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Laufberichte

...und der Himmel weint vor Freude

 


Es folgen nun immer mehr Läufer von hinten, die konstant mit einer Sechserzeit unterwegs sind. Das beweist mir, dass ich heute nicht meine gewohnte Leistungsstärke erreiche. Ich lasse mich aber auf keinen Wettkampf mit anderen Läufern ein, denn ich bin mir sicher, dass ich etliche nach Kilometer 30 wieder antreffen werde, die jetzt vorbeidrängen.

Wir laufen durch die Innenstadt am Rathausplatz vorbei, wo viele Menschen stehen und applaudieren. Einzelne Gassen sind schmal, man muss das Tempo verlangsamen. Manche Stellen der Strecke weisen ein Kopfsteinpflaster auf, wo ich immer besonders aufpasse, darauf ja nicht zu stolpern.

15 Kilometer sind an der Kgs. Nytorv Station erreicht, hier stehen wieder viele Menschen und beklatschen die Läufer. An Berlin-Dimensionen kommt der Zuschaueranteil in Kopenhagen natürlich nicht heran, aber einen Vergleich etwa mit Wien hält er stand.

Der Marathonkurs führt über die Knippelsbro nun wieder südwärts bis zur Vester Voldgade. Immer wieder werden gerade Straßenverläufe durch „eckige“ Abzweigungen unterbrochen. Auf solchen 90 Grad-Wenden verliert man Zeit, auch wenn sich die Straßen verjüngen und die Läufergruppe vor einem ins Stocken kommt.

Bei Kilometer 18 kommen uns auf einen leichten Anstieg nahe dem Fiske Torvet die schnelleren Läufer auf der rechten Seite der Straße an ihrem Kilometerpunkt 22 entgegen. Diese haben einen Vorsprung von gut 20 Minuten und mehr herausgeholt. Auf der Brücke, der Dybbølsbro, kommt es dann fast zur Tuchfühlung: nur Pylonen bilden die Grenze zwischen den beiden Läufergruppen, die aufeinander zukommen. Ich knipse eifrig im Laufen, vor allem abwärts ist dies fast schon ein Automatismus.

 



Heute laufe ich langsamer, alles zieht sich in die Länge. Bei Kilometer 20 kommt die nächste Labestelle. Die Uhr zeigt 2:12:55  Stunden an. Ich gönne mir eine Minute Trinkpause wohl wissend, dass sich für den Halbmarathon keine 2:15er-Zeit mehr ausgehen wird. Bei der Enghave Station erfolgt eine 180 Grad-Wende, also wieder ein Hacken um die eigene Achse. Es geht zurück in nordöstliche Richtung. Endlich kommt die Anzeige für die inzwischen erreichten 21,1 km: 2:20:32 minus ca. 3 ½ Minuten bedeuten Rückstand. Wenn das Wetter so bliebe, denke ich mir, sind 4:45 Stunden als Finisherzeit noch locker drinnen. Warten wir‘s ab.

Nun sind es wir, die den noch langsameren Läufern auf der Gegenseite ins Auge blicken können. Allerdings ist deren Zahl deutlich weniger als vorhin. Nach der Dybbølsbro dreht der Kurs von Ost auf Nord. Wir laufen nahe dem Wasser entlang. Einige Läufer wirken nun schon ziemlich erschöpft, obwohl erst 23 Kilometer zurückgelegt sind. Von hinten nach kommt die 4:20er-Läufergruppe, deren Tempo mir unglaublich schnell erscheint.

Der Himmel wird immer grauer, Wolken kommen auf, man spürt den Regen schon jetzt. Neben einigen schönen Booten, ist ab Kilometer 24 die am Kai vor Anker liegende Arche Noah Hauptattraktion. Der Niederländer Aad Peters hat im Jahre 2010 einen Nachbau gekauft und zum ersten schwimmenden Bibel-Erlebnismuseum Europas umgebaut. Das 70 Meter lange, 13 Meter hohe und 10 Meter breite Schiff beherbergt seither eine Ausstellung mit lebensgroßen Figuren aus dem Alten und Neuen Testament.

An der Labestelle bei Kilometer 25 gönne ich mir einen Powershot, das Gelpäckchen mit Ribiselgeschmack soll meinen Schritt beflügeln. Persönlich glaube ich mehr an den Placebo-Effekt als an echte und merkbare Energiezufuhr. Substanzen wie Red Bull wirken weitaus belebender, nur wie soll man so eine Dose 20 oder 30 km weit mitschleppen?

Wir kommen bei Kilometer 26 zu der Stelle, wo am Wasser die Kleine Meerjungfrau thront. Ich bin froh, dass ich sie gestern ausreichend fotografiert habe, denn während des Marathons würde es mich einige weitere Minuten kosten. Die Laufstrecke liegt nämlich etwas tiefer, man müsste erst über eine Böschung hinaufsteigen und dazu einen freien Blick haben.

Bei der Østerport-Station geht es wieder über eine Brücke, der Kurs führt erneut nach Westen. Die Kristianiagade hatten wir nach 5 km erreicht, nun befindet sich rund 2 Stunden später hier auch die 28 km-Marke. Es geht auf der gleichen Strecke, dem Strandboulevarden, weiter wie zwischen Kilometer 5 und 6 am Anfang des Marathons. Bei Kilometer 29 erfolgt erneut eine Abzweigung, die nur einen weiteren Kilometer lang ist.

Ich überhole eine jüngere Läuferin, die am Shirt folgende Aufschrift hat: „Don’t mess with a woman who is a marathon runner!“ Ich bin fast geneigt sie anzusprechen und ihr zu sagen, dass der Zusatz „who finishes“ eigentlich noch Platz am Shirt hätte.

Die offizielle Uhr zeigt bei Kilometer 30 3:24:12 Stunden an. Ich bin froh, dass ich für die restlichen 12 km noch etwas Spielraum habe. 4:45 Stunden als Finisherzeit würden jetzt nur dann zu erreichen sein, wenn ich mich anstrenge. Stress spüre ich keinen, daher werde ich es wie bisher locker angehen und mich auch auf die Sehenswürdigkeiten entlang der Laufstrecke konzentrieren.

Entlang der Østerbrogade geht es um 180 Grad gedreht wieder zurück bis zur Østeralle, auf der wir schon bei Kilometer 7 gelaufen sind. Jetzt kommt die 4:30er-Laufgruppe von hinten nach. Keine Frage, es wird nicht mehr lange dauern, bis vielleicht auch die 4:50er heranrücken werden. Es erscheint mir zwar verlockend, das Tempo mitzugehen, aber ganz so sicher bin ich mir nicht, es durchzuhalten. Ich werde mir eine Zeit unter 4:30, vielleicht 4:20 für den Herbst aufheben.

Erneut laufen wir beim Fußball-Stadion des FC Kopenhagen vorbei, inzwischen hat es längst angefangen zu regnen. Die Cheerleader-Group am Frederik V’s Vej sorgt für Stimmung, die aber nicht so recht rüberkommt. Der Marathon wird für mich noch eine gute Stunde dauern, schon jetzt bin ich komplett durchnässt. Aber den anderen auf der Strecke geht es nicht besser. Wie werden wohl die Fotos ausfallen? Die Verglasung vor dem Objektiv wische ich ständig ab.

Die folgenden Streckenabschnitte bei Kilometer 34 bis 37 bin ich heute schon einmal gelaufen. Nur war das Feld zu diesem Zeitpunkt viel dichter, jetzt ist es gelichtet. Nur die Langsamen sind beim strömenden Regen noch auf der Strecke.

Ich freue mich jedes Mal bei einem Marathon, die ab 37 folgenden 5,195 Kilometer der Reihe nach innerlich abzuhaken. Soll man bei Kilometer 40 noch bei der Labe stehenbleiben? Sich auch bei Regenwetter wie heute einen Becher Wasser nehmen, ohne das Gefühl zu haben, dehydriert zu sein? Oder doch lieber eine halbe Minute früher ins Ziel einlaufen?

 



Bald hake ich innerlich auch Kilometer 41 ab, es geht über die leicht ansteigende Langebro ins Ziel. Der Regen ist so stark, dass an ein Fotografieren auch mit der Unterwasserkamera nicht zu denken ist. Ich muss permanent die Glasverdeckung, auf der Tropfen kleben, abwischen.

Ich laufe mit 4:58:59 ins Ziel, netto ergibt das eine Finisherzeit von 4:55:27. Als ich das Gelände verlasse, kommen mir noch Hunderte Läufer entgegen. Mein persönlicher Eindruck über den Kopenhagen-Marathon ist positiv: Die Menschen in der Stadt nehmen großen Anteil am Event, die Strecke ist schön, aber auch sehr eckig. Die Versorgung ist gut, Wasser, Iso, Bananen- und Orangenstücke werden geboten. Neben dem Zieleinlauf sind Duschen mit Heißwasser aufgestellt. Schade, dass der ganze Event durch den Schlechtwettereinbruch etwas getrübt wurde. Sieht man auch den Regen positiv, so hat der Himmel halt vor Freude über 35 Jahre Erfolg seitens der Veranstalter geweint.

Sieger bei den Herren:

•    Julius Kiprono Mutai (KEN): 2:17:54
•    Amare E Abebe (ETH): 2:21:34
•    Abdellatif Ait Hsine (BRN): 2:24:37


Die drei schnellsten Damen:


•    Ayelu Abebe Hordofa (ETH): 2:40:02
•    Rael Kimaiyo Jepyator (KEN): 2:42:21
•    Herriet Jepchumba Chebore (KEN): 2:48:00

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