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Laufberichte

Dem Gedenken angemessen

 

Gestern läuteten in Würzburg wieder sämtliche Kirchenglocken. 20 Minuten lang. So lange dauerte die Bombardierung der Bayrischen Hafenstadt am 16. März 1945. Diejenigen Bewohner, die nicht verbrannten oder in ihren Kellern erstickten, flüchteten entlang des Mains flussabwärts. Diese Strecke ist heute unser Laufrevier, zum Gedenken an jenen 16. März 1945.

Eigentlich sollte Würzburg an einer anderen Stelle wieder aufgebaut werden. Doch die Frauen fingen an, die Stadt vom Schutt zu befreien, die Männer waren ja noch beim Kriegsdienst. Für den Aufbau fehlten aber die finanziellen Mittel. Also forderten die Einwohner eine rechtliche Gleichstellung mit den Heimatvertriebenen. Die kam 7 Jahre später in Form des Lastenausgleichs.  

Einen Lastenausgleich hatte auch der Gedächtnislauf nötig, denn für diese Laufveranstaltung wird kein Startgeld erhoben, so dass der bisherige Ausrichter (die LG Würzburg) finanziell an ihre Grenzen stieß. Ab diesem Jahr übernimmt die Durchführung des Laufes der Stadtmarathon Würzburg e.V. unter der Leitung von Günter Hermann, zusammen mit der Johanniter Unfallhilfe e.V. und Kolping-Mainfranken. So sind jetzt ausreichend ehrenamtliche Helfer für uns da.
Gerne wird eine Spende von 5 Euro, anstelle eines Startgeldes  für die Johanniter-Kindergärten in Würzburg  angenommen.  

 

 

Die Startnummernausgabe ist im Würzburger Rathaus. Die Stadt verzichtet auf Zahlung einer Miete für die Nutzung der Räume im Rathaus. Auch Startnummern, Getränke und Kuchen werden gesponsert. Medaillen gab es nie, jetzt gibt es auch keine Zeitnahme und daher auch keine Siegerehrungen mehr. Probleme haben wir Läufer damit nicht. Ich habe eher ein Problem damit, dass keine Starterliste veröffentlicht wird, so kann ich nicht abschätzen, welche Läufer eventuell hinter mir ins Ziel kommen könnten. Da es aber auch keine Ergebnisliste geben wird, kann ich mir auf der 45km-Strecke auch Zeit lassen. Im Ziel liegen Urkundenvordrucke aus, dort kann man seine selbstgemessene Zeit eintragen.

Der Start ist human  um 11 Uhr im Innenhof des Rathauses. In der Ausschreibung wird ausdrücklich erwähnt, dass bei diesem Lauf nicht der Wettkampfgedanke gilt, sondern die Erinnerung und Mahnung  angesichts der totalen Zerstörung der einst wunderschönen Stadt vor 73 Jahren. Trotzdem wuseln einige wenig besinnlich im Innenhof herum, suchen Klo und Kleiderbeutelabgabe. Wie bei der Toilette, so sollte man auch bei den Transportern genau schauen,  wo man sein Zeug abgibt. An den Transportern der Firma „Umzüge Würzburg“ jedenfalls sind deutliche Schilder angebracht, die den Zielort angeben.

Der Gepäckservice ist wichtig, denn alle Läufe sind Punkt-zu-Punkt-Läufe, nur die Rückfahrt muss selbst organisiert werden. Es empfiehlt sich die Regionalbahn, die in allen Zielorten hält.

 

 

Wir überqueren die Alten Brücke, die am 02. April 45 von deutschen Truppen gesprengt wurde. Die Amerikaner standen schon am anderen Ufer, überquerten den Fluss am 03. April über einen Behelfsbrücke.  Wir biegen rechts ab, laufen am linken Mainufer entlang.

Auf der Talavera, dem Platz zwischen der Brücke der Deutschen Einheit und der Friedensbrücke, wurden die Trümmer gelagert, die wiederverwendet werden sollten. Der Name Talavera geht auf eine spanische Stadt zurück, wo die Würzburger im Dienste Napoleons kämpften. Mit der Namensgebung feierte man mit einem spöttischen Grinsen Napoleons Niederlage in Leipzig.

 

 

Weitere Trümmer wurden mit Lastkähnen nach Frankfurt transportiert und bei der heutigen Eisporthalle deponiert. Monte Scherbelino nannten die Frankfurter den Berg. Hausbesitzer, deren Haus zerstört war, durften diese nicht wieder aufbauen, die Trümmer wurden per Gesetz beschlagnahmt.  Ab Herbst 45 recycelte die Trümmerverwertungssgesellschaft die Bruchstücke. Es  war die weltweit größte Anlage dieser Art.

Nach 5 Kilometern erreichen wir Zell am Main. Die Stadt wurde erst am 31. März bombardiert. Die Überlebenden von Würzburg konnten hier nicht bleiben, niemand öffnete die Tür, die Bewohner waren in den Kellern des nahen Klosters. Es war mitten in der Nacht, die Flammen des brennenden Würzburgs tauchten den Ort in ein grausiges rotes Licht. Man versorgte die Verwundeten.

Wir erreichen den ersten Verpflegungspunkt und laufen weiter. Mit Kilometer 10 erreichen wir Margetshöcheim. Für uns gibt es alkfreies Bier, für die Flüchtenden gab es Wasser aus den Brunnen, mit dem sie sich erfrischten und ihre Brandwunden kühlten. Die 10 Kilometerläufer haben ihr Ziel erreicht, stehen noch ein wenig rum und unterhalten sich aufgeregt über die vergangene Stunde.

 

 

Es wird einsam auf der Strecke. In der Schreckensnacht liefen hier um die 50.000 Würzburger, die nur weg von dem Inferno wollten. Am gegenüber liegenden Ufer waren  damals schon die Bahnstrecke und dahinter die steilen Kaltsteinfelsen. Ungünstig, über diesen Weg zu fliehen. Laut dem Haager Abkommen war zwar die Bombardierung von Zivilisten verboten, aber als die Abkommen 1899-1907 ausgehandelt wurden, kam niemand auf die Idee, dass einmal Flugzeuge Bomben auf Zivilisten abwerfen würden. Das wurde erst in der Genfer Konferenz 1949 geächtet.

Wir kommen nach Zellingen, es dürfte etwa km 18 sein. Es gibt keine Kilometerschilder.  Die gab es 1945 auch nicht, dafür fielen verbrannte Holzstücke vom Himmel, die die 2000 Grad heißen Flammen in Würzburg in den Himmel schießen ließ. Also weiterlaufen!

In wenigen Tagen formierten sich Angehörige der Wehrmacht in Zellingen, um die Brücke zu sprengen und den  Weitermarsch der Amerikaner zu verhindern. Der Zellinger Bürger Karl Weiglein mokiert sich über diese sinnlose Aktion und wird um 1:30 Uhr in seinem eigenen Garten an einem Birnbaum als Deserteur gehenkt.

In Himmelstadt ist Kilometer 21 und ein nächster VP erreicht.  Heute kann man noch Weihnachtswünsche hier aufgeben.  In Laudenbach führt eine seltsame Brücke über den Main. Es ist ein Förderband, das Material vom Steinbruch links  zur Zementfabrik Schwenk  rechts transportiert. Nach der Bombardierung von Würzburg verwertete auch diese Fabrik die Trümmer und machte daraus neue Bausteine.

Bei Mühlbach überqueren wir die Brück nach Karlstadt, denn auf der linken Flussseite gibt es keinen Weg für Läufer. In Karlstadt ist km 28 erreicht, am VP ist es ruhig. Für die fliehenden Würzburger gab es hier keine Ruhe, alliierte Jagdflugzeuge beschossen die Züge und den Bahnhof. Ein Postbus fuhr noch, doch für all die vielen Menschen war dort kein Platz.

 

 

Es geht entlang sumpfiger Wiesen und Gestrüpp. Auf diesem ewig langen Stück kommt mir der Gedanke, wie ich mich jetzt fühlen würde, wären wir zum Zeitpunkt der Bombardierung um 21:20 Uhr gestartet. Zwischen sumpfigem Ufer und direkt neben der Bahnlinie habe ich auch im Hellen ein ungutes Gefühl. Erst nach knapp 10 Kilometern kommt der nächste VP am Flusskraftwerk Harrbach.

Die Staustufe Harrbach mit dem Kraftwerk war von den Bomberpiloten 1945 gut zu erkennen und wer noch Bomben übrig hatte,  ließ sie hier fallen um Sprit für den Rückflug zu sparen.

Mit Erreichen der Vororte von Gemünden endet unsere Reise nicht, es geht über zahlreiche Brücken im wunderschönen Mündungsgebiet der Saale und der Sinn nervig hin und her.

Für die Würzburgflüchtlinge wurde es  jetzt, wo es hell wurde, noch gefährlicher.  Wieder sind Jagdflieger um Anflug, die alles, was sich bewegt mit Maschinengewehrsalven belegen. Gemünden ist ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und liegt unter Dauerfeuer. Im Brauereikeller der Firma Kusterer suchen die Flüchtlinge Schutz, doch die Stadt hat seit Wochen keine Lebensmittel mehr erhalten. In einer Feuerpause geht die Flucht weiter nach Westen. Vom Himmel fällt „Konfetti“, es sind Millionen von Papierfetzen, die der heiße Feuerwind von Würzburg hier her geweht hat.

 

 

Der Zieleinlauf vor dem Schulzentrum ist weder feierlich noch spektakulär, keine Zuschauer, kein Jubel. Aber dem Gedenken angemessen. 

 

 

 

 

 

Informationen: Gedächtnislauf Würzburg
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