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Laufberichte

Auf zu neuen Ufern an alten Gestaden

 

Wir waren die letzte Klasse unserer Lehrerin, bevor sie in Rente ging. Die Zeit ging nicht nur mit ihr, sie ging auch mit der Zeit. In Kombination mit ihrer Liebe zur Musik brachte sie uns nicht nur traditionelle Lieder bei. Wir lernten bei ihr auch Lieder der «Schlieremer Chind», deren Sprache unserer Generation entsprach und uns deshalb besonders gefielen. Jahre später fanden auch unsere Kinder Gefallen daran und die Kassetten liefen dank Auto-Reverse bis zum Ausleiern in Endlosschleife, wenn wir in den Urlaub oder zu Besuch bei den Großeltern und Urgroßeltern fuhren.

64 Jahre nach der Gründung der «Schlieremer Chind» fahre ich nach Schlieren, um in der gleichen Alterskategorie einen Abgesang auf das vergangene Jahr zu machen. Gelegenheit dazu bietet mir der Neujahrsmarathon Zürich. Richtig, der Neujahrsmarathon trägt den Namen Zürich, Dreh- und Angelpunkt ist aber die Sporthalle Unterrohr in Schlieren. Dieser Ort, ans Zürcher Stadtgebiet angrenzend und früher einfach als Vorort von Zürich bezeichnet, ist eine eigene Stadt, welche selbstbewusst den Slogan «Schlieren - wo Zürich Zukunft hat» nutzt.

 

 

Ich bin dankbar, dass die Verantwortlichen sich trotz der fast stündlich ändernden Verordnungen nicht haben davon abbringen lassen, den läuferischen Start ins neue Jahr durchzuführen. Es gilt 2G und die genauen Abläufe waren im Vorfeld auf der Website nachzulesen. Für die zahlreichen aus dem Ausland gemeldeten Teilnehmer kommen erschwerend die unter Umständen anderen Zertifikatsformate oder allenfalls in der Schweiz nicht anerkannte Impfstoffe dazu. Der ganze Ablauf mit Startnummernausgabe, Wertsachenverwahrung und Bewirtung läuft wie gewohnt, einfach mit den zusätzlichen Hürden von Zertifikatskontrolle und Maskenpflicht. Es macht den Anschein, dass die Mehrheit der Anwesend sich im Vorfeld darauf eingestellt hat, denn es geht alles ganz ruhig vor sich.

Nebst Marathon können auch Halbmarathon, Viertelmarathon und Team Run gelaufen werden. Letzterer geht ebenfalls über die Marathondistanz und kann mit 2 bis 4 Leuten gelaufen werden. In welcher Aufteilung ist dem Team überlassen, einzige Voraussetzung ist, dass der Wechsel in der Halle bei Start und Ziel stattfindet. Der gemeinsame Start aller Distanzen erlaubt es ausdrücklich, während des Rennens auf eine kürzere Strecke zu wechseln und dort klassiert zu werden. Dies ermöglicht es, den langen Kanten in Angriff zu nehmen, ohne im schlimmsten Fall das Jahr mit einem DNF zu beginnen.

Das ganze Starterfeld steht in der Halle wie für eine Polonaise mit Abstand aufgereiht und der Countdown zum Start ist gleichzeitig der für den Beginn des neuen Jahres. Für mich ist es das Anzählen des alten, bis der Ringrichter Zeit den Sieg darüber per K.O. bekanntgibt. Schluss mit dem «annus horribilis». Hinaus aus der Halle, an brennenden Fackeln und der Tonne zum Entsorgen der Masken vorbei, hinunter an das Ufer der Limmat. Das klingt steiler als es ist, denn insgesamt sind auf einer Runde nur neunzehn Höhenmeter zu bewältigen.

Da und dort stehen kleine Gruppen von Menschen und nehmen an der Begrüssung des neuen Jahres teil, welche von überall her mit Feuerwerkslichtern und -geknalle hierhin dringt.

 

 

In Anbetracht meiner Kondition und mit Rücksicht auf die ganz Schnellen der kürzeren Bewerbe bin ich am Ende des Feldes gut aufgestellt. Abgesehen von den ersten Metern, ist der Laufuntergrund nicht asphaltiert und stellenweise entsprechend nass. Im Schein der verschiedenen Stirn- Brust und Handlampen sind die Pfützen gut auszumachen und nasse Füße noch vermeidbar.

Entlang der Limmat geht es entgegen der Fließrichtung auf dem Uferweg an ein paar Brücken und Fußgängerüberwegen vorbei, unter der Autobahnbrücke des direkten Zubringers nach Zürich hindurch, bis ein kurzer Anstieg zu dem Übergang zur Werdinsel führt. Auf diesem für die Freizeitgestaltung der Zürcher wichtigen Flecken ist es, von der Horde durchziehender Neujahrsläufer abgesehen, der Jahres- und auch der Uhrzeit entsprechend ruhig. Die Zeitmessmatte mit Uhr gibt einen Hinweis zum bisherigen Tempo und der Verpflegungsposten mit Iso, Wasser, Gel, Riegel und Bananen die erste Möglichkeit zur Flüssigkeitsaufnahme.

Die Werdinsel entstand durch den Bau eines Wasserkanals für das vor fast 130 Jahren erbaute Laufwasserkraftwerk, das heute als Museumskraftwerk nicht nur immer noch in Betrieb ist, sondern unter anderem mit Fischtreppe und naturbelassener Ufergestaltung höchste Umweltstandards erfüllt. Vorläufer davon war schon vor über 750 Jahren eine Mühle.

Die Stadt Zürich beschreibt auf ihrer Webseite die Werdinsel wie folgt: «Noch vor 35 Jahren stapelten sich Autos darauf, heute ist die Werdinsel ein beliebtes, naturbelassenes Naherholungsgebiet, das vielen Ansprüchen gerecht werden muss. Auf dieser rund acht Hektar (ca. zwölf Fussballfelder) grossen Fläche finden Badende mit und ohne Badehosen, Chiller und Griller, Gummibootkapitäne, Eltern mit Kindern, GärtnerInnen, Theaterschaffende, Flanierende mit und ohne Hund, Ballsportspielende sowie Open-Air-Besuchende ihren Platz. Vor allem an schönen Sommertagen treffen viele Bedürfnisse auf kleinem Raum aufeinander.»

Eine Spitzkehre nach dem Verpflegungsposten und eine rechtwinklige Kurve später bin ich auf dem Steg dem Turbinenhaus entlang, muss einen weiteren Haken schlagen, und bin dann am anderen Ufer der Limmat. Auf dieser Seite ist die Wegbeschaffenheit deutlich rustikaler, aber wie in den Vorjahren sind auch diesmal allfällige Stolperfallen wie Steine, Wurzeln und Schachtdeckel aller Formen und Größen mit Sprühfarbe gut markiert. Der Weg erfordert mehr Aufmerksamkeit als auf der anderen Flussseite.

Wenngleich ich im hinteren Bereich des Feldes laufe, ist zusammen mit den Kurzdistanzlern das Gefühl einfach gut. Das Gefühl, mit vielen Gleichgesinnten an einem der in diesen pandemischen Zeiten seltenen gewordenen Anlässen der gemeinsamen Leidenschaft frönen zu dürfen.

Zu sehen gibt es nicht viel, dazu ist es schlichtweg zu dunkel und zu neblig. Mindestens so lange, bis zwischen Kilometerschild 8 und 9 das Kloster Fahr passiert wird. Viel gibt es von diesem Frauenkloster nicht zu sehen oder zu spüren, was nicht heißt, dass von diesem Ort nicht wichtige Impulse ausgehen. Gästezimmer stehen Frauen offen, die im benediktinischen Tagesrhythmus Ruhe und Entspannung suchen.

Mit Scheinwerferlicht vor dem Klostergemäuer wartet einer der offiziellen Fotografen auf seine Motive. Wie in der Mischung von diesem Licht, dem Nebel und dem dichten Rauch der Finnenfackeln im Blitzlicht Fotos von uns entstehen sollen, ist für mich – nicht wegen der klösterlichen Nähe – ein Mysterium. Für die Profis von alphafoto aber offensichtlich kein Problem.

Jetzt  geht es wieder ans Limmatufer zurück. An schönen Sonntagnachmittagen kann man hier von Frühling bis Herbst mit der Fähre Mauritius übersetzen. Die kostenlose Überfahrt wird vom Wasserfahrverein Schlieren und der Seepfadi Zürich angeboten. Es ist aber Winter, die Nacht auf Samstag, und schönes Wetter sieht anders aus. Und gegen allfällig geplantes Schummeln bei Nacht und Nebel hilft sowieso die Zeitmessmatte bei Kilometer zehn.

Bevor diese überquert wird, geht es noch weiter der Limmat entlang, dann hoch zur Straßenbrücke und über diese wieder ans südliche Ufer. Nach einem weiteren Fotopunkt taucht irgendwann in der Dunkelheit das Leuchten der Kontrollanzeige der Zeitmessanlage auf und ein Piepsen deutet an, dass es nun noch genau 548,75 Meter bis zum Zielstrich sind. Motivierend zurufende Helferinnen signalisieren weiter vorne die scharfe Rechtskurve hinauf zur Sporthalle. Dort gehen diejenigen, die ihr Tagwerk schon verrichtet haben nach rechts, ich biege links ab und am anderen Hallenende durch einen kleinen Seitenausgang hinaus zum Verpflegungsposten. Nach zwei Bechern Iso mache ich mich auf Runde zwei.

Es ist schon bedeutend leerer auf der Strecke, dabei ist es erst die zweite Runde. Weniger Leute, dafür mehr Nebel, das ist mein Eindruck. Dann und wann kommt aus einer Industrieanlage fahles Licht durch die feuchte Luft und macht den Untergrund besser erkennbar, die Konzentration auf jeden einzelnen Schritt muss aber sehr hoch sein. Zur Mitte der zweiten Runde ist der Nebel so dicht, dass ich stellenweise nichts mehr sehe. Die Streuung des Lichts meiner Lampe ist mehr Behinderung als Hilfe, ohne Licht ist es so zappenduster, dass das Laufen ebenfalls in die Kategorie gehört. Zwischendurch muss ich auf ein Traben verlangsamen und kann trotzdem nicht verhindern, dass ich mehrmals schmerzhafte Misstritte mache. Ich frage mich, wie die schnellen Läufer dies bewerkstelligen und zolle ihnen meine Bewunderung.

Zweimal überhole ich Läufer, welche die Lampe in der Hand halten, mit ihr aber so umherschwingen, dass mir in dem erratischen Lichtkegel beinah schwindlig wird. Ich verbuche das als meinen nicht selbst induzierten Silvesterkater und biege bald schon auf die dritte Runde ein.

Dies wäre der Moment, um meinen Gedanken nachzuhängen. Wäre, wenn nicht das Laufen meine volle Aufmerksamkeit bräuchte. Gut, dann und wann schweife ich ab, denke an das hinter mir liegende Jahr mit allem Unerfreulichen (und den trotzdem auch schönen) Momenten und daran, dass mit diesem neuen Jahr ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Früher als eigentlich geplant, weshalb dieser Marathon eine ganz besondere Bedeutung für mich hat. Oftmals hat mir in den vergangenen Monaten die Erinnerung an schwierige, harte Marathons und Ultras geholfen und mir Vertrauen gegeben, dass ich auch in der schwierigen, zermürbenden Situation durchhalten kann. Und ich vermochte tatsächlich durchhalten.

Deshalb steht für mich fest, dass ich auch die vierte und letzte Runde in Angriff nehme, obwohl durch das der kaum vorhandenen Sicht und dem Untergrund geschuldete nicht lockere Laufen mir mittlerweile den rechten Wadenmuskel gezerrt hat. Die Uhr in der Halle zeigt mir an, dass mir ungefähr achtzig Minuten dafür bleiben. Es ist ja nur noch einmal und nicht die Endlosschleife wie bei den Musikkassetten der «Schlieremer Chind»

 

 

Kaum bin ich wieder auf dem breiteren Weg am Limmatufer, erhalte ich Gesellschaft von einer der Fahrradbegleiterinnen. Die langgezogenen Kilometer hinauf zur Werdinsel werden durch die Begleitung und unser Gespräch deutlich kürzer und die Uhr vor dem Verpflegungsposten zeigt mir an, dass ich es bis zum Zielschluss zurück in die Sporthalle schaffen sollte. Ohne viel Zeitreserve, aber immerhin.

Abgesehen von kurzen Gehpausen nach einem Misstritt oder weil ich schlichtweg nichts mehr sehe, laufe ich langsam durch und werde mit 4:55:30 in die Liste der Finisher aufgenommen, welche gleichzeitig der aktuellen Jahresweltbestenliste entspricht. Man muss nicht als Kenianer oder Äthiopier geboren werden, um sich in der Jahresweltbestenliste in den Top 100 einzureihen. Dazu reicht es heute, als frischgebackener Rentner am Neujahrsmarathon den Lauf ins Ziel zu bringen.

 

Informationen: Neujahrsmarathon Zürich
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