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Laufberichte

En guete Rutsch

01.01.09

In der Zeit zwischen den Jahren waren Vorsätze für das neue Jahr selbstverständlich auch auf meinem Lieblingssender ein Thema. Besonders beeindruckt hat mich der Anrufer, der im vergangenen Jahr seine Vorsätze umgesetzt und von Kleidergröße 56 auf 48 abgespeckt hat. Sein neuer Vorsatz ist es nun, in diesem Jahr einen Marathon zu laufen. Respekt!

Die warm eingepackten Läufer, die sich in Schlieren zum 5. Zürcher Neujahrsmarathon versammeln, haben ihre diesbezüglichen Vorsätze früher als erst an diesem Silvester gefasst. Sie sind eher der Marathon-Hardcore-Fraktion zuzurechnen. Wer sonst verbringt den Jahreswechsel auf diese Weise?

Beim Namen „Zürcher Neujahrsmarathon“ handelt es sich beileibe nicht um Etikettenschwindel, denn die Stadt Schlieren liegt im Kanton Zürich, womit die Namensgebung schon mal in Ordnung geht. Zudem ist Schlieren nur drei S-Bahn-Haltestellen von Downtown Switzerland entfernt, wie sich Zürich auch gerne nennt. Wäre Zürich Berlin, wäre Schlieren Kreuzberg oder Neukölln.

Die verschiedenen Sprachen, die an mein Ohr dringen, haben aber nichts damit zu tun, dass ich mich in einer Schulanlage befinde und Schlieren einen sehr hohen Anteil an DaZ-Kindern (Deutsch als Zweitsprache) – wie das politisch korrekt ausgedrückt wird – hat. Es ist vielmehr die Besonderheit, dass dieser Marathon der erste des neuen Jahres ist und deshalb die Chance bietet, sich in der Jahresbestenliste des Herkunftslandes für ein paar Stunden ganz vorne zu platzieren.

Die Wetter- und Verkehrsmeldungen den ganzen Silvester über gaben mir einen Vorgeschmack auf das, was mich erwarten würde, und die Anfahrt mit den Attributen einer Winter-Rally festigte diesen Eindruck.

Als ich mich aus der Garderobe in die Kälte und den Schneematsch hinaus begebe, sehe ich den Vorteil dieser Witterungsverhältnisse: Die Stirnlampe werde ich vermutlich nicht benötigen, denn das Weiß um uns herum strahlt auch in der Nacht. Aber da Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, schnalle ich das Ding trotzdem um mein Haupt.

 
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Aufs Warmlaufen verzichte ich in Anbetracht des Kräfte zehrenden Untergrundes, das Einturnen in der Halle muss genügen, fürs Andere schenk ich mir die ersten Kilometer.

Um einen reglementskonformen Verlauf sicherzustellen, wird der Schnee weggekratzt, um die Startlinie sichtbar zu machen, die sich hundert Meter vom Zieleinlauf entfernt befindet. Obwohl mit Chip gelaufen wird, ist keine Zeitmessmatte in diesem Bereich, es gelten also Bruttozeiten, was bei der Größe des Startfeldes – und bei den heutigen Bedingungen – keinen großen Geist zu stören vermag.

Dann endlich kommt der besondere Countdown. Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn das Zurückzählen der Sekunden nicht nur dem Start eines Marathons, sondern gleichzeitig auch dem Beginn eines neuen Jahres gilt.

Links und rechts wird Feuerwerk gezündet und das Feld setzt sich mit den besten Wünschen fürs neue Jahr nach links und rechts in Bewegung. Es geht auf einen Rundkurs der Limmat entlang, dessen einzelnen Abschnitte entweder zwei- oder  dreimal zu bewältigen sind.

Während wir auf dem rutschigen Untergrund versuchen, Schritt und Tempo einzustellen, steigen um uns herum Feuerwerke in die Luft. Ich genieße den Anblick, wie wenn diese pyrotechnische Begrüßung des neuen Jahres nur uns Läufern gelten würde.

Viele andere Teilnehmer verzichten ebenfalls auf das Einschalten der Stirnlampen. Umso konzentrierter achten sie auf den Weg und sind deswegen nicht sehr gesprächig. Trotzdem erfahre ich von einer Läuferin aus England, dass sich dieser Marathon bei ihr in die Reihe der Majors einreiht, denen sie im vergangen Jahr die Aufwartung gemacht hat. Kaum eine bedeutende Stadt hat sie marathonmäßig ausgelassen. Da Neid ein schlechter Begleiter zum Jahresanfang ist, freue ich mich einfach mit ihr und hoffe, dass es Klaus gelingen möge, einen Sponsor aus der Reisebranche an Land zu ziehen, der uns Berichterstatter umgehend an die Marathons an den entlegensten Winkeln der Erde aussendet. Nicht damit man nichts mehr von uns Autoren hört, sondern weil er davon überzeugt ist, dass unsere Marathonberichte für ihn so werbewirksam sind. Für den Fall melde ich mich schon mal für Fukuoka…

Die Strecke führt der Limmat entlang, am Vereinshaus der Pontoniere vorbei, wo wir von der Festgemeinschaft angefeuert und mit guten Wünschen bedacht werden. Nach den ersten, eher düsteren medizinischen Prognosen zum Abschluss der vergangenen Saison bin ich so froh, hier dabei sein zu dürfen, dass ich aufpassen muss, nicht zu ungestüm loszulegen. Trotzdem schließe ich immer wieder zu einem Läufer auf. Einer von ihnen antwortet auf meine Frage, ob er heute zum ersten Mal teilnehme: „Ja, und ich glaube, dass ich das Jahr in Zukunft immer so beginnen werde!“ Das ist die Überzeugungskraft der ersten Kilometer – und des herzlichen Empfangs bei der Startnummernausgabe.

Nach acht Kilometern wird das Feld wieder dichter, als die Teilnehmer des zehn Minuten nach Mitternacht gestarteten 10 Kilometer Laufs von der anderen Seite der Limmat zu uns stoßen. Dass ich mich an ihre Fersen klammern kann, sorgt für die Traktion, die meine Schuhe auf diesem Untergrund sonst vermissen lassen.

 
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Plötzlich prescht die Spitze des Halbmarathonfeldes an mir vorbei, ohne dass ich das Rasseln von Schneeketten vernommen hätte. Nimmt mich nur Wunder, mit welcher Gummimischung ihre Sohlen solche Haftung erzeugen. Mir kommt es jetzt schon vor, als bewege sich meine Schritteffizienz im Verhältnis 3 zu 1: Drei Schritte auf diesem leicht angeeisten Matsch entsprechen etwa einem Schritt auf schneefreiem Untergrund. Den Vergleich bieten die kurzen geschützten Abschnitte unter den Brücken hindurch.

Bis zum Ende des ersten Drittels habe ich noch einen Gesprächspartner, der sich aber  am mittlerweile vierten Verpflegungsposten mehr Zeit nimmt als ich. Wasser und Iso sind angenehm warm und die an dieser Stelle mit blinkenden Nikolausmützen nicht zu übersehenden Helfer – hier wie überall - zuvorkommend freundlich.

Von hier weg habe ich ein Weilchen keine Begleitung mehr, abgesehen vom einsetzenden Nieselregen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.  Ein kurzes Stück geht der Weg an einer Lärmschutzwand der Autobahn entlang, bevor er uns zum Kloster Fahr führt. Obwohl immer noch Feuerwerke und das Brummen von der Autobahn her zu hören sind, findet hier ein Szenenwechsel statt. Es wirkt plötzlich so still. Unter diesem Eindruck meine ich zuerst, einen mittelalterlichen Friedhof zu durchschreiten. Beim genaueren Hinsehen stelle ich dann fest, dass es sich bei den akkurat ausgerichteten vermeintlichen Grabsteinen um Stelen handelt, auf denen im Sommer Bänke und Tischplatten ruhen, welche im Schatten der Bäume zum Verweilen bei einem Schoppen einladen.

Ein bisschen weiter überquere ich auf einem kleinen Holzsteg einen Nebenarm der Limmat. Für die Bewohner der angrenzenden Gemeinden kann es eine Ausrede nicht geben, wenn sie sich vom Laufen drücken wollen, denn gute, dank den zahlreichen Brücken in beliebige Längen einteilbare Laufstrecken gibt es hier zur Genüge.

Über eine solche Brücke stoßen die Halbmarathonis für ihre zweite Streckenhälfte wieder zum Nordufer. Ich kann so wieder Mal für Mal aufschließen und immer wieder werde ich angefeuert. Ich nehme diese Unterstützung als Proviant mit, denn ich weiß, die letzten fünfzehn Kilometer werden eine einsame Angelegenheit und die Muskeln melden jetzt schon, dass sie sich das Laufen auf diesem Untergrund nicht gewohnt sind und die Beine es sich vorstellen könnten, nach dreißig Kilometern hochgelagert zu werden.

Mittlerweile hat sich das Nieseln in leichten Schneefall gekehrt und ich ziehe einsam meine Runden durch die Nacht. Zeit, den Gedanken nachzuhängen. Passend zum Zeitpunkt in Form von Rückblick und Ausblick, besonders was das läuferische Geschehen betrifft. Schöne Erinnerungen an Landschaften, Entdeckungen und Begegnungen bleiben zurück und können mir nicht genommen werden. Die Finanzkrise hat Milliarden vernichtet, was auch auf meinen Geldbeutel Auswirkungen hat. Doch diese Laufeindrücke sind bleibend und deshalb so wertvoll. Durch das regelmäßige Laufen habe ich meinen Körper noch besser kennengelernt und deshalb eine Unregelmäßigkeit festgestellt, die ich sonst vermutlich übersehen hätte. Da ich mittlerweile erste Entwarnung erhalten habe, freue ich mich auf all die Marathons, bei welchen ich in der Terminliste ein Kreuzchen gesetzt habe. Und das sind – obwohl nur ein Bruchteil des gesamten Angebots – doch eine stattliche Anzahl.

Die Finnenkerzen an den Verpflegungsposten lodern mittlerweile nicht mehr wie bei den ersten zwei Passagen, wogegen die Muskeln mächtig feuern. Ich kann noch an drei oder vier Läufern vorbeiziehen und versuche mich dann auf den letzten fünf Kilometern dem Läufer zu nähern, den ich wegen seiner Stirnlampe etwa hundert Meter vor mir sehe. Bis zum letzten Verpflegungsposten vor dem Ziel gelingt es mir fast. Er verpflegt sich gemächlich, ich hingegen gönne mir diesmal keinen Unterbruch, nehme den Becher und versuche, ihm auf den Fersen zu bleiben und mich über die letzten zwei Kilometer ziehen zu lassen. Die Betonung liegt dabei auf Versuch. Während ich mein Iso von einer nach wie vor freundlichen Helferin gereicht bekam, muss er von Miraculix Eigenverpflegung zugesteckt bekommen haben. Auf jeden Fall wird er schneller und schneller und ich langsamer und langsamer. (Ein Blick auf die akribisch erfassten Abschnittszeiten und –klassierungen zeigt, dass mich mein Gefühl nicht täuschte.)

Nach dem Verlust meines Hasen tun die Anfeuerungen der noch Ausharrenden auf dem letzten Kilometer erst recht gut, bevor ich unter dem Flutlicht des Sportplatzes dem Zielbogen entgegenstrebe. Die roten Leuchtziffern zeigen mir an, dass ich bereits einen Marathon gelaufen bin, obwohl das neue Jahr noch keine vier Stunden alt ist. Und weil es noch so jung ist, reicht es mir damit in der Jahresweltbestenliste sogar für ein paar Momente auf den 25. Rang, wovon ich meinen Enkeln sicher einmal voller Stolz berichten werde.

Jetzt ist für mich vor allem wichtig, dass der in der Schweiz übliche Wunsch vor dem Jahreswechsel, „en guete Rutsch“, so zahlreich wie er mir gegenüber geäußert worden war, während dieses Marathons im wahrsten Sinn des Wortes in Erfüllung gegangen ist. Bei den verschiedenen Richtungsänderungen, wo ich das Tempo dosierte und trotzdem immer wieder ins Rutschen geriet, kam ich nie von der Bahn ab. Es waren also alles ausnahmslose gute Rutsche, die ich in dieser Neujahrsnacht erlebt habe. Wenn alle anderen Wünsche fürs neue Jahr so in Erfüllung gehen, steht mir ein gefreutes Jahr bevor!

Marathonsieger
Männer

1. von Allmen Konrad, 1969, Olten                          2:55.16,1   
2. Huber Urs, 1985, Jonen                                       3:02.57,2    
3. Gröbli Adrian, 1961, Oetwil an der Limmat       3:09.00,1  

Frauen

1. Huser Andrea, 1973, Aeschlen ob Gunten       3:30.56,2     
2. Haab-Herger Silvia, 1968, Oberarth                   3:38.40,8     
3. Tschumi Sandra, 1979, Solothurn                      3:40.01,4 

 

Informationen: Neujahrsmarathon Zürich
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