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Laufberichte

Auch der 10. Mauerweglauf ist wieder ein Super Event

 

Der Berliner Mauerweglauf gehört zu meinen absoluten Lieblingsläufen. Nach 3 erfolgreichen Teilnahmen konnte ich ihn letztes leider Jahr nicht finishen, weil mir mein Kopf einen Streich gespielt hatte; ich musste das Rennen beim WP3 nach über 130 km verlassen.

Grund genug, es dieses Jahr noch einmal zu versuchen. Die Anreise am Donnerstag nach Berlin mit dem Zug gestaltet sich mal wieder abenteuerlich. Wenn das aber die einzigen Probleme des Wochenendes bleiben, ist das für uns in Ordnung.

Am Freitag ist Startnummernausgabe, Briefing und Pasta Party im Congresszentrum des H4 Hotels. Wegen der Coronapandemie gibt es, wie im letzten Jahr, die Auflage in vorher angemeldeten Schichten zu essen. Norbert und ich haben uns für die erste um 12 Uhr entschieden. Pünktlich zum schwäbischen Mittagessen. Vorher benötigen wir noch die Starterbeutel, da ist nämlich der Berechtigungsbon drin.

Die freundliche Crew kontrolliert das medizinische Attest. Anschließend bekommt man den Umschlag mit Startnummer und Zeitmess-Chip. Dabei sind auch Shirt und Startnummer für die Radbegleitung. Als außergewöhnliches Geschenk gibt es ein Stück der Berliner Mauer.

Inzwischen ist es schon Zeit für unsere Pasta Party. In fröhlicher Runde lassen wir uns Nudeln, Salat und Eis schmecken. Das Briefing um 16Uhr30 ist nicht nur informativ, sondern auch sehr unterhaltsam: der Rennarzt Carsten brilliert mal wieder mit lockeren Sprüchen (z.B. „Wer hinterher keine Blasen hat, ist nicht gelaufen“).

Norbert hat sich diesmal für den schwierigeren Part entschieden: er wird mich auf dem Fahrrad unterstützen. Weil die Radbegleiter erst ab VP 10 zugelassen sind, beginnt nur für mich der Tag früh. Frühstück 4 Uhr anschließend Busshuttle 5Uhr10.

Um kurz vor 5 bin ich vor dem Hotel und der Bus wartet bereits. Schnell ist er voll und es wird klar, dass der Platz für die Läufer nicht ausreichen wird. Der Fahrer gibt sich gelassen: „Dann komm ich gleich nochmal.“

 

 

Dieses Jahr erfolgt der Start nicht im Jahnstadion, sondern am Erika-Hess-Eisstadion. Hier sind die Wege etwas kürzer, und auf den ersten Blick ist alles übersichtlicher. Dieses Jahr gibt es 555 Startplätze für Einzelläufer. Sie haben genügend Platz zum Sitzen und Schwatzen. Obwohl vermutlich alle angespannt sind, ist dies kaum zu spüren. Eher Erleichterung, dass es nun endlich losgeht. Die Drop-Bags für die 3 Wechselpunkte sind schnell versorgt.

Der Startbogen befindet sich auf der Zufahrt zum Stadion. Das Starterfeld erscheint mir tatsächlich größer. Punkt 6 Uhr wird gestartet. Ich freue mich über viel Applaus und Zuspruch, während wir die kleine Zufahrt hinter uns lassen. Es geht rechts und links. Polizei hat die Straße gesperrt, so passieren wir mit Blaulicht die Straße.

Ab jetzt sind wir auf uns allein gestellt. Das bedeutet vor allem, dass die Straßenverkehrsordnung strikt eingehalten werden muss. Es wurden früher bereits Läufer wegen Missachtung einer roten Ampel oder dem Tragen von Ohrhörern im Stadtgebiet disqualifiziert.

Bald erkenne ich einzelne vertraute Streckenteile. Wir laufen Richtung Jahnstadion, die Bernauer Straße hinauf. Hier kann man einen Blick auf die für das Mauermuseum aufbereiteten Reste der Wehranlagen werfen. Die ersten roten Ampeln bremsen uns aus; man nimmt es mit Humor.

Es geht links in den Mauerpark, der sich parallel des Jahnstadions befindet. Seit ich das letzte Mal hier war, hat sich einiges verändert: die Anlagen sind jetzt gepflegt und laden zum Flanieren ein. Bei Laufkilometer 4,5 gibt es bereits Getränke.

Wir überqueren eine hohe Gleisbrücke. Dahinter rollen wir wieder hinunter. Auf dem Kirschblütenpfad geht es an den Gleisen entlang zum Gleichrichterunterwerk Pankow, dann unter den Gleisen hindurch und weiter daran entlang. Rechts liegt der große Friedhof Pankow, anschließend biegen wir in ein Birkenwäldchen ein. An dessen Ende liegt die VP 2 Bahnhof Wilhelmsruh bei km 10.

 

 

Beim Mauerweglauf gibt es 26 Verpflegungsstellen, die diesen Namen auch allesamt zu Recht verdienen. Die Abstände sind mit maximal 8 Kilometern auch ohne zusätzliche Eigenverpflegung zu bewältigen. Bei den heute zu erwartenden heißen Temperaturen hat der Veranstalter das Mitführen einer Mindestgetränkemenge von 0,5 l vorgeschrieben. Ich habe natürlich zusätzlich Gels und Riegel dabei. Außerdem wird eine Rettungsdecke empfohlen, die aber bei Norbert in den Satteltaschen ist.

Aus dem früher mal schmalen Pfad zwischen Bahndamm und Bauzaun ist inzwischen ein großzügiger Radweg geworden. Obwohl wir uns zwischen Pankow, Wilhelmsruh und Märkischem Viertel befinden, geht es über weite Felder und durch kleine Wäldchen. Es ist bewölkt; bisher optimales Laufwetter. Im noch immer dichten Feld komme ich gut voran.

Leider habe ich ein großes Problem: meine neuen Schuhe machen Lärm. Das nervt nicht nur mich. Ständig werde ich gefragt, ob ich Metallplatten an den Füßen habe. Nein, es sind normale Schuhe! Ein Modell, das ich oft laufe, nur eben neu gekauft. Gut, dass ich in Sacrow ein Ersatzpaar deponiert habe. Bis dahin muss ich durchhalten.

Noch ein Stückchen weiter und wir werden an der VP 3 bei km 15,6 vom Lauftreff Lübars überaus freundlich empfangen. Nun folgt eine meiner Lieblingsstrecken. Es geht bergab in die Niedermoorwiesen am Tegeler Flies. Der asphaltierte Weg ist rechts und links zugewachsen mit hohen Büschen, dann kommt Schilf. Kleine Abzweige führen zu lauschigen Teichen. Später wechselt es in eine weite Dünenlandschaft.

Viel zu schnell biegen wir wieder in die Stadt ein. Es geht durch das verschlafene Glienicke/Nordbahn bis zur die VP 4 Oranienburger Chausee bei km 21. Endlos gerade laufen wir auf einem Radweg an der B96 entlang (Vorsicht rote Ampeln).

Ich bin froh, als wir wieder im Wald sind. Was machen Pflastersteine mitten im Forst? Ich vermute mal, dass das der Originalbelag des Mauerwegs ist, auf dem damals die Grenzsoldaten patrouillierten. Zum Laufen nicht so optimal. Etwas weiter hat sich der Waldboden über die Steine gelegt, das ist angenehmer.

Unbemerkt, weil hinter Bäumen versteckt, umrunden wir den Hubertussee. Der Waldjugendweg ist frisch geteert. Einer der letzten früheren Grenztürme und heutiger Naturschutzturm beherbergt den Verpflegungspunkt 5 bei km 26 bei Hohen Neuendorf. Hier gibt es ja leckere Sachen: ich weiß gar nicht, was ich essen soll. Mit meinen Gels bin ich zwar gut versorgt, aber auf so langen Strecken ist es wichtig, den Magen von Anfang an etwas zu beschäftigen. Denn später ist er oftmals nicht mehr in der Lage etwas aufzunehmen. Magenprobleme sind der Hauptgrund, bei Ultraläufen aufzugeben.

Das Industriegebiet von Hohen Neuendorf wird gestreift, den nördlichsten Punkt der Strecke. Dann geht es zurück. Wir durchqueren die wegen ihrer dunklen Backsteinbauten imposanten Invalidensiedlung.

Die Idee, ausgedienten Soldaten eine Art Altenheim zu errichten, kommt aus Frankreich und wurde in Berlin auf Befehl von Friedrich ll. ausgeführt. Hier sollten kriegsbeschädigte Offiziere und Mannschaften Wohnung, Verpflegung, Kleidung und ärztliche Betreuung kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Heute stehen auf 14 ha 49 Häuser mit 180 Wohnungen, einem Gemeinschaftshaus und einer Versehrtensporthalle.

Im mehr oder weniger dichten Wald erreichen wir das „Runners Inn Frohnau“ VP 6 bei km 31. Die Helfer arbeiten auf Hochtouren. Weil die Läufer ihre eigenen Becher mitbringen, können die Getränke nicht vorbereitet werden.

Der Weg erstreckt sich wellig geradeaus. Dann rechts und wieder geradeaus. Eine Brücke führt über die A11 auf einem schmalen Radweg. Kontrastprogramm ist der Radweg an der stark befahrenen L77 entlang nach Henningsdorf. Gerade machen meine Beine schlapp. Die Straße scheint bergab zu gehen, aber trotzdem fällt mir das Laufen schwer. An einem Kreisverkehr muss ich die Straße überqueren. Trotz Fahrzeugschlange halten die Autos sofort an, so dass ich problemlos passieren kann. Dann geht es aber doch noch bergab, ich rolle hinunter und erkenne die Brücke über die Oberhavel, die den Ruderclub ankündigt.

 

 

 

Beim Mauerweglauf wird die Laufzeit anhand eines Transponders gemessen, den die Läufer am Handgelenk tragen. An jeder VP steht eine Messtation, so dass die Durchgangszeit sofort erfasst wird. So kann jeder live getrackt werden. Das ist für Norbert relevant, damit er abschätzen kann, wo er mich trifft.

Der Ruderclub Wechselpunkt 1, VP7 liegt jetzt unter mir. Zweimal rechts, dann bin ich da. Ein Drop-Bag habe ich hier nicht hinterlegt. Dafür lasse ich meine Wasserflasche füllen und stelle mich unter den Wasserschlauch eines Helfers.

Die folgende Strecke kenne ich eigentlich nur bei Dunkelheit. Der Mauerweglauf wird ja abwechselnd im oder gegen den Uhrzeigersinn gelaufen. Wir waren zufällig dreimal im Uhrzeigersinn dabei. Und da ist hier Nacht.

Es geht beschaulich ca 3 km zwischen Oberhavel und dem Zaun eines großen Industriegeländes entlang. Eine Brücke führt uns über einen Kanal nach Nieder Neuendorf. Dort biegen wir auf die Strandpromenade ein. Die VP 8 Grenzturm Nieder Neuendorf bei km 41 liegt an einem Mauerdenkmal,  wo wohl gerade ein offizieller Akt stattgefunden hat. Sehr viele Schaulustige versperren die Strecke.

Ich mache eine Schnellverpflegung und suche gleich wieder das Weite. Wenn ich mich richtig erinnere, verlaufen die nächsten Kilometer im Wald. Und so ist es auch. Surreal muten die verdorrten, augenscheinlich fast toten Fichtenstangen rechts und links. Wohltuend dagegen der Wechsel in den von Birken dominierten Laubwald.

Langsam wird der Bewuchs flacher. Pfeile weisen nach rechts auf einen unebenen, sandigen Feldweg. Dieser endet an einer Straße, dann der VP 9 Schönwalde km 49. Nach kurzem Halt geht es auf eine weite Wiesenfläche; rechts hinter Büschen fließt der Neuendorfer Kanal. Nanu, Tropfen? Tatsächlich geht ein kurzer Regenschauer nieder. Von oben erfrischt, bin ich ganz glücklich.

Es hat gerade aufgehört, als ich die Gedenkstehle von Ulrich Steinhauer erreiche. Er war im Grundwehrdienst Grenzbeamter und wurde 1980 von einem in den Westen flüchtenden Kameraden in den Rücken erschossen.  An der Stelle gibt es eine Pinwand, wo man Gedanken zur Unrechtsmauer niederschreiben und anbringen kann. Meine Karte habe ich bereits vorbereitet.

 

 

 

Es geht erneut ein paar Kilometer im Wald bis zur VP10 Falkenseer Chaussee bei km 55. Hier will ich mich mit Norbert treffen. Es ist sehr viel los und etwas unübersichtlich. Ich kann ihn nicht entdecken. Mit einem Getränk und zwei belegten Broten ziehe ich mich auf eine Bank zurück. Noch immer fehlt von Norbert jede Spur. Martin bietet sich an, Norbert weiter zu schicken, sobald er ankommt.

Bald hat er mich tatsächlich eingeholt. Als erstes gebe ich meinen Fotoapparat ab. Dann erzählt er mir von seiner Reise. Er muss darauf achten, keine Läufer zu behindern und auf der richtigen Straßenseite zu fahren. Ein Gespräch ist deshalb nicht einfach möglich. Wir befinden uns im Stadtgebiet, wo man sich sowieso konzentrieren muss. Erst als es rundherum wieder grün ist, wird es entspannter.

An der VP 11 Karolinenhöhe bei km 61 verpflegen wir uns kurz. Bis zum nächsten VP 12 Pagel & Friends sind es fünf ereignislose Kilometer (km 66). Hier sind außer den Läufern auch Freunde, Nachbarn und eigentlich jeder willkommen. Es gibt sogar einen Livestream. Wir werden mit Musik begrüßt und anhand unserer Startnummern auch persönlich angesagt. Die Stimmung ist prächtig. Zusätzlich zur top Verpflegung gibt es Nudeln mit Brühe und eine Wasserwanne zum Kühlen.

Wir reißen uns schweren Herzens los, denn es muss ja weiter gehen. Wir verlassen das Wohngebiet. Vor uns baut sich das neugotische Spandauer Tor (1867) auf. Gerade wird die Ampel grün, so flitzen wir hinüber, denn unter dem Tor hindurch geht die Gutsstraße bergab. Norbert flucht: „Mist Kopfsteinpflaster!“

 

 

 

Rechter Hand liegt der Grenzpark Groß Glienicke und links für uns nicht sichtbar der Groß Glienicker See. Wir durchqueren Groß Glienicke in voller Länge und bekommen nicht mit, dass rechts auch der Sacrowersee und links die Havel liegt.

Plötzlich führt der Waldweg steil bergauf, und auf der anderen Seite wieder hinunter. Dann geht es an der schmalen Kladower Straße entlang. Auf dem Sträßchen herrscht reger Autoverkehr. Sacrow durchqueren wir ebenfalls in voller Länge. Dann ist das Schloss nicht mehr weit.

Das Schloss Sacrow wurde im 14. Jahrhundert als Rittergut erbaut und 1860 zum Herrenhaus umgebaut. Gleichzeitig entstand die bekannte Heilandskirche am Ufer. Das Herrenhaus wurde immer weiter zum Schloss ausgebaut, obwohl hier nie ein König gewohnt hat. Das Gelände ist mittlerweile vom Park zum Naturschutzgebiet geworden.

Hier im weitläufigen Hof befindet sich der Wechselpunkt 2, VP 13 km 73,5. Norbert hat schon mein Drop-Bag geholt. Während ich an einem süßen Brötchen knabbere, sichte ich meine Sachen. Die Schuhe sind mein größtes Problem. Da sie phantastisch passen, möchte ich sie eigentlich nicht wechseln. An das fiese Geräusch habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt. Also lasse ich das. Noch ein Gel ausgetauscht bevor es weiter geht.

Ich treffe Claudia, die ihren Staffeleinsatz mit einem Bad im See gekrönt hat. Sie wünscht mir alles Gute. Mit Blick auf den Jungfernsee geht es auf gepflegten Sandwegen im ehemaligen Park entlang. Im Königswald führt der Weg dann tendenziell bergab. Irgendwann erreichen wir eine enge Straße. Sie führt nach Krampnitz. Bei der dortigen Revierförsterei befindet sich die VP 14 km 80, direkt an der Straße. Nach kurzer Verpflegung zweigen wir auf den Radweg an der B2 ab. Hier geht es ein Stück weit entlang.

Wir überqueren die Nedlitzer Nord- und dann die Nedlitzer Südbrücke, die eine Insel zwischen Weißersee, Jungfernsee und Lehnitzsee mit dem Festland verbinden. Hinter den Brücken müssen wir über die Straße und gelangen auf einen romantischen Spazierweg am Jungfernsee entlang. Nach ca. 2 km erreichen wir die VP 15 bei km 85,5; das Brauhaus Meierei ist erreicht. Hier wird frisch gebrautes, kühles Bier gezapft. Zeit für eine kleine Pause.

Dunja ist zum ersten Mal auf dem Mauerweg unterwegs. Schnell sind wir am Schwatzen. Es geht in den „Neuen Garten“ von Schloss Cecilienhof. Im historischen Schloss wurde im August 1945 das Potsdamer Abkommen geschlossen. Die 4 Siegermächte des zweiten Weltkriegs beschlossen die Vierteilung Deutschlands und die Regierung durch den Alliierten Kontrollrat.

Hier sind normalerweise Horden von Spaziergängern unterwegs, jetzt am Abend ist es dagegen ruhiger. Weil wir im Gespräch vertieft sind, vergeht die Zeit wie im Flug. Vor uns befindet sich bereits die Glienicker Brücke, die Potsdam über die Havel hinweg mit Berlin verbindet. Der Weg führt unter der Brücke hindurch und auf der anderen Seite die Freitreppe hinauf.

 

 

Die Grenze verlief genau in der Mitte der Brücke. Hier wurden während des kalten Krieges Spione von Ost und West ausgetauscht. Hinter der Brücke, auf Höhe des Schlosses Glienicke, biegen wir auf die Straße nach Klein Glienicke. So ganz ohne Touristen ist es ganz nett. Eine kleine Brücke führt über den Teltowkanal, auf der anderen Seite geht ein Sandweg steil bergauf.

Irgendwo hier liegt Schloss Babelsberg. Wir laufen auf der Karl-Marx-Straße an beeindruckenden Villen vorbei. Es wird nun schnell dunkel. Zur Sicherheit holen wir die Lampen heraus. Das ist auch gut so. Die VP 16 Gedenkstätte Griebnitzsee km 92 erreichen wir erst in vollständiger Dunkelheit und laut Regeln müssen wir ab 21 Uhr beleuchtet sein.

Die VP liegt heute nicht unten am See, sondern direkt an der Straße. Ich hole mir Essen und Trinken und lasse mich auf einem Stein nieder. Dunja ist immer noch bei uns. Gemeinsam brechen wir auf. Schnell sind wir aus der Stadt heraus und landen im Duppeler Forst. Trotz Dunkelheit können wir den riesigen Kreidevermerk auf dem Parkplatz erkennen:“ 5 Km geradeaus“.

Das ist kein Scherz. Die Strecke heißt Königsweg. Im Jahr 1730 wurde er auf Anordnung von König Friedrich Wilhelm I. als Schnellweg angelegt. Es handelte sich um einen einfachen Sandweg als geradlinige Schneise durch den Wald leicht wellig, tendenziell bergauf mit kurzer Unterbrechung wegen der Brücke über die Autobahn mit Blick auf den alten Grenzkontrollpunkt dann weiter.

Zum Reden haben wir mittlerweile keine Lust mehr. Jeder kämpft sich, so gut es geht, die leichte Steigung hinauf. Beim VP 17 km 99 werden wir herzlich begrüßt. Im Schein meiner Lampe leuchtet ein überdimensionales „Willkommen“ Banner. Mit einem Becher Kaffee und belegtem Brot mache ich es mir kurz auf einem der Gartenstühle bequem. Hier lässt es sich aushalten.

Im Wald geht es scharf rechts, an Sportanlagen vorbei und dann durch das bereits schlafende Kleinmachnow. Wieder ein Sportplatz und eine Kleingartenanlage. Ich erinnere mich an eine beschauliche Flusslandschaft am unbegradigten Teltowkanal. Norbert meint, er könne am anderen Ufer bereits die Turnhalle ausmachen. Wir müssen aber noch vor bis zur Straße, dann runter zum Kreisverkehr. Von dort geht es die Straße hinauf, auf die andere Seite. Noch ca. 100 m dann ist die nächste VP18 bei km 105 erreicht.

Dort sind auch die Drop-Bags hinterlegt und der Cutoff ist hier um 0Uhr53. Es gibt leckere Nudelsuppe. Ich verzichte erneut auf den Schuhwechsel, mach mich aber kurz frisch. Dann geht es weiter. Wieder die Straße hinunter, beim Kreisverkehr einmal fast rum und die Straße von vorhin wieder hinauf. Diesmal geht es rechts. Schlagartig sind wir wieder im Grünen.

Der Tourismusverband Brandenburg wirbt: „Die TV-Asahi-Kirschblütenallee liegt direkt auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Teltow und Berlin-Lichterfelde. Für wenige Wochen im Jahr verwandelt sich der rund 1,5 km lange Grünstreifen in ein Meer von Rosa. Über 1.000 blühende Kirschbäume säumen dann den Mauerweg und machen einen Spaziergang dort zu einem ganz besonderen Erlebnis. Die Kirschblüte wird alljährlich Ende April mit einem großen Fest, dem Kirschblütenfest Hamami, gefeiert. Aber auch an den übrigen Tagen des Jahres ist der Mauerweg ein lohnenswertes Ausflugsziel, ob nun zum Spazieren, Picknicken oder zum Verweilen. Dort wo früher Mauern, Stacheldraht und Wachtürme standen, ist heute ein Ort der Verbindung und Begegnung.“

Im Dunkeln kann man das nur erahnen. Später geht es rechts, durch die leeren Straßen von Teltow, über einen Bahnübergang und an einem ehemaligen Truppenübungsplatz vorbei. Die Umgebung ist mittlerweile nicht mehr relevant. Ich bin müde und mein Radius spielt sich im Schein unserer Lampen ab.

VP19 (111,9) Osdorfer Straße: ratlos stehe ich vor dem Angebot. Ich weiß nicht, was ich essen soll, ich hab keine Lust etwas zu trinken. Irgendwas muss aber rein. Norbert versucht zu helfen; mir kann aber momentan keiner helfen.

Die Abstände der VPs mit 7 Kilometer sind entmutigend. Aber es muss ja weiter gehen. Im weiten Zickzack geht es zum VP 20 Ninas Eltern. Hier gibt es die leckersten Kekse des Laufs und aufmunternde Helfer. Lichtenrade bei Nacht, verwaister Bahnübergang, dunkler Wald. Eine ganze Gruppe kommt von hinten. Ich versuche dran zu bleiben.

Die Sandwege hier machen das Laufen nicht leichter. Eine kleine Unklarheit an einem Abzweig. Norberts Navi weiß Bescheid, wir laufen richtig.

Die VP 21 Buckow bei km 126,5. Ich kann nicht mehr laufen: seit 30 Kilometern sind wir im 12er Pace unterwegs. Es wird allmählich heller. Ich befürchte jetzt, dass mir die Limits nicht reichen werden. Dunja ist schon weiter, sie wird es schaffen. Ich werde auf jeden Fall so lange es geht weiter machen.

Bei km 131 überholt mich der Besenläufer, und ich kann nicht mehr dranbleiben. Er fragt, ob ich weiter laufe. Es sind noch eineinhalb Kilometer bis zur nächsten VP. Für den Cutoff dort habe ich noch 11 Minuten. Das wird wohl nichts. Ich gebe meinen Chip ab und beende das Rennen. Der Besenläufer gratuliert zu meiner Leistung – ganz im Ernst.

Die U-Bahnstation Rudow ist nicht weit. Nach Umstieg erreichen wir den Alexanderplatz. Die 500 m zum Hotel ziehen sich etwas. Es ist 6 Uhr. Duschen, dann ins Bett. Um 10 Uhr frühstücken. Wir treffen Finisher. Gratulation!

 

 

Auf die Siegerehrung verzichten wir. Beim Abholen der Drop Bags erfahre ich, dass jeder Teilnehmer die sagenhafte Jubiläumsmedaille bekommt. Juchuhh!

Fazit: Der Mauerweglauf ist in jeder Hinsicht ein Superlativ:

-Super lange, super schöne Strecke
-super Helfer
-Super Verpflegung
-super Organisation


Wenn alles passt werde ich nächstes Jahr wieder dabei sein.

 

Informationen: 100 Meilen Berlin (Mauerweglauf)
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