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Laufberichte

Kurz und schmerzhaft

 

Es geht aufs Eis

 

Nur ein paar Meter lang ist der nasse Übergang vom nicht gefrorenen Geröll zum Eis. Etwas ungewohnt ist das Laufen mit Spikes, die auf dem Eis eine gute Haftung haben. Man sollte vielleicht betont auf dem Vorderfuß laufen, denn die Nägel sind im vorderen Teil. Wir laufen den sogenannten Notweg hinunter. Nach einigen Jahren Streiterei zwischen Behörden und Anwohnern und Naturschützern wurde im Jahr 2006 das Projekt einer Talabfahrt durch das Grießtal hinunter nach Mittelberg durchgesetzt. Sinn und Zweck des Notweges soll sein, dass bei einem Ausfall der Gletscherbahn das Skigebiet geräumt werden kann.

Der Fahrweg ist gut zu sehen, zusätzliche Markierungen geben uns die Sicherheit, dass wir richtig sind. Kaum zu glauben, dass teilweise ein Gefälle von 25 Prozent vorhanden ist. Die Kettenfahrzeuge haben trotz der Steilheit genug Grip. An einer Stelle hat die Bergrettung ein Fixseil angebracht. Ich brauche es nicht, die Spikes krallen sich in das Eis. Die zu überwindenden Gletscherspalten sind höchstens 20 Zentimeter breit, also relativ ungefährlich. Neben dem markierten Weg könnte das ganz anders sein. Also immer schön in der Spur bleiben.

Etwa fünf Minuten laufen wir auf dem Notweg hinunter, dann ist der wegen Bau- und Sprengarbeiten gesperrt. Wir biegen rechts ab, die Stangen zeigen uns den weiteren Weg. Wir queren jetzt den Gletscher. Immer wieder fließen kleinere Rinnsale nach unten. Mir macht es Spaß, meine Begleiter zu fotografieren: Daniela Mangana kommt aus Uruguay, sowie Marina Oertwich und Toni Seitel.

Nur ein paar Meter vom Ende der gefährlichen Strecke entdecke ich eine Gletschermühle. Das sind spiralwandige Hohlformen im Eis, in denen das Schmelzwasser hineinstürzt. Eingelagerte Steine vergrößern den Durchmesser der Gletschermühle, die bis zum Gletschergrund reichen kann. Man sollte tunlichst vermeiden, in solche Dinger zu fallen. Wir erreichen eine weitere Helferin, die unsere Nummern aufschreibt. Die Spikes werden abgenommen und im Rucksack verstaut.

 

Langer Weg zur Braunschweiger Hütte

 

Der weitere Weg führt uns nun durch ein Gelände mit Schutt vom Linken Fernerkogel, der rechts von uns liegt. Wir wurden ermahnt, auch hier nicht mit der Konzentration nachzulassen, denn den Gletscher bedeckt eine Stein- und Schuttschicht. Du solltest also auf den Steinen laufen, denn an einigen Stellen blitzt das Eis hervor und man will ja nicht stürzen, wenn es einem den Fuß wegziehen sollte. Die Markierungen sind nicht immer gleich zu erkennen und meine drei Begleiter schicken mich voraus.

Wir müssen mehr bergauf als bergab, bis wir gegen 13.00 Uhr die Braunschweiger Hütte vor uns sehen. Die liegt am Europäischen Fernwanderweg E 5. Vor acht Jahren stand ich hier auf dem Weg von Oberstdorf nach Meran, der Klassiker unter den Alpenüberquerungen. 1892 wurde die Unterkunft erbaut, später zwei Mal erweitert. Knapp 60 Betten und 130 Lager sind vorhanden. Die Aussichtsterrasse ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Stunden soll man für den Aufstieg von Mandarfen benötigen.  Aber wie lange wird unser Abstieg dauern?

 

Der ewige Abstieg

 

Sausteil geht es da den Jägersteig hinunter, nicht ganz ungefährlich. Auch hier musst du trittsicher sein. Etwa 30 bis 40 Minuten lang marschieren wir in Kolonne auf dem keinen halben Meter breiten Steig hinunter. Einige bepackte Wanderer kommen heraufgestiegen, die werden wohl nicht nur zum Nachmittagskaffee einkehren, sondern übernachten und am nächsten Tag weiterziehen. Vielleicht nach Vent, dem nächsten Etappenziel auf dem E 5.

Zwei, drei Kehren laufen wir auf dem Notweg hinunter, dann zeigt ein Schild wieder nach rechts auf einen Singetrail. Auch hier müssen wir steil hinunter. Immer wieder können wir uns an Drahtseilen einhängen. „Da braucht Ihr Euch nicht schämen, zuzupacken“ hieß es beim Briefing. Einen besseren Stand hast du schon. Später zeigen Schilder den Murmeltiersteig und Steinbocksteig an. Die Drahtseile des Erlebnissteigs beginnen direkt am Bergweg.

Der Abstieg wird dann einfacher. Später überholt mich eine Läuferin ohne Startnummer. Sie läuft auf einen Felsblock zu, nimmt ihr Mountainbike und radelt davon. Aha, eine schnelle Trainingseinheit. Die Besucher im Gletscherstübele (1891 Meter) schauen verdutzt, als ein schwitzender Trailläufer (ich) vorbeihastet, denn ich brauche jetzt wieder Getränke. Meine Literflasche ist ausgezuzzelt. Die letzten zehn Minuten darf ich auf bequemen Almweg rennen. Und dann biege ich auf das Startgelände ein. Verpflegung.

 

DNF - Impressionen im Ziel

 

Erwin steht an der Tankstelle und stellt nüchtern fest: „Wir sind alle raus. Cut Off war um 14.00 Uhr. Ich habe es nicht geschafft.“ Einige stehen bedröppelt herum und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wir resümieren, etwa zehn bis zwölf werden wohl mit einem DNF in der Liste stehen. Mein erster Gedanke: „Ganz große SCH…“.

Die ganze Zeit  habe ich mich gut gefühlt, habe hart trainiert, bin gelaufen wie immer und habe nicht getrödelt. Die Ergebnisliste wird später gerade mal 31 Finisher (von 52 gestarteten Teilnehmern) 31 aufzählen. Keine große Finisherquote. Der Zeitplan sieht für die schnellsten Trailer für die 42km-Strecke  5,5 Stunden vor.  Tatsächlich benötigte der Sieger fast sieben Stunden.

Hier stimmt was nicht. Wenn man, wie beabsichtigt, mehr Trailläufer an den Start bringen will, muss man entgegensteuern. Der Veranstalter ist einsichtig und hat das auch spontan zugesagt.  Es gibt da einige Möglichkeiten. Den Start eine Stunde vorverlegen ist nur eine davon.

Nach 28 Jahren Lauferei steht heute zum ersten Mal ein DNF hinter meinem Namen. Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen: Pitz Alpine, das war's noch nicht!

 

Lest dazu das Exklusiv-Interview mit Alexander Pittl,
Chef der Laufwerkstatt, Innsbruck

 

Im Taschachtal

 

Nach zwei Bierchen ist mein Frust verflogen, aber ich brauche noch ein paar Kilometer und mache mich auf den Weg ins Taschachtal. Die letzten Läufer über die 26 Kilometer kommen mir entgegen. Und dann dauert es nicht lange, bis mir die ersten 42K-Trailer entgegenkommen. Ich marschiere bis zur Talstation des Materialliftes zum Taschachhaus, dann treibt mich Petrus mit Blitz, Donnerschlag und Wolkenbruch im Galopp nach Mandarfen zurück.

Wenn es die Gelegenheit geben wird, 2016 mit einem nicht ganz so strengen Cut Off den Marathon zu finishen, dann möchte ich wieder an den Start gehen. Wer gut trainiert ist, kann die beiden kürzeren Läufe wagen. Für den Marathon braucht es gehörige Trailerfahrung und andauernden Willen für ein erfolgreiches Finish.

 

 

 

Auszug aus der Ergebnisliste

 

42 km Männer

1. Lorenz Köhl GER 6:57:49 
2. Andrin Kappenberger SUI 7:22:30 
3. Benedikt Margreiter AUT 7:34:54

42 km Frauen

1. Marie Rouire  FRA 9:52:08 
2. Marina Waldmann GER 10:35:45 
3. Brigitta Szilagyi HUN 10:41:59 

 
85 km Männer

1. Yannick Pingault FRA 18:00:56 
2. Sebastian Kleis GER 18:09:38 
3. Patrick Rasch AUT 18:46:25

85 km Frauen

1. Vera Gansen  GER 23:29:12

 

100 km Männer

1. Petru Muntenasu GER 17:46:07 
2. Mario Gruber  AUT    19:43:30 
3. Thomas Heißl  AUT 21:29:24 

(Keine Frau im Ziel)

 

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Informationen: Pitz Alpine Glacier Trail
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