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Laufberichte

Meine Rennsteiglauf-Geschichte

 

Über keinen Landschaftsmarathon in Deutschland lassen sich so viele Geschichten erzählen wie über den Rennsteiglauf. Meine persönliche Rennsteiglaufgeschichte beginnt im Jahr 1995. Im zarten Alter von 27 Jahren hatte ich gerade meine ersten beiden Volksläufe absolviert: den 17 Kilometer langen Kranichlauf auf Ummanz bei Rügen und den 20 Kilometer langen Celler Wasalauf in Niedersachsen. Das waren zugleich meine beiden bisher längsten Läufe. Als dritter längerer Lauf folgte gleich der Rennsteig, mein erster Marathon. Dass verdankte ich der studentischen Clique meines Bruders. Getreu der Studentenidee von vor jetzt 53 Jahren, den gesamten Rennsteig von 170 Kilometer Länge abzulaufen, hatte ich mich 1995 sofort zum Marathon über 43 Kilometer bei diesem ostdeutschen Kultlauf mitziehen lassen.

Jetzt ist der GutsMuths Rennsteiglauf Kult in ganz Deutschland und in Europa. Ja, der Kultgedanke ist dabei, sich weltweit zu entwickeln. Denn wie heißt es so schön auf den verschiedenen Wegen zum und in dem Zielort selbst: Das schönste Ziel der Welt liegt in Schmiedefeld!

Der Rennsteiglauf (Abkürzung: RSL) ist seit Jahrzehnten eine riesige logistische Herausforderung, die vom Rennsteiglaufverein und seinen 36 Helfervereinen und weiteren Organisationen gemeistert wird. Eine kleinere logistische Herausforderung ist der RSL auch für die Teilnehmer. Denn das Zeit- und Ortsmanagement mit verschieden Startorten und einem Zielort muss vom Läufer zunächst selbst koordiniert werden. Hinzu kommen die Quartier- und Parkplatz- oder Fahrplansuche. Dann die Herausforderung, überhaupt die teils crossigen Wege mit anspruchsvollem Mittelgebirgscharakter läuferisch oder wandernd zu meistern.

Trotz dieser Herausforderungen hatten in diesem Jahr 18 800 Teilnehmer für den Rennsteiglauf gemeldet: Europas größter und beliebtester Crosslauf. Die Teilnehmer teile ich mal grob in zwei Kategorien ein. Erstens die, die immer oder immer mal wieder teilnehmen. In diese Kategorie gehören auch die sogenannten Traditionsläufer. Um ein solcher zu werden, muss man 25mal beim RSL mitgelaufen sein. Dann die Kategorie Läufer, für die es selbstauferlegte Pflicht ist, einmal im Leben beim RSL zu starten.

 

 

Um die eigenen logistischen Herausforderungen zu begrenzen, habe ich in diesem Jahr bei Schulz-Sportreisen gebucht. Ich musste nur die Anreise zum Ringberghotel bei Suhl selbst organisieren. Um den Rest und um die 90 Reiseteilnehmer kümmerten sich gleich vier sehr engagierte Reiseleiter. Das Ringberghotel, 1979 für die Bauerngenossenschaften der DDR als Erholungshotel errichtet, thront über Suhl, abgeschieden inmitten im Thüringer Wald auf 750 Metern Höhe. Im fünften Stock habe ich einen gigantischen Ausblick auf die Stadt Suhl und das Mittelgebirge. Das Hotel bietet ein breites Angebot für den Sportler und Genießer. Tischtennis, Kinderspielecke, Kraftraum, Schwimmbad und Saunalandschaft. Gleich vor der Tür befinden sich ein paar Eingänge auf die Wanderwege des Thüringer Waldes. Das Frühstücks- und das Abendessenbuffet ist als gebuchte Halbpension sehr üppig.

Am Freitag ab 16:00 Uhr werden die Startunterlagen und einige nette Schulz-Sportreisebeilagen in der Hotellobby ausgegeben. Um 18:00 Uhr versammeln wir uns alle zum gemeinsamen Abendessen. Nach einem Gruppenfoto draußen startet um 19:15 Uhr die Schulz-Sportreisen-Infoveranstaltung im Herbert-Roth-Saal. Als Krönung werden vier freie Startplätze für den RSL im nächsten Jahr unter allen Teilnehmern verlost. Gut eingestimmt und mit bestens gefülltem Energiedepot geht es dann zurück aufs Zimmer. Vom Hotelfenster aus genieße ich zum Nachtisch einen perfekten Sonnenuntergang ins Mittelgebirge als Augenschmaus.      

 

 

Am Samstag, dem Renntag, ist das Frühstücksbuffet ab 4:30 Uhr geöffnet. Der Bus soll um 6:30 Uhr direkt vor dem Hotel abfahren und die Marathonis zum Start nach Neuhaus bringen. Doch er hat über eine halbe Stunde Verspätung. Ein Busfahrer ist ausgefallen und Ersatz muss organisiert werden. Doch dann werden wir gleich problemlos mit zwei Bussen und von zwei Fahrern nach Neuhaus kutschiert. Wir haben noch eine Stunde Zeit bis zum Start. Genug für einen kleinen Rundgang, die Kleiderbeutelabgabe, die Startaufstellung. Neuhaus, 800 Meter hoch, liegt im Nebel. Auch die Temperatur hängt noch im frischen einstelligen Bereich. Doch die rund 3 000 Marathonis werden in Neuhaus wie immer mit lockerer Moderation, mit dem Schneewalzer und mit dem Rennsteiglied aufgewärmt.

Um 9:00 starten wir stimmungsgeladen und müssen gleich den ersten steilen Anstieg hoch. Es läuft im zuckelnden Tempo, vor mir puhlt sich ein Läufer aus seiner Jacke, wir werden warm. Und als wir höher kommen entweichen wir der nebulösen Wolke und die Frühlingssonne wärmt uns angenehm. Dann kommt das, was viele Bestzeitenträume im Vorfeld platzen ließ: die angekündigte Streckenänderung. Statt wie sonst die ersten fünf Kilometer auf der Straße zu laufen, damit das Feld sich schön auseinanderzieht, biegen wir nach eineinhalb Kilometern rechts direkt auf den geschotterten und engeren Weg des Rennsteigs ein. Doch unsere Ängste zerschlagen sich, denn wir stehen nicht im Stau, sondern laufen auf Tuchfühlung gemächlich voran.

 

 

Und es wird auch gleich landschaftlich malerisch. Grüne Lichtungen und Nadelholzschonungen wechseln sich am Rennsteigrand ab und werden vom azurblauen, wolkig weiß gesprenkelten Himmel übertüncht. Nach fünf Kilometern tut sich aus dem Wald eine abschüssige Lichtung auf. Das Läuferfeld schlängelt sich zur ersten Getränkestelle hinunter: Wasser, Apfelschorle, Cola, Tee.

Weiter läuft es auf dem Rennsteig zunächst hinab. Bald rechts im Tal der nächste Blickfang: der tiefblau schimmernde Stausee Scheibe Alsbach. Nach acht Kilometern gerät die Beschaulichkeit in den Hintergrund. Nachdem wir in Limbach eins der vielen Stimmungsnester durchliefen, führt es steil berghoch. Schritt ist angesagt. Doch bald läuft es erträglich weiter hoch und durch den lichten Nadelwald. Mir fallen seit einer Weile zwei junge Frauen auf, die zusammen und in meinem Tempo laufen. Auf dem leicht ansteigenden Rennsteig überholen wir so manchen Mitläufer in konstantem Tempo. Paula und Lea sind Schwestern und zum dritten Mal beim Rennsteig dabei. Paula zum dritten Mal beim Marathon. Sie begleitet Lea bei ihrem ersten Rennsteigmarathon, nachdem diese zuvor schon zweimal den halben Rennsteigmarathon gelaufen ist. Zum Rennsteig gefunden haben sie über ihre Eltern, die früher hier mitgelaufen sind. So wird Rennsteiglaufgeschichte geschrieben!

Leicht hinab läuft es bei Kilometer 12 zur ersten Verpflegungsstelle an der Friedrichshöhe: Haferschleim, Zitrone, Apfel, Banane, Salz. Frisch gestärkt läuft es weiter. Paula und Lea sind auch noch da. Nach Kilometer 14 beginne ich zu rechnen. Ein Drittel der Strecke ist geschafft. Läuft es in diesem Tempo weiter, müsste eins meiner Tagesziele erreichbar sein: Finish unter fünf Stunden. Ich finde Paula und Lea machen es richtig gut. Orientiere ich mich weiter an den beiden, müsste es klappen. In früheren Läuferjahren hatte ich so manche Frau über ihren ersten halben oder ganzen Marathon Orientierung gegeben. Heute kann das gerne auch mal andersrum sein.

Dann wird es wieder ernst. Ein zwei Kilometer langer Anstieg tut sich auf. Fast gelingt es uns den Eselsberg komplett hoch durchzulaufen. Wir überholen meinen Kyffhäuserberglauffreund Andreas, der sich gestern noch vom Halbmarathon auf den ganzen Marathon umgemeldet hat. Andreas läuft heute seinen ersten Marathon überhaupt: Bravo! Wenig später überholen wir meine Lauffreundin Ulrike aus Dresden, mit der ich vor drei Wochen beim Kyffhäuser Berglauf ein Stück zusammengelaufen bin. Sie hat schon weit mehr als 200 Marathons gefinisht: Chapeau!

Eines will ich heute ja herausfinden: Welcher Marathon ist schwerer, der beim Kyffhäuser oder der beim Rennsteig? Noch kann ich die Frage nicht beantworten.

 

 

Auf dem Eselsberg haben wir den höchsten Punkt der Marathonstrecke erreicht: 842 Meter hoch. Und an der Turmbaude Rennsteigwarte den nächsten willkommenen Verpflegungspunkt. Wurst-, Butter-. Schmalzbrote. Danach läuft es steil bergab Richtung Masserberg. Paula und Lea bleiben irgendwo hinter mir. Verpflegen sie sich länger und besser? Bin ich jetzt zu schnell unterwegs? Rächt sich das noch? Bald landen wir auf einem echten Trail. Ein Hohlweg führt schmal, wurzelumsäumt, matschig hinab. Jetzt kommt es zum Stau. Die meisten sehen das gelassen. „Bestzeiten sind am Rennsteig nebensächlich. Besser hier laufen, als wie die meisten anderen auf dem Sofa sitzen“, meint Sylvia hinter mir. Vor mir, die nächste junge Frau, wird mir auf der zweiten Marathonhälfte regelmäßig begegnen: Marie Bridget läuft heute ihren ersten Marathon am Rennsteig: Klasse!

Wir tauchen aus dem Hohlweg auf und erfreuen uns an der Schwalbenhauptwiese bei Kilometer 23 über den nächsten Imbiss. Der kommt gerade recht, denn jetzt läuft es einen Kilometer lang auf dem Wiesenweg wieder von Höhenmeter 700 auf 760 Meter hoch, Ehrgeizig bleibe ich im zottelnden Laufschritt und schaffe es hochzulaufen. Oben angelangt, atme ich einen Moment zu lange aus, stolpere über eine Wurzel und stürze. „Ist alles in Ordnung?“, ruft eine hilfsbereite junge Frau hinter mir. „Alles gut“, raune ich. Gottlob haben mir die Thüringer-Wald-Zwerge nur einen kleinen Streich gespielt und mich auf der weichen Wiese stürzen lassen. Jetzt, wo die Konzentration nachlässt und es bald ans Eingemachte geht, ermahne ich mich besser Obacht zu geben.

Weiter läuft es auf wiesenumsäumten Wegen im Wechsel auf und ab. Einige Läufer begeben sich auf die parallel verlaufende Straße. Nein, ich laufe lieber auf natürlichem Untergrund. Marnie Bridget ist bergab immer einen Tick schneller als ich. Dafür hole ich sie bergauf dann wieder ein. Empfindlich bergan laufen wir durch den Tannengrund und erreichen endlich Neustadt, wo es eine Verschnaufpause und die nächste Verpflegung gibt: Haferschleim, belegte Brote, Energieriegel.

Wir verlassen Neustadt und biegen auf die beschaulichen Wiesen am Abrahamskopf ein. Obwohl es langsam weh zu tun anfängt, sind alle Rennsteigläufer um mich gut gelaunt. Das witzige Lächeln von Bernd aus Gera ist echt und locker genug. Nein, um Zeitrekorde geht es dem Traditionsläufer nicht. Ja, wirklich, Bernd läuft heute zum 25. Mal beim Rennsteig mit: Herzlichen Glückwunsch. Rennsteiglaufen ist ein Lebensgefühl. Rennsteiglaufen ist schwer und schön gleichermaßen.

 

 

Zweite Drittel der Strecke sind geschafft und ich rechne wieder. Das unter Fünfstundenziel ist noch drin. Aber bei meinem zweiten Tagesziel heute bin ich mir weniger sicher: Werde ich den Schlussanstieg hochlaufen können? Aber davor warten noch andere Herausforderungen die da heißen: Großer Burgberg (811 m), Morast (838 m), Großer und Kleiner Dreiherrnstein (838 und 825 m). Es ist ein stetiger Wechsel von auf und ab, der an der Laufsubstanz zerrt.

Am Großen Dreiherrnstein bei Kilometer 34 ist Verpflegung angesagt. Ein Schornsteinfegerpaar an der Strecke wünscht uns weiterhin Glück. Hier gibt es zudem die Möglichkeit, aus dem Marathon auszusteigen und trotzdem als Rennsteigläufer gewertet zu werden. Eine prima Sache. Es sind immerhin noch 9,3 Kilometer bis ins schönste Ziel der Welt.   

Jetzt läuft es abwärts ins Örtchen Allzunah. Danach führt es natürlich wieder hoch, den Meisenhügel (789 m). Die laute Rockmusik am Wegesrand puscht uns vergebens. Schritt ist angesagt. Doch dann am Monument am Bohrstuhl kommt nach 37 Kilometern die letzte Verpflegungsstelle: auch mit Köstritzer Schwarzbier. Eine Glocke hängt über dem Weg. Wer will, kann dort hochspringen und die letzte Runde einläuten. An einer Wasserwanne mit fließender Wasserzufuhr können wir unseren Körper von außen erfrischen.

Immerhin führt die letzte Runde mehr hinab als hinauf. An einem der letzten Anstiege laufe ich wieder mal an Marnie Bridget vorbei. Sie schenkt mir ein Lächeln. Danke, Marnie Bridget. Rennsteiglaufen ist schwer und auch schön. Ich bin mir sicher, dass du dem Rennsteig die Treue halten wirst.

Dann lasse ich es auch bergab ordentlich laufen. Schmiedefeld rückt näher. Nach 41 Kilometern haben wir den tiefsten Punkt der Marathonstrecke erreicht (687 m). Und das heißt, jetzt kommt der Schlussanstieg, einen Kilometer lang. Die Thüringer-Wald-Zwerge meinen es gut mit mir. Sie verleihen mir den letzten Schub und ich scheine förmlich die Reitallee hinaufzufliegen. Wie es sich gehört jage ich dann auf der halben Stadionrunde mit hohem Puls aber lächelnd ins schönste Ziel der Welt: Schmiedefeld!

 

 

Die verdiente Medaille um den Hals, einen Becher Apfelschorle, einen Becher Tee. Jetzt die Marke für das Finisher-Bier eingelöst. Es gibt nur noch alkoholfreies Köstritzer. „That’s okay“, sagt der dreimalige Supermarathon-Finisher Brad aus Kanada mit leisem Bedauern. Der Rennsteiglauf wird weltweiter Kult: „Na dann, Cheers!“      

Auf der Wiese neben dem Ziel liegen die Kleiderbeutel aus. Es gibt auch Duschen. Doch ich ziehe mich nur trocken um und lasse mich für eine halbe Stunde auf der Wiese nieder. Ulrike kommt vorbei und verabschiedet sich. Sie fährt mit dem Organisationsbus zurück nach Neuhaus und von da nach Hause in Dresden.

Wir bleiben in Schmiedefeld. Am eigenen Stand von Schulz-Reisen gibt es Kaffee und Kuchen, Snacks und Bier, natürlich auch manchen Smalltalk. Dann stehe ich am Streckenrand und sehe den weiteren Zieleinläufen zu. Bis meine Lauffreundin Franka vom SV Kirchboitzen kommt und kurz vor ihrem 65. Geburtstag ihren achten Supermarathon beim RSL finisht, unter 11 Stunden: Hut ab!

Zum Abend hin gibt es natürlich auch Thüringer Bratwurst vom Grill. Ich plausche mit Susan aus Bayern, die hier ihren ersten und wohl auch einzigen Supermarathon gefinisht hat. Und mit Boris aus Krefeld, der zum siebten Mal den Marathon wanderte und Stammgast bei Schulz-Reisen ist. Überraschend treffe ich meine Lauffreundin Ingrid aus dem Berliner Raum. Sie hat nach 11h23min im Supermarathon ihre Altersklasse W 80 gewonnen: Wahnsinn!       

Wir schlendern zur Rennsteighalle hinüber wo die wilde Läuferparty im Gange ist. Die Partyband Hess spielt Bierzeltmusik, die Läufer tanzen vor der Bühne oder sie wippen auf Bänken und Tischen mit, das Bier fließt in Strömen. Draußen, die Abendsonne sinkt allmählich nieder, lässt es sich besser plauschen. Irgendwann am Abend bringt uns der von Schulz-Reisen organisierte Bus zurück zum Ringberghotel.

Und welcher Marathon ist nun schwerer, der beim Kyffhäuser Berglauf oder der beim Rennsteiglauf? Der Kyffhäuser hat etwas längere Anstiege und Gefälle. Auf meiner Uhr hat er auch 50 Höhenmeter mehr angezeigt. Der Rennsteig wartet mit einem stetigen Wechsel an Auf und Ab auf. Steile Passagen haben beide. Auf dem Papier sieht der Kyffhäuser einen Tick schwerer als der Rennsteig aus. In der Realität hat mich der Rennsteig mehr gefordert. Für mich ein Patt. Ich kann die Frage nicht beantworten. Aber eins ist sicher: Berglaufen ist für mich in Thüringen am schönsten.

Das war mein letzter Bericht auf Marathon4you.de. Danke fürs Lesen und Schauen. Mein letzter Lauf war das hoffentlich noch nicht. Wir sehen uns in Bad Frankenhausen oder in Schmiedefeld!

 

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