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Laufberichte

Kurz und schmerzhaft

 

 

"Brenna tuat's"

 

Fast in direkter Linie oder in engen Serpentinen geht es an der Südflanke des Mittagskogels hoch. Die Muskeln maulen und die direkte Sonneneinstrahlung sorgt dafür, es brennt. Doch mit jedem Höhenmeter wird die Aussicht auf das Pitztal prächtiger.  Viele Blumen blühen noch auf den Wiesen. Kühe und Schafe werden hier jedenfalls nicht gehalten. Der etwa 50 Zentimeter breite Bergpfad ist in mühevoller Handarbeit gemäht worden, so dass wir jede Unebenheit, jede Stufe und jeden Absatz sofort sehen können.

Später schwenkt der Pfad ein wenig nach rechts, die Steigung lässt nach. Jetzt wird die Aussicht in das Taschachtal besser. Dort unten am Taschachbach werden in einigen Stunden die Trailläufer ihr letztes Wegstück in Angriff nehmen. An einem Geröllfeld mit teilweise mannhohem Blockwerk muss ich mich konzentrieren, denn ausrutschen oder stürzen brauchst du da nicht, denn der Fels gibt keinesfalls nach. An wenigen Stellen greife an den Felsen zu und erhalte dann ein besseres Gleichgewicht. Hier reicht es noch, beide Stecken in eine Hand zu nehmen. Auch sollte man die rot-weißen Markierungen beachten, nicht dass man neben der Spur landet. Die Helfer haben aber gute Arbeit geleistet. Außer den reflektierenden Schildern sind viele Flatterbänder angebracht.

Immer weiter steigen wir auf, dann können wir auf der anderen Seite des Taschachtales den 2232 Meter hohen Rifflsee erkennen. Ruhig liegt das Gewässer in der Talmulde zwischen den hohen Bergen des Kaunergrats. Der Seebach, Abfluss des Sees, scheint eine Menge Schmelzwasser zu transportieren, denn der Geräuschpegel von jenseits des Taschachtals ist hoch.

 

Dem Himmel nah

 

Ich bin nun 90 Minuten unterwegs, die Mittagsscharte oberhalb von uns ist nicht zu erkennen. Nach dem Bauchgefühl dürfte die Hälfte des Anstiegs hinter uns liegen, denn der Rifflsee liegt deutlich auf tieferem Niveau. Ich schätze, dass wir schon auf einer Höhe von 2500/2600 Meter wandern. Laufen unmöglich!

Das Gelände wird wieder steiler. Hinter mir marschieren fünf, sechs weitere Trailer. Trotz meiner Fotopausen können sie den Abstand nicht verringern. Ein Bergsteig zweigt zum Muttler (2630 Meter) ab, von dem sich ein toller Ausblick bietet. Es gibt vom Tourismusverband einen Flyer, in dem einige Trails beschrieben werden. Der Muttler Skyrun Trail ist eine Strecke davon, die auf dem gleichen Weg verläuft, den wir gegangen sind. Drei Stunden sind als Zeitbedarf angegeben als Hin- und Rückweg.

Ein Holländer geht vorbei mit langen Schritten, es ist bereits 11.00 Uhr vorbei. Joep Kerstjens   murmelt etwas von 3000 Meter Höhe, aber er glaubt, dass wir noch 150 Höhenmeter darunter sind. Es wird noch steiler, die Stöcke könnte man jetzt in den Rucksack packen, sie behindern mehr als dass sie nützen. Vor allem ist jetzt erhöhte Aufmerksamkeit nötig, um keine Steine loszutreten. Die dünne Luft lässt die Lungen rasseln. Höhenanpassung schaut anders aus.

Du musst jeden Schritt wohlüberlegt setzen  und immer wieder schauen, dass du in der Nähe der vielen rot-weißen Markierungen bleibst. Dann glaube ich, einen kurzen Jodler zu hören. Oder ist es ein Traum? Bin ich im Delirium? Ich täusche mich nicht. Ein Kamerad der Bergrettung lässt bei jeden Trailer, den er aufschreibt, einen Juchzer los. 2,5 Stunden bin ich unterwegs. Und bekomme trotz der schnellen Zeit einen Anschiss vom Bergler, nein zwei: „Du schnaufst ja net. Und Schwitzen tuast a net.“ Auf der Mittagsscharte sind wir auf 3080 Meter, so hoch war ich als Läufer noch nie.

 

Mittagsscharte - Gletscherexpress

 

Fünf Minuten müssen wir durch Blockwerk klettern, dann sehe ich die Markierung, die auf den 3159 Meter hohen Mittagskogel linkerhand von uns zeigt. Und nach wenigen Augenblicken haben wir die Kraxelei endgültig geschafft, denn der Steig für Geübte wird deutlich bequemer. Wir joggen über zwei, drei kleinere Altschneefelder, dann sehen wir schon tief unter uns die Bergstation des Gletscherexpress.

Gigantisch ist jedoch der Ausblick auf den Mittelbergferner. Der ist der zweitgrößte Gletscher (zehn Quadratkilometer) in Tirol, der auf einem Höhenniveau zwischen 3570 Meter und knapp 2300 Meter befindet. Umrahmt wird der Ferner vom Hinteren Brunnenkogel (3440 Meter), da hinauf geht eine Bahn zum Cafe 3440, vom Schuchtkogel, dem Weißen Kogel, Mutkogel und Linken Fernerkogel, alles Spitzen zwischen 3200 und 3500 Meter. Man kann es sich kaum vorstellen, aber der Gletscher ging um das Jahr 1855 noch bis auf 1795 Meter hinunter. Die Gletscherzunge, Bergführer sprechen auch vom Gletschermaul, lag damals nur 750 Meter talaufwärts von Mittelberg entfernt.

Ich verliere nur einige Momente, Erwin läuft jetzt auf. Nur kurz ist der Wortwechsel, dann macht er sich nach vorne langsam davon. Nach nur 20 Meter haben wir das stärkste Gefälle hinter uns gelassen. Ich muss meine Vorderleute beobachten, wo sie laufen, denn die Schmelzbäche sind teilweise so breit, dass du sie nicht überspringen kannst. Außerdem sieht man nicht, wie tief sie sind, das Wasser ist nämlich milchig. Über den größten Wasserlauf hilft eine Schaltafel. Um Punkt 12.00 Uhr erreichen wir die erste Verpflegungsstelle an der Bergstation Gletscherexpress (2840 Meter).

 

Hinunter zum Gletscher

 

An der Tankstelle bekommst du alles. Apfelsaft, Elektrolytgetränke, Wasser, Orangen, Äpfel, Schokolade, Brezn, Hartwurst. Eine Helferin stellt fest, dass Brot und Brezn übrig bleiben werden. Kein Wunder, denn auch wir, mich eingeschlossen, greifen lieber beim Kas und der Wurst zu. Brot für die Welt, das Fleisch fress‘ ma selber. Nach drei Minuten mache ich mich wieder auf den Weg. Mir ist noch in Erinnerung, dass laut Zeitplan das Ende des Feldes gegen 12.20 Uhr erwartet wird. Ich bin wohl in der Zeit, zumal noch einige Läufer hinter mir liegen.

Auf breiter Bergautobahn, man kann es richtig laufen lassen, geht es weiter hinunter bis zu einer weiteren Liftstation, der Gletscherseebahn, die lediglich im Winter den Skifahrern nach oben hilft. Ein wenig unterhalb bemerke ich einen Wegweiser, der als Zeitbedarf für die Braunschweiger Hütte zwei Stunden anzeigt.

„Ihr müsst jetzt die Spikes anlegen“, lautet die Anweisung der Helfer.  Mir gelingt die Montage der Spikes in Sekundenschnelle, die Übungseinheit vom Tag zuvor hat sich rentiert. Andere wursteln länger dahin oder lassen sich von Helfern assistieren.

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Informationen: Pitz Alpine Glacier Trail
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