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Laufberichte

Lübecker Köstlichkeiten

 

Mit der 11. Ausgabe kann der Lübeck Marathon bereits auf eine stolze Tradition verweisen. Trotzdem gibt es einige andere Dinge, die man mehr mit Lübeck in Verbindung bringt. Zum einen war Lübeck eine der führenden Hansestädte, das lübische Recht war Vorbild für über 100 Städte im Ostseeraum und feiert Jubiläum: 875 Jahre. Dann zierte das Holstentor über 30 Jahre die Rückseite des 50 DM-Scheines, jetzt eine 2 €-Gedenkmünze, und schließlich gab und gibt es hier das berühmte Lübecker Marzipan. Dieses Jahr sogar erstmals für die Läufer an der letzten Verpflegungsstelle. Für mich als Naschkatze eine weitere Motivation erstmals die Marathonstrecke aus der Lübecker Innenstadt hinaus nach Travemünde unter die Füße zu nehmen. Zudem nutze ich die Gelegenheit zu einem Familienbesuch.

Um auch die alte Hansestadt in aller Ruhe unter die Lupe nehmen zu können, reisen wir bereits am Freitagabend an. So haben wir am Samstag ausreichend Zeit, nach der Abholung der Startunterlagen, die zügig und reibungslos von statten geht, die deutsche Innenstadt, die als erste zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde, zu besichtigen. Dabei sind wir schon mitten drin, denn die Startunterlagen bekomme ich im Börsensaal des schönen Lübecker Rathauses. Direkt gegenüber kann ich schon Marzipan probieren. Zudem lohnt es sich, die Gebäude in Augenschein zu nehmen, die ich an der Strecke kaum wahrnehmen kann, wie das Buddenbrookhaus oder den Lübecker Dom. Eine Rundfahrt auf der Trave um die Innenstadt macht den guten Gesamteindruck komplett, zumal bei diesem herrlichen Sonnenschein.

Die angenehme Startzeit von 10.00 Uhr beschert mir eine ausreichende Nachtruhe. Nach einem guten Frühstück sorgt meine Cousine dafür, dass ich rechtzeitig am Start bin. Schon der Weg dorthin führt uns an der St. Marienkirche vorbei zum Rathaus und Startbereich. Die markante Backsteinkirche war Vorbild für zahlreiche Kirchen im Ostseeraum.

 

 

Die Themen der Unterhaltung unter den Läufern sind so kurz vor dem Start natürlich andere. Bekannte treffe ich hier keine. Aber aufgrund meiner Dienstkleidung werde ich als laufender M4Y-Reporter erkannt. Man freut sich auf meinen Bericht, sagt man mir. Kurzweilig unterhält der Moderator die Läuferschar. Dann der Countdown und pure bricht sich Bahn. Locker laufe ich die Holstenstraße hinab zur Trave und zum gleichnamigen Stadttor. Es begleiten mich die Anfeuerungsrufe meines Fanclubs. Es wird ein schöner Herbsttag werden, das ist jetzt schon gewiss. Die Temperaturen halten sich aber noch in Grenzen. Das wird den Feuerwehrmann freuen, der es heute tatsächlich fertig bringt, die gesamte Strecke mit einer Atemschutzausrüstung zu bewältigen. Was für eine Leistung.

Auffällig ist nicht nur er, ich erkenne auch zahlreiche Teilnehmer aus Dänemark und Schweden an ihren auffälligen Shirts. Insgesamt sind heute übrigens Läuferinnen und Läufer aus 21 Nationen unterwegs.

Ich umrunde das Holstentor, erbaut 1477.  Als eines von 4 Toren ist es als einziges stehen geblieben. In Vitrinen kann man Nachbauten der anderen Tore sehen, die im Maßstab von 1:20 nachgebaut wurden, um den Besuchern einen Eindruck von verschwundenen Gebäuden der alten Hansestadt zu vermitteln.

Zurück geht es Richtung Innenstadt. Nach Überquerung der Holstenbrücke folge ich der Strecke entlang der Trave,  vorbei am Marzipanspeicher. Diese Köstlichkeit ist in Lübeck halt allgegenwärtig, hat sie doch nicht unwesentlich zum Reichtum der Stadt im Mittelalter beigetragen. Genauso, wie der Seehandel. Im Museumshafen direkt voraus könnte ich noch einen guten Eindruck davon bekommen, doch bevor ich an den alten Segelschiffen vorbeilaufen kann, biege ich in die Beckergrube ein. Als wenn man mich für den entgangenen optischen Genuss entschädigen wollte, treiben mich zahlreiche Zuschauer den Weg hinauf zur breiten Straße.

 

 

Die Jakobikirche wurde im Jahr 1334 als Kirche der Schiffer und Seefahrer geweiht. Passenderweise steht direkt gegenüber das Gebäude der Schiffergesellschaft Lübeck, die zum Schutz und der sozialen Absicherung der Seefahrer beitrug. Wer im Mittelalter weniger Glück hatte und sozial nicht abgesichert war, der konnte vielleicht Hilfe im Heilig-Geist-Spital bekommen. Diese älteste Sozialeinrichtung Lübecks, vollendet 1286, erreiche ich nach Umrundung der St. Jakobi Kirche.

Weiter geht es über die große Burgstraße in Richtung Osten. Vor mir erhebt sich das gewaltige Burgtor. Das ältere der beiden erhaltenen Stadttore darf ich sogar durchlaufen. Die gleichnamige Brücke markiert das Ende der Innenstadt. Knapp 3 Kilometer und sehr viel Geschichte liegen jetzt hinter mir. Es erwartet mich die Travemünder Allee, die mich Richtung Ostsee führt. Gesäumt wird die Allee von zahlreichen Laubbäumen, deren Blätter sich herbstlich bunt präsentieren. Zudem geben sie aufgrund der schon tief stehenden Sonne angenehmen Schatten. Schnurgerade führt sie mich die nächsten Kilometer zum Ortsteil Israelsdorf. Heute eine reine Wohnsiedlung, haben sich früher die Lübecker hier gerne erholt. Wie an vielen anderen Stellen wird die Läuferschar musikalisch vorangetrieben.

Nachdem ich bis hierher der linken Fahrbahn gefolgt bin, quere ich die Travemünder Allee über eine Brücke. Ich lasse mich im immer noch dichten Feld treiben und schließe zu Frank, dem Pacemaker für 4:15 Stunden, auf. Er lobt unsere Internetseite, vergisst aber nicht, als vorbildlicher Pacemaker seine Mitstreiter auf Besonderheiten und auf Verpflegungsstellen hinzuweisen. 8 km sind geschafft und der Herrentunnel liegt vor uns. Als Autofahrer müsste ich für die Benutzung jetzt 3,00 € löhnen, für uns Läufer ist die Benutzung heute kostenlos. Zumindest geldlich, bezahlen tun die Läufer mit Schweiß, denn der 900 Meter lange Tunnel führt unter der Trave durch bis auf 15 Meter unter dem Meer, um dann mit einer Steigung von 6 % wieder ins Sonnenlicht zu führen. Dort kann man den Flüssigkeitshaushalt wieder in Ordnung bringen.

Inzwischen habe ich Kücknitz erreicht. Geteilt wird die Ortschaft hier von der B 75, an der ich rechts vorbeilaufe. Begeisterte Bewohner haben sich in die Sonne gesetzt, um uns anzufeuern. Das Gespräch mit Frank lenkt ab, auch vom Tempo. So habe ich zügig an der nächsten Biegung die B 75 hinter mir gelassen. Bevor ich den vor mir liegenden Wald durchlaufen kann, führt mich die Strecke nach links zum Kern des 9. Lübecker Ortsteiles. Hier ist die Stimmung besonders gut, denn es warten die Staffelteilnehmer, die sich die Gesamtstrecke zu viert teilen, auf ihre Mitläuferinnen und Mitläufer. Moderation gibt es obendrauf.

Etwa 11 Kilometer liegen jetzt hinter mir. Ich bin voll im Zeitplan, auch wenn der Moderator mir eine Zielzeit von etwa 5 Stunden bescheinigt. Na ja, rechnen will halt auch gelernt sein.

Auf den nächsten Kilometern begleite ich Petra und Ralf. Themen hat man als Läufer ja genug. Es ist heute sein 300. Marathon. Da bin ich ja ein Waisenknabe. Die nächsten Kilometer sind wieder sehr kurzweilig. Ich bin auf einer Nebenstraße entlang der B 75 unterwegs. Zahlreiche Bäume säumen auf beiden Seiten den Weg und sorgen für Schatten und bunte Herbststimmung. Bis kurz hinter KM 15 lässt es sich so angenehm laufen. Dann türmt sich ein Deich wie eine Wand auf. Oben sind bereits Läufer zu erkennen. Wieder geht es, jetzt schon etwas mühsamer, bergauf.

 

 

KM 16 ist vorher erreicht. Im Anstieg kommt mir der spätere Sieger, Sören Bach, entgegen. Er hat hier einen Vorsprung von etwa 12 Kilometer auf mich, doch das stört mich nicht, denn meine Laufziele sind andere. Ich genieße die Sonne. Am Ende des Dammes habe ich in der Ferne das markanteste Gebäude Travemündes, das 119 m hohe Maritim Hotel,  bereits im Blick. Direkt vor mir ist der Skandinavienkai und der Fischereihafen. Man könnte ihn blind am Intensiven Fischgeruch erkennen.

Der Strom entgegenkommender Läufer nimmt merklich zu. Hier kommt mir die spätere Siegerin Britta entgegen. Ich bewundere sie für ihr Tempo. Kurz darauf beginnt der Hafen, links die Promenade. Vorbei am markanten Hotelturm, gegen den sich der alte Leuchtturm, das Hus Blinkfüer, wie ein Zwerg ausmacht. Irgendwann hatte er ausgedient, da die Mole weiter nach Osten in die Ostsee hineingebaut wurde. An ihrer Spitze markiert ein grünes Leuchtfeuer die heutige Hafeneinfahrt. Die Strecke führt mich direkt dorthin, dann ist die Halbmarathonmarke erreicht. Es ist einer der schönsten Anblicke auf der ersten Streckenhälfte.

 

 

Auf der  Promenade laufen wir am Strand entlang. Es ist fast so wie im Sommer. Das lässt sich auch mein Fanclub nicht entgehen. Genau wie abgemacht sind sie zur Stelle und feuern mich an. Es läuft wie am Schnürchen, da kann ich mich beruhigt auf den Rückweg machen. Kurz hinter der Wendemarke kommt mir der Feuerwehrmann mit seiner Atemschutzausrüstung entgegen. Er ist nicht weit hinter mir und schlägt sich wacker.

Auf bekannter Strecke geht es zurück. Passanten feuern mich an, die Helfer an der Verpflegungsstation sind immer noch so engagiert wie auf dem Hinweg. Ihrer sind übrigens 750 an der gesamten Strecke im Einsatz, herzlichen Dank dafür. Am Ortsausgang wird es dann etwas einsamer. Das Läuferfeld zieht sich immer weiter auseinander. Noch kann ich mit Petra und Ralf mithalten. Den Fischgeruch habe ich also nicht exklusiv, genauso wie die Steigung zum Damm. Gut so, denn sonst würde ich vielleicht hier eine Gehpause machen. So halte ich es noch bis hinter KM 29 aus, ehe ich die beiden ziehen lassen muss. Vereinzelte Zuschauergrüppchen animieren mich aber immer wieder zum Antraben, so dass ich nach und nach in einen Laufrhythmus finde. Die schattenspendenden Bäume am Straßenrand helfen dabei. Die fast sommerliche Hitze des Tages spüre ich kaum.

Km 31, Kücknitz ist wieder erreicht. Der Wendepunkt für die Halbmarathonis läutet das letzte Viertel ein. Mein Fanclub überrascht mich hier und stärkt mich. Nur die gewünschte Restzeit von 40 Minuten werde ich nicht einhalten können, denn kurz hinter KM 33 wartet bereits der Herrentunnel. Hier bin ich zu meiner Überraschung wieder soweit erholt, dass ich die Steigung locker hochtraben kann. Gelegenheit, einige Läufer einzusammeln.

 

 

Beim Verlassen des Tunnels erwartet mich eine Cheerleadergruppe in RUN DMC-T-Shirts. Die Mädels sind eigentlich zu jung, um die Hiphopband aus den 80er Jahren noch zu kennen. Mich erinnern sie dafür an deren Hit „Walk this way“. Genau das, was ich jetzt noch machen werde. Bei Israelsdorf führt mich die Brücke zurück auf die Travemünder Allee. Schilder warnen vor der Marathonstrecke. Was ist daran so schlimm? Eigentlich nichts, nur der mental fordernde Streckenabschnitt, der mich auf den nächsten Kilometern geradeaus in die Innenstadt zurückführt. Die Aussicht auf das Marzipan an der letzten Verpflegungsstelle treibt mich jetzt voran.

Schon 50 Meter davor reicht mir ein kleiner Junge die erste Marzipankartoffel. Herzlichen Dank dafür.  Sie ist wirklich himmlisch und zergeht auf der Zunge. Da greife ich am Verpflegungspunkt gerne noch einmal zu und spüle mit etwas Wasser nach. Fazit: Marzipan ist als Stärkung für den Marathonläufer sehr geeignet. Wen wundert‘s, galt Marzipan doch früher als Arzneimittel und konnte nur in Apotheken erworben werden. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind...

Frisch gestärkt mache ich mich auf die letzten Kilometer. Das Burgtor voraus zieht mich magisch an, trotzdem mach ich auf der Brücke noch einen Fotostopp, denn links im Hafen liegt die „Lisa von Lübeck“. Der Nachbau eines Kraweels aus dem 15. Jahrhunderts lässt Lübecker Hansegeschichte wieder aufleben. 5 Jahre dauerte die Rekonstruktion, die mit 350 Mitarbeiter, überwiegend ABM-Kräften, erfolgte.

Der letzte Kilometer wird anstrengend, die Attraktionen an der Strecke lenken nicht ab. Ich habe sie bereits auf dem Hinweg genossen. Es geht hinauf zum höchsten Punkt der Innenstadt mit dem historischen Rathaus und der Marienkirche. Die letzten Meter kann ich kaum abschätzen, die tiefstehende Oktobersonne blendet mich. Doch falsch laufen kann ich nicht, für den Zieleinlauf muss ich nur den richtigen Kanal nehmen. Schon biege ich auf den gelben Teppich ab und habe das Ziel vor mir. Meine Fans treiben mich noch einmal an, so dass ich nach knapp 4:24 Stunden den heutigen Lauf beenden kann.

Jetzt kann ich diesen schönen Marathonlauf im Schatten des historischen Rathauses ausklingen lassen. Neben den Erfrischungen bekomme ich unverzüglich meine Urkunde. Schneller geht es nicht. Insgesamt kann ich nachvollziehen, warum der Marathon mit 511 Teilnehmern ausgebucht ist. Lübeck ist immer eine Reise wert, nicht nur wegen des Weltkulturerbes und des Marzipans.

 

 

Impressionen

(Silke Pitz)
 

 

 

 

Sieger Marathon:
 

Damen
1.    Britta Giesen, 3:10:40
2.    Annette Hausmann, 3:13:36
3.    Mareile Kitzel, 3:15:00

Herren
1.    Sören Bach, 2:37:22
2.    Jon-Paul Hendriksen, 2:42:10
3.    Michael Keil, 2:42:34

 

Streckenbeschreibung:
Kurs über eine Runde.

Zeitnahme:
Einmalchip im Fußtransponder für beide Schuhe

Weitere Veranstaltungen:
Schnupperlauf 2,1 KM, Familienlauf 4,2 KM, Halbmarathon, Marathon-Duo, 10 KM Laufen und Walking, Staffelmarathon (bis zu 10 Teilnehmer) und Marathon-Team (4 Teilnehmer)

Startgeld:
Marathon: 30 – 45 -55 - 65 €, je nach Anmeldezeitpunkt

Auszeichnungen:
Medaille, Urkunde

Verpflegung:
17 Verpflegungs- und Erfrischungspunkte an der Strecke und Verpflegung im Ziel. Gereicht werden Iso, Wasser und Cola. Dazu Bananen- und Apfelsinenstücke. Zu Anfang und zum Schluss Marzipan.

Zuschauer:
Vor allem in der Innenstadt, an den Wechselpunkten und in Travemünde.

 

Informationen: Lübeck Marathon
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