal die Windstille hinunter zur Little Sur River Bridge, ehe mich die nächsten zwei Meilen hinauf zum höchsten und stürmischsten Punkt der ganzen Strecke führen.

Motiviert von den Watsonville Taiko Drummers ignoriere ich die freundliche Frage des Liftboys bei Meile 10. Selbst wenn es einen Lift gäbe, möchte ich mir die Herausforderung dieser Steigung nicht entgehen lassen. Der stärker werdende Wind macht es zwar nicht gerade leicht, aber es geben genug Mitstreiter Windschatten. So erreiche ich noch gut  bei Kräften Meile 11, ohne mir vorzukommen, eine Wand hochzuklettern. Blicke zurück entschädigen für die bisherigen Mühen. Bei den Stopps, die ich dabei einlege, kann ich genügend Kraft sammeln für die letzten Höhenmeter zum Hurricane Point. Nötig ist es allemal, denn hier weht mir eine steife Brise ins Gesicht. Da bin ich froh, mein Käppi nach hinten gedreht zu haben, sonst müsste ich ihm bestimmt hinterherlaufen. So aber kann ich gemäß  Vorgabe bei Meile 12 die Arme hochreißen und mich über meine Leistung freuen. Zumal es jetzt erst mal wieder hinunter geht.

Um die Spitze herum weht  mir der Wind bereits die Klänge des Klavierspiels von Michael Martinez zu. Das beflügelt meine Schritte zusätzlich. Locker und leicht lasse ich es rollen und schon ist Meile 13 bewältigt. Das Streckenschild zeigt einen lächelnden Mann beim Selbstportraitieren. Jetzt wird es auch für mich Zeit, ein strahlendes Gesicht aufzusetzen, denn was sonst meist überraschend kommt, wird hier extra angekündigt, ein Fotopunkt. Wo sollte es sich auch mehr lohnen als hier, wo man mit der Bixby Bridge nicht nur die Halbmarathonmarke, sondern den attraktivsten Punkt  der Strecke erreicht. Atemberaubende Ausblicke, untermalt von den Klängen des Mannes am Klavier.

Noch ein paar Fotos, schon geht es weiter. Die nächste Meile zeigt die Unberechenbarkeit der Natur. Hier kam  2011 die Erde ins Rutschen. Es gab schon öfters solche Probleme, die  den Lauf gefährdeten.  Bisher hat  es der Veranstalter aber immer geschafft, den Marathon durchzuführen.

Mittlerweile sind viele Teilnehmer als Geher unterwegs. Da stimmt es schon, wenn die Kenianer vom 14 Meilenschild uns entgegenhalten, dass unser Laufen doch eher Gehen ist.  Aber immerhin braucht kaum jemand  medizinische Hilfe, die an jedem der 13 Verpflegungsposten angeboten wird. Mir reichen schon die angebotenen Erfrischungen. Nachdem es zu Anfang nur Wasser und Gatorade gab, ist die Auswahl zwischenzeitlich größer. Neben Gels werden auch Bananen und Orangen angeboten.

Bisher habe ich meine Kräfte gut eingeteilt, so dass ich entsprechend der Anfeuerung der Cheerleader beim  15 Meilen-Schild  weiter laufen kann. Und schließlich möchte ich ungern schwächeln, wo ich Koushak wieder treffe, den ich kurzzeitig aus den Augen verloren hatte. Gemeinsam unterwegs zu sein, macht doch viel mehr Spaß. Da bleibt es unbemerkt, wenn, wie bei Meile 16 zu sehen, das gute und das schlechte Gewissen um die Vormacht ringen. Anschubhilfe, wie bei Meile 17, wird da nicht gebraucht. Oder vielleicht doch? Klaviermusik dringt erneut an mein Ohr. Kein Deja-vu, auch wenn ich mich um Meilen zurückversetzt fühle. Hier spielt uns Nicholas Peter Fetti an seinem E-Piano auf. Erstaunlich, welche Töne elektrisch erzeugt werden können.

Nachdem meine Ohren getestet wurden, sind meine Augen dran. Ich habe aber keine Halluzinationen. Bei Meile 18 wird mir tatsächlich ein Bier entgegen gestreckt. Einige Reporterkollegen wären darüber sicherlich entzückt, aber auch enttäuscht, denn der kühle Gerstensaft ziert lediglich das Meilenschild. Das echte Getränk wartet erst im Ziel auf mich. Da ist es gut, dass die folgende Meile leicht abwärts führt und sich das  Tempo  gut halten lässt. Häufig sieht man  unterwegs Leute der Feuerwehr,  der Highwaypatrol und  der Army , die mit zahlreichen zivilen Helfern heute für unsere Sicherheit im Einsatz sind. Sie haben trotz stundenlangen Einsatzes im Wind immer ein Lächeln für uns übrig. Danke an alle an dieser Stelle.

Derart motiviert, brauche ich mir für den Rest des Rennens keine Sorgen machen. Die Hypnose bei Meile 19 ist unnötig, die Wand bei Meile 20 lasse ich locker links liegen und statt bei Meile 21 zu fragen, ob man noch nicht im Ziel sei,  freue ich mich auf die verbleibenden Meilen.

Allerdings werden diese noch einmal mühsam, denn einige knackige Steigungen stehen uns bevor. Rhythmisches Trommeln treibt uns am Berg an. Da passiert es mir, dass ich glatt ein Meilenschild übersehe. Der Big Sur zählt als schönster Landschaftslauf Amerikas. Es ist der einzige Marathon, den  Koushak läuft, das aber, wie schon gesagt, jedes Jahr. Ich kann ihn verstehen und lasse ihn ziehen. Denn für mich gibt einfach zu viel zu sehen. Vielleicht treffe ich ihn hier irgendwann mal wieder.

Mittlerweile ist ganz schön was los auf der Strecke. Neben den Marathonläufern sind jetzt auch die Staffeln und die Läufer der anderen Distanzen unterwegs. Um 13.00 Uhr müssen alle im Ziel sein, da der Highway dann wieder für den Verkehr frei gegeben wird. Bei dem Gedränge kommt der Hinweis bei Meile 23 gerade recht: Geher links halten. Hier gibt es knackig frische Erdbeeren, limitiert, damit es für alle reicht.

Die nächste Band empfängt mich mit Billy Joels „Just the way you are“ bei 24 Miles. Das Schild ist Bart Yasso gewidmet, dem Chief Running Officer von RW als Dank für das Sponsoring bereits von Anfang an. Die Mädchen von der Zeitansage erkennen mich als Deutschen. Sie geben sich ebenfalls als Deutsche zu erkennen, allerdings auf Englisch. Wollen die mich verkohlen? Fürs Fragen bleibt mir keine Zeit, denn schon rolle ich weiter zum San Jose Creek. Der Strand und das leuchtend blaue Meer laden zum Baden ein. Aber ich werde im Ziel erwartet. Die anvisierte Zeit von knapp vier Stunden kann ich immer noch erreichen.

Bei  Meile 25 und erlebe eine Überraschung, die eigentlich keine Überraschung ist. Das Schild wurde ausgetauscht. Üblicherweise wartete hier der Schwarzseher mit seiner Ankündigung vom nahen Ende auf die Läufer. Doch was sonst immer witzig gewesen wäre, hätte nach den Anschlägen von Boston etwas  makaber gewirkt. Mit gemischten Gefühlen gehe ich die letzte Steigung an. Die Sonne brennt inzwischen vom Himmel. Irgendjemand macht einen Scherz, dass nicht der Berg uns überrollt, sondern wir den Berg. Zuschauer locken uns mit Freibier. Die Stimmung ist gelöst. Das Halleluja tönt mir schon entgegen, bevor ich es auf dem letzten Meilenschild lesen kann.

Die letzten Meter begleiten mich die Beach Boys mit ihrem „Good Vibrations“. Unter den Begeisterungsstürmen der dicht gedrängten Zuschauer erreiche ich nach 3:58:12 Stunden das Ziel. Direkt dahinter erwarten mich Silke, Gundula und Hartmut. Die Freude ist groß. Wie es halt sein soll. Dankbar für diesen schönen Marathon nehme ich meine Medaille entgegen.

Die anschließende Verpflegung bekomme ich in einer Tüte und das Freibier im Becher. Nur mit dem Verlassen der Zielzone muss ich warten, denn außerhalb ist öffentlicher Raum und in dem darf in Kalifornien kein Alkohol getrunken werden. Dafür geht es mit der anschließenden Gepäckabholung umso schneller. Noch bevor ich mich versehe, hat eine freundliche Helferin meinen Kleidersack aus einem Meer von Tüten herausgefischt und streckt ihn mir entgegen. Auf den Shuttlebus bin ich nicht mehr angewiesen, da es mit Silke, Gundula und Hartmut zurück zum eigenen Auto geht.

Damit endet hier ein perfektes Marathonerlebnis. Eine Veranstaltung, die ich jedem wärmstens empfehlen kann. Da verstehe ich den Herbert, der hier im letzten Jahr unterwegs war und mir zu meiner Wahl gratuliert hat. Auch ich habe einen neuen Favoriten gefunden.

 

Streckenbeschreibung:
Kurs über den Highway No. 1, One Way.
Zeitnahme:
BIP-Chip in der Startnummer
Weitere Veranstaltungen:
Marathonstaffel (bis 5 Teilnehmer), 21, 10,6 und 9 Meilen, 5 Kilometer und 3 Kilometer für Kinder
Startgeld:
Marathon: um die 126,00 €, je nach Wechselkurs
Auszeichnungen:
Veranstaltungs-Shirt und Keramikmedaille, Urkunde im Internet und Ergebnis in der örtlichen Tageszeitung

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