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Laufberichte

26.2 miles through the streets of London

 

Mir kommt das überreiche Flüssigkeitsangebot sehr entgegen, meist habe ich noch etwas in meiner ¼-l-Flasche, wenn es schon wieder neues Wasser gibt. Durch die zahlreichen Wasserstellen verläuft die Übergabe ohne Staus, denn kaum jemand greift jedes Mal zu. Mit aufgeklapptem Deckel bekommt man die Fläschchen von den zahllosen Helfern überreicht.

Wir folgen weiter den drei blauen Streifen, die die Ideallinie markieren. Während wir bei Meile 8 laufen, wird hinter uns diese Markierung schon wieder entfernt.

Angenehmes Laufwetter, in der Sonne warm, im Schatten kühl. Dank der Häuser, gibt es Schatten. Richtige Anfeuerungsteams gibt es, in einheitlichen T-Shirts, feuern sie einen Läufer mit gleichfarbigem Shirt an, aber auch mich, kaum dass ich Augenkontakt aufgenommen habe. Besonders die, die Geld für die Krebsforschung aufstellen wollen, sind eifrig bei der Sache, kommt mir vor.

Tatsache ist, es ist nicht eine Sekunde ruhig. Die paar Bands können einem fast leid tun. Wegen des Lärmpegels hört man deren Musik nur in nächster Nähe.

Km15, 90min bis hierher, trotz der vielen Fotos. Kaum bleibe ich kurz stehen zum Knipsen, werde ich angesprochen und bekomme eine Portion Extrajubel. Schön langsam bereite ich mich auf die Tower Bridge vor, abgesehen vom Ziel ist diese Brücke für mich der Höhepunkt der Strecke. Zwar weiß ich, dass sie vor km20 kommen wird, als ich dann aber rechts ums Eck biege und sie vor mir sehe bin ich schon begeistert.

Zum ersten Mal bin ich Ende der 70er Jahre über diese neugotische Klappbrücke (1894 eröffnet) drüber gegangen, da wurden die Metallteile gerade hellblau gestrichen, ich war überwältigt. Den London-Marathon gab es damals noch nicht. Die 244m Länge der Brücke koste ich voll aus, ist sie doch auch ein fantastisches Fotomotiv.

Von der Brücke aus hat man einen herrlichen Ausblick auf die vielen neuen Wolkenkratzer im Finanzviertel, nicht immer unproblematisch ob der Reflexionen der Glasfassaden. Ein 37-stöckiger Glasturm, „The Walkie-Talkie“, mit konkaver Südfassade bündelte die Sonnenstrahlen und ließ Teile eines Jaguar schmelzen und verbrannte Fußmatten, in seinem Brennpunkt könnte man Spiegeleier braten. Nun ist die Fassade mit schwarzem Vlies abgedeckt. Bis 2020 sollen noch einige Glashochhäuser dazu kommen. An einigen wird bereits gebaut, Fundamente bis 50m unter die Erde. Die Skyline Londons wird sich weiterhin verändern.

Ich bin nun am Nordufer angekommen und nicht mehr ganz frisch. Links der Tower von London. Die Sprints zwischen den Fotostopps haben Kraft gekostet. Als ich rechts einbiege, kommen mir Läufer entgegen, die etwa 9 Meilen vor mir sind. Viele sind es nicht. Da begegnet mir der eingangs erwähnte Richard Whitehead, wie ich gelesen habe, hat der im Vorjahr 40 Marathons binnen 40 Tagen auf seinen Prothesen absolviert. Übrigens ein sehr muskulöser Kerl.

Meile 13 und bald Halbmarathon, ich brauche dringend etwas Nahrung mit Substanz. Noch eine Meilen bis zum CarboGel. Ganz schön sonnig ist es geworden. Gegenüber läuft einer völlig in lila.Vor der nächsten Labe kann man sich Vaseline geben lassen. „Fuel Station Ahead“, hier gibt es Lucozade. Alles, was der Sportler braucht. Darum gibt es auch keine Bananen, keine Äpfel, kein Salz, keine Kekse wie anderswo, sondern nur Wasser und Lucozade. Obst wäre für diese Anzahl an Sportlern frisch zugeschnitten wohl auch schwer bereit zu stellen.

Obst kommt von den Zuschauern, vor allem Orangenschalen häufen sich am Boden. Zu den Orangen im Angebot: immer wieder Gummibären bzw. Wine Gums. In Schüsseln und auf Papptellern wird es uns angeboten. Viel davon liegt am Boden, die Übernahme scheint nicht ganz einfach zu sein. 6 Männer stehen an einem Gestell mit Glocken und läuten ausdauernd und synchron.

Dann glaube ich kurz, dass es etwas ruhiger geworden ist am Straßenrand. Das vergeht aber schnell. Hier wirst du tatsächlich von Anfang bis Ende ins Ziel gelobt. Wir hören, dass wir gut sind, dass wir es schaffen werden, dass wir großartig sind. Kurzum, wir sind die Besten und Helden sind wir sowieso.

Die Duschen an der Strecke werden im Vorhinein angekündigt, so kann ich problemlos rechtzeitig  ausweichen. Ein Teil meiner Kräfte ist zurück gekehrt, ich bin aber für jedes Fotomotiv dankbar, ob das nun Dutzende Trommler sind, ein ganzes Blasmusikorchester oder Tänzerinnen in zu engen Kostümen. Wolkenkratzer wie in Manhattan oder Philadelphia hat man hier aus dem Boden gestampft. Scheinbar hochwichtig, denn wir laufen durch Straßen, die im Normalfall mit Schranken abgesperrt sind. Jeder darf da nicht rein.

In der Canary Wharf „fliegt“ Superwoman an mir vorbei. Ab „West India“ geht es nach Westen, ziemlich direkt zum Ziel, das Herumkurven in den Docklands hat ein Ende. Meile 20, Kinder sitzen auf Leihrädern und klingeln wie wild, während ich eine Banane überhole. Vor mir läuft einer mit fast nichts am Körper. Nämlich nur mit so einem grellgrünen Stringzeug wie Sacha Baron Cohen im Film „Borat“. Der erregt ganz schön Aufsehen damit, das ist wohl auch der Zweck der Übung.

Der Gegenverkehr von vorhin kommt wieder, ich bin nun bei Meile 21, die auf der anderen Straßenseite bei Meile 14, bei aktuellem Tempo also gut 90min zurück. Paul Goldstein schleppt unverdrossen einen zwei Meter hohen Tiger mit sich rum, verfolgt von einem Nashorn. Je weiter hinten, umso kurioser die Kostüme, kann man sagen. Schließlich die Straßenreinigung.

Es ist ausgemacht, dass nach einer Zielankunft von 7 Stunden die Marathon-Straßenmarkierung entfernt wird. Dann hat man noch 1 Stunde Zeit, muss aber den Gehsteig benutzen. Zwei Traktoren mir rotierenden Stahlbürsten am Heck kehren auf der Gegenseite die Strecke. Hinterher wird ein Reinigungsmittel auf die drei blauen Streifen gesprüht, das kann etwas einwirken. Der nächste hat eine rotierende Stahlbürste vor sich, sieht aus wie ein Metalldetektor, rotiert drüber, der letzte schließlich hat einen Hochdruckreiniger, kurz draufgehalten und weg ist die Markierung. Tatsächlich kommen dahinter aber immer noch Leute nach, viele sind es aber nicht mehr.

Das Zuseherinteresse ist ungebrochen, ich habe mein neues Tempo gefunden. Wenn ich wieder beim Tower von London bin, habe ich nur mehr 7km vor mir. Der Tower ist in dieser Form schon 800 Jahre alt, geht auf eine Gründung von William The Conquerer zurück und war damals aus Holz. Das ist schon über 900 Jahre her. Von 1101 bis 1941 war der Tower gefürchtetes Gefängnis und Hinrichtungsstätte mit vielen populären Insassen. Heinrich der VIII ließ hier zwei seiner Frauen, Anne Boleyn und Catherine Howard einen Kopf kürzer machen. Hochwertige Kriegsgefangene aller Nationen wurden zwischengelagert, bis das Lösegeld eingetroffen war. Bis zum 19. Jahrhundert wurden da Münzen geprägt, heute kann man die britischen Kronjuwelen besichtigten. Ein paar Raben wohnen da, denen werden die Flügel gestutzt, damit sie ja nicht wegfliegen.

Ab dem Tower Hill ist wieder richtig viel los. Unbeschreiblich, was hier abgeht. Vorhin hätte ich ganz gern einmal ein paar Minuten Ruhe gehabt, jetzt kann ich die Action am Straßenrand wieder richtig genießen. Beim Monument, Meile 23, ist der Akku der Kamera leer, ich bleibe am Rand stehen, um einen Reserveakku hervor zu kramen. Mit sorgenvoller Miene werde ich gefragt, ob es mir denn gut gehe und ob sie mir helfen könne? Als ich ihr das Problem erkläre, ist sie richtig erleichtert.  Ich bekomme noch die besten Wünsche der Umstehenden mit auf den Weg und setze mich wieder in Bewegung.

Es geht die Upper Thames Street runter und flach dahin. Hier ist es kühl, wir sind nun ganz in der Nähe der St. Paul’s Cathedral, können sie aber nicht sehen. Erst ist die Kirche von Häusern verdeckt, dann laufen wir in eine Straßeneinhausung. Super Musik da unten, mangels Zuseher, werden wir von leuchtenden Ballons angefeuert. Die Millennium Bridge wäre auch da oben, eine Fußgängerbrücke, im Juni 2000 eröffnet, 325m lang.

Wir kommen aus dem Tunnel raus und laufen unter der Blackfriars Bridge durch. Hier werden Passanten über die Marathonstrecke geschleust. Eine Straßenhälfte wird gesperrt, die Zuseher können auf eine Verkehrsinsel in Straßenmitte. Wenn die gefüllt ist, werden wir Läufer auf die andere Straßenhälfte gelotst, und die Leute können auf die andere Straßenseite rüber. Das scheint gut zu funktionieren. Nun geht es eine Weile am linken Ufer der Themse entlang in Richtung Parlament. Das Riesenrad „London Eye“ kommt immer besser ins Blickfeld. Gestern sind Evi und ich eine Runde damit gefahren, der Überblick von da oben ist wirklich ausgezeichnet. 135m ist es hoch, pro Glasgondel lässt man 25 Leute rein, die haben locker Platz da drinnen. Bei Eröffnung 1999 war es das größte Riesenrad der Welt, das größte Europas ist es immer noch. Da sehe ich Superwoman Lisa wieder. Sie ist es etwas zu schnell angegangen.

Km40, eine unübersehbare Zusehermenge, jubelnd und tobend. Vor mir The Houses of Parliament, mit dem Elizabeth Tower, den man meist Big Ben nennt. Als ich ein Foto davon mache, werde ich gefragt, ob ich ein Foto von mir mit ihm drauf haben möchte. Gute Idee, lächelnd bekomme ich meine Kamera zurück. Links hinter der St. Margaret’s Church die Westminster Abbey, 1275 wurde mit dem Bau begonnen. Seitdem wurde immer wieder um- und angebaut. Aktueller Eintrittspreis ₤18,- der Besucherandrang ist ungebrochen.

Ab jetzt ist es einfach, schnurgerade den Birdcage Walk runter, rechts bereits der St. James’s Park. Noch 800m, noch 600m, noch 400m, Marshals stehen in der Straßenmitte und prüfen die Startnummer, sie sehen grimmig drein. Nur wer hier noch eine Startnummer trägt, darf weiter. Wer ohne Startnummer ist, wird rausgefischt. Nicht, dass sich da jemand eine begehrte Finishermedaille erschleicht!

385 yards to go! Steht am provisorischen Fußgängerübergang, rechts eine jubelnde Menschenmenge, links am Victoria Memorial ebenfalls. Den Buckingham Palace im Rücken, noch 200m, The Mall vor mir. Eine junge Dame kommt in vollem Lauf daher und klatscht dem Borat-Wiedergänger mit der flachen Hand auf den nackten Hintern. Der ist zu erstaunt, um reagieren zu können. Links außen sehen 3 Soldaten dem Treiben zu, die schönen Tulpen beachten sie nicht. Nur mehr wenige Meter bis ins Ziel, nach 4h39min bin ich da und habe über 14.000 Läufer hinter mir gelassen. So viele wie selten zuvor. Kurz nach mir ist auch Norbert im Ziel. Einige Fotos von Neuankömmlingen zu schießen wird mir verwehrt. Bitte weiter gehen, nicht stehen bleiben! Ständig kommen neue Finisher ins Ziel.

Beim Chip-Abzwicken staut es, über die ganze Front des 3-torigen Zieleinlaufs ist eine Rampe gebaut, da müssen wir rauf. Unten sitzen Helfer und zwicken den Chip ab, erst dann gibt es die gewichtige Finisher-Medaille. Weiter The Mall Richtung Trafalgar Square zu den LKWs mit den Kleiderbeuteln. 4 Helfer stehen auf jedem Sattelauflieger, je 4 davor. Die oben spähen aus, wer da kommt, die unten drücken einem seinen Beutel mit einem „Congratulations“ in die Hand, bevor man noch ein Wort gesagt hat. Das geht ganz zügig.

Am Weg durch den Park zum Hotel treffe ich auf Evi. Wir überqueren den Birdcage Walk wenige 100m vor dem Ziel nach der Schleusenmethode. Auch um diese Zeit, nach etwa fünfeinhalb Stunden reißt der Läuferstrom nicht ab.

Der Favorit der Engländer, Mo Farrah, wurde bei seinem Marathondebüt in respektablen 2h08'21 achter. Die zweitbeste, je von einem Engländer gelaufene Marathonzeit. Zu wenig, für die Erwartungen an den Weltmeister und Olympiasieger über 5.000m und 10.000m. Man richtete ihm aus, er solle auf der Bahn bleiben, Marathon könne er nicht.  Aus der Anfeuerung „Go Mo“ wurde „slow Mo“! Was sagt man dazu? Sieger in der Streckenrekordzeit von 2h04'27: Wilson Kipsang. Als der ins Ziel lief, war ich gerade auf der Tower Bridge!

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