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Laufberichte

„Gleich ist alles Schöne vorbei!“

25.09.11
Autor: Klaus Duwe

Gegenüber liegt das Kanzleramt, geplant von Helmut Kohl, bezogen 2001 allerdings von seinem Nachfolger Gerhard Schröder. Ein Dutzend Trommlerinnen bearbeiten mit dicken Knüppeln ihre Instrumente. Zuschauer und Läufer sind gleichermaßen euphorisiert. Die Stimmung ist hammermäßig. Bis zum Friedrichstadt Palast  (km 8) und darüber hinaus stehen die Menschen fast lückenlos in mehreren Reihen an der Straße. Unglaublich.

Ursprünglich war der 1867 fertiggestellte Bau eine Markthalle, wurde aber schon sechs Jahr später in ein festes Zirkusgebäude mit 5000 Plätzen umgebaut. In den 1920er Jahres feierte in dem „Großen Schauspielhaus“ Max Reinhardt große Erfolge. Die Nazis widmeten es zum „Theater des Volkes“ um und 1947 hielt man die Gründungsfeier der FDJ hier ab. Heute ist der Friedrichstadt Palast Show-, Konzert-, Revue- und Schauspielbühne für Künstler aus aller Welt.

Aus der ganzen Welt kommen auch die Läufer um mich rum. Das größte ausländische Kontingent stellen traditionell die Dänen. Dieses Jahr sind es 5.154. Manche behaupten sogar, in Berlin seien mehr Dänen auf der Strecke als beim Kopenhagen Marathon. Nielsen, Hansen und Jensen – diese Namen tauchen am häufigsten in den Meldelisten auf. Dann kommen erst Müller und Schmidt. Egal, Dänen sind gerne gesehen. Und wer solche Fans hat, braucht nicht zu gewinnen. Der hat schon.

Wir sind im Osten der Stadt. Nur manchmal glaubt man noch, das an den Gebäuden zu erkennen. Die Karl-Marx-Allee ist so ein Beispiel. Auf der monumentalen Straße fanden die jährlichen Paraden anlässlich der Gründung der DDR statt, zuletzt 1989 kurz vor dem Fall der Mauer.  Auch der Strausberger Platz (km 12) kann seine Herkunft nicht leugnen. Die um die große Grünfläche gebauten uniformen Wohnsilos zeigte man zu DDR-Zeiten gerne als Musterbeispiel sozialistischen Wohnungsbaus vor. Die Baustelle war 1953 eine der Ausgangspunkte der Streiks gegen die erhöhten Arbeitsnormen, die schließlich am 17. Juni zum Aufstand führten.

Wegen Widerstands gegen willkürlich Herrschende stand der Platz schon einmal mit Mittelpunkt. 1540 war’s, als Hans Kohlhase hingerichtet wurde. Der ehrbare Kaufmann war auf der Reise nach Leipzig zur Messe, als ein Sächsischer Junker befahl, ihm die Pferde zu nehmen. Er klagte dagegen und sollte die Pferde schließlich auch zurückbekommen. Die waren aber in so schlechtem Zustand, dass er stattdessen lieber Bares sehen wollte. Das lehnte man ab und so erklärte der Kaufmann den Sachsen den Krieg. Mit Freiwilligen überfiel er Adlige und legte Brände, bereicherte sich aber nicht. Das Geld hinterlegte er oder gab es Armen. Trotzdem wurde er irgendwann gefasst, zum Tode verurteilt und auf dem heutigen Strausberger Platz gerädert.

Ist man bei einem Marathon mit Fotoauftrag unterwegs, muss man sich auch mal umdrehen. Beim Vorbeilaufen fallen einem die Trias Towers überhaupt nicht auf. Ist man aber auf der Jannowitzbrücke und dreht sich um, sieht man die markanten drei v-förmigen Türme in ihrer ganzen Pracht. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben hier ihre Zentrale.

Bei km 15 sind wir in Kreuzberg am „Kotti“, dem Kottbusser Tor. Als es noch die Berliner Stadt- und später Zollmauer gab, war hier das Tor für die Straße nach Cottbus. Keiner bekommt mit, dass die Gegend sozialer Brennpunkt und Drogenzentrum ist. Heute wird gefeiert und das heftig. Wieder sind es die Dänen, die besonders zahlreich ihre Fahne über die Läufermenge halten und skandieren: „We’re red, we’re white, we’re Danish dynamite!“

Was sucht aber der Radler auf der Strecke? Gerade will ich motzen, da erkenne ich, es ist einer von 8 Ärzten, die die Strecke abfahren. Geht es um die medizinische Versorgung, ist der Berlin Marathon der vielleicht sicherste Platz der Welt. 575 Personen sind als medizinisches Personal im Einsatz, darunter 15 Rettungsmediziner und Notärzte, Internisten, Unfallchirurgen und Sportmediziner. 80 Physiotherapeuten sind im Ziel und unterwegs im Einsatz. Ich sag’s nur ungern. Aber auch daran sollte man denken, wenn man die Startgebühren reklamiert. Von dem gigantischen Aufwand, 42 Straßenkilometer durch die Hauptstadt für die Läufer zu sperren, ganz zu schweigen. 12.000 Helferinnen und Helfer sind dazu und für die Betreuung der 15 Getränke- und Verpflegungsstationen im Einsatz. 

Km 17, Hasenheide, Neukölln. Die Zeiten, wo der Kurfürst hier Jagd auf Hasen machte, sind längst vorbei. Auch die Lehren von Turnvater Jahn, der hier den ersten Turnplatz in Preußen errichtete, interessiert heute keinen mehr. Stattdessen gibt es Parcours für Skater sowie Rollhockey- und Basketball-Felder. Joggern genügen die herrlichen Parkwege und einmal im Jahr kommen 40.000 Marathonis vorbei. Welch ein Festtag. Trommler geben den Takt vor,  Hardrock,  das Crocodile-Jazz-Orchestra, wieder Trommler, zig Kinder möchten abgeklatscht werden. Abkühlung tut not, die eiskalte Dusche kommt gerade recht.

45 Eisenbahnbrücken kreuzten einmal die Yorckstraße. Die meisten waren schon abgerissen, als die Denkmalschutzbehörde eingriff. Einige sollen nun restauriert und erhalten werden. Eine zarte Hand berührt mein nasses Shirt. Ich glaub’s nicht, Emily, meine liebste Freundin aus Zypern. Ich habe sie vor etlichen Jahren mal bei einem Trainingslauf entlang der Küste in Limassol getroffen. Sie hat mir erzählt, dass sie zwei Tage später in Paphos ihren ersten Marathon laufen will. Seither laufen wir uns hin und wieder über den Weg.

Halbdistanz, zur Uhr schaue ich  nicht. Dem glücklichen Marathoni schlägt keine Stunde. Auch der Hammermann verschont ihn. Jedenfalls bis hier hin. Ich könnte Bäume ausreißen. Nur schnell laufen kann ich nicht. Oder ich sage es mal so: Ich komme nicht vorwärts. Dafür geht meiner Kamera bereits hier der Saft aus. Heute habe ich drei Akkus mit. Kein Problem also, ihr bekommt was ihr wollt.

Potsdamer Straße, Plattenbau, 100 Satellitenschüsseln und Jubel aus 1000 Kehlen. Wären mir die Holländer nicht so sympathisch (ich meine die auf der Strecke, nicht die auf der Autobahn), ich würde die Firmenfarbe ändern. Wegen meines Shirts werde ich dauernd als „Oranje“ gefeiert. 1.547 Niederländer, wie man richtig sagt, sind am Start. Nach den Dänen, Engländern und Franzosen sind sie die stärkste ausländische Fraktion.

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