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Laufberichte

Dem Himmel so nah

 

So, spätestens nach der Rhumequelle wird es stetig steil. „Na also, endlich wird es anstrengend, wurde aber auch Zeit...“, keucht, schwitzt und quält sich ein Läufer neben mir die Forststraße hoch. Nach einer halben Ewigkeit im Gehölz, urplötzlich offenes Gelände mit einer leichten Bergab-Tour. Einige Kilometer durch die Feldflur erreicht man über den Königshagener Ring den durch Hermann Löns bekannt gemachten  Beberteich und die Wüstung Königshagen, in deren Nähe sich heute die gleichnamige kleine Siedlung aus Bauernhöfen befindet, direkt an das Bundesland Thüringen angrenzend. Kurz vor Barbis geht es auf einer zickzackartigen Serpentine nochmals bergauf. Irgendwann oben angekommen, halte ich inne und genieße die malerische Kulisse und weitläufige Landschaft von Bad Lauterberg. Einfach traumhaft, diese Ausläufer! Über die letzten Hügel des Auenlandes laufe ich anschließend locker bis Ortsende Barbis, wo die vierte Verpflegungspunkt-Etappe auf mich wartet.

 

 

Barbis: Ab hier wird es Ultra!

 

Marathondistanz. Ein tolles Gefühl – und weiterhin ist diese Zuversicht und Euphorie in allen Gesichtern zu sehen. Zuschauer am Wegrand feuern jeden ankommenden Läufer an. Schade, diesmal erwarten mich weder Gruppenkuscheln mit Freunden und Familie, noch selbstgebastelte Pappschilder mit Sprüchen wie „Lauf Papa, Du bist der Beste“. 

Nun will Ich mal hoffen, dass ich am VP von Naturkost Elkershausen einen Bärenhunger bekomme. Mein Magen...will aber immer noch nicht. Ein paar Stückchen Schokolade, mehr will nicht rein. Alarm im Darm: Plötzlich wird mir übel, keine Toilette weit und breit! Dann flaut das Gefühl auch schon wieder so schnell ab, wie es entstanden ist. Ich mache mich mal besser schleunigst auf dem Weg.

 

Der Entsafter

 

Steil geht es in den Harz...extrem steil! Laut Wegbeschreibung wartet der berüchtigte  „Entsafter“ auf die Teilnehmer. Der ununterbrochene Anstieg hat ungefähr Halbmarathon-Distanz. Ein verschollenes Skriptorium von Kloster Walkenried weiß von einem mörderischen Anstieg zu berichten. Ohne Selbstversorgung würde man elendig krepieren, denn Verpflegungspunkte gehören hier ins Reich der Fantasie. Ein paar Läufer, die diesen Streckenabschnitt in den ersten Jahren der BC gemeistert hatten, berichteten von Fieberwahn und geheimnisvollen Reiterinnen auf lichtenen Rössern, die heißen Tee in güldenen Krügen bei sich getragen haben sollen, um den verirrten Seelen beim Anstieg auf den Todesgipfel den letzten Dienst zu erweisen.

 

 

Während ich mich also an den stundenlangen Anstieg mache, plärrt wie auf Kommando der Indie-Song „This Road is long“. Arg! Plötzlich ruft mir Heike Noa mit der Startnummer 96 etwas zu und zeigt in nördliche Richtung. „Das ist ja unbeschreiblich“, entgegne ich begeistert. Ein weit entfernter, weißer Diamant blitzt, schimmert und funkelt zwischen den ansonsten bräunlichen Ausläufern des Oberharzes hindurch: Der Brockengipfel! Selbst aus dieser irren Entfernung sind die markante Sendeanlage und das Brockenhotel gut sichtbar. Klasse Motivationskick.

Unterwegs überholt mich plötzlich das zügige  Dreiergespann Tanja, Mareike und Frank. Ein wenig Smalltalk tut gut, denn der Entsafter ist elendig lang. Der erste Schnee, na endlich! An der Wasserscheide geht’s dann rechts ins Steinaer Tal, hoch und immer höher den eisigen Pfad des Todes. Am VP Jagdkopf angekommen, warten zwar keine Reiterinnen, aber dampfender Tee. Erneut zwänge ich mir ein Stückchen Schokolade sowie Gel rein. Entkräftet fühle ich nicht, nichts hält mich auf. Die ersten fünfzig Kilometer mit den Beinen, den Rest mit purer Geisteskraft. Ich kämpfe weiter, bin voll motiviert, sauge regelmäßig eiskaltes Wasser aus meiner Trinkblase.

Links von mir plötzlich freie Sicht, ein majestätischer Anblick! Über mehrere, teilweise schneebedeckte Bergkuppen blicke ich hinweg, bis zum Horizont. Tief unten der Oder-Stausee, von hier oben betrachtet bloß Kieselteich-Größe. Ansonsten endlose Entsafter-Monotonie. Dann erreiche ich die Lausebuche, eine Auswahl an Verpflegung wie im Schlaraffenland. Jawohl, es hat sich ausgesaftet! Ich werde überschwänglich von Judit mit der Starternummer 92 begrüßt. Zusammen mit Timo Nolle hatten wir schon die elfte BC überlebt. Zwei Jahre und 63 Kilometer später also ein Wiedersehen, wow! Aus einem dampfenden Kessel reicht mir eine Soroptimistin leckeres Gebräu. „Nastrovje!“. „Äh, was?“, antworte ich verwirrt. Mehrmals muss iIch nachhaken, was sie mir denn da auftischen will. „Minestrone, mein Herzchen. Nun iss auf.“

 

 

Tiefpunkt

 

Ja...diese dicke Suppe tut sehr gut, der Hunger ist endlich geweckt. Sieben Becherchen und ein paar Salzbrezel später befinde ich mich bereits auf der kurzen Alternativroute Richtung Königskrug. Ich folge einem Querfeldein-Trail durch das kahle Gebiet der Harzer Tunguska: unzählige Baumstümpfe ragen aus dem Schnee. Ein endloser Schneesumpf. Plötzlich erwischt mich ein mentaler Tiefpunkt. Kilometerlange, schneeweiße Einsamkeit, kein Läufer weit und breit. Spaziergänger und Wanderer kommen mir entgegen, muntern mich auf. Ich registriere das aber kaum, meine Laune ist im Keller. Ich suche nach Gründen, weiß nicht, warum es mir so beschissen geht. Mehr Gehen, immer weniger Laufen. Meine Gedanken wandern nach Hannover, wo meine Familie fest an mich denkt und glaubt. Selbstmitleid und Nörgelei im ständigen Wechselbad der Gefühle.

Hier in Sibirien kann ich nicht mehr, hab keine Lust, will nur noch ins Ziel. Komplette Schwunglosigkeit. Das sind wohl die schrecklichen Momente eines langen Laufes. Ich beiße die Zähne zusammen, will durchhalten. Dann endlich VP Königskrug in Sichtweite, erst 68 km, ich stöhne laut auf. Ein Gartenstuhl lacht mich an. Ich setze mich stumm hin. Es reicht: Schluss, fertig, aus. Hatte ich laut gedacht? „Hörste auf?“, grinst mich ein Typ mit Strichliste in der Hand an. Ich schnelle kerzengerade in die Höhe, als hätte Sergeant Hartman persönlich gesprochen!

“Du gibst jetzt nicht auf, Du ziehst das durch, richtig? Sehe ich Kampfgeist in Deinen Augen lodern? Oder sollen wir Dich raus ziehen?“ So werde ich angepeitscht. Ich hebe abwehrend beide Hände. „Niemals, nie! Hey, ich bin doch längst weg...seht Ihr? Alles easy!“, antworte ich und renne beinahe stolpernd dem nächstbesten Läufer hinterher. Na, das war ja mal eine Mentalspritze!

 

 

Ziel Brocken: Dem Himmel so nah

 

Zunehmend dichter und höher ist nun die schöne, weiße Maße.  Am rechten Wegrand blickt mich stumm ein Schneegesicht an, es kann auch Einbildung sein. Hoffentlich. Aus Laufen wird wieder zügiges Gehen, die Kräfte verlassen mich. Hinter mir nähern sich Wanderer, vor mir taucht die „spanische Runde“ auf. Plötzlich neuer Kampfgeist, aus heiterem Himmel. Unvermittelt laufe ich los, als hätte mich etwas gebissen!

Ich folge einer Gruppe Läufer über den Kaiserweg im lockeren Tempo bis nach Oderbrück. Hier herrscht meistens ausgelassene Partystimmung zwischen Läufern, Begleitern und Helfern vom BergWelt-Team, dem letzten VP bei km 72. Ich bin im Laufrausch, will nichts Essen und nichts Trinken, bloß weiterlaufen. „Habt ihr meine Nummer?Alles klar!“, rufe ich, mache ein kurzes Foto und bin auch schon wieder weg.

Beinahe durchgängig laufe ich weiter und immer weiter. Ich rieche das Ziel regelrecht, die Luft ist frisch wie nie. Immer öfters kommen mir nun Spaziergänger entgegen, aber auch Teilnehmer der Brocken-Challenge, die bereits auf dem Heimweg sind. Die Reaktionen beim Vorbeilaufen fallen unterschiedlich aus: Herzlicher Applaus, aufmunternde Grüße, respektvolles Nicken und wohlwollende Bewunderung. “Zieh durch, Junge, gleich biste da!”, ruft jemand. Tolles Gefühl!

 

 

Der Goetheweg hat es nochmals in sich, auch die irre Steigung der Rampe, welche bis hoch zur Brockenbahn führt. Mit dem störrischen, wilden Blick einer Wildsau  nehme ich die gnadenlose, weiße Vertikale in Angriff. Schlittenfahrer kommen mir mit einem Affenzahn entgegen, ausweichen tun jetzt nur Anfänger. Kaum oben angekommen, genieße ich für einen kurzen Moment das gewaltige Panorama. Eine letzte freie Sicht auf Sendeanlage und Brockenhotel, dann zieht eine graue Schneebrühe vorbei. Längst ist der Himmel nicht mehr frostig-blau, sondern aschgrau. Gleich endet das Abenteuer, ich bin dem Ziel sehr nah. Vorbei an den Gleisen, geradeaus und immer geradeaus.

Auf dem letzten Kilometer werde ich wieder melancholisch, stelle mir kurz vor, wie meine Familie dort oben auf mich wartet, unterdrücke Tränen. Emotionen kochen hoch und ebben wieder ab, im ständigen Wechsel. Stark vermummte Spaziergänger und Teilnehmer kommen mir entgegen, ich klatsche bei einigen ab. Kurz vor dem Zieleinlauf renne ich im Geiste die Strecke nochmal ab. Wie schnell doch elf Stunden vergehen können!

Rosenmontag auf dem Brocken, denn von weitem höre ich, wie unter Jubel und Gerassel die Läufer begrüßt werden. Sichtweite lediglich wenige Meter, selbst die Brockenstraße erkenne ich kaum noch. Dann taucht endlich das rote Zielbanner auf, ich schreie meine Freude heraus! Es ist wieder geschafft, ich bin auf dem Gipfel! Nun aber ab in den Goethesaal, aufwärmen, Duschen!


Goethesaal: Ausnahmezustand

 

Es duftet nach Essen, ich habe jedoch noch keinen Hunger, will bloß aus den nassen Sachen raus. Im Vorraum des Saals sind die Kleiderbeutel deponiert. Die Medaille wird mir umgehängt, ich kriege das breite Grinsen einfach nicht mehr aus dem Gesicht. Am anderen Ende des proppenvollen Saals die Duschen und Toiletten. Überall unterhalten sich rege die UltraläuferInnen. Das Gefühl, etwas Großartiges vollbracht zu haben, liegt spürbar in der Luft. Hier sitzt eine riesengroße Familie, das Glück und die Freude ist vielen anzusehen.

Die winzige Herrentoilette: kaum größer als ein Dixie. Wieder einmal lange Schlange(n) vor der Dusche. „Die eigentlich wahre Härteprobe der BC. Stehst nackt und barfuß in der nassen, arschkalten Drecksbrühe herum!“, fängt einer an zu scherzen, während pausenlos benutzte Blasenpflaster, Blut und Haare an uns vorbei und in Richtung Abfluss rinnen. Blasenentzündung? Nebensache. „Rein, raus, fertig“, verabschiede ich mich nach einer halben Ewigkeit.

Immer wieder werden unter großem Beifall nachfolgende Teilnehmer begrüßt. Bei einer doppelten Portion Erbsensuppe mit Bockwurst unterhalte ich mich fröhlich mit Samuel und Thorsten. Beide wollen mit dem ersten Bus nach Göttingen. Schnell ist entschieden, dass wir gemeinsam gegen 19 Uhr aufbrechen und hinunter nach Schierke wandern. „Ihr wollt gleich los? Ich komme mit“, meint Werner Hülsmeier spontan.

 

 

Nach(t)wanderung

 

Der Fußweg vom Gipfel nach Schierke hat es nochmals in sich – zumindest, wenn man sich für die siebeneinhalb Kilometer lange Strecke entscheidet. In der Dunkelheit taucht ein  Fahrzeug auf und verschwindet schnell im Nebel. Nach einer Weile führt dann vom Wirtschaftsweg ein schmaler Pfad mitten in den Wald. Schierke: 4 km. Die Gruppe frohlockt. Jedoch: während die erste Hälfte der Querfeldein-Abkürzung keinerlei Probleme bereitet, erwischt uns die Zweite mit aller Härte: der Pfad wird immer schmaler, eisiger, rutschiger, brutaler. Prompt lässt mich dann auch noch meine Stirnlampe im Stich. Schönen Dank!

Tiefhängende Äste erschweren den immer steiler werdenden Trail mit seinen markanten Felsen und scharfen Steinen. Thorsten zieht seine Yaktrax rüber – lebensrettende Entscheidung. Walter und ich haben da weniger Glück. Nur die Harten kommen in Garten! Es wird immer abenteuerlicher, die Felsbrocken größer, die Baumwurzeln tückischer. Wer preußischen Försterwald sucht, wo die Bäumchen in Reih und Glied stehen, hat hier nix verloren. Hier wird die rohe Wildheit des Harzes geboten.

Bei solch rustikalen Wanderwegen pfeift der heimische Schierker auf die Verkehrssicherheitspflicht. Trotzdem werde ich etwas zickig, will endlich nach Hause. Irgendwann sind wir unten und ich verabschiede mich von den Jungs. „Kommt gut heim, wir sehen uns bald wieder!“, rufe ich den Harzer Spartanern nach diesem wilden Ritt noch hinterher. Wenig später werde ich von meiner Frau aufgegabelt. Fröhlich steige ich ins Auto.

„Na, wie wars?“, fragt Sie mich, während wir Schierke hinter uns lassen. Eine Zeitlang horche ich in mich hinein, im Geiste spule ich immer wieder den bestandenen Lauf ab. Meine Frau schaut während der Fahrt immer wieder zu mir rüber. Was Sie dort sieht, mag Sie vielleicht etwas sonderbar finden: Ein kleines, wahnwitziges Funkeln in den Augen, gepaart mit einem Dauergrinsen.

 

Ergebnisse 13. Brocken-Challenge 2016

Männer

1. Florian Reichert Göttingen  06:52
2. Falk Hübner  Berlin  07:27
3. Marcel Höche Bad Lauterberg  07:37

Frauen

1. Nicole Friedrich  Dresden 08:38
2. Antje Müller  Rötha  08:43
3. Yvonne Lehnert  Berlin  09:15

Starter:    177
Finisher:   162

Interessenten-Rekord:  448 Bewerbungen
Spenden-Summe:  knapp 25.000 €

 

 

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Informationen: Brocken-Challenge
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