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Laufberichte

42 km di sport, arte, cultura e solidarietà

 

Die Zeitung Tremilasport bewirbt den am 26.März 2017 bereits zum fünften Male durchgeführten Laufevent mit zahlreichen Nebenbewerben so: „l‘unica maratona al mondo che collega due siti – Cividale del Friuli e Aquileia.“ Erst in einem Nebensatz wird die bei Kilometer 25 sehenswerte Passage durch zwei imposante Stadttore in Palmanova erwähnt, eine Gemeinde mit rund 5.500 Einwohnern in der Region Friaul-Julisch Venetien, die wegen ihrer bedeutenden historischen Architektur vermutlich 2018 in das UNESCO-Weltkulturerbe  aufgenommen werden wird. Cividale, der Ausgangspunkt des Marathons und Hauptstadt des ersten langobardischen Herzogtums in Italien, sowie Aquileia, einst eine große Stadt im Imperium Romanum, wo sich das Ziel vor der Basilika Santa Maria Assunta befindet, stehen schon in der Obhut der UNESCO.


Anreise, Startpaket und Sightseeing


Von Wien bis Klagenfurt, wo man in der Regel deutlich kostengünstiger nachtanken kann als in Italien, braucht man ca. dreieinhalb Stunden mit dem Auto. Für weitere 200 km bis Aquileia nochmals zwei Stunden. Kärntner könnten so erst am Renntag anreisen, denn in Cividale werden bis knapp vor dem Marathon in der Sporthalle die Startpakete ausgegeben.

Mein Albergo liegt 300 m vom Ziel entfernt, Duschen nach dem Lauf ist für 43,- Euro inkludiert.

Bei der Anreise herrscht strahlend schönes Wetter. Es hat 23 Grad in der Sonne. Das Auto parke ich vor dem Porta Aquileia, durch das der Lauf führen wird. Vor dem Eingang zur Expo direkt an der Piazza Grande steht ein älteres Ferrarimodell aus der F1. Ein gutes Motiv für Selfies. Mit 1.92 m Körpergröße hätte ich in so einem Rennwagen keinen Platz.

 

 

Angemeldet habe ich mich über TDS, einer von mehreren italienischen Zeitnahme-Firmen, die auch die Startgelder einkassieren und bei den Transferspesen (zusätzlich ca. 3,50 Euro) verdienen. Aber für knapp 40,-Euro (35-45 Euro; Nachmeldung allerdings 60,-Euro) mit einer mit dem Marathonlogo etikettierten Flasche Chardonay, einem Iso-Getränk, einem Funktionsshirt und weiteren kleinen Aufmerksamkeiten im Startsackerl bekommt man viel für sein Geld. Ich sehe auf der Startliste im Aushang, dass gut ein Dutzend Österreicherinnen und Österreicher morgen dabei sein werden. Prominentester Läufer ist wohl Dr. Reinhold Lopatka, Klubobmann der ÖPV im österreichischen Parlament und passionierter Marathonläufer, dem nur mehr vier Rennen auf den Hunderter fehlen.

Ein Motiv der Österreicher hier zu starten, mag nicht nur die Nähe zur Heimat sein, um es pathetisch zu sagen, es ist wohl auch der schnelle Kurs. Die Marathonstrecke führt vom Start auf 140 m Seehöhe kontinuierlich absteigend bei Kilometer 35 fast auf Meeresniveau hinunter. Für gut trainierte Läufer sind hier persönliche (Jahres-) Bestzeiten nach meiner Einschätzung möglich. Ich möchte unbedingt wie letztes Jahr sub 5 h bleiben, ein bescheidenes Ziel. 3:30 h-Finisher können darüber wohl nur lächeln.

Wer in Palmanova verweilt, findet in der Altstadt zahlreiche Sehenswürdigkeiten vor. Die Ende des 16. Jh. von der Serenissima Republica di Venezia gegen die Türken und slawischen Piraten errichtete Festung hat die Form eines neuneckigen Sterns. Die Stadt selbst mit vollkommen symmetrischem Grundriss, wie man beim Eingang auf einer Luftaufnahme auf einer an einer Böschung aufgestellten Schautafel gut erkennen kann, gilt als Meisterwerk der Militärkunst in der Spätrenaissance. Die Anlage ist von drei befestigten Kreisen umgeben, die ersten beiden venezianisch, der dritte napoleonisch. Als Napoleon 1805 die Stadt besetzte, ließ er einen weiteren Kreis erbauen – die Wirksamkeit der Kanonen war nämlich inzwischen größer. Nach der Zeit Napoleons fiel Palmanova wieder an die Habsburger zurück. Erst 1866 wurde es in das neu entstandene Königreich Italien integriert.

Zugang zur Stadt hat man durch drei massive Tore, Porta Aquileia, wenn man vom Süden kommt, Porta Udine und Porta Cividale führen nach Norden. Das Herz der sternförmigen Stadt ist der Piazza Grande, der alte Platz der Waffen, von dem strahlenförmig die sechs Straßen ausgehen: drei Borghi und drei Kontrade. In der Mitte des Platzes, der gerade baulich umgestaltet wird – weil die Stadtverwaltung man fest damit rechnet, dass Palmanova im nächsten Jahr ins Weltkulturerbe aufgenommen wird – steht die Standarte, die mit den Statuen der Generalgouverneure dekoriert ist. Zahlreiche Palazzi befinden sich umliegend.  

Mit dem prall gefüllten Startbeutel spaziere ich zum barocken Dom, an dessen Fassade mehrere Statuen Sinnbild für diese kulturhistorische Epoche sind. Im Innern befindet sich eine hölzerne Madonna aus dem 15. Jh., während das übrige Inventar wie z.B. Fresken und das Altarbild von Künstlern im Barockzeitalter gestaltet wurden.

Um 16 Uhr fahre ich ins 16 km entfernte Aquileia und komme zum Forum von Aquleia, das 1936 in seiner spätantiken Form rekonstruiert wurde. Dann mache ich mich auf den Weg zur Basilika von Aquileia, deren Grundfesten bis auf das 4 Jh. n.Chr. zurückgehen. Heute weist die Basilika größtenteils romanisch-gotische Formen auf. Bedeutend ist ihr Mosaikboden aus dem 4. Jh. Die Holzdecke stammt aus dem 15. Jh. – zwischen Fußboden und Decke liegen tausend Jahre mit geschichtlich-historischen Ereignissen.


Am Renntag

 

Die Abfahrt des Zugbringerbusses von Aquileia zum Startareal in Cividale ist für 6 Uhr 30 terminisiert – man musste sich dafür anmelden, damit der Veranstalter abschätzen kann, wie viele Busse bereitzustellen sind. Die Stimmung im Bus ist gut, so richtig unausgeschlafen wirkt niemand (Stichwort Sommerzeit). Zuerst geht es nach Palmanova, dann weiter nach Aquileia.

Neben dem Marathon mit Startzeit um 9 Uhr 30 sind weitere Bewerbe vorgesehen: Schon um 9 Uhr erfolgt der Roller Marathon über die volle Distanz nach Aquileia; wenig später, um 9 Uhr 20, dann der Grand Prix Handbike ebenfalls über 42,195 km; einen Schwimmbewerb gab es schon am Vortag – nun folgt der getaktete Einzelstart der Radsequenz nach Palmanova und anschließend der Lauf nach Aquileia. Weiters sind im Programm ein Lauf  und Nordic Walking über 16,595 km und ein Staffellauf für zwei Bewerber. In Aquileia selbst ist für 9 Uhr „La Run for Life” (Marcia per la vita) über 7, 12 oder 21 km vorgesehen.

 

 

Schon letztes Jahr war es im 140 m höher gelegenen Cividale empfindlich kalt am Morgen. Ich habe mir gleich mehrere Kleidungsalternativen im Tragebeutel hergerichtet. Aufwärmen kann man sich in der Sporthalle. Knapp vor dem Start treffe ich Börnie Keiler und Herbert Bauer, Mitglieder des 100 MC AUT. Es wird Zeit, meinen Kleiderbeutel abzugeben – in einem Bus werden die Säcke nach Aquileia gebracht.

Ich stelle mich in die Nähe der 4:15er Pacergruppe mit roten Ballons, wissend, dass eine reine Sechserzeit dzt. einfach zu schnell für mich ist. Aber ein kurzes Stück sollte ich schon mithalten können. Es geht los,  Börnie läuft knapp vor der 4:15er-Gruppe, den Herbert habe ich aus den Augen verloren. Gut möglich, dass er einen Schnellstart hingelegt hat und weiter vorne ist.

Man erkennt das leichte Gefälle mit bloßem Auge. Ich bin ja ein Abwärtsspezialist, eigentlich müsste ich auf dieser Strecke Vorteile haben – aber die 4:15er ziehen davon. Bei einer Brückenüberführung vergrößert sich ihr Vorsprung weiter. Nur Franceso, erkennbar am Namensaufdruck auf seinem Shirt, verliert wie ich den Anschluss. Die 4:30-er Gruppe liegt noch gut 500 m zurück. Bei einer gesperrten Straßeneinfahrt stehen eine Handvoll Zuschauer, die offenbar aus ihren Autos ausgestiegen sind und darauf warten, bis der Läufertross vorbeigezogen ist. Die erste Labe ist wie angegeben exakt bei Kilometer 5 – es gibt neben Wasser auch ein Isogetränk sowie Apfel- und Orangenstücke. Meine Uhr zeigt 31 Minuten an, das passt soweit. Ich blicke mich um, die 4:30er sind fast einen Kilometer hinter mir und Franceso.

 

 

Der Frühling ist hier in Friaul schon weiter als in Kärnten, wo in schattigen mittleren Höhenlagen auf ca. 800 m noch Schnee liegt. Bei Kilometer 7,5 werden das erste Mal Schwämme ausgegeben, nur so warm ist es noch lange nicht, dass ich mich kühlen muss. Börnie hat mich am Start noch darauf hingewiesen, dass heute gegen Mittag 20 Grad möglich sind. Landschaftlich fällt auf, dass in dieser Region Weinbau betrieben wird. Doch die Reben haben noch keine Austriebe.

Einige Hundert Meter nach der 10 km-Anzeige mit angeschlossener Labe laufen wir durch die  Kommune Manzano (friaulisch: Manzan) mit ca. 6.500 Einwohnern. In dieser Region leben mehr als eine halbe Million Menschen, die Friaulisch sprechen. Zu den Minderheiten zählt die Deutsch und Slowenisch sprechende Bevölkerung. Aber bevor ich ins Grübeln komme: die 4:30er-Gruppe, angeführt von einem 2 m-Riesen als Pacemaker, braust daher. Ich soll mich ihnen anschließen, schreit man mir zu. Gerne, für ein kurzes Stück. Mehr geht nicht.

In San Giovanni al Natisone, eine Kommune mit ca. 6000 Einwohnern, sind 15 km erreicht. Im Umland hat sich vor Jahren eine Industriesparte für die Herstellung von Tischen und Sesseln entwickelt, die ihre Rohware aus Kuchl in Tirol bezieht. Ob der schwunghafte Holzhandel noch genauso gut läuft wie seinerzeit, müsste man erheben. Ich schaue auf die Uhr, 15 km in 1:37 h sind nicht so schlecht, wenngleich ich bald wieder mit dem Rechnen beginnen werde. Die Ortschaft Medeuzza kündigt sich an, neben mir läuft schon die ganze Zeit ein Veteran über 70. Als ihn die Leute anfeuern, zieht er bei Kilometer 17 wie ein Turbo davon.

Ein langer Anstieg auf eine Brücke bremst erneut. Ein Mann meint es gut und sagt „Forza, forza“. Ich nicke und sage „Grazie“. Der Fluss Torre führt kein Wasser, man sieht nur ein riesiges Schotterbett. Ich begebe mich auf beide Seiten des Geländers, Wasser sehe ich wirklich keines. Auf der anderen Seite der Brücke erblicke ich die 20 km-Anzeige. Ich nutze das Gefälle und lege etwas an Tempo zu. Vor mir sind zwei Geher unterwegs, vielleicht sind sie es zu schnell angegangen und müssen nun Tribut zahlen. Die Halbmarathondistanz erreiche ich nach 2:17 h.

 

 

Als ich mich der 25 km-Marke vor dem Porta Cividale nähere, steht Gabriela, eine der 5 h-Pacerinnen bei einer Passantengruppe und unterhält sich. Mehre in historischen Uniformen verkleidete Männer bilden ein Fotomotiv für die Touristen. Gabrielas Taktik ist überlegenswert, schneller laufen, um mehr Zeit fürs Ausruhen zu haben. Kaum schließe ich auf, zieht die Gruppe wieder an. Am Piazza Grande wartet um diese Uhrzeit längst kein Staffelläufer mehr, der rote Teppich führt durch einen blauen Luftbogen in Richtung Porta Aquileia. Kilometerpunkt 26 wird nahe dem Ausgang erreicht, meine Uhr zeigt 2:56 an. 2 h und 4 min für verbleibende 16 km, das könnte sich ausgehen.

Als ich durchs Tor laufe, sehe ich in der Ferne wieder einen Marschierer. Doch es handelt sich um einen Finisher des Staffelbewerbs, der mit dem Rucksack am Rücken vielleicht zu seinem geparkten Auto spaziert.

Bei Km 29 steht am Rande eines Weingartens eine kleine Kapelle – ob man nach guter alter Tradition vor oder nach der Lese Dank abstattet, wäre Gegenstand einer volkskundlichen Recherche in Friaul-Julisch Venetien. Die Uhr zeigt 3:19 h an, die 30 km-Marke sollte ich noch knapp unter 3:30 erreichen. Franchesco, der mit den 4:30ern davonzog, geht jetzt vor mir schleppenden Schritts. 12 km werden auch auf einer geraden Strecke auf Meeresniveau nicht weniger, sollten aber in 1 ½ Stunden zu schaffen sein. Doch nun kommt ein unangenehmer Ostwind auf, der bei meinen bei 1,90 m Körpergröße viel Angriffsfläche hat und bremst. Ich komme nur langsam voran.

Der Kurs verläuft nun fast auf Meeresniveau auf der gesperrten, von Pappeln und Zypressen gesäumten SS14 fast schnurrgerade nach Cervignano, mit 14.000 Einwohnern eine Kommune mit Stadtcharakter. „Wiedersehen macht keine Freude“, werden sich vielleicht jene Kolleginnen und Kollegen insgeheim denken, die ich nun sukzessive wieder einhole. Es sind 11 an der Zahl, die ich mit einem „ciao“ hinter mir lasse. Vor der Labestelle in Cervignano steht die 35 km-Tafel. Ein Mann mit grünem Ballon kommt zappelnden Schrittes auf mich zu. Ist das nun ein Firmenläufer oder vielleicht der 6 h Pacer? „No, cinque ore“ – die Uhr zeigt 4:10 an. Er müsste 6:15 min/h laufen, um wie vermutlich vorgenommen mit 4:59 zu finishen. Oder legt er die 5 h-Vorgabe großzügiger aus, dann käme es auf ein paar Minuten darüber nicht an? Ich hefte mich an seine Fersen und kann gut mithalten.

Links von der Einfahrtsstraße führt der Alpe-Adria-Radweg vorbei. Von Villach kann man in mehreren Tagesetappen über Tarvisio, Udine, Palmanova, Aquileia bis nach Grado radeln. Wegen des Gefälles ist die Passage von Kärnten aus die beliebtere.

Bei der 40 km-Anzeige bleibe ich nicht stehen. Gleich hinter der Ortstafel von Aquileia befindet sich die vorletzte Kilometeranzeige: die Uhr zeigt 4:56 h an, der 5 h-Schlussmann mit den grünen Ballons liegt 300 m vor mir. Er kann noch so strampeln, er wird über der Zeit bleiben.

„Aquileia te salutat“ – steht auf einer Tafel am Ortsanfang. „Saluto etiam Aquileiam“ – grüßt der Lateinkundige zurück. Die Uhr zeigt 5:00:12 an, als ich langsamen Schrittes mit Kamera im Anschlag an den mir entgegen kommenden Läuferkolleginnen und -kollegen, die schon geduscht und umgezogen zur Busabfahrtsstelle beim Fußballplatz spazieren, vorbeitrabe. Börnie, der sich in einer Österreichergruppe befindet, schreit mir zu, dass es nicht mehr weit sei. Mein selbst verfasster Leitspruch zu meinem Hunderter in Rom im März 2012 lautete: „Curro ergo sum“. Laufen ist Selbsterfahrung und auch Existenz. Ich bestimme die Zeit dafür und bleibe trotzdem im zeitlichen Rahmen. So laufe ich mit 5:05 ein und bin zufrieden.

 

 

Ein Helfer nimmt mir den Chip ab und händigt mir die Medaille aus. Auf der Vorderseite ist die Basilika di Santa Maria Assunta dargestellt, auf der Rückseite sind die Wappen der Unesco Cities Cividale, Palmanova und Aquileia eingraviert. Ich nehme ein Isogetränk und hole den Kleidersack aus einer wohl für den Event aufgebauten Zeltkonstruktion neben der Basilika, wo auch Umkleiden und wie mir scheint Duschkabinen untergebracht sind. Am Rückweg sehe ich Marco Simonazzi und Herbert Bauer fast zeitgleich mit 5:14 oder 5:15 einlaufen. Auch sie werden mit ihrer Leistung heute zufrieden sein.


Mein Fazit


Der UNESCO Cities Marathon ist bestens organisiert und bietet den Läuferinnen und Läufern ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Die bis Cervignano konstant leicht abwärts führende Strecke ist geradezu prädestiniert für all jene, die hier ihren ersten Frühjahrsmarathon im neuen Laufjahr planen und eine gute Finisherzeit erreichen wollen. Es ist zu erwarten, dass der Event mit seinen zahlreichen Nebenbewerben in den kommenden Jahren wachsen wird. Vielleicht werden dann auch mehr als zwei Deutsche wie eben diesmal beim Hauptbewerb starten.

Sieger Herren:
1. Saverio Giardello (ITA): 02:35:17
2. Martin Ocepek (SLO): 02:36:58
3. Jaco Smith (RSA): 02:38:49

Damenreihung:
1. Manuela Rebuzzi (ITA): 03:13:14
2. Federica Bongiovanni (ITA): 03:15:14
3. Milena Grion (ITA): 03:18:55

Finisher:
Marathon: 439

 

Informationen: Unesco Cities Marathon
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