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Laufberichte

Zum 40. Mal „Kom så“

 

Die Zuschauermassen reißen nicht ab. Stimmung an jeder Ecke. Coole Stadtviertel, durch die wir hier laufen. Oft höre ich, wie  jemand meinen Namen ruft. Die Atmosphäre kann man gut mit dem Marathon in Berlin vergleichen.

Wir sind in Kopenhagen, Hauptstadt von Dänemark, gut 600 000 Einwohner im Kerngebiet und 1,3 Millionen im Ballungsraum. Für einen Münchner so weit entfernt wie für einen Hamburger beispielsweise Florenz. Macht nichts, Judith und ich waren noch nie in Skandinavien.

Am Samstagmittag kommen wir an und amüsieren uns über die kurzbehosten Reisenden am Flughafen. Am Freitag waren wir morgens noch mit Handschuhen unterwegs. Hier aber empfangen uns wärmende Sonnenstrahlen. Per Metro und Bus sind die acht Kilometer ins Zentrum zur Marathonmesse am Østerbro-Stadion schnell zurückgelegt. Der Sportclub Sparta, Veranstalter des Marathons seit vielen Jahren, hat hier sein Vereinsheim.

Die 42,2 km sind am Sonntag die einzige Disziplin. Zur 40. Ausgabe wird ein neuer Teilnehmerrekord mit 13.200 gemeldeten Läuferinnen und Läufern erwartet. Eher unspektakulär sind die Zelte für die Startnummernabholung. Die QR-Codes aus der Meldebestätigung werden gescannt. Ein Stück weiter gibt es das im Preis enthaltene Laufhemd von Nike. In  (jetzt modernen?)   gedeckten Farben, einem matten Orangeton für die Damen und einem melierten Grau für die Herren und mit großem Veranstaltungsaufdruck auf dem Rücken, so wie mir das für Trainingsläufe an der Isar gefällt. Da weiß man gleich, woran man ist. In der altehrwürdigen Sporthalle nebenan dann die Marathonmesse und Abholung des Starterbeutels, der aus sehr festem Plastik gefertigt ist, im Stil einer Fahrradkuriertasche, jedoch ohne Reflektoren. Schick, wenn man so was braucht.

 

 

Kopenhagen ist eine Fahrradmetropole. Wer das vorher noch nicht wusste, lernt es sehr schnell. Auf den geräumigen Boulevards der Hauptstadt gibt es Fahrradspuren, die mindestens so breit sind wie Autospuren. Oft hat man den Eindruck, hier sind Demos auf zwei Rädern im Gange, so viel ist hier los. Während unseres Aufenthalts habe ich nie ein Auto gesehen, das sich auch nur kurz auf so eine Radspur gestellt hätte. Auch nicht, um „nur mal schnell die Oma zum Arztbesuch abzuholen“, was daheim ja gerne als Grund angegeben wird. Aber zum Fahrradfahren sind wir nicht da.

Mit den konstant überfüllten und völlig unpraktischen Hochflurbussen geht es zurück ins Zentrum. Zwei Metrolinien gibt es seit 2002, zwei weitere stehen kurz vor der Eröffnung. Erbaut und betrieben von einem italienischen Konsortium. Die Deutschen sind ja eher die Spezialisten für Flughafenbau. Das 24-Stunden-Ticket samt Airport-Anbindung gibt es für 80 Kronen, was einem Preis von 10,70€ entspricht. Marathonis können für den Sonntag auch ein 12-Stunden-Ticket für 30 Kronen erwerben.

Irgendwie bin ich gefühlsmäßig noch nicht angekommen. Der Schweiß rinnt, als wären wir in Südeuropa. Judith und ich starten eine ausgiebige Sightseeing-Tour, wie sie am Tag vor einem Marathon eigentlich nicht angeraten scheint. Und wo geht es zuerst hin? Natürlich zur Kleinen Meerjungfrau, „Den lille Havfrue“, an der Uferpromenade Langelinie. Allerlei Trubel und viele Reisegruppen gibt es dort. Jeder möchte sich mit der nur 125 cm hohen, 1913 hier aufgestellten Bronzefigur nach einem Entwurf des Bildhauers Edvard Eriksen fotografieren lassen. Das Märchen von Hans Christian Andersen, auf das sich die vom Brauereibesitzer Carl Jacobsen in Auftrag gegebene Skulptur bezieht, ist ja nicht ganz so heiter.

Was kennt man von Kopenhagen noch? Den Tivoli vielleicht. Aber einen Vergnügungspark möchte ich heute nicht besuchen. Weiter geht es am Hafen entlang, der hier wie ein breiter Fluss wirkt und einen Teil von Dänemark vom Festland abtrennt. Dann zum Schloss Amalienborg, der Winterresidenz von Königin Margrethe II. Das dänische Königshaus gilt als die älteste Monarchie Europas. Die Standarte auf dem Palais Schack zeigt, dass ihre Hoheit zu Hause ist. Die Wachleute vor den Gebäuden scheinen ihren Job wesentlich lockerer zu nehmen als ihre Kollegen vom Buckinghampalast in London.

Wir treffen unseren ebenso reisebegeisterten Lauffreund Herbert aus Mörfelden und begeben uns auf die Suche nach einem italienischen Lokal für die nötige Kohlenhydratzufuhr. Im ersten, das wir aufsuchen, sind alle Tische reserviert, fast wie in Italien. Letztlich landen wir in einem kleinen Schnellrestaurant mit großen Portionen und einem Preisniveau wie zu Hause. Stimmungsvoller wäre natürlich ein Dinner in einem Lokal am Nyhavn-Kanal mit seinen farbenfrohen alten Häusern gewesen. Aber wie so oft schonen wir unseren Geldbeutel für weitere Marathonreisen.

 

Marathontag

 

Mit der Metro ist man schnell am Hafen. Dort befindet sich, etwas außerhalb des Zentrums, der Start- und Zielbereich. Alles ist gut ausgeschildert und organisiert. Lediglich die Anzahl der mobilen Toiletten, die hier direkt am Startkanal liegen, lässt zu wünschen übrig. Stoisch stelle ich mich in eine ordentliche Schlange und höre vom Häuschen aus den Startschuss. Nachdem ich das WC verlassen habe, kommen die Pacer mit den Vier-Stunden-Ballons vorbei. Glück gehabt.

 

 

Sobald man den Startbogen passiert hat, geht es ruckzuck über die erste Brücke, Langebro genannt. So ganz flach ist der Kurs also nicht. Hauptsächlich die Brücken lassen wohl die rund 100 Höhenmeter zusammenkommen. Der Blick von der Brücke auf die Läuferschar vor uns auf dem H.C. Andersens Boulevard ist beeindruckend. Hinzu komm eine nicht enden wollende Zuschauermenge. Links das1938 erbaute Richshuset, einst Sitz der Kaffeeersatzfirma Rich, mit einem riesigen Thermometer. Oben zwei goldene Figuren, die als „Wettermädchen“ Regen und Sonne anzeigen. Und die Sonnenfigur ist schon ganz nach vorne gekommen.

Mir ist heiß. Lange schwarze Strümpfe und Halstuch waren offenbar nicht die richtige Kleiderwahl. Dafür habe ich Judith wiedergefunden, die sich nicht bei den Toiletten anstellen wollte. Noch mal so ein Wunder bei einem Lauf dieser Größenordnung. Rechts geht es am Rådhusplads vorbei. Das im Jahr 1905 fertiggestellte Rathaus liegt quasi hinter uns. 1992 wurde dort die dänische Elf als Fußballeuropameister auf dem Balkon empfangen. Das Glockenspiel, welches um 12:00 Uhr erklingt, wird im Radio übertragen.

Die Statue des Landsoldaten mit dem kleinen Hornbläser, die aus dem Läufergewirr aufragt, erinnert an die Gefallenen der beiden Schleswigschen Kriege im 19. Jahrhundert.

Zweimal um 90 Grad abbiegen. Der Lauffluss ist wegen der Masse der Sportler etwas eingedämmt. Dann sind wir wieder auf einer breiten Allee. Hinter den vielen Dächern der Station Nørreport, die auch einen unterirdischen Bahnhof für Zug, S-Bahn und Metro markieren, die erste Verpflegungsstelle.

Der Botanische Garten links geht etwas im Grün unter. Auffallend das Gebäude des Statens Museum for Kunst. Kartoffelrækkerne nennt man die netten 11 kleinen Straßen, die linker Hand abgehen. Auf diesen ehemaligen Kartoffelfeldreihen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeiterwohnungen angelegt und s

 

 

Elke und Mike haben ihre zahlreichen Marathon-Teilnahmen auf den Laufhemden dokumentiert. Wir sind ihnen schon 2018 in Amsterdam begegnet. Einige große Stadtmarathons sind seitdem hinzugekommen. Und die Deutschland- und Europafahne ist auch dabei. Ja, die Europawahl steht vor der Tür. Viele Plakate gibt es zu sehen. Aber es werden immer nur der Name des Kandidaten und die Liste genannt. Bei den „Radikalen“ sind auch viele Zuwanderer zu sehen. Ansonsten wird Europa nirgends erwähnt. Und die einzigen Europafahnen sieht man an den vielen Botschaften aus EU-Länder, an denen wir vorbei kommen. Die schon wohlbekannte Liebe der Dänen zu ihrem Land und zur dänischen Fahne wird bei diesem Lauf wieder sehr oft dokumentiert. Auf der Marathon-Expo gab es auch einen großen Stand mit den weiß-roten Hemden, die man weltweit oft sieht.

An einem See der ehemaligen Stadtbefestigungsanlage geht es ins Uni-Viertel. Ein beeindruckendes Gebäude mit riesigen Säulen rechter Hand beherbergt den Dänischen Freimaurerorden. Dann ein Haus mit dem Namen „Niels Bohr Institut 1920“. 1922 erhielt der Kopenhagener den Physik-Nobelpreis für sein Atommodell. Bei einem nächtlichen Spaziergang im Fælledparken entwickelte Werner Heisenberg, der im Niels-Bohr-Institut zu Gast war, 1927 die entscheidende Idee für seine Unschärferelation. Auf uns warten eine Band in einem Lkw-Aufleger und eine große Verpflegungsstelle. Die Strecke im Park misst nur einen Kilometer, ein großes Gebäude mit Zuschauertribünen auf dem Dach erweist sich als „Telia Parken“. Kein Parkhaus, sondern ein Fußballstadion für fast 40.000 Zuschauer. Davor eine große Power Zone des Marathon-Sponsors Telenor.

Und dann wieder rein ins pralle Stadtleben. Wie oft am heutigen Tag großer Zuspruch von unzähligen Zuschauern vor einer beeindruckenden Kulisse von Häusern aus der Gründerzeit. Ich bin restlos begeistert. Auf dem Strandboulevarden wieder eine ganz andere Stimmung. Siedlungsanlagen, vor der irischen Botschaft hätte ich eine Gruppe im Stil von Riverdance erwartet. Über eine Fußgängerbrücke queren wir die Ringbahnanlagen. Die Brücke ist stabil, da wackelt nichts, aber ein leises Quietschen verrät die Belastung. Rechts unten die Läuferschar nach dem Verpflegungspunkt. Was man nicht sieht, sind die nahen Hafenanlagen und die Kleine Meerjungfrau  sowie die Festungsanlage Kastellet. Dafür die Svenska Kyrkan. Anscheinend brauchen die Schweden ihre eigene Kirche. Am Grün des Festungswassergrabens vorbei und dann auf die Amaligade direkt auf den Königlichen Palast zu. Kurz davor schwenken wir jedoch an den Hafen. Ein Blick auf die Marmorkirche rechts und das moderne Opernhaus auf der anderen Hafenseite. Ein Windjammer der US-Küstenwache liegt hier vor Anker.

Wir queren den Nyhavn, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. 1673 wurde der Hafen fertiggestellt und schon bald von farbenfrohen Häusern gesäumt. Später ließ die Bedeutung des Hafenbeckens nach und die Bedeutung der Tavernen nahm zu, so dass man hier sehr viele Touristen sehen kann. Die älteren Backsteingebäude hier am Hafen beherbergen mehrere Museen.

 

 

Kilometer 14, unter der Brücke zum Ziel kommen wir in eine ganz moderne Gegend. Der folgende Kilometer auf einer breiten sonnigen Ausfallstraße ist dann auch schnell vorbei. Auf der Brücke über die Eisenbahn beginnt das Halligalli von Neuem. Wir sind im Viertel Vesterbro. Auf dem Sønder Boulevard mit seinem breiten Grünstreifen gibt es eine genau einen Kilometer lange Begegnungsstelle. Stimmung pur, aber wenig Platz zum Laufen. Der Nörgler in mir fragt sich, warum man kein Parkverbot ausgesprochen hat. An der nächsten Verpflegungsstelle, hier Forplejningszone genannt, nutzen wir erst mal die Toilettenhäuschen. Hier gibt es auch ein Café mit dem Namen 42. Ich habe keine Zeit, der Zuschauerin zu erklären, warum ich das fotografieren muss. Der Anblick der  hübschen Mädels bringt mich ins Trudeln. Ich habe glatt die Aufpflasterung übersehen. Ich kann mich fangen, ohne auf die Hilfe der Damen angewiesen zu sein.

Nächste Straße: Ein rosa Häuschen sieht putzig aus. Kiez-Leben pur. Heißt das hier überhaupt so? Erst beim Schreiben des Artikels stelle ich fest, dass die Istedgade eine der belebtesten Straßen der dänischen Hauptstadt ist. Sie beginnt hinter dem Hauptbahnhof und beherbergt auf dem nordöstlichen Streckenabschnitt vor allem Hotels und Sexshops. Hier halten sich bevorzugt Trinker, Drogensüchtige und Prostituierte auf. Auf dem südwestlichen Teil, den wir belaufen, sorgen Geschäfte, Restaurants und Cafés für einen multikulturellem Charakter. Also doch Kiez. Noch interessanter ist die Freistadt Christiania, die wir am Nachmittag besuchen werden. Im Osten Kopenhagens haben sich in den 1970er Jahren auf einem ehemaligen Militärgelände einige Leute ein unabhängiges Zuhause aufgebaut, anfangs auch aus Protest gegen den damals schon herrschenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Aus Sicht der Behörden handelt es sich um eine staatlich geduldete autonome Gemeinde. Das Ganze wirkt alternativ und farbenfroh und verströmt Bohème- und Flohmarktatmosphäre. Auffälligstes Merkmal ist jedoch eine Einkaufsstraße, an der es viele kleine Stände mit Drogen in allen Geschmacksrichtungen gibt. Entsprechend gelassen geht es dann auch auf den angrenzenden Wiesen zu. Und entsprechend umstritten ist die Freistadt nach wie vor.

Jetzt muss es aber mal weitergehen. Es ist einfach umwerfend. Eine breite Allee, Zuschauer und ein Spalier aus unzähligen dänischen Fahnen. Wir sind in der Gemeinde Frederiksberg. 104.000 Menschen leben in dieser Enklave, die komplett von Kopenhagen umschlossen wird.

Vor uns die ehemalige Sommerresidenz der dänischen Könige, errichtet für Friedrich IV und heute Sitz einer Militärakademie. Frederiksberg liegt auf einem Hügel und so erreichen wir hier die höchste Stelle des Kurses. Das Gebäude in einem noch größeren Park sehen wir nicht, dafür aber die Damen der Sambaband in einer der Temperatur angepassten Aufmachung. Die Pacer für 4:20 stehen am Straßenrand, die Band gegenüber macht auch Pause.

Die Uhr bei km 21,1 rennt unaufhörlich. Eine Zwischenzeit von 2:06 h scheint bei den vielen Eindrücken und Fotostopps angemessen. Und dann dieser große Gospel-Chor, kurz danach unter der Straßenbrücke. Nebel, Bässe und Lightshow.

Graham trägt eine dieser kleidsamen Laufhosen, die aus der britischen Nationalflagge genäht zu sein scheinen. Er erzählt, dass fast 80 Prozent der Londoner für einen Verbleib in der EU gestimmt haben. Die junge Mikki, die in den Union Jack gehüllt läuft, möchte hingegen mit der EU nichts zu tun haben. Die breite Nørrebrogade ist für sich allein schon ein Hit. Hier liegt auch eine Filiale der Restaurantkette „Halifax“. Weil Judith das Online-Infomagazin genau studiert hat, werden wir hier später einen vorzüglichen Burger verspeisen, für Marathonteilnehmer kostenlos. Und damit nicht genug. Auch das Konkurrenzunternehmen „Jagger“ macht mit. Also am Sonntag und am Montag gratis schlemmen. Mein Tipp: Schaut euch die Vergünstigungen im Magazin genau an. Viele andere Restaurants geben Rabatt. Es lohnt sich.

 

 

„You never walk alone“ steht auf der Brücke über Søerne, den aufgestauten Seen der ehemaligen Befestigungsanlagen. Am Israels Plads kommt es zu einer, sagen wir mal, Erscheinung. Dort stehen die „Heidis und Hosen“ und präsentieren, in fesche Dirndl gewandet, eine Art dänische Hip-Hop-Folklore nach alpenländischer Art. Schnell weg.

Wir schlagen uns in die Sträßchen der Altstadt. Jetzt bei Kilometer 30 hat sich die Läuferkolonne so weit auseinandergezogen, dass kein Gedränge mehr herrscht. Gammeltorv heißt der alte Markt auf Dänisch. Die kleine Jelena hat wohl Geburtstag und muss mit ihren Eltern am Streckenrand feiern. Irgendwie haben aber die Eltern den größeren Spaß. Der runde dicke Turm an der Trinitatis Kirke steht als nächstes auf dem Besichtigungsprogramm. Der Turm hat nichts mit der Kirche zu tun. Er wurde von König Christian IV als astronomischer Beobachtungsturm errichtet mit 15 Metern Durchmesser und 34,8 Metern Höhe. Über den 209 Meter langen spiralförmigen Gang kommt man in siebeneinhalb Drehungen nach oben. Früher lieferten auf diesem Weg Pferdegespanne Bücher und Instrumente an. Eine Konstruktion, wie geschaffen für einen Urban Trail.

Ich überlege kurz, ob ich mich auf den Boden legen soll, um das Bilderrätsel am Turm mitsamt den Läuferinnen abzulichten. Aber irgendwie habe ich Angst, den Anschluss zu verlieren.
In der Trinitatis (Dreifaltigkeits-)kirche wurden im Zweiten Weltkrieg während der Besatzung durch die Nazis die Tora-Rollen der nahen Synagoge versteckt.

„Kom så“ lautet wieder einmal die Aufforderung an einen gewissen Onkel Martin. Diese Parole ziert die auf der Marathonmesse verteilten Pappschilder für anfeuernde Fans und bedeutet so viel wie „Komm schon! Komm jetzt! Auf geht’s!“ Ich setze dem das französische „comme-ci, comme-ça“  entgegen, was „so lala“ bedeutet und eigentlich nicht passt, aber zumindest nett klingt.

Mit einem Blick auf Schloss Rosenborg, einst königliche Residenz und heute ein Museum, in dem  die dänischen Kronjuwelen ausgestellt sind, verlassen wir die Altstadt bei Kilometer 31. Das Schloss mit mehreren Türmen geht auf das Jahr 1606 zurück und orientiert sich mit seinen schlanken Proportionen am Stil der Niederländischen Renaissance. Nebenan die Livgardens Kaserne. Die Leibgarde kümmert sich um die Sicherheit der Königlichen Familie und deren Liegenschaften. Auffallendstes Merkmal sind wohl die schwarzen Bärenfellmützen und der Gardesäbel. Das Tambourcorps würde gut hierher passen, aber vielleicht haben die heute Ausgang oder laufen einfach mit.

Die verbleibenden 11 Kilometer werden wir auf der vom Anfang her bekannten Strecke laufen. Was wird uns wohl erwarten? Wo werden wir Schatten finden?

Am meisten beeindruckt mich, dass immer noch so viele Sportler mit mir kämpfen. Judith und ich wechseln  uns mit der Führungsarbeit ab. Ich sehe bekannte Zuschauer wieder. Nicht, weil ich die über 100.000 Personen am Wegesrand auseinanderhalten kann. Aber die Schilder. So das „Run now – wine later“, was wohl ein Wortspiel sein soll. Übersetzt bedeutet es, dass einen nach der Anstrengung die Belohnung in Form eines Glases oder gar einer Flasche Wein erwartet. Während das ähnliche „Run now, whine later“ die Aufforderung enthält, jetzt gefälligst zu laufen und das Jammern auf später zu verschieben.

Inzwischen habe ich auch mein Vorgehen an den relativ kurzen, nur auf einer Seite angebrachten Verpflegungsstellen optimiert. 1. Peile das Schild „Wasser“ oder „Energie“ an. 2. Nimm erst den vollen dritten Tisch ins Visier.  3. Frage nach, was sich im angereichten Becher befindet.

Zusätzlich zur flüssigen Verpflegung gibt es Bananen und Orangenstücke. Wer nicht auf den Schalen ausrutschen will, sollte den Blick auf den Boden richten. Zusätzlich gibt es oft erfrischende Duschen sowie Vaseline zum Einreiben.

 

 

An den Straßenlampen wird das Pokalfinale am 17.5. beworben. Mette sieht meinen fragenden Blick und erklärt, dass nach einem 1:1 in der Verlängerung der FC Midtjylland gegen Brøndby IF mit 4:3 im Elfmeterschießen gewann. Und dann ist sie schon auf und davon.

Die Namen „Mette“ und „Andreas“ liest man oft auf den Startnummern. Zuschauer und Anfeuerung haben nicht wirklich nachgelassen. Die Kopenhagener Bevölkerung beweist wirklich viel Durchhaltevermögen. Ich auch. Viele andere Läufer müssen nun gehen. In der Nähe der königlichen Winterresidenz befindet sich das chinesische Lokal „Krone“. Wie sieht doch gleich das Zeichen dafür aus? Danach eine Glasbläserei, deren dänischer Name „Glaspusteri“ bei Judith für Heiterkeit sorgt.

Den Red-Bull-Stand bei Kilometer Vierzig nehme ich noch mit. Flügel sind genau das, was ich jetzt brauche, doch leider hindert mich der vom verschütteten Nass klebrige Boden am Abheben. Anlauf zur letzten Brückenquerung und am Tivoli vorbei, 1843 eröffnet und einer der ältesten Vergnügungsparks weltweit. Zu dessen Attraktionen gehören  Achterbahnen, Fahrgeschäfte, Kabaretts und Pantomimentheater sowie ein 80 m hohes Kettenkarussell und 37 Restaurants.

Ja, es stimmt wohl, auf der anderen Seite müssen wir noch eine Schleife drehen, um unter der Brücke hindurch zu kommen. Spannend, wie sich der letzte Kilometer in die Länge ziehen kann. Noch vierhundert Meter, dann durch ein Zuschauerspalier. Unglaublich, es ist wieder mal geschafft.
Irgendwie habe ich Judith beim Zieleinlauf verloren. Ich genieße noch die Atmosphäre,  dann kommt Konrad mit dem Shirt der SG Flensburg-Handewitt ins Ziel. Dessen Sponsor ist ganz offensichtlich das „Dänische Bettenlager“.

Im Nachzielbereich gibt es verschiedene Getränke, auch alkoholfreies Bier aus der Gegend von München, Obst und Gebäck. Die Duschzelte sind ausreichend groß, das Wasser warm. Die Wiese am Hafenbecken bietet sich zum Verweilen bestens an. Verwegene nutzen die Badestellen für ein gesundes Abkühlen in der gut 10 Grad kalten Ostsee.

Judith und ich bleiben noch einen Tag, um uns die schöne Stadt noch ein wenig genauer anzusehen. Außerdem steht eine Zugfahrt über Öresund-Brücke und -Tunnel ins schwedische Malmö auf dem Programm. Dank des guten Wetters steht in unserer Bilanz auch ohne Topzeiten ein fantastisches Laufwochenende.

 

Fazit:

 

Zum 40. Mal wurde der Kopenhagen Marathon ausgetragen. Über 10.000 Finisher und über 100.000 Zuschauer sowie unzähligen Stimmungspunkte mit Live-Musik und DJs verwandelten Kopenhagen in ein Marathon-Mekka ersten Ranges. Die beeindruckende Streckenführung durch die Innenstadt tut ein Übriges.


Sieger

1 Jackson Kibet Limo            KEN    2:09:54 Streckenbestzeit
2 Victor Kiplimo            ETH    2:11:04
3 Gebre Roba Yadete            ETH    2:11:58

Siegerinnen

1 Etalemahu Zeleke Habtewold    ETH    2:29:29 Streckenbestzeit
2 Dinknesh Mekash            ETH    2:30:22
3 Aberu Ayana Mulisa        ETH    2:34:39


Finisher    10881    
davon 34% international
gestartet    11497

 


 

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