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Laufberichte

Immer wieder Frauenfeld

 

Wer im November im deutschsprachigen Raum noch einmal einen Marathon laufen will, kommt um den Frauenfelder kaum herum. Vor allem von Süddeutschland aus ist der Kanton Thurgau auf der südlichen Seite des Bodensees schnell zu erreichen. Der Hauptort im Thurgau ist Frauenfeld, wo schon seit 1934 der Frauenfelder Waffenlauf stattfindet.

Gelaufen wird der Waffenlauf im Tarnanzug; wobei private Kopfbedeckungen in feldgrau oder schwarz gestattet sind. Seit einigen Jahren sind Laufschuhe erlaubt. Die Packung, also das Marschgepäck, besteht aus Kampfrucksack mit Sturmgewehr und muss bei den Männern ein Gewicht von mindestens 6,2 kg aufweisen. Für Wettkämpferinnen gilt eine Packung (mit oder ohne Waffe) von 5,0 kg Gewicht. Bei jeder Packung muss mindestens der Gewehrlauf sichtbar sein. Bei allen Waffen empfiehlt sich, Verschluss und Magazin zu entfernen (Auszug aus dem Reglement). Seit 2000 gibt es zusätzlich den Marathon für Läufer und den Halbmarathon.

Unserer Tochter Laura hat es letztes Jahr hier beim Halbmarathon so gut gefallen, dass wir nun den Marathon unter die Füße nehmen wollen. Die Kaserne Frauenfeld-Stadt befindet sich gegenüber dem Bahnhof. Ein Parkplatz ist ein paar Gehminuten entfernt. Wir sind etwas spät dran und so haben die Soldaten im Kaserneninnenhof bereits Aufstellung genommen. Der Kompaniechef spricht gerade ein paar aufmunternde Worte bevor sich die Abteilungen in Begleitung einer Kapelle auf den Weg zum Start machen.

Dieser erfolgt auf dem mehrere hundert Meter entfernten Marktplatz und ist auf 10 Uhr terminiert. Natürlich wollen wir uns das nicht entgehen lassen und folgen, nachdem wir alles Organisatorische erledigt haben, dem Feld. Man stelle sich einen großen Platz vor. In der Mitte befindet sich ein Startbanner. Dahinter haben sich um die 200 Soldaten und Soldatinnen in Erwartung des Startsignals aufgestellt. Im Hintergrund spielt die Militärkapelle und von vielen bestaunt, steht an der Seite eine Artilleriekanone.

Vor lauter Tarnfarbe kann ich M4Y-Kollege Daniel Steiner nicht finden. Erst als er uns anruft, werde ich aufmerksam. Für ihn als Schweizer ist es seit Jahren Ehrensache, beim Waffenlauf teilzunehmen.

 

 
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Gleich geht es los. Fünf, vier, drei, zwei, eins. Die Kanone wird abgeschossen die Menge jubelt und eine grüne Masse auf hunderten von Beinen trabt über den Platz. Es wird kurz eng, als die Meute auf die Straße einbiegt. Dann kehrt schlagartig Ruhe ein. Norbert, Laura und ich verziehen uns in den Vorraum der angrenzenden Tiefgarage. Es ist kalt und der böige Wind macht es noch schlimmer, wir frieren. So dauert es auch eine ganze Weile, bis der Platz sich wieder füllt. Viele Läufer kommen erst kurz vor dem Start hier her. Wenigstens bleibt es vorerst Trocken. Als auch für uns der laute Knall ertönt, geht es endlich los.

Natürlich haben wir uns hinten eingereiht, wir wollen nicht zu hektisch loslaufen. Aber was hier vor sich geht, habe ich noch nie erlebt. Trotz des langen Anstiegs spurtet das Feld so schnell von dannen, dass wir gleich die letzten sind. Und dabei fühle ich mich nicht unterfordert. Schnell bin ich außer Atem und trotzdem enteilen die Läufer vor mir. Zuschauer stehen rechts und links der Straße und applaudieren nun nur noch für uns, während wir im schnellen Gehen nach oben gelangen. Das Besenfahrzeug folgt uns, direkt dahinter wird die Straßensperrung bereits aufgehoben.

 

 
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Es wird flach und wir erreichen den Ortsausgang. Die letzten Zuschauer verabschieden uns. Auf der Hochebene pfeift uns der Wind entgegen. Wir sind froh, als wir den Wald erreichen. Hier macht ein Fotograf Schnappschüsse. Anschließend geht es steil bergab und knackig wieder bergauf. Als der Wald endet, breitet sich eine beschauliche Ebene vor uns aus. Grüne Weiden, jede Menge Kühe, teils bewaldete Hügel und dazwischen kleine Dörfer - welch romantischer Anblick.

Schnell sind wir in Matzingen bei km 5, wo uns am Ortseingang ein ungewöhnliches Haus mit Grasdach begrüßt. Es geht bergab, mitten durch den Ort und dann wieder bergauf. Am Weiler Ruggenbühl liegt die erste Verpflegungsstation bei km 6. Wasser und Tee werden angeboten.

Unserem Dreiergespann hat sich noch Manjai aus Tübingen angeschlossen. Er will heute versuchen, einen Negativsplitt zu laufen und nutzt uns als Bremsläufer. Außerdem ist noch Steve aus Wil immer wieder vor oder hinter uns. Er läuft heute seinen ersten Marathon. Ansonsten sind wir ganz allein, nur das Besenfahrzeug lässt sich nicht abschütteln. Vor dem Wohn- und Pflegezentrum Neuhaus in Wängi wird ein gewisser Patrick mit einem großen Transparent angefeuert. Davor bietet ein Paar Getränke an. Schon von weitem wird Cola und ein Isotonisches Getränk angepriesen. Laura macht Zwischenstopp.

 

 
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In Rosental müssen wir am Eschlibach die Straße überqueren. Ein Helfer stellt sich uns in den Weg. Nicht die Straße ist das Problem, sondern ein herannahender Zug. Als dieser vorbei ist, sperren die Helfer die Straße und wir können sicher die Fahrbahn und die Schienen der Bahnstrecke von Frauenfeld nach Wil überqueren.

Es geht noch einmal kurz bergauf (km 10). Wieder liegen große Weideflächen vor uns. Wie angekündigt, verlässt uns Manjai und gibt Gas. Die Autobahn A1 ist hier „tiefergelegt“ und so können wir die Brücke fast ohne groß Höhenmeter zu machen überqueren. Dafür erhebt sich dahinter ein höherer Berg. Na ja, Berg ist vielleicht übertrieben. Trotzdem ist hier Gehen angesagt. Die Samariterinnen, die sich hinter einem größeren Hofgut postiert haben, rufen, dass wir bald den höchsten Punkt des Laufs erreicht haben. Hier oben liegt tatsächlich der erste Schnee. Kein Wunder ist es so kalt.

Hinter der nächsten Kuppe genießen wir einen tollen Blick auf Eschlikon, wo bereits die zweite VP mit leckeren Keksen auf uns wartet. Es geht noch ein Stück durch den Ort und dann flach Richtung Sirnach. Hinter dem Weiler Bühfelden passieren wir das km 15 Schild. Auf schmalem Pfad geht es unter der Bahn hindurch und auf der anderen Seite steil bergauf. Wir hatten gehofft, dass das Besenfahrzeug einen anderen Weg nimmt. Leider wartet es aber oben bereits auf uns. Jetzt ist sogar noch ein Militärfahrzeug dabei.

Auf geschottertem Weg laufen wir wellig oberhalb des Bahndamms abwechselnd im Wald und dann wieder mit schöner Aussicht. Es fängt an zu nieseln, was aber kein Problem darstellt. Plötzlich hält Laura unvermittelt an. Ein stechender Schmerz in der Hüfte verhindert normales Weiterlaufen. Gehen ist allerdings auch nicht besser. Was sollen wir tun? Abwechselndes Gehen und Laufen bringt uns langsam vorwärts. Wenigstens hat der Regen aufgehört. Wir biegen auf die Straße nach Wil ein.

Die Stadt kommt in Sicht. Mit 18 000 Einwohnern und fast 70 000 Bewohnern im Umland bildet die Stadt den zweitgrößten Ballungsraum der Ostschweiz. Über 500 Jahre residierten die St. Galler Fürstäbte im Hof zu Wil, weshalb die Stadt auch Äbtestadt genannt wird.

 

 
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Es geht an der Straße entlang. Ein Mann bietet an einem Klapptisch Cola an. Wir greifen gerne zu - danke. In der Stadt werden, wie überall an der Strecke, unübersichtliche oder gefährliche Stellen von Streckenposten (Militärangehörige oder Schülerlotsen), gesichert. Sie sorgen dafür, dass die Läufer ungefährdet und ohne anzuhalten vorwärts kommen. Wir erreichen den Bahnhof und müssen durch eine Unterführung. Auf der anderen Seite liegt eine breite Fußgängerzone. Die bereits weihnachtlich geschmückte Geschäftsstraße liegt verlassen da. Lauras Schmerzen sind nicht besser geworden. Ich entscheide, jetzt mein eigenes  Tempo zu laufen. Denn wenn Laura irgendwann doch aussteigen muss, würde ich sonst vermutlich den Zielschluss um 16 Uhr 30 nicht schaffen. Norbert hat da eher kein Problem und bleibt daher bei Laura.

Es geht jetzt rechts durch die kleine Kirchgasse. Scharf links liegt das Schnetztor, durch das wir den historischen Marktplatz betreten. Hier war der Start des Halbmarathons. Jetzt liegt die VP etwas einsam vor den bunten, perfekt restaurierten Fassaden von Hof, Gerichtshaus und Hauptmannshaus. Schon von weitem bieten die Helfer Tee oder Bouillon an. Ich ordere Suppe, die mir frisch eingeschenkt wird.

Nach dieser Stärkung laufe ich den verwaisten Marktplatz entlang und bergab bis zur Fußgängerzone. Dann geht es scharf rechts. Wie immer ist alles vorbildlich von Helfern gesichert. Am alten Schulhaus von Bronschhofen vorbei geht es über die Bahn und dann rechts über eine total matschige Wiese. Als die Wiese zu Ende ist, halte ich mich links. Ein paar Bäume am Wegrand öffnen sich und geben den Blick auf ein wunderbares Panorama aus Wiesen mit dem Örtchen St. Margarethen im Hintergrund frei. Hier geht es flach weiter (km25).

Ich überhole den Marathonnovizen Steve. Er macht nun längere Gehpausen, wird den Lauf aber sicher finishen. Gratulation vorab. In St. Margarethen haben sich die Heere der Zuschauer bereits aufgelöst. Vereinzelt werde ich noch angefeuert. Es riecht nach Glühwein. Kurz darauf ist auch schon die VP da. Die Besenradler des Waffenlaufs machen gerade Pause. Es gibt Bouillon und wieder Kekse.

Auf dem folgenden, leicht welligen Stück an Kuhweiden vorbei, kann ich locker joggen. Vor mir quälen sich die Besenradler den nächsten Hügel hinauf. Im Gehen kann ich bereits die nächste VP in einem kleinen Wäldchen entdecken. Die Helferin bedauert, dass die Bananen aus sind. Aber wer braucht schon Bananen, wenn es Bananenbrot gibt? Es ist leicht gesüßt und locker gebacken. Ich bekomme einen Kaffee dazu, oben drauf mit  „Flauder Punsch“, was besser ist als Zucker.

Am hinteren Tisch gibt es Bouillon, wegen des Salzes  auch nicht zu verachten. Ich bedanke mich und laufe beschwingt weiter. Es geht erneut durch einen kleinen Wald, und als ich das freie Feld erreiche, kommt erstmals die Sonne hervor. Wunderbar, wie schnell sich Licht und Farben ändern. In einer weiten Schleife gelange ich bergab nach Lommis (km 30). Die Helfer an der VP sind gut drauf, Thomas weniger. Der Waffenläufer ist Letzter seines Wettbewerbs und findet das gar nicht lustig.

An einer Kreuzung müssen wir über die Straße. Hier hat sich der halbe Ort versammelt und feuert uns an. Wie bereits vorher an einigen anderen Stellen sind Bierbänke aufgebaut, Speisen und Getränke werden angeboten. Viele Anwohner machen aus dem Laufevent ein privates Fest.

Es geht flach über Feldwege und dann ein Stückchen bergauf. In Kalthausen biege ich rechts um die Ecke. Schon von weitem kann ich Festgeräusche vernehmen. Der Verein kochender Männer von Lommis bietet Biergulasch aus der Gulaschkanone an. Der Kessel ist schon ziemlich leer. Mir ist auch gar nicht nach Gulasch, aber ein Bier wäre nett. Ich muss nicht lang bitten. Hinter der nächsten Kurve kommt schon bereits wieder eine VP. Aus naheliegenden Gründen lasse ich diese aus und schnappe mir nur einen Keks. Danke.

Auf dem folgenden Weg in Halbhöhenlage kann ich einige Waffenläufer einholen. Im Vorbeigehen spreche ich ihnen meine Hochachtung für diese fantastische Leistung aus. Sofort werde ich auch angefeuert. Toll, was diese Männer schaffen. Sie sind ja keine trainierten Marathonläufer und haben meist schon etliche Jahre auf dem Buckel.

 

 
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In Stettfurt bei km 35 komme ich an einem Garten vorbei, wo ebenfalls lautstark gefeiert wird. Spontan werde ich zu einem Bier eingeladen. Da kann ich natürlich schlecht nein sagen. Etwas weiter die Straße hinunter steht ein größeres Partyzelt. Auch hier ist ein Fest in vollem Gange. Jakub, ein polnischer Läufer,  nimmt mich in den Arm und meint: “Hier bleiben wir“. Die ausgelassene Stimmung der Feiernden ist scheinbar ansteckend. Wir überlassen das Feiern dann aber doch den anderen.

Die Strecke ist nun weitgehend flach. Mir geht es gut, und lockeres Joggen bringt mich flott voran. Da sehe ich von Ferne ein weiteres gelbes Kilometerschild.  Km 36 - jeder Kilometer wird nun angezeigt. Das motiviert mich zusätzlich.

Wir laufen auf ein kleines Wäldchen zu, laute Musik zu hören. Auf einem Tischen wird Bier angeboten. Jakub und ich machen eine spontane Pause. Die Spender des Gerstensaftes feiern etwas entfernt hinter einem Gebüsch. Sie kommen heran und ich reserviere noch ein Bier für Norbert, der hoffentlich bald mit Laura hier durchkommen wird.

Hinter km 37 geht es nochmals bergauf. Oben verlassen wir den Feldweg und gelangen auf die Straße. Ich erkenne die Strecke vom Beginn des Laufs. Bis km 38 müssen wir noch einmal hoch. An der letzten VP genieße ich ein Stück Schweizer Schokolade, dann geht es steil bergab.  Die letzte Steigung folgt, Frauenfeld ist in Sicht.

Km 39. An der Kreuzung geht es nach links. Im Wohngebiet wird wieder gefeiert. Jakub und ich werden zum Glühwein eingeladen. Das Publikum staunt: „Wie kann man nur 21 km weit laufen?“ Ich mache aus den 21 unsere tatsächlich gelaufene Distanz von 42 und ernte sofort lauten Beifall. Diese Gruppe steht jedes Jahr hier und wartet auf den letzten Läufer. Das finde ich toll.

Über Nebenstraßen erreichen wir das kleine Wäldchen Pfaffeholz. Den schmalen Schotterweg bringen wir schnell hinter uns. Km 40. Nun geht es endgültig bergab. Die Straßen sind wie ausgestorben. Nur die Streckenposten halten unvermindert ihre Stellung. Km 41. Wieviel Kurven kommen denn noch? Jetzt höre ich den Sprecher. Gleichzeitig verliere ich kurz vor dem Ziel die Orientierung. Die Straße ist großzügig abgesperrt. Endlich ist das Zieltor in Sicht und der abgesperrte Korridor liegt vor mir. Der Sprecher sagt mich an. Ich bin im Ziel.

Ein paar Unentwegte spenden Beifall und Daniel empfängt mich. Nach ein paar Minuten kommt Steve, dicht gefolgt von Laura und Norbert ins Ziel. Lauras Schmerzen waren nach der Halbmarathondistanz plötzlich weg, so dass die beiden kaum Zeit auf mich verloren haben. Es wird heißer Tee angeboten. In der großen Halle gibt es noch Rivella und eine großzügig gefüllte Tasche von Migros, der großen Supermarktkette. Dann kann jeder Finisher zwischen einer Medaillennadel oder einem Glas Honig auswählen.

 

 

Fazit:

Der Frauenfelder Waffenlauf ist etwas ganz Besonderes. Nicht, weil die Strecke spektakulär wäre, oder die Verpflegung einzigartig. Es ist die besondere Atmosphäre am Start, auf der Strecke und im Ziel. Die Schweizer haben ein spezielles Verhältnis zu ihrem Militär und der Waffenlauf und seine Läufer genießen ein hohes Ansehen. Dass auch die zivilen Läufer einbezogen werden, finde ich großartig. Deshalb kommen wir immer gerne im November nach Frauenfeld.

 

 

Daniels Bilder

 

 

 
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Informationen: Frauenfelder Marathon
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