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Laufberichte

So schön kann Marathon sein

20.04.08

Familienfeste haben es so an sich, besonders wenn die Familie als ziemlich ausgedehnt bezeichnet werden kann. Wenn man sich einmal im Jahr so trifft und es bei einer solchen Menge von Verwandten jedes Mal friedlich ist, dann können sich potentielle Anheiratskandidaten schon mal glücklich schätzen.

Die wahrlich große Herausforderung an diesem Tag ist jeweils das zu wählende Gesprächsthema. Mit über dreißig Cousinen und Cousins bleibt da kaum noch Zeit, etwas vom Grill zwischen die Zähne zu bekommen, wenn man sich von jeder und jedem einen kleinen Jahresrückblick geben lassen will (wenn sich doch andere auch dazu entschliessen könnten, einen Jahresrückblick zu vermailen). Wie gut, dass es Leute gibt, deren genetischer Cocktail eine ähnliche Zusammensetzung hat und mit denen man über Dinge reden kann, die man selbst versteht, und bei welchen das Interesse dafür echt ist. Corinne gehört dazu.

Im letzten Jahr hatten wir in einer unverbindlichen Verbindlichkeit abgemacht, dass ich an ihrem ersten Marathon ebenfalls an den Start gehen werde. Der erste Marathon in Luzern, der zwei Monate später über die Bühne ging, wäre für sie fast ein Heimrennen und für mich gut erreichbar gewesen. Aber erst hatte ich noch etwas anderes vor: Berlin. Nicht nur wegen der viel gelobten Atmosphäre, sondern auch, weil ich auch endlich so richtig zu den Hosianna Runners gehören wollte. Und Hand aufs Herz, dazu muss man doch mindestens einmal am Samstag vor dem Marathon um 12.00 Uhr im Block House Restaurant am Theodor-Heuss-Platz mit den anderen Hosianna Runners Mittag gegessen haben.

Immer noch selbst verwundert über meine neue Bestzeit, frisch geduscht, massiert und – nebst den obligaten Sportdrinks – von einem kühlen Berliner Kindl erfrischt, begab ich mich auf die Zieltribüne, um den Läuferinnen und Läufern, die jetzt ins Ziel kamen, zu ihrer Leistung zu gratulieren. Mit feuchten Augen vor Glück und endorphintrunken schaute ich zu und fasste aus Dankbarkeit, dass es mir im wahrsten Sinne des Wortes so gut gelaufen war, einen Entschluss. Warum sollte ich beim ersten Marathon meiner Cousine nicht gleich als persönlicher Pacemaker antreten?

Gesagt, getan – oder zumindest versucht. Nach meiner Rückkehr von Berlin waren alle Startplätze bereits vergeben. Das ist wohl das Schicksal, wenn man in einem kleinen Land lebt, wo es fast keinen Platz gibt...  Dafür gibt es Bergmarathons, auf welche manche Flachländer nur neidisch empor schielen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und als Alternative bot sich der Zürich Marathon an, welcher bei seiner sechsten Austragung später als bisher stattfand. Auf diese Weise musste ich meine Planung mit dem Marathon Deutsche Weinstraße zum Saisonstart nicht ändern. Als der Newsletter der Veranstalter dann noch ankündigte, dass sie Zugläufer suchten, witterte ich meine Chance, für meine geplante Funktion sogar noch das Startgeld geschenkt und eine Laufkleidung kostenlos übergestreift zu bekommen. Daraus wurde nichts, da sich haufenweise Läufer mit ganz anderen Meriten bewarben. Immerhin wurde mir mein Start mit einer Ermäßigung versüßt. Und dafür habe ich die Leistungen in Anspruch genommen wie sonst nie. Aber dazu später.

Im Normalfall benötige ich kaum mehr als eine Stunde, um von meiner Haustüre ins Stadtzentrum von Downtown Switzerland zu gelangen. Diese Bezeichnung ist eine Erfindung der Zürcher (richtig gelesen: die Eingeborenen heißen nicht Züricher, sondern Zürcher – was jedem halbwegs Frommen selbstverständlich klar ist, der nebst der Lutherbibel auch schon andere Übersetzungen gesucht hat und dabei auf die Zürcher Bibel gestoßen ist), die sich damit auch einen Schein von Erhabenheit zulegen wollten. Was irgendwie verständlich ist, wenn man als größte Stadt des Landes zwar einen schönen See sein eigen nennen kann aber weder Hauptstadtwürde noch Glamour internationaler Organisationen besitzt.

Am Wochenende ist jedoch alles anders, weil Wochenende sind kein Normalfall. Da mich in der Vergangenheit immer wieder Alpträume heimgesucht haben, in welchen ich zu spät zum Start eines Laufs kam, weil ich die Schuhe irgendwo vergessen oder die Startnummernausgabe nicht gefunden hatte, wollte ich keinen Morgenstress. Da kam es gelegen, dass ich wieder bei meinen Schwiegereltern Unterschlupf fand ,welche auf halbem Weg zwischen Nummernausgabe und Start wohnen.

Gut ausgeruht, mögliche Löcher im Magen mit Power Porridge vollgestopft, traf ich zur vereinbarten Zeit meine Cousine, ihren Freund und ihre Eltern. Auch mein Onkel war guter Dinge, heute seinen ebenfalls ersten Lauf über diese Distanz in Angriff zu nehmen und für Unterstützung vom Streckenrand war gesorgt.

Nach dem letzten Boxenstopp machten wir uns auf in Richtung Startblock und glücklicherweise hatte ich noch erwähnt, dass wir beim grünen Luftballon einstehen sollten, denn plötzlich hatten wir uns aus den Augen verloren. Knappe zwei Minuten vor dem Startschuss trafen wir uns unter dem Ballon und warteten, bis es los ging.

Gut gestaffelt kam Block um Block zur Startlinie und kaum waren wir richtig unterwegs, hatte ich mein erstes größeres Problem. Mit meiner Einstellung, dass ich zu einem Trainingslauf starten werde, hatte ich mir beim Aufstehen einen Latte Macchiato genehmigt, was sich bereits rächte. Mit den Örtlichkeiten und Örtchen vertraut, wusste ich, dass sich das Problem nach zwei Kilometern beheben ließ. Ich meldete mich kurz bei Corinne ab, um ihr dann mit einem satten Zwischensprint wieder zu folgen.

Die Schlaufe in die Innenstadt, über die gesperrte Bahnhofstrasse, am Paradeplatz vorbei,  dem teuersten Pflaster im Schweizer Monopolyspiel, gab wie immer ein gutes Gefühl. Da waren zwar Tausende von Läufern unterwegs, die alle das Ziel hatten, möglichst schnell eine große Anzahl Kilometer zurückzulegen. Aber von der Hektik, die unter der Woche diese Straßen prägt, war nichts zu spüren. Die Gnomen von Zürich waren wohl am Golf spielen oder in einem Hochsicherheitsbüro auf der Suche nach weiteren Milliardenlöchern.

Corinne gab das Tempo vor und mir das Gefühl, dass für sie eine Zielzeit von 4:15 im Bereich des Möglichen lag. Aus der Innenstadt heraus, zum See hin, tat sich ein wunderbares Panorama auf. Die Föhnlage ließ die erst kürzlich wieder dicht beschneiten Alpenkämme in scheinbar greifbare Nähe rücken. Außer in Denver hatte ich sonst noch bei keinem Lauf in einer Stadt ein Berglaufgefühl, welches mir diese Gipfel vermittelten.

Zu meinen Glück gibt es in Zürich entlang des Sees ausgedehnte Grünflächen, welche manchen Läufern mit dem von einem Latte Macchiato verursachten Verdruss die diskrete Möglichkeit gaben, sich in die Büsche zu schlagen. Muss ich erwähnen, dass ich sehr froh war, dass ich nicht als offizieller Zugläufer unterwegs war...?

Bald hatte ich mich wieder eingereiht, dort wo Corinne mittlerweile lief, nämlich im Windschatten des mit den Weihen des Veranstalters ausgestatteten Zugläufers. Das Gedränge wurde ihr zu ungemütlich, weshalb wir uns ein paar Meter voransetzten. Obwohl in einem ganz anderen Tempo unterwegs als vor zwei Wochen, kamen mir die einzelnen Kilometer erstaunlich kurz vor. Und bei den Verpflegungsständen konnte ich endlich mal so richtig reinhauen. Jetzt, wo ich nicht einmal das volle Startgeld entrichtet hatte, verpflegte ich mich - im Vergleich zu sonst - wie wenn ich einen Aufpreis für Nachschlag bezahlt hätte. Ich, der ich sonst nur im Vorbeigehen Wasser vom Verpflegungsstand schlürfe, futterte Bananen in einer Menge, dass es einen Menschenaffen neidisch werden ließe und degustierte Riegelbissen in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen.

Bald schon konnte ich meine Aufmerksamkeit einem Schauspiel widmen, für welches ich bisher in Zürich zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen war. Auf der anderen Straßenseite kam die Spitze entgegen. Das Defilee der Läufer bis zu einer Schlusszeit von vier Stunden war höchst interessant anzusehen. Teilnehmer mit archaischen Laufstilen kamen weit vor denen, welche die drei Stunden knacken konnten, andere, der letzten Werbekampagne eines Laufausrüsters entsprungene, windschlüpfige Gestalten, deren Aussehen allein zu einer Zeit unter zweieinhalb Stunden berechtigen würden, qüalten sich in dem Bereich, in welchem ich mich sonst auch quäle.

Bald waren auch wir auf dem Rückweg (obwohl zu diesem Zeitpunkt die Halbmarathon-Marke noch nicht erreicht war) und sahen nach etwa einem Kilometer meinen Onkel, der sich in anscheinend guter Verfassung dem Wendepunkt näherte. Ich wünschte ihm, dass er auch den zweiten Teil so locker hinter sich bringen und sein Mut, den ersten Marathon in der Altersklasse M60 zu bestreiten, entsprechend belohnt würde. Seine Einstellung war eine gute Grundlage, dass es gelingen würde. Er nahm auf jeden Fall die Karte mit, die allen Teilnehmern abgegeben wird und zur freien Fahrt auf dem Stadtnetz der Verkehrsbetriebe berechtigt. Wenn er den Zeitpunkt für einen Abbruch gekommen sehe, werde er mit dem Schiff auf direktem Weg zum Zielgelände übersetzen, hatte er noch vor dem Start gemeint. Im Moment sah es eher nach einem kleinen Umweg durch das Stadtzentrum aus, was mich für ihn freute.

Auf dem weiten Weg zurück in die Stadt konnte ich nochmals über die Qualität zweier Teeniebands staunen, die anscheinend pausenlos am Straßenrand konzertierten – vermutlich in der Hoffnung, dass sich unter den Marathonis auch ein Talentjäger befinde.

Eingangs Stadt, die Kilometertafeln zeigten beim Zehner schon eine Drei, ist die Streckenführung eine mentale Härteprüfung. Endlich beim Opernhaus angelangt, muss man gleich wieder stadtauswärts und erst wenn der China Garten weiträumig umrundet ist, befindet man sich auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum. Auf dieser Strecke war Corinne am Beißen und ich wusste nicht so recht, was ich nun machen sollte. Einerseits wollte ich sie zu einem ansprechenden Ergebnis begleiten- und eine Zeit unter 4:15 war noch möglich, andererseits hatte ich Bedenken, dass ich sie quäle und sie mir kein Stoppsignal geben könnte.

Als von hinten die offiziellen Zugläufer heranrückten, einer von ihnen sogar an uns vorbeizog, schaltete bei ihr der Turbo zu. Nicht nur, dass sie den zweiten nicht überholen lassen wollte, auch der vordere schien ihr ein Dorn im Läuferinnenauge. Sie legte noch einen Zacken zu, ging an ihm vorbei und entfernte sich auf dem letzten Kilometer noch etwa 250 Meter von ihm, dem Ziel entgegen. Mit einem fulminanten Endspurt (das muss genetisch sein...) überquerten wir die Ziellinie genau zweieinhalb Minuten unter der angestrebten Zeit.

Spätestens als ich ihre Freude über das Erreichte sah, wusste ich, dass ich mir keine großen Sorgen darüber machen muss, dass ich – wenn auch etwas langsamer als all die Kilometer zuvor – gnadenlos weiterlief, als sie mit dem Hammermann kämpfte.

Mit eine weiteren Medaille geschmückt und einem hochwertigen Funktionsshirt ausgerüstet, machten wir uns gemütlich zum Treffpunkt auf, wo sich die ganze Familie nach und nach versammelte. Ihr Vater stieß als letzter zu uns – aber in alter Frische und mit einer Laufzeit unter fünf Stunden.

Auch wenn mich zwischenzeitlich der Hafer stach und ich mir überlegte, wie ich bei diesen idealen Wetterverhältnissen wettkampfmäßig unterwegs sein würde, war dieser Marathon ein schönes Erlebnis. Ich konnte Dinge wahrnehmen, die mir dann entgehen, wenn ich ganz auf mich und meinen Lauf konzentriert bin. Zudem hatte ich einen idealen Trainingslauf, bei dem ich einen lieben Menschen begleiten durfte. Den ersten Marathon auf Anhieb gleich so zu beenden, ist eine große Leistung. Dass ich mir einbilden darf, ich hätte ein bisschen dazu beigetragen, ist ein schönes Gefühl.

Es war ein Marathon einer anderen Art aber definitiv einer schönen Art. Und wenn man schon andere Leute mit dem Marathonvirus infiziert, ist es doch Ehrensache, dass man beim ersten Mal dabei ist.

 

Informationen: Zürich Marathon
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