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Laufberichte

Wüsten-Stadt der 1001 Superlativen

25.01.13

Km 6 - Jetzt lichtet sich der Nebel. Die Hochhausgiganten werden enthüllt. Das elfenbeinfarbene World Trade Center mit der Bienenwaben-Fassade lässt sich als erstes etwas genauer betrachten. Das 150 Meter hohe WTC entstand 1979. Es war Dubais erster Wolkenkratzer. Es folgt der nächste der zehn wenigen, sanften Richtungswechseln dieses Marathons. Wir laufen am Riesen-Portrait von Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum und seines Vaters Scheich Rashid Bin Saeed Al Maktoum vorbei.

Km 7 - Ohne einen Höhenmeter zu überwinden, gelangen wir über die Lebensader Dubais. Die Autobahn Sheikh Zayed Road ist in beide Richtungen mindestens sechsspurig. Wir sind froh, dass sie unter dem mit Palmen begrünten World Trade Center Kreisel in einem Tunnel verschwindet. Die flachste Marathon-Strecke der Welt hat bisher den Eindruck vermittelt, ständig leicht abwärts zu führen. Jetzt geht’s der Küste entgegen, und dieses Gefühl verstärkt sich. Wir versuchen seit Kilometern leicht zu bremsen. Wir wollen dieselbe Geschwindigkeit wie 2012 treffen. Doch bei jedem Kilometer-Schild stellen wir erneut fest, dass wir etwas schneller unterwegs sind als geplant. Meine beiden Laufpartner haben tag’s zuvor ein Unwohlsein eingefangen. Sie laufen mit grummelndem Bauch. Und wir wollen auf der ersten Hälfte Vorsicht walten lassen. Pulsmässig geht es uns allen aber ausgezeichnet!

Km 8 - Der Dubai Marathon ist ein stiller Marathon. Es gibt keine Musik-Bands an der Strecke und bei den Hochhäusern im Finanzdistrikt gibt es auch kaum Publikum. Wir vermissen den Trubel keine Sekunde. Jeder Kilometer ist so anders als alles, was wir sonst gewohnt sind! Auch ohne Musik-Unterhaltung schaffen wir es kaum, all die fremdartigen Eindrücke zu erfassen, geschweige denn festzuhalten. Karneval-Stimmung wäre unpassend für den Lauf durch die Wüstenstadt. Jetzt laufen wir durchs quirlige Al Satwa-Quartier. Es erinnert mit der niedrigen Bebauung an den alten Stadtteil Deira. Begeistertes Publikum hat sich bei den vielen Restaurants und Läden eingefunden. Von Zuschauern in traditioneller Kleidung wird unser bunter, rasanter Umzug meist eher skeptisch betrachtet. Einen halben Kilometer näher an der Küste wechselt die Stadt erneut das Gesicht. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern des rund geschwungenen Union House, welches zu Ehren der Gründung der UAE erbaut wurde. Vor uns taucht der Riesenmast mit der Flagge der Emirate auf. In Dubai ist wirklich alles ein bisschen grösser!

Km 9 - Bei der gigantischen Fahnenstange biegen wir 90 Grad nach rechts auf die Jumeirah Beach Road ein. Eine etwa 1‘500 Meter lange Zusatzschlaufe steht bevor. Die Morgensonne blinzelt nun herrlich zwischen den Gebäuden des Union House hindurch. Zu unserer Linken liegen die Trockendocks von Dubais Hafen. 

Km 10 - Kurz nach dem 9 km-Schild liegt der Wendepunkt. Helfer und Bauarbeiter sind unser Publikum hinter den rot-weissen Plastik-Absperr-Elementen. Dann haben wir sie vor uns, die längste, schnurgerade Strecke dieses Marathons! Knappe 13 Kilometer ohne die kleinste Kurve! Die Reihen von Strassenlampen verschwinden irgendwo in der Ferne im unsichtbaren Brennpunkt der Perspektive. Fünf Quartiere werden wir durchqueren – Jumeirah 1, 2 und 3 und Umm Suqeim 1 und 2. Zwei Kilometer vor dem extravaganten Burj Al Arab geht‘s bei Kilometer 22 auf den Rückweg. Fish and Chips Duft, weht uns vom Hafengebiet entgegen. Die strapazierten Mägen von Andreas und Hugo antworten mit einem neuen Anflug von Übelkeit. Die Sorge, ob die Kraft reiche, dreimal weiter zu laufen, schwingt beim Bilanz-Ziehen über die ersten 10 Kilometer mit. 52:21 Minuten sind wir unterwegs (5:14 Min./km). Wir haben einen konstanten Rhythmus gefunden. Doch unsere Beine fühlen sich nach der zweitägigen Stadtwanderung nicht so quicklebendig an, wie wir es uns wünschen.

Km 11 - Zeit zu zweifeln bleibt keine. Zwei elegante Minarette und verzierte Kuppeln tauchen auf. Die mit reichen Strukturmustern verzierte, crèmefarbene Jumeirah Moschee zieht uns magisch an. Sie ist die schönste und grösste Moschee Dubais. Und die einzige, welche in den VAE auch Nichtgläubigen für einen Besuch offen steht. Am Tag nach dem Lauf wollen wir sie in aller Ruhe besichtigen.

Die Aufschriften auf den Shirts der anderen Teilnehmer zu lesen ist ebenfalls unterhaltsam. Besonders häufig begegnen wir Läufern der lokalen Laufgruppe Dubai Creek Striders. Das grösste Marathon-Team stellt die Dubai Investment Holding, welche das Vermögen des Staatsoberhauptes verwaltet. Das neunwöchige Training auf die verschiedenen Dubai Marathon Events hin ist der Eckstein der Gesundheitsförderung dieser Firma. Sie vergibt einen Preis für die drei schnellsten Athleten der VAE in den Kategorien Marathon, 10 Kilometer und im Rollstuhlrennen.

Km 12 - Häuserblockweise wechselt die fremdländische Architektur der zwei-, dreistöckigen Würfelhäuser, welche knapp hinter der Küstenlinie stehen. Die Morgensonne scheint noch nicht allzu heiss. Auf der dreispurigen Strasse haben wir luxuriös viel Platz zum Laufen. Wir sind bereits häufig am Überholen und geniessen an den abgesperrten, im amerikanischen Stil nummerieren Querstrassen den Applaus von kleinen Publikumsgruppen.  

Km 13 – 15 Ich kann mich nicht satt sehen an den schönen Strandvillen. Der Fotoapparat hat kaum Pause. Der architektonische Mix ist erstaunlich. Links der Strasse steht die im italienischen Stil gebaute Mercato Mall. Rechts sehen wir eine weitere Moschee. Sie hat ein superschlankes Minarett und eine einzige braune Kuppel. Die Herrscherfamilie hat sich verpflichtet hat, dass kein Gläubiger in seinem Wohnbezirk mehr als einen Kilometer zu einem Gebetshaus zurücklegen muss. So können wir auf an der Marathon-Strecke so manche Moschee bewundern. Doch der Nebel kehrt zurück! Er legt seinen Weichzeichner-Filter erneut über die Stadt!

Alle fünf Kilometer werden wir grosszügig mit einer ganzen 500 ml-Flasche Wasser und Schwämmen versorgt. Die Helfer stehen in Reihen mit den aufgeschraubten Flaschen bereit. Ungebremst können wir beim Wasser-Fassen weiter laufen. Es gäbe auch flaschenweise Gatorade. Wir tragen unsere eigenen bewährten Energiespender mit. Zwischen den Haupt-Labesstellen wird alle 2.5 Kilometer zusätzlich Wasser angeboten. Es ist herrlich, dass wir uns seit Kilometer 7.5 jede Viertelstunde erfrischen und von Kopf bis Fuss benetzen können. Das Thermometer klettert trotz des Nebels schnell!

Das Laufen auf der aussergewöhnlich langen Jumeirah-Beach-Road-Geraden erscheint uns glücklicherweise gar nicht so öde wie erwartet und ist keineswegs zermürbend. Im Gegenteil. Immer im selben Rhythmus dahinzurollen finden wir angenehm. Bis ans Ende der Jumeirah Beach Road kann man glücklicherweise nicht blicken. Und links und rechts der Strecke gibt es viel Ungewohntes zu entdecken.

Km 16 bis 18 - Einige Begleiter sehen wir immer wieder. Sie scheinen ihren Schützlingen per Auto oder Rad voraus zu reisen. Ein besonders treuer Zuschauer ist ein Vater mit seinen drei Kindern. Jedes "good run", "come on guys", "you will do it" oder "well done" ist ein Aufsteller. Und wir  schmunzeln über das Erstaunen der Zuschauer, dass Hugo und ich beim Rennen mit dem Fotoapparat hantieren.

Wie ein Schnellzug brausen kurz vor unserem 17. Kilometer die Spitzenläufer auf der Gegenfahrbahn vorbei. Sie sind mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit knapp unter 3 Min./km auf der Jagd nach dem Weltrekord, und haben bereits 11 Kilometer mehr zurückgelegt als wir! Eine Weile schenken wir unsere Aufmerksamkeit den nachfolgenden Elite-Athleten und den erschöpften, ausgestiegenen schwarzen Läufern. Ob es sich um Pace-Maker handelt?

Der Nebel ist nun dichter als je. Doch es wird merklich wärmer. Erstaunlicherweise bilden sich beim Atmen Dampfwolken vor unseren Gesichtern. Der alles verhüllende Dunst lenkt die Aufmerksamkeit in unsere Körper. Ich vergesse eine Weile das Fotografieren. Unsere Kilometerzeiten sind regelmässig und unterscheiden sich nur um wenige Sekunden. Die Garmins piepsen seit dem Einbiegen auf die Jumeirah Beach Road ein monotones Lied: 5:13, 5:14, 5:15, 5:17, 5:15, 5:10, 5:08, 5:16. Gerne möchten wir nach dem Wendepunkt noch ein bisschen beschleunigen. Ob dies möglich sein wird, können wir uns noch nicht wirklich vorstellen. Seit der 10-Kilometer-Marke hatte jeder von uns dreien mal eine kleine Krise. Jetzt habe ich das dringende Gefühl, dass meine Beine Energie-Nachschub verlangen. Ich nehme einen ersten Schluck von meinem verdünnten Gel.

 
 

Informationen: Dubai Marathon
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