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Laufberichte

Hart - Kalt - Schön

 
Autor: Joe Kelbel

Lausebuche, km 63,  war ein Grenzbaum zwischen dem preußischen und dem brandenburgischen Kreis. Ähm, weiss nicht mehr. Habe ich Fotos geschossen? Ich weiss wirklich nicht mehr. Ach ja, da stand so ein Sanitäter, den habe ich „Lausbub“ beschimpft, einfach so, und so ne Ärtzin, mit irgendwie einem Doktorschild am Frack. Sie raucht und will mir keine Kippe geben. Ach so, irgendjemand fragt: „Ab jetzt gibt es keine Beschilderung mehr, hä, oder?“ Äh, ja, ich dachte die wäre schon vorher nicht mehr gewesen. Habe ich was an der Birne? Ich muss jetzt jedenfalls schnell von dieser geizigen Ärztin weg, sonst verarztet die mich noch. Tatsächlich sind hier einige hängengeblieben. Doch was machst du, wenn deine trockenen Klamotten oben auf dem Brocken liegen? Privat oder Kasse ? Ich muss hier weg.

Der Weg zum Königskrug, km 68,  war dann auch ewig lang und ist ganz aus meiner Erinnerung getilgt. Irgendwo steht das Fernsehteam vom NDR. Fragt mich nicht, was für einen Driss ich gelabert habe, oder war das vor Oderbrück? Ja, da ging es irgendwie den Wald steil hinunter, an der Stelle wo alle falsch gelaufen sind. Ja,  km 72 das Gasthaus, das 2010 abgebrannt ist, das sieht  aus wie dieser Schuppen, wo sich Tom Sawyer und Huckleberry Finn  eine tote Katze über die Schulter geworfen haben.

Brocken -  7 km, sieben knallharte Kilometer. Es geht nicht aufwärts sondern abwärts. Die spinnen doch die Leute hier, ist es Osten, oder Westen? Tief, sehr tief ist der Schnee, es ist verdammt schwierig hier durchzukommen, oder war das irgendwie kilometerweit vor dieser Stelle? Ich habe kaum Erinnerungen, ab und an  brezelt es  mich hin, zu tief ist der Schnee und zu erschöpft bin ich, kann mich nicht mehr halten, möchte ein paar Minuten ausruhen. Liege erschöpft auf dem Rücken, muss aber weiter, die Kälte dringt durch die dünne Hose.

Müssen Berge bestiegen werden, nur weil sie da sind? Ja! Es ist das Wesen des Menschen, sich den Herausforderungen zu stellen. Nicht der Berg ist das Problem, ich bin das Problem. Um mit mir zufrieden zu werden, in Einklang zu kommen, muss ich tun, was ich tun  muss. Und wenn ich das Bedürfnis habe, auf den Mars zu fliegen, dann werde ich auch das machen.

Ich war bisher nicht auf dem Brocken, wollte immer mal hoch. Ein sagenhafter Berg, den ich auf faire Art bezwingen  muss. Und nun dieser Moment hier. Ich stehe kurz vor meinem Triumph, brauche nur noch 30 Minuten und bleibe dann dicke unter 10 Stunden! Wie geil ist das denn!

„Auf dem Scheitel dieses kahlen, unfruchtbaren Berges - der mit hunderttausend Millionen Felsstücken übersäet ist - hat der Teufel mit seinen Bundesgenossen, den Hexen und Zauberern der ganzen Erde, eine glänzende Zusammenkunft.“ So steht es in den alten Texten.

Goethe beschrieb  seltsame Erscheinungen: Das Brockengespenst, ein optischer  Effekt,  bei dem sich Schatten im Sonnenlicht auf die wabernden Wassertropfen der gefrorenen Dunstwolke abbilden. Das Gehirn dreht durch, überschätzt die Größe der Schatten, sieht schwebene Wesen. Extreme physikalische Bedingungen, kalte und feuchte Luft, Stille, fehlende Orientierung in flirrenden Luftkristallen. Von Goethe stammt dieser Leitspruch des Brocken-Challenge: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet.“

Und dann stehe ich da, der kältetrockene Mund steht mir offen und die aufgeplatzen Lippen zittern. Ich sehe den Brocken. Durch die eiskalte Sonne in ein flammendes Rosa getaucht steht das gewaltige Massiv vor mir. Wie in einem Weihnachtstraum glitzern die vollbepackten Tannen wie Rosenquarz.

Vier eisige Kilometer habe ich noch vor mir, versuche mich oberhalb der rosa Lichtgrenze zu halten, die Sonne versinkt langsam und grausam hinter dem Horizont, hinterlässt alle Menschen in ihrer klirrenden Einsamkeit. Doch ich bin überwältigt. Kann sein, dass ich Tränen vergisse, die mir im Abendlicht rosarot auf den Wangen gefrieren. Aber ich würde es nie schreiben.

Die Brockenbahn zieht einen langen Rauchstreifen hinter sich her,  bin fasziniert, stehe da, versuche Fotos zu schiessen. Doch  mit knallharten Handschuhen drücke ich wieder  falsche Knöpfe und dann gibt der Akku auf, so kurz vorm Ziel. Ich bekomme kaum noch etwas koordiniert. Jetzt muss ich den Ersatzakku suchen. Es hilft nichts, Handschuhe aus und Akkufach aufziehen. Am kalten Metall bleiben die Finger kleben, ich sehe kaum noch etwas.

Eine halbe Ewigkeit später kann ich weiterlaufen. Ich könnte es noch in 11:30 schaffen. Es ist eine Qual. Ich bin fertig, aber ich habe soviel Freude im Herzen über diesen kalten, rosaroten Anblick der Welt hier oben. Das erste Mal auf dem Brocken und das in einer Art und Weise, die absolut würdig ist gegenüber diesem göttlichen Berg.

Dann sehe ich die Türme über den frostig erleuchtet Himmel, bleibe wieder stehen. Kein Endspurt. Diesen Augenblick will ich genießen. Oben gröhlen und rufen einige im Zielbereich, ich solle doch weiterlaufen. Doch ich bleibe stur stehen, will ein bißchen Ruhe und tief durchatmen, diesen erhabenen  Augenblick mit diesen extremen Lichtverhältnissen geniessen.  Gefrierpunkt:  11:59 Stunden. Geil. Punkt aus. Fertig. Ich bin zurück aus der Eiseskälte, habe den  härtesten Winterextremlauf Deutschlands  überlebt.

Super Buffet im Goethesaal. Erbsensuppe, dann ist Schluss. Ich kann nicht mehr essen.  Zwei Duschen für 150 Leute. Nein, stimmt nicht, denn heute gibt  es extrem viele Abbrecher. Und so stehen wir nackt und barfuß  in der Reihe, betrachten zitternd offene Wunden, blutrote Zehen und weisse Frostblasen, während benutzte Pflaster  und tausend Ultrahaare an unseren Zehen vorbeischwimmen, und warten, bis die Dusche frei wird. Wir sind aber froh über 2 Minuten Dusche, denn unten im Reitstall oder Jägerhaus ist nix.  Dann geht es zu Fuß zwei Stunden nach Schierke, um den Charterbus nach Göttingen zu bekommen.

Schierke war lange Zeit ein nicht für jedermann erreichbarer Wintersportort, wegen der  innerdeutschen Grenze nur mit einem  besonderen Passierschein zugänglich. 11 km bis dorthin,  angeblich. Tatsache: Es sind 2 Stunden Fußmarsch durch die klirrend kalte Nacht, samt Gepäck. Dafür ein sternklarer Himmel mit Kaskaden von Sternschuppen und eine schöne Lockerung der Beinmuskulatur.  Immer noch kommen Läufer den Berg herauf. Ich kann keine Gesichter erkennen. Die Kopflichter schweben langsam über der Eislandschaft zwischen den schneeschwangeren Tannen hindurch. Aufmunternde Worte. Wir sind alle Helden, unbezwingbar. Nur noch wenige Meter für die und zwei Stunden für mich. Dann verlasse ich die Lauftstrecke und überlasse die kalten Halogenscheinwerfer ihrem einsamen Schicksal.

Biergeschwängerte Luft im Hotel König in Schierke. Wie lange sitzen die Spitzenläufer nun schon hier? Alle kennen mich. Aber nicht so: Ich quäle mich mit dem Bier. 

Stunden mit dem Bus zurück nach Göttigen. Um Mitternacht  falle ich auf die Isomatte, rieche die Pferde, die unter mir in den Ställen dösen und träume davon, nächstes Jahr wie diese kraftvollen Tiere hinauf zum  Brocken zu gelangen -  fliegend! 

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Informationen: Brocken-Challenge
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