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Laufberichte

Laufsport im Weltkulturerbe

 

Wir nähern uns der kleinen Gemeinde Aggsbach, zur rechten erblicke ich ein Donauschiff, das flussaufwärts fährt. Statt einer Kreuzfahrt würde mich auch einmal eine Flussfahrt auf der 2800 km langen Donau bis zum Schwarzen Meer interessieren. Für viele erscheint halt eine Schiffsreise in die Karibik attraktiver als ein Besuch der Brutplätze der Wasservögel im inzwischen geschützten Donaudelta in Rumänien.

In Aggsbach spielt die örtliche Musikkappelle ein Ständchen für die Läufer. Hier befindet sich auch die Labestelle, bei der ich kurz stehenbleibe und einen Becher Cola trinke. Zwischenzeitlich ist es warm geworden, ca. 1 ½ Stunden sind seit dem Start um 10 Uhr vergangen.

Auch wenn ich schon mehrmals in der Wachau den Marathon gelaufen bin, von der Landschaft bin ich immer wieder fasziniert. Zur Rechten am Weg nach Krems fließt die Donau, zur Linken erstrecken sich die Weingärten. In der gesamten Gegend steht der Weinbau im Mittelpunkt, sieht man von den historischen Bauwerken ab, die auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. Weinkenner und -liebhaber finden in vielen Weinbaubetrieben eine Vielzahl an Qualitätsweinen u.a. der Sorten Grüner Veltliner, Riesling und Burgunder.

Die Schönheit der Wachau zeigt sich auf einer Flussfahrt mit einem Donauschiff. Das kann im Frühling während der Marillenblüte sein oder im Herbst, wenn die Blätter der Weinreben sich in eine bunte Mischung aus Gelb, Braun und Rot verfärben. Der unvergessliche Paul Hörbiger hat in der Person der Marianne Mühlhuber aus dem Gasthof Gruber die Wachau verewigt: „Mariandl-andl-andl, aus dem Wachauer Landl-Landl. Dein lieber Name klingt schon wie ein liebes Wort. Mariandl-andl-andl, du hast mein Herz am Bandl-Bandl. “

Im Nachbarort Willendorf wurde um 1806 eine altsteinzeitliche Frauenfigur gefunden. „Die Venus von Willendorf“ ist heute im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen. Vor dem Feuerwehrhaus stehen einige Zuschauer, die applaudieren. Ich laufe seit dem Kilometerpunkt 12 neben oder knapp hinter einem Läufer einher, der ein Laufshirt der OMV trägt. Er keucht so laut, dass ich mich frage, ob er sich nicht zu viel zumutet. Doch vielleicht ist es nur seine Atemtechnik, die zu einem falschen Schluss bezüglich seines konditionellen Leistungsniveaus führt. Ich überhole ihn mehrmals, aber er kommt immer wieder nach.

Eine Werbetafel lädt ein, irgendwo in einem Weingut einen Sturm zu trinken. Ab einem Alkoholgehalt von einem Prozent wird der gärende Traubensaft  „Sturm“ genannt. Der hefetrübe Vorbote der kalten Tage und des Weinjahrganges ist süß und fruchtig. Es gab eine Zeit, da bin ich keinen Schritt gelaufen, stattdessen habe ich in der Wiener Innenstadt in einem Beisl um diese Jahreszeit täglich und regelmäßig Sturm kredenzt.

Endlich ist die 20 km-Anzeige zu erblicken, bis nach Spitz, dem Start des Halbmarathons, ist es nicht mehr weit. Im Vergleich zum Vorjahr bin ich heute deutlich langsamer unterwegs. Dies nur auf gewisse orthopädische Probleme zurückzuführen, wäre zu einfach. Ich denke eher, dass ich ein Leistungstief habe und mich mehr konzentrieren muss. Wenn man nur aufs Sammeln aus ist und der Marathon am Wochenende auch gleichzeitig Training für den kommenden ist, kann man sich nicht verbessern. Der gute Vorsatz sollte lauten, sich wieder mit Lauftraining die eigene mangelnde Grundlagenausdauer zu erhöhen. Nur wann? Im Winter in einem Trainingscamp, das wäre einmal etwas Neues.

Als ich in Spitz innehalte und die Donauflusslandschaft fotografiere, kommt der gesamte Tross nach, darunter auch eine zierliche Japanerin und der OMV-Läufer, der auf 10 m Entfernung hörbar schnauft. Drei junge Frauen im Cafe Marille lachen uns zu, sie genießen die warmen Sonnenstrahlen nach dem Dauerregen der letzten Tage. Ein Mann am Gehsteig sagt zu seiner Frau: „Herst schau, wia langsam da Longe unterwegs is, do bin ich im Gehn schnölla“. Wahrscheinlich hat er mich gemeint, aber ich tu so, als hätte ich nichts gehört.

Wenn ich zurückblicke, sind tatsächlich dem Anschein nach nicht mehr viele Läufer hinter mir, obwohl ich wie immer bei einem größeren Event etliche inzwischen nur mehr Gehende mit meiner 7er-Zeit, also 7 Minuten für einen Kilometer, einhole. Die 25 km-Marke nach dem Ort Wösendorf erreiche ich nach ca. 2:45 Stunden, da wäre sogar noch eine Finisherzeit um 4:45 möglich.

Wir nähern uns  Dürnstein, mit nur 886 Einwohner trotzdem eine Stadt an der Donau, wo der Überlieferungen nach vom Dezember 1192 bis März 1193 der englische König Richard Löwenherz auf der gleichnamigen Burg gefangen gehalten wurde, bis ihn sein treuer Sänger Blondel fand und er gegen ein hohes Lösegeld freigelassen wurde.

In Dürnstein, dem Start des Viertelmarathons, führt die B3 durch einen mehrere hundert Meter langen Tunnel, in dem es nach Abgasen stinkt. Das letzte Stück ist ansteigend, ich trabe an zwei Gehenden vorbei.

Die 30 km-Marke ist erreicht, bald kommen wir zur Staffelübergabe und zu einer weiteren Labestelle. Der Marathonkurs wird hier in einer Schleife nahe der Donau geführt, die Matte der Zeitnehmung wird kurz vor Kilometer 33,1 überlaufen. Erneut sind plötzlich wieder alle von mir Überholten auf der anderen Seite zu erblicken. Entweder bin ich langsamer geworden oder sie haben zugelegt. Vor einem nachkommenden jungen Japaner verbeuge ich mich und sage „Genki“ – also „Geht es dir gut?“ – auch er verbeugt sich.

Noch 9 km bis ins Ziel. Am Anfang eines Marathons ist der erste Zehner bald erreicht, doch am letzten Viertel eines Laufes über die 42,195km kommen einem 4 oder 5 km als lange Distanz vor. Der Japaner mit dem Spitzhut  am Kopf, den ich heute schon mehrfach begegnet bin und der langsamer als ich unterwegs war, hat noch Kraftreserven, er zieht an mir nun wohl endgültig vorbei.

In diesem Teilstück der Wachauer Bundesstraße B3 wird ordentlich saniert, die Hälfte der Fahrbahn ist gesperrt. Ich kann mir vorstellen, dass heute Tausende Halbmarathonläufer an dieser Stelle auf Engpässe gestoßen und sich vielleicht sogar auf die Schuhe gestiegen sind. Für uns Langsame ist dies aber kein Handicap. Das Läuferfeld ist so aufgelockert, dass man froh sein muss, wenn welche von hinten nachkommen und dann eine Zeitlang sichtbar bleiben.

Der schleifenartige Durchlauf durch die Stadt Krems hat mir persönlich nie so richtig gefallen. Das wäre wohl anders, wenn man im Hauptfeld laufen würde. Zuschauer sind knapp vor 15 Uhr kaum mehr welche anzutreffen. Mich ärgert, dass ich von Läufern überholt werde, die im Normalfall das Nachsehen hätten. Bei Kilometer 41 bekomme ich im linken Oberschenkel einen Krampf und muss stehenbleiben. Wieder ziehen schon etwas abgeschlagene Mitstreiter vorbei. Ich muss mich sehr bemühen, noch unter 5 Stunden zu finishen. Eine junge Läuferin kann ich gerade noch in Schach halten, doch beim Zieleinlauf wird keine Finisher-Bruttozeit angezeigt. Mit 4:58 auf meiner Uhr ist es sich gerade noch ausgegangen.

Die Medaille wurde im Vergleich zum letzten Jahr neu designt. Die Endverpflegung – Bananen, Orangenspalten, Wasser, Cola, Iso, Topfenkuchen und Brötchen – wird heuer nicht mehr im Zielbereich, sondern im Stadion ausgegeben. Dort ist viel Platz, um sich ins Gras zu setzen und zu regenerieren.

Ich treffe den in der österreichischen Läufercommunity allen bekannten Leopold „Poldi“ Eigner, der stets mit einem Shirt mit der Aufschrift „Eigner Express“ auf sich aufmerksam macht. Poldi ist ein sehr erfolgreicher Läufer, er wurde heuer mit 5:07:02 Dritter in der Altersklasse M-50 bei den Österreichischen Meisterschaften im Bergmarathon in Kainach über 44 km. Offiziell ist Poldi heute in der Wachau seinen 100. Marathon gelaufen. Genau genommen ist er aber schon längst ein Hunderter, denn in der Statistik der Deutschen Ultralaufvereinigung werden weitere 73 Läufe über 50 km ausgewiesen.

Ich mache einige Schnappschüsse vom Poldi und begebe mich dann zu den Kleiderbussen. Wie letztes Jahr finde ich nach längerem Suchen meinen Sack in der Lost-and-Found-Halle, wohin alle Taschen ab 15 Uhr befördert wurden.

Der 17. Wachaumarathon ist gelaufen. Mit 1:00:38 blieb der Kenianer Daniel-Kinyua Wanjiru knapp über der angepeilten sub 1h-Halbmarathontraumzeit.

Inzwischen strömen viele zum nahe gelegenen Bahnhof. Ich gehe ein Stück weiter zu meinem abgestellten Auto. Auf der Heimfahrt verkündet die Nachrichtensprecherin von Radio Niederösterreich, dass ein Läufer aus Oberösterreich heute beim Halbmarathon knapp vor dem Ziel zusammengebrochen und verstorben sei. Diese Meldung irritiert und macht nachdenklich. Lohnt es sich wirklich, für den reinen Hobbysport seine Gesundheit, ja sein Leben aufs Spiel zu setzen? Gewiss nicht, doch ich habe vollstes Verständnis für jeden, der so wie ich ein Ziel verfolgt und trotz Beschwerden weiter macht. Man kann sich nur wünschen, dass der Läuferkollege aus OÖ sein Hobby und seine Erlebnisse mit seinen Liebsten irgendwie teilen konnte und er auch so in deren Erinnerung weiterlebt.

 

Platzierungen bei den Herren:

1.Wolfgang Wallner: 2:32:02
2.Wolfgang Überfellner: 2:37:01
3.Herbert Reiter:2:46:20

Reihenfolge bei den Damen:

1.Limberger Veronika: 3:12:30
2.Regina Liebert: 3:18:51
3.Verena Leitner: 3:18:51

 

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Informationen: WACHAUmarathon
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