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Laufberichte

Berglaufspaß & more

 

Ungewohnter Lärm, Gelächter und Geklatsche dringt nach etwa 9 km durch den Wald an mein Ohr. Nichts zu sehen ist zunächst. Dann eröffnet sich mit einem Mal eine dschungelhafte Traumkulisse: Ein Wasserfall stürzt metertief den Fels hinunter. In luftiger Höhe führt unmittelbar davor eine Brücke steil über den Bach. Vorsichtig tapsen die Läufer hinüber. Umrankt wird alles von urwüchsiger Natur. Zuschauer und auch wieder die Bergwacht sind vor Ort. Und Vorsicht ist geboten: Nass und glitschig sind die Brücke wie die umliegenden ausgesetzten Pfade. Doch herrlich ist es. Und spannend geht es auf verschlungenen Pfaden weiter durchs Dickicht.

10 km liegen schon hinter uns, als wir kurz vor Bad Häring den ersten von drei Verpflegungsposten entlang des Streckenkurses erreichen. Wenig später dürfen wir vom Waldesrand aus auch einen Blick auf besagten Ort werfen. Was den Blick besonders bemerkenswert macht: Dort scheint doch tatsächlich die Sonne. Auf unserem Weg durch den Wald bekommen wir vom Wetter wenig mit. Aufmerksamkeit erregt schon bald ein Schild, auf dem steht: „Steinbruchgebiet – Sperrbereich – Zutritt verboten“. Es bleibt nicht bei dem einen Schild, aber unseren Laufkurs berührt das nicht. Denn: Wir haben eine Sondergenehmigung.

 

 

 

In den Steinbrüchen am Pölven werden Mergel und Kalkstein abgebaut und in der Zementindustrie weiterverarbeitet. Vom Steinbruch selbst bekommen wir zunächst nicht viel mit, allenfalls die breite staubige Werksstraße, der wir kurze Zeit folgen, und eine mächtige Talbrücke, zeugen davon, dass hier zu anderen Zeiten Geschäftsbetrieb herrscht. Auf Waldwegen geht es weiter, bis sich auf einmal der Wald öffnet und den Blick auf eine ganz und gar ungewöhnliche Szenerie freigibt: Zwei riesige Muldenkipper stehen sich vor uns vis a vis gegenüber, dazwischen ist ein Hügel aufgeschüttet. Und just über diesen geht es für uns hinweg, hin zu einer großen Halle mit der Labestation Nummer zwei davor. Gleich daneben öffnet sich ein riesiger Krater im Boden und auch der Paisslberg im Hintergrund wirkt schwer „angenagt“. Wir sind nach 14 km im Herzen des Steinbruchs angelangt. Die Querung des Hügels ist jedes Mal mit großem Hallo und Gejohle verbunden, ein Erinnerungsfoto nach dem anderen wird geschossen.

Durchaus empfehlenswert ist es, die Verpflegung etwa intensiver auszukosten. Denn nun geht es ans Eingemachte: Etwa 600 Höhenmeter stehen uns auf den nächsten 4 km bevor. Der Weg auf einer Schotterstraße durch den Steinbruch verliert sich schon bald in einem winkeligen Waldpfad. Und der kennt weitgehend nur eine Richtung: aufwärts. Es ist schon seltsam: Mir geht es gut dabei, ich bin ganz anders motiviert als gestern. Es macht trotz der Anstrengung einfach Spaß. So geht es nicht nur mehr, man merkt es an der Stimmung drum herum. Viele Wurzeln und schlammige Abschnitte sind zu bewältigen, manchmal ist es so steil, dass man fast geneigt ist, auf allen Vieren zu klettern. Aber der weiche Waldboden hat eben eine andere Ausstrahlung als ein harter Steinweg. Dazwischen eingestreut sind auch flachere Passagen über Wiesen oder Forstwege. Aber der Weg zieht sich und mehr als einmal denke ich mir: Jetzt müsste doch eigentlich das Juffinger Jöchl erreicht sein. Gewissheit habe ich allerdings erst, als ein großes Kreuz im sonnenbeschienenen Wolkendunst auftaucht. Auf 1.181 m üNN bin ich hier. Subjektiv kommt es mir sehr viel mehr vor.

 

 

 

Ein Aussichtsklassiker ist das Juffinger Jöchl nicht gerade. Umso mehr motiviert ein Schild, das verkündet: „Jetzt geht’s bergab“. Und wie. Teilweise so steil und ausgesetzt ist es, dass wieder ein paar Bergwachtler unauffällig am Wegesrand harren, um für den Fall des Falles einem Gefallenen zur Seite zu stehen. Konzentration und gute Dribbeltechnik zur Umgehung der Wurzelberge sind gefragt. Wehe dem, der sich hier nicht auf anständigen Trailschuhe verlassen kann. Zehn Minuten später ist Kontrastprogramm angesagt: Eine langgezogene Schleife führt uns entlang einer Panoramahöhenstraße. Und hier haben wir all das, was ich gestern so vermisst habe. Einen herrlichen Blick in die die Weiten der Bergwelt hinein, über das Tal hinweg auch zur Hohen Salve, deren Gipfelbereich doch tatsächlich leicht weiß schimmert.

Dem Selbstverständnis des Pölven Trails entsprechend ist aber schon wenig später der Wald wieder unser Laufrevier. Malerisch mittendrin liegt die Lengauer Kapelle. Ängstliche können hier ein kleines Gebet gen Himmel senden: Denn nun setzt sich der Härtetest für das Schuhprofil und die Oberschenkelmuskulatur fort. „Sakrisch steil“, wie man in Bayern sagen würde, windet sich der Pfad in engen Kurven rasant den Hang hinab. Bei einem stetig ausrutschend und wild mit den Armen rudernden Läufer habe ich arge Befürchtungen, gleich Erste Hilfe leisten zu müssen.

Unweit des Alpenschlössls schlagen wir im Tal auf. Die letzten Kilometer geht es nun auf den Spuren des Sunnseitwegs im gemütlichen Auslauf dahin. An der letzten Verpflegungsstelle vor dem Alpenschlössl erwartet uns sozusagen eine „Pre-Finisher-Party“. Stimmungsmäßig und musikalisch wird hier aufgedreht, als wären wir schon im Ziel. Auf dem Weg dorthin darf ich nun endlich auch einen Fernblick auf den Wilden Kaiser werfen, aber nur einen kurzen, denn schnell bin ich in Söll, wo einmal mehr vor und hinter dem Zielbogen „der Bär tanzt“. Was für ein Unterschied zu gestern! Ich gebe ganz offen zu: In diesem Jahr war der Pölven Trail läuferisch wie emotional das Highlight der Tour und auch ein Beleg dafür: Bergmarathons gibt es viele, aber so etwa sie die Tour de Tirol eben nur einmal.

 

 

Proppenvoll ist das Festzelt. Henry Kemboi hat nach dem 10er auch den Pölventrail in einer Zeit von 1:49 Std. gewonnen. Aber in der Endabrechnung aller drei Läufe gemeinsam hat Patrick Wieser die Nase vor. Am Beifall merkt man, wie dem Charming Boy aus dem schweizerischen Thurgau die Herzen zufliegen. Bei den Damen ist Jasmin Nunige ihrer Favoritenrolle gerecht geworden und gewinnt die Gesamttour.

Und weil jeder Finisher der Tour für den Veranstalter ein „Sieger“ ist, wird finalissimo jeder Finisher namentlich aufgerufen, auf die Bühne geholt und mit Medaille und Handshakes beglückwünscht. Das kommt an. Kein Wunder ist daher, dass das Konzept "Berglaufspaß & more" viele zum Wiederkommen motiviert. Es werden jedes Jahr mehr.

 
 

Informationen: Kaisermarathon / Tour de Tirol
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