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Laufberichte

65 km laufend helfen

10.12.11
Autor: Joe Kelbel

Zweiter VP im Ort Tiergarten ist die Fatima Kapelle. Steiler Anstieg, wunderbare Aussicht.

Wieder 8 Minuten Zeit, um sich zu verpflegen. Nicht dass der Eindruck von Hektik beim Leser entsteht. Dies ist ein ganz gemühtlicher, ruhiger Lauf, doch ich hatte die gesamte letzte Woche überhaupt nichts gegessen und nun gibts hier diese sagenhafte Auswahl! Da ich zusammen mit drei Brüdern aufgewachsen bin, habe ich mir als der jüngste eine effektive Esstechnik angeeignet. So  mische ich Frikadellen mit Honigkuchen und Oliven. Noch nie habe ich so viele Oliven gegessen, Käsestückchen drüber, Gummibärchen und das ganze nochmal, im Kreis drumrum laufen. Getränke und Fotoaparat in der anderen Hand, mit ner sauren Gurke auf Haselnussecke, der Rede vom örtlichen Bürgermeister lauschen, während  Michael  sich Cola in den Trinkrucksack kippt. Vor den zwei Pfiffen vom Sklaventreiber greife ich mir noch ne Handvoll Christstollen und ein paar Nüsse und Trockenobst, dann gehts weiter.

Jetzt fühle ich mich frisch, laufe mit meiner Sondergenehmigung weit vor an die Spitze und zurück, hin und her, schwätze mit diesem und jenem. Ein großer Vorteil eines Gruppenlaufes.

In  Ulm, also dem im Schwarzwald, Erinnerungen an den Weinkeller meiner Eltern: Waldulmer Wein, lecker, nur der Korken war schwer reinzudrücken.

Der nächste Weinort ist Kappelrodeck. Unter dem Schloß Rodeck aus den 11. Jahrh., das sein Aussehen aber dem Jahr 1879 verdankt, warten wir, bis Alfons und Rolf die Landstrasse abgesperrt haben.

Auf der anderen Seite geht es hinauf nach Sasbachwalden mit seinen 40 verlockenden gastronomischen Betrieben, von der Winzerstube bis zum Michelin-Restaurant. Berühmt ist das Weingut Alde Gott und Vierthaler sowie das Klostergut Schelzberg. Trailartige Abschnitte. Das Laufen in der Gruppe macht immer mehr Spass, man kennt sich nun seit Stunden, es gibt viele Fotos. Wir haben keinen Wettkampf, wir haben eine Party für den guten Zweck und es wird immer lustiger in der Laufgemeinde.

Beim dritten VP in Sasbachwalden stossen die meisten der restlichen Etappenläufer zu uns, nun sind wir fast 200, viele Laufangehörige um uns rum.  Meine Nahrungsaufnahme ist nun optimiert. Los gehts, vorbei am berühmten Bildstock, dazu die Legende vom „Alde Gott“, siehe Foto. Der Gault Millau Wein Guide 2011 wählte die Alde Gott Winzer eG zum wiederholten Mal in den Kreis der besten Weingüter Deutschlands.

Und dann in den blauen Netzen der Eiswein! Schimmlig, pilzig und schrumplig warten dort die Trauben auf den ersten Frost. Sieht aus, wie im Gemüsefach meines Kühlschranks.

Die Burganlage Neuwindeck vor uns. Der letzte Erbe der Burg kam auf seiner Junkerfahrt ums Leben. Die „Grand Tour“ war  in der Renaissance (15., 16. Jahrh.) eine obligatorische Reise der Söhne des europäischen Adels, eine Art Bildungsreise. Zahlreiche Sagen ranken sich um diese imposante Burg. Die bekannteste ist die Geisterhochzeit. Dazu im nächsten Jahr mehr.

Passenderweise laufen wir durch Lauf. Die Stimmung wird immer besser, immer mehr wird gelacht, Zeit für einen Glühwein! Den gibt es auf der Burg Alt-Windeck, unserem nächsten VP. Die Burg wurde nie durch Krieg zerstört, nur ein Feuer im 14. Jahrhundert machte die Burg unbewohnbar. Die Herren von Windeck residierten fortan im Schlosshof von Bühl, heute der „Badische Hof“. Wieder irgendein Offizieller, der uns begrüßt. Ich frage mich,  ob Rolf Zeit hat für die Köstlichkeiten, die er uns hier kredenzt. Klamotten werden gewechselt, Lauf-BH´s blitzen, schlammige Füße werden abgeklebt. Du siehst auch andere leiden unter den Kilometern, doch Gemeinsamkeit macht stark. Und ich wundere mich über den reissenden Absatz des Glühweins, versuche Michael beim Austausch von Glühwein gegen Cola in seinem Trinkrucksack zu fotografieren.

Sobald wir hier weg sind, werden  schnell die  Tische, Bänke, Zelte und Fressutensilien eingepackt und zum nächsten VP gekarrt. Man muss sich das mal vorstellen: da fallen 200 Läufer wie die Heuschrecken über alles her was nicht laufen kann, also fast alles, und dann wird weiter gezogen bis zum nächsten Ort wo der Schwarm sich niederlässt, und sich alles wiederholt, und das alles gemanagt von der Familie Mahlburg

Die hohe Flüssigkeitsaufnahme bedingt mehrere Boxenstopps. Rolf zeigt auf geheime Orte, ich hechte dorthin, der Leser will ja informiert sein. Es sind feminine Orte an denen weisse Hintern blitzen. Also nicht laufrelevant, die Linse war eh beschlagen. Auch blaue Beeren blitzen in der Dämmerung, willkommene Zusatznahrung. Es ist eine Riesen Gaudi, wir stopfen uns voll damit.

Dann der letzte VP in Neuweier an der Kirche. Umziehen, es wird kalt. Pflicht ist es ab jetzt, eine Signalweste und Stirnlampe zu tragen. Ich muss essen, trinken und den Akku der Kamera wechseln, nebenbei Fotos schiessen. Und schon ziehen wir weiter wie ein Demonstrationstrupp von Müllmännern.

Ganz, ganz tolle Weihnachtsstimmung, als wir Richtung Westen in die Rheinebene schauen. Der Himmel in der Ferne  leuchtet, als ob die Engelein Plätzchen backen. Plötzlich wird es still und wir stehen mit offenem Mund  da. Auffallend, dass dieses Licht den Harndrang wieder erhöht. Hauptsache, es wird gelacht.

Wir kommen nach Baden-Baden.  Boxenstopp, Stirnlampen hocken kreisbildend in den Büschen. In dem Durcheinander sieht niemand mehr wo es langgeht, überall Lampen und Leuchtwesten, großflächige Düngung.  Brigitte die Leitkuh hat aber ihre Herde im Griff und weiter geht es.

Von Weitem sehen wir schon das Blaulicht. Das erste Mal, dass der Eisweinlauf Polizeischutz bekommt. Rolf hat ja auch zwei dicke Spendenschecks dabei.

„Bitte folgen“  leuchtet uns entgegen als wir hinter dem Streifenwagen herwetzen. Nie haben wir diesen Spruch herbeigesehnt, jetzt ist es wie der Einlauf ins Olympiastadion. Dann der Duft von Glühwein, Zimt, Bratwurst und mehr.

Der absolute Hit: Im vollen Tempo laufen wir auf den Baden-Badener Weihnachtsmarkt ein. Unser Weg ist mit Absperrband freigehalten. Wir sind fest im offiziellen Veranstaltungskalender des Marktes, haben den Ehrenplatz vor der Konzertmuschel vor dem Kurhaus. Dorthin kämpfen wir uns nun durch. Kurgäste in spiessigen, dicken  Wintermänteln mit Hut, Pelz und Ohrwärmern, nasse Augen im Glühwein-Tannenduft, und wir nassgeschwitzen und ultraduftende Kämpfer mittendrin. Das Gedränge ist groß, Hände werden platzsparend nach oben geworfen. Jede Menge Presse, vorne gibts Glühwein und Dambedeis, wie die Hefemänner hier heissen, alles inklusive, nur für uns!

Kampf bis zur Bühne. Oberbürgermeister und viele Offizielle. Unheimlicher Rückhalt in der Politik für diesen Lauf, Rolf in seinem Marathon-des-Sables-Outfit wie ein Außerirdischer mittendrin. Ein Trubel, als hätten wir die Fussballweltmeisterschaft gewonnen. Gleissendes Licht durch Scheinwerfer und Kameraleute. Securities mit breiten Schultern halten den Weg frei. Doch die Menge brüllt, von der Seite grapschen leuchtende  Augen  nach meinem glänzenden  Ultraoutfit, wollen mich heiraten. Über mir quirlt warmer Dampf  im Scheinwerferlicht, vermengt sich mit gebrannten Mandeln und duftenden Maroni. Dann erreiche ich die Bühne, versuche die Stufen zu erklimmen, falle hin, werde aufgefangen (wahrscheinlich wieder was Heiratswilliges), dann bin ich oben und kann endlich Fotos schießen. Dabei wabert diese ganze Stimmung über meinem Kopf zusammen, taucht mich in einen tranceartigen Traum. Ich bin 65 km gelaufen, schnappe nach Luft, bin Teil des Heldentums.

Eine Wooge geht durch die Menge, als Brigitte und Rolf zwei Schecks in Höhe von jeweils 5000 Euro in die Höhe halten, einen für die Lebenshilfe Baden-Baden/Bühl/Achern e.V. und einen für die aktion benni & Co e.V., die sich um die Duchenne-Kinder kümmert. Der Dank gilt auch uns, die wir das mit unserem Start ermöglicht haben.

Es ist kalt, viel zu schnell müssen wir weiter, schnell zum Bus und zurück zur Tullahalle. Duschen und natürlich Pastaparty und  feiern! Ja, die Ultrafamilie kann feiern und die Neu-Ultras in der Familie begrüßen. Und wie! Ich habe noch nie einen Lauf mit soviel fröhlichem Gemeinschaftssinn erlebt und das ein Wochenende lang. Lobende Worte gibt es beim nächsten Lauf. Es wird drei m4y-Heros geben, und schön wäre es, diese drei beim nächsten Eisweinlauf dabei zu haben.

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Informationen: Eisweinlauf
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