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Laufberichte

Darf's ein bisschen mehr sein?

27.09.09

Die Straße ist mit „Blenderweg“ angeschrieben und spätestens hier haben allfällige Blender ihr Pulver verschossen. Aber mit ihnen hat der Name gar nichts zu tun. Er benennt den nächsten Fixpunkt der Strecke, den Berg im Kürnacher Wald, den man aus der Weite am Fernmeldeturm erkennen kann.

Nach einer herzhaften Steigung über einen Wurzelweg dort angekommen, werden wir elektronisch erfasst und weitergeschickt. In Bezug auf die Höhenmeter heißt es: Wie gewonnen, so zerronnen. Hinunter nach Wegscheidel finde ich mich plötzlich in einem Streckenabschnitt wieder, der eher meiner Vorstellung von argentinischem Hügelweideland als der vom Allgäu entspricht. Dieser Eindruck eines Hauchs Pampas wird durch die Nebelschwaden verstärkt, die sich nun aber teilweise zu lichten scheinen. Tatsächlich bin ich noch nicht ganz unten beim Verpflegungsposten, als die Sonne uns heute erstmals in ihren noch schüchternen Schein hüllt. Darf’s ein bisschen mehr sein? Dann passt aber alles zusammen!

Die Straße weiter nach Eschach trägt den Namen Hintereinöde. Öde kommt es mir allerdings gar nicht vor, nein, ich genieße die mit Kühen dekorierte Landschaft in vollen Zügen. Der Name kommt vielmehr von Einöde, der bayrischen Bezeichnung einer Ansiedlung von einem oder zwei Wohngebäuden, einer Siedlungsform, die gewählt wurde, um sich vor der Brandgefahr in eng zusammengebauten Dörfern zu schützen.

In Eschach werden gleich nach der Kirche – in theologischer Sprache ausgedrückt -die Schafe und die Böcke getrennt. Aufmerksame Helfer sorgen dafür, dass die Marathonis und die Teilnehmer des ⅔-Marathons auf dem rechten Weg bleiben. Für die mit der kürzeren Strecke ist der linke der rechte Weg, für uns ist es der rechte. Der führt  von hier aus über lange Strecken über unbefestigte Straßen und Wege. Vom nächsten Verpflegungsposten aus gibt es einen Blick hinunter auf den Eschacher Weiher bevor wir für längere Zeit in den Wald eintauchen.

Bei Kilometer 19, gerade beim Schild, überqueren wir einen geografischen Fixpunkt, die große europäische Wasserscheide. Drei Kilometer später, kurz vor der Wengeregg begegne ich entgegenkommenden Läufern. Sie haben die Schlaufe zum Wendepunkt bereits hinter sich und damit drei Kilometer Vorsprung. Bis ich beim Aussichtsturm Schwarzer Grat bin, wo nochmals die Zeitmessmatte überquert werden muss, übe ich mich weiter im bergwärts Laufen. Ich habe mir für heute nämlich nur ein läuferisches Ziel gesetzt und bin noch auf Kurs: Bei keiner Steigung zu gehen.

Nach dem kurzen Abstecher nach Baden-Württemberg und hoch zum Schwarzen Grat bin ich wieder auf bayrischem Boden und unterwegs zurück nach Kempten. Wie bei jedem Verpflegungsposten lasse ich mir auf der Wengeregg nochmals Zeit. Die Verpflegung ist hier, wie vorher und nachher auch jedes Mal, tadellos. Wasser, Tee, Iso, Cola, Bananen, Apfel, Riegel, Weißbrot. Darf’s ein bisschen mehr sein?

Danke, ist nicht nötig. (Wenn schon, dann ein bisschen weniger, nämlich keine Kohlensäure im Iso.)Trotz dem tollen Angebot kann ich es nicht lassen, die freundlichen Helfer in Erklärungsnotstand zu bringen. Ich erkundige mich jeweils, wo es den leckeren Burger gibt, der auf den Tafeln zu sehen ist, welche die Verpflegungsstellen ankünden…

Auf dem Weg zurück zum Eschacher Weiher komme ich mir vor wie Forrest Gump. Es läuft einfach, aber die Strecke ist wie eine Schachtel Pralinen, du weißt nie, was du bekommst. Geht es hinter der nächsten Biegung rauf, runter oder zur Abwechslung mal flach weiter? Die Strecke liegt fast ausschließlich im Wald und ist trotzdem sehr abwechslungsreich.

Auch die anderen Läufer sind jeweils eine Überraschung. Schneller Läufer einer langsamen Staffel oder langsamer Läufer einer schnellen Staffel, Einzelläufer und Schnellstarter oder Einzelläufer und Spätzünder? Erst ein Blick auf die Startnummer gibt darüber Auskunft.

Die Kilometer fliegen vorbei und das Schild beim Eschacher Weiher zeigt bereits die doppelte Drei. Die Szenerie am Weiher ist so eindrücklich, dass ich mehrere Fotostopps einlege.

Die restlichen zwölf Kilometer führen abwechslungsweise über Wiesen und durch den Wald. Seit dem Wendepunkt ist die Sonne unser ständiger Begleiter. Ich sauge das Licht und die Wärme ein, dazu den Duft des frisch geschnittenen Grases – ich sammle Vorräte für den langen Winter mit seinem Mangel an Marathonerlebnissen.

Immer wieder sind Leute an der Strecke, die nicht müde werden, die Läufer anzufeuern. Viele von ihnen sind offenbar Angehörige von Staffelteilnehmern, die aber allen Vorbeikommenden ihre Aufmerksamkeit, ihr Lob und ihren Zuspruch schenken.

Fünf Kilometer vor dem Ziel bietet sich ein schöner Blick auf den Herrenwieser Weiher und auf Ermengerst, dessen Kirchturm den frühen Taufkirchort aus dem frühen Mittelalter deutlich überragt. Der Preis für die Aussicht ist die nun folgende Schlusssteigung hinauf nach Mariaberg. Immerhin kommen nochmals über hundert Höhenmeter zusammen, bevor dann ein Transparent den letzten Höhepunkt vor dem Ziel bekannt gibt.

Nach einem letzten Auftanken geht es noch knapp drei Kilometer  bis ins Ziel. Über die Wurzeln hinab ist nochmals Aufmerksamkeit gefordert, auf den letzten eineinhalb flachen Kilometern Durchhaltevermögen. Das Ziel scheint nah, aber es gibt noch eine Schlaufe zu laufen, bevor das Stück Straße kommt, auf welchem ich viereinhalb Stunden zuvor zu einem schönen Sonntagsausflug gestartet bin.

Kaum piepst es unter meinem Schuh, habe ich schon die Finishermedaille umhängen. Und bevor ich mich bücken kann, hat ein weiterer eifriger kleiner Helfer den Klettverschluss am Knöchel geöffnet und mir den Zeitmesschip abgenommen. Mit einem erfrischenden alkoholfreien Radler in der Hand setzte ich mich hin, und kaum habe ich den ersten Schluck getrunken, überreicht mir ein weiterer netter Helfer das gut geschnittene Finishershirt aus angenehmem Funktionsstoff.

Obwohl ich mich – abgesehen vom letzten Kilometer – nicht außerordentlich verausgabt habe, schätze ich die warme Dusche im Cambomare so sehr, wie ich die kalten Duschen andernorts verabscheue. Mittlerweile dürfte es bekannt sein, dass einer meiner wichtigen Gradmesser für eine gute Veranstaltungsbewertung die Temperatur des Duschwassers in Grad Celsius ist.

Sauber und frisch setze ich mich auf die sonnige Wiese beim Zieleinlauf – nicht ohne vorher noch einen Teller leckere Nudeln und noch ein Radler geholt zu haben. Erst jetzt, in den Gesprächen mit anderen Mitgliedern der Marathonfamilie, ist der Alltag wieder Alltag, heute konkret Wahltag. Auch als Ausländer bin ich daran interessiert und daheim haben die Stimmbürger mittlerweile in einer Volksabstimmung auch über einige gewichtige Fragen entschieden.  Aber für über vier Stunden war ich mal weg – und das tat gut und wird weiterhin noch guttun.

Mein erster Allgäuer Voralpenmarathon war ein weiteres tolles Lauferlebnis im Allgäu. Darf’s ein bisschen mehr sein? Ja, ich komme gerne wieder.

Marathonsieger

Männer

1  GEISENBERGER, Thomas  BLT Laufsport Saukel-Haglöfs  03:06:00  
2  PHILIPP, Anton  BLT Laufsport Saukel-Haglöfs  03:11:23 
3  KUNZ, Edi  TV Memmingen  03:22:39 

Frauen

1  HENSCHEID, Melanie  RSC Logwin Kempten  03:54:37 
2  GUNDEL, Alexandra  TV Memmingen  04:06:14
3  ÜBELHÖR, Eva  TV Immenstadt  04:08:37 

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Informationen: Allgäuer Voralpenmarathon
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