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Laufberichte

Rock und Barock

13.05.12

 

Renntag


Die Stadt erwacht, es ist ein kalter und windiger Muttertag. Aber im Gegensatz zu gestern, funkelt heute Morgen die Sonne über den Dächern.

In den Gassen werden die Rollläden an den Geschäften hochgekurbelt, Sonnensegel ausgefahren, Stühle vor die Kaffeestuben gestellt und so manche Bierkneipe lässt den Rauch und Dunst der letzten Nacht zur Tür hinaus. Langsam füllt sich die Fußgängerzone am Altstädter Ring mit Akteuren und Statisten.

 

Anstandswinkel


Während sich die Hauptdarsteller, sprich die Elite, im Startbereich bereits warm läuft, suchen wir Laien die Kleiderabgabe, andere ihren Startblock. Es herrscht ein wirres Treiben wie im Mittelalter beim Markt der Attraktionen.  Wie viele andere auch führt mein Weg dann irgendwann zu Jenny. Jenny oder Jonny heißen hier die aufgestellten Plastikhäuschen, vor denen sich irgendwie immer eine Warteschlange bildet. In diesem Moment wünschte ich mir die Melone von Pan Tau zu besitzen, um mir das, was ich jetzt am dringendsten benötige, herbeizuzaubern. Dabei fällt mir ein, was ich im Reiseführer über die öffentlichen Toiletten Prags gelesen habe: Die ersten öffentlichen Toiletten in Prag gab es um 1835 und wurden auf Deutsch "Anstandswinkel" genannt. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts gab es selbständige kleine Häuschen im "Schweizer Stil", die gut ausgestattet waren. Tatsächlich gab es die Toiletten der I., II. und III. Klasse. Toiletten III. Klasse waren kostenlos, für die erste Klasse bezahlte man vier, für die zweite Klasse dann zwei Kreuzer. Wer wollte und konnte, der kaufte sich gleich eine Jahreskarte. Schilder zeigen uns denn Weg zur Abgabe der Kleiderrucksäcke, zu den Duschen und den Weg zur späteren Massage. Doch bis hierhin sind es noch einige Meter zu laufen.

Dann haben auch wir es geschafft und stehen im Startblock. Über 9000 Läuferinnen und Läufer aus 80 Ländern stehen zum Start bereit. Unter ihnen auch der 51jährige Tscheche Ales Tvrdy. Vor 18 Jahren konnte nur eine Herztransplantation sein Leben retten. Davor war er Ultramarathonläufer und Ironman. Eines Tages kam er noch nicht einmal mehr die Treppe hoch. Während alle ihren Blick auf die Uhr oder gen Start gerichtet haben, möchte er heute erstmals seit dieser Zeit einen Marathon laufen, die Zeit ist ihm egal. Eben noch Lärm und wie auf ein Zeichen dann völlige Ruhe und gespanntes Warten.

Passend zum Szenario schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Der Startschuss fällt und die hellblau-weißen Luftballons steigen begleitet von Bedřich Smetanas Noten in den Himmel auf. Smetana komponierte 1874 das Stück „Die Moldau“ bei fast völliger Gehörlosigkeit. Wie in einem Open-Air Konzert begleitet uns diese Musik auf unseren ersten Schritten über das historische Pflaster. Passender geht es nicht. Mit „Gänsehaut“ laufe ich durch eine Altstadt, die aufgrund ihrer geschichtlichen Gebäude zum Weltkulturerbe zählt.

Wir folgen den Spuren, die schon Schnabelschuhe auf diesen Straßen hinterlassen haben. Während im Mittelalter die Länge der Schuhspitze bei den damals modernen Schnabelschuhen etwas über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand aussagte, ist es heute der Laufschuh. Man sieht sie in Schwefelgelb, Mandarine, Wasabigrün oder Kobaltblau. Noch immer hören wie die Klänge Smetanas, als wir das Pflaster der Prachtstraße Pařížská (Pariser Straße) betreten. Bis zur Jahrhundertwende waren hier jüdische Ghettos, die im Zuge der Sanierungsarbeiten abgerissen wurden. Vorübergehend erhält die Straße den Namen Asanacni (Sanierungsstraße). Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten um 1925 wurde sie in Pariser Straße umbenannt. Hier ist zwar nicht Paris, aber weltstädtisches Flair hat die Pařížská dennoch. Gebäude mit der typischen Giebelform und dem feinen Jugendstil - Mosaik am Erker.  Das gehobene Bürgertum wohnte in den riesigen luxuriösen Mietshäusern, deren Bauart historisierende Baustile mit floralen Elementen des Jugendstils vereinigt. Geschäfte mit Luxusgütern und mondäne Restaurants sind heute darin. Nicht nur damals waren die Bewohner und Gäste Prags beeindruckt.

Wir laufen auf die Moldau zu, denn die Pařížská verläuft quer durch das jüdische Viertel. Umberto Eco hat sich in seinem Roman „Der Friedhof in Prag“ von dem Judenfriedhof, welcher sich in Schlagdistanz zur Laufstrecke befindet, inspirieren lassen.  Weit über zwölftausend meist verfallene Grabsteine befinden sich auf diesem Friedhof. 

Schon erreichen wir mit unseren Pflastertretern die Čechův most (Moldaubrücke). Die Moldaubrücke ist mit der Länge von 170 Metern die kürzeste Brücke über die Moldau in Prag. Auch „Georg eilt zur nahe gelegenen Brücke, schwingt sich über das Geländer und lässt sich mit dem »leisen« Ausruf: »Liebe Eltern, ich habe Euch doch immer geliebt«, hinabfallen“. Von dieser Brücke springt Georg Bendemann, von seinem Vater zum "Tode des Ertrinkens" verurteilt, in Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil" von 1912. So schwermütig, wie sich die Moldau durch Prag schlängelt, laufen wir jetzt zum ersten Mal über den Fluss. Die Brücke verbindet die Stadtteile Staré Město/Josefov mit Malá Strana (Kleinseite), unserem nächsten Ziel. Nicht zu übersehen ist das Metronom gerade vor uns auf einem Hügel.

Spuren der jüngsten sozialistischen Vergangenheit sind im Stadtzentrum kaum zu finden. Schnell entledigten sich die Prager nach der „Samtenen Revolution“ von den Überbleibseln dieser „dunklen Zeit“. Das monströse Denkmal von Josef Stalin (dreißig Meter hoch und 14000 Tonnen schwer) wurde sogar schon 1962 gesprengt. An seiner Stelle steht seit 1991 nun das  Metronom als Symbol der Vergänglichkeit der Zeit, nur leider tickt es heute nicht.

Wir haben alle Zeit der Welt und Kay freut sich über die erste Band, die sich und uns einheizt. Weiter geht es unterhalb der Prager Burg mit einer ganz leichten Steigung, bevor wir etwa bei Kilometer zwei auf die Mostecká (Brückenstraße) laufen. Entstand das Kopfsteinpflaster in der Altstadt bereits 1329 und damit in einer der ersten Städte Europas, so waren zu dem Zeitpunkt bereits erste Straßen als feste Trampelpfade auf der Prager Burg, dem Vyšehrad und in der Altstadt eingerichtet. im Mittelalter handelt es sich um einen pulsierenden Verkehrsweg, auf beiden Seiten gesäumt von Häusern mit Barockfassaden und Geschäften. Die Straßenlaternen flackern, es riecht nach Rossäpfeln und mit noch mehr Phantasie hört man das widerhallende Klappern von Hufen auf den Pflastersteinen, das durch das Labyrinth aus Häuserwänden dringt. Und was wäre Berlin ohne sein Brandenburger Tor und was wäre Prag ohne die Karlsbrücke? Schon haben wir die weltberühmte Brücke erreicht.

 
 

Informationen: Prague Marathon
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