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Laufberichte

Wiesbaden von seiner schönsten Seite

 

Mit Wiesbaden ist eine weitere deutsche Landeshauptstadt eindrucksvoll in den Kreis der Marathonveranstalter gerückt. Zwar gab es wohl schon einige sog. Midsummerläufe, auch über die Marathondistanz, aber eben keinen Stadtlauf.

Für mich ist es, da von Zuhause überschaubar weit weg, eine günstige Gelegenheit nicht nur zum Absolvieren meines grundsätzlich monatlichen Marathons. Nein, es dient auch der persönlichen Weiterbildung. Einst als hilfloser, einjähriger Knabe aus dem Rheinland in die hessische Diaspora verschleppt, gelang mir erst siebenundzwanzig Jahre später die dauerhafte Rückkehr ins Gelobte Land. Zwar ging ich in der Zwischenzeit in Frankfurt zur Schule, Wiesbaden blieb jedoch bis zum heutige Tag Terra incognita. Es wurde also höchste Zeit, dies zu ändern.

In kaum achtzig Minuten sind mein Freund Jürgen, nach einer schweren Operation heute als Fan mitgereist, und ich vor Ort. Nur: Wohin sollten wir fahren? Jede Menge Informationen über Straßensperrungen waren im Vorfeld für die Anwohner verfügbar gewesen, aber leider keine Hinweise für Auswärtige. Nach intensivem Streckenstudium haben wir uns für das Parkhaus am Hauptbahnhof entschieden und das nicht ansatzweise bereut. In den knapp zwei km Anmarsch zum Veranstaltungsgelände konnten wir so bereits die ersten Schokoladenseiten der „hesslichen“ Landeshauptstadt kennenlernen. Auf der Wiese vor dem Kurhaus ist bereits jede Menge los, soeben ist der erste Kinderstart erfolgt, den wir gerade noch so mitbekommen.

 

 

In der bereits brütenden Hitze schwitzen wir ordentlich in der Schlange vor der Startnummernausgabe. Leider sind die Shirts ausgegangen, die jedem Marathonläufer zustehen. Im Nachhinein gesehen ist das schon etwas bedauerlich, denn von netten Veranstaltungen – und daß das eine ist, werdet auch Ihr bald festgestellt haben – habe ich schon gerne eines. Ein wenig neidisch schaue ich auf diejenigen, die es bereits tragen, „Finisher 2022“ auf dem Rücken, bevor sie auch nur einen Meter gelaufen sind. Die für mich angenehm späte Startzeit von 12:05 Uhr gibt reichlich Gelegenheit, das Umfeld zu scannen. Um 12 Uhr erleben wir den Start des Halbmarathons mit, ein mehr als ansehnliches Feld von am Ende 601 Erfolgreichen setzt sich, lautstark moderiert und zuschauerunterstützt, in Bewegung. Zweimal werden sie den Viertelmarathonkurs absolvieren. Wir, die wirklichen Asphalthelden, starten fünf Minuten später zur ersten unserer vier Runden. Rob und Henry, beide im Ganzkörperkondom, habe ich lange nicht mehr persönlich gesehen, sie sind angenehme Gesprächspartner nach über zwei Jahren des Nicht-Sehens.

 

 

Zunächst die mondäne Wilhelmstraße hinunter, erfolgt bereits nach einem halben km die Wende, im wahrsten Sinne des Wortes geht es wieder hinauf. Durch die Burgstraße kommen wir bereits jetzt schon zum optisch-/architektonischen Höhepunkt des Laufs, dem Schloßplatz. Der bildet als Mittelpunkt der historischen Altstadt innerhalb des Historischen Fünfecks die Keimzelle des mittelalterlichen Wiesbadens und ist ein Ensemble von historischen Gebäuden. Hier stehen das älteste erhaltene Gebäude der Innenstadt, das Alte Rathaus, erbaut 1608 bis 1610, das heute als Standesamt dient, sowie das 1884 bis 1887 errichtete Neue Rathaus. Neiderfüllt blicke ich als Koblenzer mit einer zu 90% kriegszerstörten Stadt staunend auf die herrlichen Gebäude. Zwar hat der Krieg auch vor Wiesbaden nicht haltgemacht, aber hier waren es „nur“ 30%. Auf der gegenüberliegenden, der Mainzer Seite hatte es eher Koblenzer Verhältnisse.

Die Nordseite des Platzes dominiert das ehemalige Stadtschloß der Nassauischen Herzöge aus den Jahren 1837 bis 1842, dessen erhaltene historischen Innenräume im Kontrast zu seinem schlichten Äußeren stehen. Das ist eben bei unserem kurfürstlichen Schloß in Koblenz nicht der Fall, dieses ist im Inneren als fast reiner Zweckbau wiedererrichtet worden. Während Wiesbadens Zeit als Weltkurstadt hatte Kaiser Wilhelm II. das Stadtschloß bei seinen zahlreichen Aufenthalten als Wohnsitz genutzt. Heute ist hier der Hessische Landtag untergebracht. Der zugehörige Plenarsaal befindet sich im Innenhof.

Regelrecht begeistert bin ich von der 1862 fertiggestellten backsteinernen evangelischen Marktkirche mit ihren fünf Türmen, von denen der 98 m hohe Hauptturm bis heute das höchste Gebäude der Stadt ist. Ihr Vorbild soll die von Schinkel erbaute Friedrichswerdersche Kirche in Berlin sein. Weiter geht es über das Dern’sche Gelände, einem innerstädtischen Freiraum. Es folgen weitere nette Meter über die Bahnhofs-, Rheinstraße und die Kirchgasse, die, erfreulicherweise überwiegend schattig, die Wiesbadener Fußgängerzone beheimatet. Einen ersten VP haben wir bereits dankbar in Anspruch genommen. Über das Dern’sche Gelände werden wir auf den Schloßplatz zurückgeführt und erreichen wieder die Wilhelmstraße. Dort umrunden wir ein Denkmal. Ist das der Kaiser Wilhelm?, wurde ich von Jürgen gefragt. Natürlich nicht, zeige ich mich fachkundig, das ist Kaiser Friedrich. Jürgen ist ob meines Bildungsniveaus schwer beeindruckt und ich froh, Straßenschilder (Kaiser-Friedrich-Platz) lesen zu können.

 

 

Dann verlassen wir unsere Startstraße, biegen in die Taunusstraße ein und passieren die Georg-August-Zinn-Straße. Als hessischer Schüler weiß ich natürlich, daß der als langjähriger Nachkriegsministerpräsident quasi die hessische Ausgabe unseres Peter Altmaier aus Rheinland-Pfalz war. Und noch während ich so vor mich hindenke, fällt mir auf, daß es schon die ganze Zeit bergauf geht. Diesen Eindruck vermittelte das Höhenprofil im Vorfeld des Laufs allerdings nicht. Vollversorgung auf der Taunusstraße, alles Wichtige und mehr ist im Angebot. Von oben kommen mehr und mehr flotte Halbmarathonläufer entgegen, die Straße ist, wie die meisten anderen auch, vollständig für uns gesperrt. Moderat, aber lang ist die Steigung entlang toller Häuser zur Linken und einer attraktiven Parkanlage zur Rechten. Eine mondäne Villa löst die nächste ab, hier muß mal richtige Kohle in der Stadt gewesen sein. Und/oder ist es heute noch.

Am Ende der Steigung erkenne ich ein Viadukt, hier befindet sich die Talstation der Nerobergbahn, ein Hauch von Drachenfels liegt in der Luft. Ein technisches Kulturdenkmal ist sie, lerne ich, eine 1888 (im Drei-Kaiser-Jahr, um nochmal auf den Putz zu hauen) errichtete Wasserlast- und Zahnstangen-Standseilbahn. Auf 438 m Länge überwindet sie bei einer durchschnittlichen Steigung von 19% einen Höhenunterschied von 83 m. Das beeindruckt vielleicht den Flachlandtiroler, aber so etwas habe ich in den Alpen schon mehrfach zu Fuß absolviert. Unmittelbar vor dem Viadukt befindet sich der Wendepunkt Nerotal, nach dem es wieder bergab, diesmal auf der anderen Seite des hübschen Parks geht. Wieder reiht sich eine Traumvilla an die andere, der Lauf beweist Villenstärke.

Ein Anwohner sorgt mit seiner Gartendusche bereits für Erfrischung. Ich vergaß übrigens zu erwähnen, daß es bei der Umrundung des Kaisers Friedrich neben der Wilhelmstraße ebenfalls Nasses von oben gab (wer wollte). Am Ende der Taunusstraße befindet sich der Wendepunkt der 5 km-Läufer, er wird bereits eifrig genutzt. Gute sieben km sind absolviert, als wir uns parallel des Zielbereichs befinden, da muß also noch etwas kommen. Das kommt auch, und zwar in Form einer zweiten veritablen Steigung auf der Sonnenberger Straße. Natürlich ist alles im Leben relativ. Wer in den vergangenen Wochen so viele Höhenmeter gemacht hat wie ich, den kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Wer im Flachen trainiert, für den ist’s hier und heute heftig. Entsprechend wird die Zahl der Wanderer von Runde zu Runde zunehmen. Ich passiere einen Hotspot der Polizei. Dürfen die Blauuniformierten eigentlich Red Bull trinken?

 

 

Die Fünfer kürzen jetzt durch den Kurpark ab, für alle anderen geht’s höher und höher hinaus. Hundert Meter pro Runde lautet meine Schätzung unterwegs, Frl. Suunto wird am Ende mit 91,5 Metern fast exakt diese Zahl ermittelt haben. Die vielen schönen Villen zu beiden Seiten der Straße erwähne ich jetzt nicht mehr. Trotzdem, ein Träumchen. Nochmals eine Wasserstelle (pro Runde zweimal Vollverpflegung, zweimal Wasser, also perfekt), dann ist bereits von hinten das Kurhaus im Visier. Es trägt die Aufschrift „Aquis Mattiacis“ (lateinisch: Die Wasser der Mattiaker) nach dem hier einst ansässigen chattischen Stamm der Mattiaker. Ein paar weitere Meter entlang der Spielbank, um einen Wendepunkt herum, und dann könnte ich ins Ziel abbiegen. Wenn ich denn eine andersfarbige Startnummer trüge. So muß ein kurzer Blick auf die Wiese („Bowling Green“) mit dem Zielbogen genügen, und am Staatstheater vorbei starte ich meine zweite Runde.

Puh, das war eine heiße Runde, nicht nur wegen der optischen Genüsse. Die durchschnittliche Sonnenscheindauer in Wiesbaden liegt übrigens bei 1.565 Stunden jährlich, womit die Stadt zu den wärmsten deutschen Städten zählt. Noch ein Anekdötchen, weil ich ja auch im gegenüberliegenden Mainz gelaufen bin: Die rechtsrheinischen, ehemals Mainz zugehörigen Stadtteile Mainz-Amöneburg, Mainz-Kastel und Mainz-Kostheim (kurz: AKK) bilden eine geographische und politische Besonderheit. Die Vorsilbe „Mainz-“ ist heute noch immer offizieller Bestandteil der drei Wiesbadener Ortsbezirke (d. h. „Mainz-Kastel“ anstatt „Wiesbaden-Kastel“). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden – aufgrund der Grenzziehung zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone – diese ehemaligen Mainzer Stadtteile, rechtsseitig des Rheins gelegen, nach Wiesbaden umgemeindet.

 

 

Die Wärme ist zwar auf den folgenden Runden unverändert vorhanden, jedoch mildert eine gnädige Wolkenschicht die intensive Sonneneinstrahlung der vergangenen Stunden. Begleiten mich auf der zweiten Runde noch zahlreiche Halbmarathonläufer, wird es danach zunehmend einsamer. Trotzdem ist mir nicht langweilig, denn ich setze mein Architekturstudium fort, wozu es reichlich Gelegenheit gibt. Sehr schön sind auch die zu umrundenden Parkgelände am Kurhaus und auf dem Neroberg. Solch eine schicke Villa mit Blick auf einen der Parks hat durchaus etwas für sich. Ein älterer Herr freut sich auf seiner letzten Runde, noch einige Mitstreiter einsammeln zu können, ohne selber wesentlich an Tempo zu verlieren. Dann ist es auch für mich soweit. Netter Applaus und freundliche Moderation begleiteten mich ins Ziel, wieder mal ist es geschafft.

 

 

Kurz hinter mir stürmt Johannes herein, um sofort krampfgeschüttelt, aber sichtbar glücklich, im Ziel zu liegen. Sehr wahrscheinlich liegt das neben seiner Leistung auch an dem zahlreich erschienenen Mädchen-Fanclub, der ihm eine Sektdusche gönnt. Einige Zieleinläufe beobachte ich noch, dann trolle ich mich mit Jürgen, Henry und Rob zur Zielverpflegung, wo wir in aller Ruhe noch jede Menge Läuferlatein austauschen. Selbstverständlich gerstensaftbegleitet, und der ist sogar kühl! Resümierend ist festzustellen, daß ich endlich mal wieder einen Stadtmarathon, so mit allem, was dazugehört, genießen konnte. Das mit dem Shirt wird sich bestimmt noch klären lassen und wo man gut parkt, wißt Ihr jetzt auch. Bei dem reichhaltigen Angebot drängt sich eine Rückkehr 2023 mit meinem Lauftreff auf.

 

Streckenbeschreibung:

Viertelmarathonkurs mit zwei langen, aber moderaten Steigungen inkl. 366 Höhenmeter. Zeitlimit 6:00 Std.


Startgebühr:

Je nach Anmeldezeitpunkt bis zu 72 €.

 

Weitere Veranstaltungen:

Staffel- und Halbmarathon, 10, 5 und 3 km-Läufe.

 

Streckenversorgung:

Auf jeder 10,55 km-Runde jeweils 4 Verpflegungsstellen (2x Wasser, Schorle, Cola, Früchte, Cracker, Riegel und Gels). Eine Erfrischungsdusche auf der Strecke in Höhe Wilhelmsstraße/ Nassauer Hof. Im Ziel Wasser, Schorle und alkoholfreies Bier sowie „Thony“, das offizielle Brötchen zum Ikano Bank City Marathon Wiesbaden, Obst und weitere Speisen.

 

Auszeichnung:

Medaille. Gravurmöglichkeit gegen Bezahlung.

 

Leistungen/Logistik:

Funktionsshirt (für Marathonläufer in der Startgebühr enthalten)

 

Zuschauer:

Im Innenstadtbereich durchaus ordentlich

 

 

Informationen: City Marathon Wiesbaden
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