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Wahre Kumpels

 

Wer unter seinem Rasen auf Kohle stößt, dem gehört sie nicht. Sie gehört niemandem. Man kann sich aber eine Genehmigung zur Förderung bei der zuständigen Behörde einholen, vorausgesetzt man hat dazu das Knowhow und die finanziellen Mittel. Was man fördert, gehört einem und man kann die Kohle verkaufen. Der Staat kassiert darauf Steuern.

Solche Genehmigungen erteilte einst der Herzog, mit Vornamen Prosper. Das ist lateinisch und bedeutet „erwünscht“. Der Erwerber der Genehmigung war ein Kaufmann namens Haniel.

Wir stehen vor dem Förderturm des Steinkohlebergwerkes „Prosper Haniel“ in Bottrop. Noch aktiv, aber in vier Jahren laufen die Subventionen aus, dann wird es geschlossen. 3,5 Meter dick liegt dort unten die Steinkohle, dafür wird sich nochmal richtig ins Zeug gelegt.

Wir legen uns auch mächtig für die 50 km ins Zeug, der Lauf ist zu Ehren des verstorbenen Übungsleiters der Langlaufabteilung benannt. Den Marathon gibt es nur dieses Jahr anläßlich der 42ten Austragung. Es gibt noch drei kürzere Strecken und einen Frauenlauf, bei dem „männliche Begleitläufer  nicht erwünscht sind“. Da macht man sich schon Gedanken!

 
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Unheimlich interessant ist das Werksgelände. Große Bohrköpfe und viele stählerne Stützrahmen liegen herum. Allein der Stahlwert ist viel Kohle wert. Heute ist keine Schicht. Es ist eine Kosten-Nutzen Abwägung, ob man am Wochenende arbeiten lässt oder nicht. Für die Maschinen untertage wäre es besser, sie durchlaufen zu lassen.

Die Fahrzeuge der Grubenwehr sehen nicht wie Feuerwehrautos aus, denn die Grubenwehr hat die Aufgabe zu Retten und zu Bergen. Dafür sind zunächst einmal Atemschutz und sogenannte Regenerationsgeräte notwendig, die unabhängig von der Umgebungsluft genutzt werden können. Diese Geräte haben einen hohen Atemwiderstand. Nach Alkoholkonsum droht Erstickung, deswegen herrscht auf dem Zechengebiet Alkoholverbot. Bei einem Unglück müssen sie Notbohrungen durchführen und mittels eines Käfigs oder Bombe die Bergleute einzeln nach oben bringen.

Diesen „Werksrundgang“ braucht der Läufer nicht zu machen, Startnummernausgabe und Frühstück ist direkt hinter der Werksschranke, die Kaue im Block daneben. Marathon-Einchecken mit extrem kurzen Wegen.

Besichtigung der Kaue, solange keine Duschwilligen die Foto verschandeln. Wer dort nachher duschen will, der sollte ein kleines Vorhängeschloss mitnehmen für die Kette, die die Klamotten in luftige Höhen hält, direkt neben den martialischen Stiefeln der Untertagesportler.

Kaue bedeutet eigentlich niedriger Bau (im Verhältnis zum Förderturm). Die Arbeitskleidung wird vom Zechenbetrieb gereinigt. Der Kauenwart kümmert sich darum und um die Handtücher, Seife, Sauberkeit und Ordnung.  Die Damenduschen sind nebenan, vermutlich aber nicht so rustikal.

Zweimal werden wir durch den Zielbogen laufen, denn der 50er besteht aus zwei 25er Runden. Viele Läufer laufen heute den Marathon, wegen der Einmaligkeit. Dewegen sind  auch mehr Läufer als sonst anwesend. Die Parkplätze vor dem Werkstor sind total überbucht.

Endlich treffe ich mal wieder Sigrid Eichner. Die Ultra-Oma ist fit wie nie, hat die 100 Meilen (Mauerweg) gefinisht. Sie will noch ihren 1940ten machen (Geburtsjahr), aber wie man sie kennt….

9:00 Uhr. Es geht los.

 
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Links die Halde Prosper Haniel (verdeckt durch Bäume), ein Naherholungsgebiet mit Kunst und Kultur auf dem  162 m hohen Gipfel. Oben sieht man eine Reihe aus über 100 Totempfählen aus Bahnschwellen. Eindrucksvolle, teils bemahlte Skulpturen über dem Ruhrgebiet. Darunter die Bergarena, ein offenes Ampitheater.

Rechts die Schöttelhalde, sie wird noch aufgeschüttet. Zwar könnten wir auf die Halde hinauf, wie beim Hartfüssler Trail, aber dies ist eine offizielle DUV Veranstaltung, hier geht es um Geschwindigkeit. Der beidseitige Anstieg zur Fussgängerbrücke macht sich unangenehm bemerkbar, ist aber laufbar.

Nach drei Kilometern großes Polizeiaufgebot, wir queren das erste Mal den „Alten Postweg“. Das ist der alte Verbindungsweg Münster-Bonn der Preußischen Post. Rechts die Grafenmühle hinter dem Schilf, das ist die ehemalige Pferdewechselstation, jetzt Bikertreffpunkt. Wer Post erwartete oder aufgeben wollte, musste hier seine Wartezeit verbringen. Wir haben keine Wartezeit an der Straße, die Polizei regelt das sehr gut.

Am Bikertreff der Grafenmühle ist die Quelle des Rotbaches (Sedimente aus natürlichem Rost gaben den Namen). Unterhalb des Quellgebietes darf keine Kohle abgebaut werden, eine Bergsenkung hätte fatale Folgen.

Auf der anderen Seite laufen wir über ein Gebiet, wo Steinkohle abgebaut wurde. Der Rotbach hat nun eine recht hohe Fliessgeschwindigkeit, er mäandert stark, bildet Uferabbrüche und kleine Altarme im Sand. Bevor er nach 19 km in den Rhein mündet, wird sein Lauf jedoch stärker durch Bergsenkungen betroffen. Damit sein Wasser nicht in Wohngebiete fliesst, regeln Pumpen seine Fliessrichtung, sein altes Flussbett hat heute teilweise die entgegegesetzte Fliessrichtung.

Rechts geht es zum Schwarzbach, der Humus färbt ihn schwarz. Der Humus bildet eine saure Umgebung und wird irgendwann zu Kohle mit versteinerten Geltüten werden. Die meisten Fliessgewässer wurden wegen Kompensationsmaßnahmen renaturiert. Die Gegend ist sehr sumpfig, Torfmoos, Erlen, Birken, Buchen und Eichen säumen die Laufstrecke, die bei diesen sommerlichen Temperaturen angenehmen Schatten werfen.

Der Heidhofsee ist durch den Abbau von Sanden entstanden. Am Rande liegende Findlinge, die beim Abbau abgelegt wurden. Sie zeugen davon, dass der Rhein in der Eiszeit hier auf Gletscher stiess. Der Sand gehört übrigens, anders als Kohle, Silber, und Gold, dem Besitzer des Grundstückes.

Der Heidhof wurde um 1900 angelegt, das Schloss wurde zerbombt, Reste der Steine liegen nun am Abenteuerspielplatz und einer der vielen Verpflegungspunkte. Wasser, Malzbier, Tee, Salzgebäck, Haribo und verschiedene andere Leckereien werden uns freudestrahlend gereicht.

Schwarzheide nennt sich das Gebiet, doch längst ist die Heidelandschaft von Bäumen überwuchert. Zuviele Munitionsreste liegen noch im Boden. Man machte hier aus Kohle Diesel.

Am Ende des Sees ist der Hermann-Löns-Gedenkstein (1866-1914). Keine Heide kann anscheinend auf einen Stein zum Andenken an den Heidedichter verzichten. Er ist übrigens im Paulinum in Münster zur Schule gegangen, also dran denken, wenn man seine Startnummer für den Münster Marathon abholt:

Da hinten in der Heide,
wo der Birkenbaum steht,
da wartet ein Mädchen,
ihr Haar und das weht.

Knackiges, kurzes Gedicht, das alles sagt. Doch der folgende See ist recht groß, den gilt es nun zu umrunden. Es ist eine alte Kiesgrube; Naturschutz hin oder her, hier wird gebadet. Ich überlege noch, für ein Selfie dort reinzuspringen, aber …

 
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Vor der wiederholten Querung der Alten Poststrasse kommen schon die schnellen 50er und die nach uns gestarteten 25 er entgegen. Es hat sich ein beachtlicher Stau auf der Strasse gebildet, denn von beiden Seiten wird jetzt pausenlos der Autobahnzubringer gequert. Biker lassen ihre Maschinen aufheulen, sie wollen zur Grafenmühle.

Wir sind zurück zwischen den Halden. Ein Feuer-Wachturm warnt uns, Kohlehalden können brennen. Zurzeit brennen sieben Halden im Ruhrgebiet. Welche es sind, wird nicht verraten, damit sich Anwohner nicht ängstigen.  Brände sind kaum sichtbar. Es reichen 10 % Kohle und ein paar Mineralien und schon brennen die Dinger. Eine thermische Nutzung ist zurzeit nicht möglich, aber vielleicht in 20 Jahren. Solange glühen die Biester bestimmt noch.

Rechts, der gesprengte Bunker, zeugt von noch wilderen Tagen hier in Bottrop. Ein Dachs hat seine Wohnhöhle dort hineinverlegt.

Wendepunkt am Start/Zielbereich an der Schachtanlage, die zweiten 25 km stehen an. Beim Marathon werden auch zwei Runden gelaufen. Jedoch biegt die Strecke am 2. Verpflegungsstand bei Kilometer 7 rechts ab und verläuft für ca 1 km über einen Waldweg  zurück auf die ursprüngliche 25-er Runde.

Für mich wird es nun einsam. Ich kann mich mit den viele Spaziergänger nicht verbünden, ein bisschen mehr Respekt hätte ich mir von denen schon erwartet. Immer wieder Hundeleinen, die quer über den Weg gespannt sind. Ich bin froh, die Fotos auf der ersten Runde geschossen zu haben, ohne Spaziergänger. Doch die warme Herbstsonne bringt die goldenen Blätter jetzt erst Recht zum Leuchten. Meine Taktik für nächstes Jahr, um den zahlreichen Spaziergängern zu entgehen: Schneller laufen, oder auf schlechteres Wetter hoffen.

Die Gedanken gehen zurück an letzte Nacht im Sportlerheim. Eine absolut empfehlenswerte Übernachtungsmöglichkeit für 10 Euro (Bettwäsche, Handtuch und Küche incl). Nicht mal das Geschirr mustten wir spülen, oder die Betten abziehen. Die zwei Alten (man duzt sich) erzählten von der Zeit, als dort die Sportler der Ruhr-Olympiaden übernachteten. Es gab auch internationale Wettbewerbe, wie Bogenschiessen, oder sowas. Jedenfalls wird jeder Übernachtungsgast akribisch mit den Brandvorschriften bekannt gemacht. Es ist Zechengelände und die Feuerwehr will unterschrieben haben, dass wir unterwiesen wurden. Gerno, Lutz, Peter und ich waren hoch erfreut über die herzliche Gastfreundschaft.

Und die ehrliche Gastfreundschaft hat sich auch während des Laufes gezeigt. Erstklassige Organisation und erstklassige Verpflegung, die wir mit Low Budget erhalten.

Wahre Kumpels und ein großartiger Lauf!

 

 

 

Informationen: Bottroper Herbstwaldlauf
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