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Laufberichte

„Gleich ist alles Schöne vorbei!“

25.09.11
Autor: Klaus Duwe

13 Jahre war ich alt, als John F. Kennedy Berlin besuchte. Ich kann mich noch genau an  die Fernsehbilder erinnern. Und an die Hoffnungen, die man an den sympathischen amerikanischen Präsidenten knüpfte. Als ich am Schöneberger Rathaus vorbei laufe, denke ich an den historischen Satz und bekomme Gänsehaut: „Ich bin ein Berliner.“ Bis 1991 war hier der Sitz des Regierenden Bürgermeisters.

Trotz inzwischen vielleicht 20 Grad, auch am Innsbrucker Platz (km 24) fröstelt es mich.  Zuerst ist es der ohrenbetäubende Rhythmus von bestimmt 20 Trommlern unter der Brücke, dann das Gekreische und der Jubel tausender Fans an der Straße, Rockmusik aus riesigen Lautsprechern und der Partylärm von den Balkonen der umliegenden Häuser. Am lautesten geht es wie jedes Jahr auf dem mit den „historischen“ Streckenschildern geschmückten Balkon zu. Ich schaue ganz genau hin, ob sich nicht unser Joe unter die hübschen Mädels gemischt hat. Hat er nicht.

Weiter geht’s Richtung Steglitz. „Vetter Sound“ macht den Rhythmus, die Party geht weiter. Wasser für innen und außen, Massagen bei km 25. Naja, da kann nächstens bei der Vorbereitung einiges optimiert werden. Bei mir nicht. Mein  vierter Marathon in fünf Wochen wird mein bester. Noch 17 km? Na und! Ich kriege nicht genug von der phantastischen Stimmung. Danke Mark, Du weißt wofür.

Powerbar spendiert uns Energy-Gels. Die Sorte kann man sich aussuchen oder das ganze Sortiment einsammeln. Der Asphalt klebt. Im Ernst, man bekommt kaum noch die Füße hoch. Und dann die Geräusche dazu! Es dauert eine ganze Weile, bis man die Klebe wieder von den Sohlen hat. Dann sind wir am Wilden Eber (km 28), traditionell eine Stimmungshochburg. Cheerleader, Zuschauer und Musiker lassen die Sau raus. Der Grunewald bebt und die Herzen der Marathonis machen Freudensprünge. Wieder frage ich mich: Wo ist Joe, gefällt es ihm nicht hier?

Etwas ruhiger geht es weiter. Meist laufen wir im Schatten. Hohenzollerndamm, Kreuzkirche, Russ. Orthodoxe Kirche, Fehbelliner Platz (km 32). Ich werde darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich nicht zu beeilen brauche, Makau sei längst im Ziel und Weltrekord gelaufen. Von Haile wisse man nichts.

Am Olivaer Platz geht’s auf den berühmten Kurfürstendamm. 1542 wurde der Dammweg angelegt, damit der Kurfürst schnell vom Stadt- zum Jagdschloss im Grunewald reiten konnte. Schon 1787 sprach man vom Churfürsten Damm. Der Ausbau wurde kontinuierlich fortgesetzt und als 1886 der erste Oberleitungsbus der Welt den Betrieb aufnahm, entwickelte sich der Kurfürstendamm immer mehr zum Boulevard, der in den 1920er Jahren seine beste Zeit erlebte. In der Zeit des Kalten Krieges entwickelte sich die Prachtstraße zum Symbol des Wirtschaftswunders. Nach der Wende zog es viele noble Geschäfte  in die aufstrebenden neuen Zentren am Potsdamer Platzt und Unter den Linden. In den letzten Jahren entstanden aber viele neue Hotels, legendäre Adressen wie das Café Kranzler wurden renoviert, die Ruine der Gedächtniskirche ist wegen Restaurierung komplett verschalt. Der Ku’damm ist auf bestem Weg, an die „guten, alten Zeiten“ anzuknüpfen.

So viele Zuschauer wie heute habe ich erst einmal auf dem Ku’damm gesehen. Das war 2002 bei meinem ersten Marathon, da war das Ziel noch ausgangs der Prachtstraße. Jetzt sind noch 7 Kilometer zu laufen. Für die meisten Läufer und auch für mich sind das die schlimmsten. Manche sprechen davon, dass ein Marathon ein 7km-Lauf sei mit 35 km Anlauf. Heute ist alles anders. Ich bin jetzt schon länger unterwegs, als bei meinem ersten Marathon insgesamt. Und für den Rest, weil es so schön ist, gebe ich noch eine Stunde dazu.

Rechts das Kaufhaus des Westens, das KaDeWe, ein Luxus-Konsumtempel der Superlative. Auf 60.000 qm Verkaufsfläche gibt es alles, was gut und teuer ist. Legendär ist die Feinkostetage, eine der größten Lebensmittelabteilungen weltweit. Die Schaufensterdekorationen sind Vorbild für Inspiration für Profis in aller Welt. Jeder, der in der Branche mitreden will, hat den Besuch des KaDeWe auf seiner to-do-Liste. 1907 gründete Adolf Jandorf das Warenhaus, das heute zum Karstadt-Konzern gehört.

Auf dem Weg zum Potsdamer Platz (km 38) will man mich ermutigen, weiterzulaufen. „Du kannst heute Haile schlagen. Der ist ausgestiegen.“ Schade für ihn, seine Zeit ist wohl doch vorbei. Der Ermutigung hätte es nicht bedurft. Ich laufe zick-zack, denn die meisten sind am Gehen, bleiben stehen, wo ihnen danach ist. Sony Center, Bahn Tower und Kollhoff Towers, der Platz, vor der Wende Niemandsland, ist heute Arbeitsplatz für 10.000 Menschen und ein Muss für jeden Berlin-Besucher.

Rechts der Bundesrat, die Vertretung der Länder. Nach fünf Stunden Marathon wird noch immer getrommelt und den Läufern zugejubelt. Die Leipziger Straße verlassen wir nach links, gleich sind wir am Gendarmenmarkt, einem der schönsten Plätze in Berlin. 1701 wies König Friedrich I. der lutherischen Gemeinde und den französischen Einwanderern, die sich hier ansiedelten, jeweils einen Platz zum Kirchenbau zu. So entstanden in den Jahren 1780 – 1785 der Deutsche und der Französische Dom, beide mit identischen Türmen. Dazwischen wurde 1821 das Konzerthaus errichtet.

Unter den Linden, letzter Kilometer. Noble Geschäfte, Hotels und Restaurants. Und jede Menge Zuschauer. Eine Stimmung, wie bei der Leichtathletik-WM, als hier die Geher ihre Runden drehten. Noch ganz klein ist vor uns das Brandenburger Tor zu sehen. Trommler, Musik, Jubel. Pariser Platz, das Adlon. Die Atmosphäre zaubert jeder Läuferin, jedem Läufer ein Lächeln ins Gesicht. Von Anstrengung keine Spur. Wir laufen durch das Brandenburger Tor, Symbol des wiedervereinten Deutschland.

Vor uns liegt die Straße des 17. Juni. Live-Bilder auf großen Monitoren, rechts und links von Absperrungen zurückgehalten Zuschauer in mehreren Reihen, die Tribünen fast noch voll besetzt. Auf wen warten die? Auf uns? Das kann nicht sein. Es ist ein Traum. Berlino, das WM-Maskottchen wird tausendfach abgeklatscht. Noch 100 Meter. Phantastisch. Ich erinnere mich an den Zuruf von Freunden aus Berlin beim Zermatt-Marathon kurz vor den Ziel: „Gleich ist alles Schöne vorbei!“ Stimmt, es ist vorbei. Meistens sagt man ja „Gottseidank“. In Berlin fast „leider“.

 

Impressionen

 

Hauptbahnhof/Kanzleramt

 

 

Gendarmenmarkt/Unter den Linden

 

 

Brandenburger Tor/Ziel

 

 

Siegerliste

 

Männer

1 Makau, Patrick (KEN) 02:03:38 (Weltrekord!)
2 Kwelio Chemlany, Stephen (KEN) 02:07:55
3 Kimaiyo, Edwin (KEN) 02:09:50

Frauen

1 Kiplagat, Florence (KEN) 02:19:44
2 Mikitenko, Irina (GER) 02:22:18
3 Radcliffe, Paula (GBR)02:23:46

32.997Finisher

 

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