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Laufberichte

Very British

22.04.12
Autor: Klaus Duwe

Dann natürlich der Tower:  Festung, Gefängnis, Residenz, Hinrichtungsstätte, Aufbewahrungsort der Kronjuwelen, Museum, Touristenattraktion. Und Heimat von sechs Raben. Karl II. soll, so die Legende,  die Tötung der im Tower lebenden Raben befohlen haben, als diese das Teleskop seines Astronomen mit ihrem Kot bekleckerten. Irgendjemand machte ihn dann darauf aufmerksam, dass, sollten die Raben einmal aus dem Tower verschwinden, das Ende der Monarchie gekommen sei. Ihr könnt euch vorstellen, welche Kehrtwende der König vollzog. Statt die Viecher zu köpfen, ließ er ihnen die Flügel stutzen, damit sie nicht abhauen konnten. Das soll man noch heute so machen. Gleichzeitig bekommen die Raben bestes Fleisch aus einem nahegelegenen Spezialitätengeschäft.

21 km sind geschafft. Oder: Der Spaß ist zur Hälfte vorbei. Bei Tower Hill laufen wir auf der anderen Flussseite zurück  in östliche Richtung. Auf einer Begegnungsstrecke sehen wir das Feld bei km 36. Die sind noch übler dran, weil bald ganz fertig. Ich spare mir jetzt Kommentare bezüglich der Zuschauer. Ihr seht es auf den Bildern. Es ist der Wahnsinn. Sogar in Berlin kann man mal ungesehen an einen Baum pinkeln. Hier nicht. Dafür gibt es in regelmäßigen Abständen Toilettenhäuschen, die stark frequentiert sind. Andy bugsiert derweil mit  einem Hockeyschläger einen Ball über die Strecke. Nach 5:38 wird er die Kugel ins Zieltor dreschen.

England hat sich ja aus der Elite der Industrienationen verabschiedet. Gleichzeitig hat London seine Position als Finanzzentrum mit weltweiter Bedeutung gefestigt und ausgebaut. In den Docklands, dem ehemaligen Hafengebiet,  einst  Stolz aus  Industrie- und Kolonialzeiten,  entsteht auf 15 qkm eine neue Stadt.  Glaspaläste der Banken und Versicherungen ragen in den Himmel. Astronomische Summen werden täglich bewegt. Geld spielt keine Rolle, so scheint es. Müsste es hier am Sonntag nicht menschenleer und öde sein?  Als seien es die letzten freien Plätze entlang der Marathonstrecke, haben sich  tausende in die Straßenschluchten geflüchtet und verbringen hier den Tag, indem sie die Marathonis feiern.

Immer häufiger sieht man von Krämpfen geplagte Läuferinnen und Läufer am Streckenrand, viele sind am Gehen. Als Läufer ist man im Zick-Zack unterwegs. Eine „Kollegin“, die mir kürzlich erklärte, dass  man einen 5-Stunden-Finsher nicht als Läufer bezeichnen könne, hätte ihre helle „Freude“.  Aber niemand hier würde sie für diese Äußerung beschimpfen, nur mitleidig belächeln.  Es geben nur wenige auf. Es wird gekämpft  - für die gute Sache, für die Freunde, für die Familie, für sich.

Trotz meiner konditionellen Defizite und meiner Knieprobleme komme ich dank der vielen Fotopausen gut zu Recht, aber natürlich nur langsam vorwärts. Aber auch so erreiche ich zum zweiten Mal die Begegnungsstrecke, wo ich den letzten Läufern in die Augen schaue. Fauja sehe ich nicht. Der Ober-Oldie ist schon durch.  Dann Tower Hill, noch einmal der Tower, die Cannon Street, City of London. Zuschauer ohne Ende und eine Stimmung, die unter die Haut geht.  Ohne Pause.

Durch eine Seitenstraße entdecke ich  The Monument, die riesige Säule mit der goldenen Flamme auf der Spitze. 202 Fuß ist sie hoch und 202 Fuß von der Pudding Lane entfernt. Dort soll 1666 in einer Bäckerei das verheerende Feuer ausgebrochen sein, das die Innenstadt  fast vollständig vernichtete. 

Von der Säule hat man übrigens einen tollen  Ausblick auf die Stadt, fast vergleichbar mit dem vom London  Eye aus. Nur viel billiger. Das Millenium Wheel, das man jetzt am anderen Themse-Ufer deutlich sehen kann, sollte genau wie das Riesenrad im Wiener Prater nach einer bestimmten Zeit wieder abgebaut werden. Beide Riesenräder tun noch immer ihren Dienst und sind zum Wahrzeichen geworden.

Als Wahrzeichen nicht nur von London sondern von ganz Großbritannien gilt der Uhrturm am Westminster Palast, deren größte Glocke (13,5 t) man Big Ben nennt. Welch ein Glück, welcher Moment. Genau in dem Augenblick, als ich den Turm passiere, schlägt Big Ben, The Voice of Britain, dreimal.

Im Palast tagt das britische Parlament, das House of Commens (Unterhaus) und das House of Lords (Oberhaus). Daneben Westminster Abbey, Krönungs- und Grabeskirche der englischen Könige.  Links sieht man Winston Churchill, überlebensgroß in seiner typischen, etwas gebückten Haltung. Fast kann ich von seinen Lippen den berühmten Ausspruch ablesen: „Es lebe der Sport!“ Oder verwechsle ich da was?

Die Marathonis lassen sich feiern.  Die Schmerzen sind weg. Man wird getragen von einer unbeschreiblichen Begeisterungswelle. Die Zuschauer schauen genau so glücklich, wie die Läufer und schreien sich die Seele aus dem Leib. Weiter geht’s, Birdcage Walk, Buckingham Palast. Träum ich, ist es wahr? Bin ich hier?  Wo ist die Queen? Wem sonst jubeln die Menschen zu? Volksfeststimmung. The Mall, rechts und links die Union-Jacks, strahlende Gesichter. „Come to the Finish-Line“, ruft ein Marshal. Wer will hier freiwillig weg?

Erst als ich den ersten Regentropfen abkriege, laufe ich durch’s Tor. Aus, vorbei.  Ich lasse mir eine von 35.000 Medaillen umhängen und mir gratulieren. In einem Beutel gibt es Obst, Riegel und Getränke. Und ein Finisher-Shirt, one-size-only. Mir passt es.

Tut mir leid, wenn ich euch Lust auf den London Marathon mache. Es ist ja fast nicht möglich, dabei zu sein. Umso glücklicher macht mich dieses einmalige Erlebnis.

Die Sieger

Männer

1 Kipsang, Wilson (KEN) 2:04:44
2 Lel, Martin (KEN) 02:06:51
3 Kebede, Tsegaye (ETH) 02:06:52

Frauen

1 Keitany, Mary (KEN) 02:18:37
2 Kiplagat, Edna (KEN) 02:19:50
3 Jeptoo, Priscah (KEN) 02:20:14

36.670 Finisher

 

Impressionen

 

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