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Laufberichte

Museumsbesuch in kurzen Hosen

27.04.08

Ich liebe Jubiläumsläufe, bin noch nie in Österreich gelaufen und war schon seit 20 Jahren nicht mehr in Wien: Gründe genug, unseren diesjährigen Frühjahrsmarathon in die österreichische Metropole zu verlegen. Der Flug nach Wien Schwechat dauert eine Stunde und die Fahrt mit dem City Airport Train vom Flughafen nach Wien Mitte gerade mal 18 Minuten, sodass wir locker erst einen Tag vor dem Lauf anreisen können und doch noch genug Zeit haben, die Startunterlagen zu besorgen und uns seelisch und moralisch auf unseren Lauf vorzubereiten.

Wir bringen unser Gepäck ins Hotel und machen uns gleich auf zur Marathonmesse „Wien Aktiv“, die in der Halle 10 des Messezentrums Wien in der Südportalstraße stattfindet. Dazu fahren wir mit der U-Bahn zum Praterstern, zwängen uns für drei Stationen in die S21 und gehen noch knapp zehn Minuten zu Fuß. Wir holen unsere Startunterlagen und an einem weiteren Stand unser „Goody Bag“, das alles beinhaltet, was man als Läufer so braucht: Obst, Magnesium, Heftpflaster, Müsli, Mineralwasser, Energieriegel, Duschgel, etc.


Hier auf der Messe trifft man aber nicht nur Marathonis. Der neue Teilnehmerrekord von 30.072 Anmeldungen wurde nur deshalb erreicht, weil morgen nicht nur der Vienna City Marathon ausgetragen wird, sondern auch der Halbmarathon, der Staffelmarathon, der Junior Marathon, der Kids Challenge und der Bambini-Lauf.

 
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Wir wollen weiter zur Kaiserschmarrn Party, die im historischen Festsaal des Wiener Rathauses stattfindet. Jede halbe Stunde fährt ein Bus-Shuttle von der Messe zum Rathaus. Aber wir entscheiden uns, zu Fuß zum Praterstern zurückzugehen und dann mit der U-Bahn zum Rathaus zu fahren, um den auf dem Weg liegenden Vergnügungspark zu besuchen. In den Festsaal wird nur eingelassen, wer für fünf Euro eine Eintrittskarte kauft, für die man Kaiserschmarrn bis zum Abwinken, Mineralwasser und Kaffee vom Sponsor Tchibo bekommt.

Am Sonntag stehen wir um 6.20 Uhr auf, frühstücken und fahren mit der U1 bis zur Haltestelle „Alte Donau“. Alle zwei bis drei Minuten kommt hier heute eine Bahn an und wir können kaum aussteigen, weil der Bahnsteig total überfüllt ist. Der Weg zum Startbereich in der Wagramer Straße ist leicht zu finden und nicht lang. Nach einigen Metern kommen wir an unzähligen Dixi-Klos vorbei, passieren eine Allee von LKWs, wo man ohne lange Wartezeiten seine Kleiderbeutel abgeben kann, und erreichen danach auch schon die Startblöcke zwischen den imposanten Bauten der UNO-City.

 
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Die Straße ist hier so breit, dass zwei Startblöcke nebeneinander passen und ich mich, obwohl ich mich in den zweiten Startblock einreihe, fast auf gleicher Höhe mit den Eliteläufern befinde. Ich stehe eigentlich zu weit vorne, weil ich heute meine angegebene Bestzeit von 3:27 garantiert nicht packen werde.

Punkt neun Uhr geht’s los und trotz der vielen Teilnehmer überquere ich nach nur 23 Sekunden die Startlinie. Wir laufen durch UNO-City auf die Reichsbrücke zu und überqueren die Donau und die Donauinsel. Hier prasseln gleich zu Beginn des Laufs so viele Eindrücke auf mich ein, dass ich wegen der Fotografiererei für den ersten Kilometer sieben Minuten brauche. Auf zwei durch Leitplanken getrennten Fahrbahnen laufen wir die Brücke runter in die Lasallestraße und erreichen nach ca. 2,5 Kilometer den Praterstern, den wir beidseitig tangieren. Erst nach dem Praterstern, auf der Höhe des weltberühmten Prater-Riesenrads, vereinen sich beide Laufgruppen zu einem Pulk und strömen zusammen in die Hauptallee, die durch die Prater-Parkanlage führt.


Ich versuche soweit als möglich auf der linken Seite der Allee zu laufen, wo es ein wenig Schatten gibt. Denn die Sonne knallt schon ganz schön auf uns herunter und ich bemitleide die Läuferinnen und Läufer, die heute Morgen in langen Hosen und zum Teil sogar in Jacken gestartet sind. Nach weiteren zwei Kilometern biegen wir rechts in die Stadionallee ein, wo es zeitweise auch noch etwas schattig ist, und erreichen ca. 5,5 Kilometer vom Start entfernt die sonnige Schüttelstraße. Unser Weg führt jetzt etwa 4,5 Kilometer am Donaukanal entlang. Hier stehen kaum Zuschauer und die einzige Abwechslung bieten die Durchsagen der Lautsprecher, die in regelmäßigen Abständen stehen, sowie eine Sambagruppe beim Kilometerschild 7.

 
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Über die Schwedenbrücke erreichen wir die andere Kanalseite, biegen in den Stubenring ein, kommen an der im Jugendstil gehaltenen Österreichischen Postsparkasse und verschiedenen Ministerien vorbei und erreichen den Verpflegungsstand bei Kilometer zehn. Neben einem Verpflegungstisch knie ich mich nieder, um die Szene zu fotografieren. Das hätte ich nicht tun sollen, denn nach zwei Fotos knallt ein fast voller Wasserbecher, den eine Läuferin einfach unachtsam auf die Seite wirft, auf meine Casio, die darauf hin ihren Dienst quittiert. Ich stehe 3-4 Minuten herum und versuche meine Kamera zu reanimieren – aber ohne Erfolg. Zum Glück habe ich noch meine Olympus dabei. Ich krame sie heraus, mache auf den nächsten Kilometern aber weniger Fotos, weil ich nun doch ein wenig geknickt bin, weil ich mich mit der Olympus nicht richtig auskenne und auf dem Display kaum etwas erkennen kann. Kurz darauf ruft mir Achim vom Skiclub Flieden aus der Zuschauermenge zu. Er kann heute nicht mitlaufen, weil er sich vor zwei Wochen beim Dead Sea Marathon in Jordanien so dicke Blasen geholt hat, dass er noch heute in keine Schuhe passt.

Informationen: Vienna City Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

Wir laufen am Stadtpark vorbei und kommen zur Staatsoper, wo wir links in die Operngasse einbiegen, kurz darauf an der Secession mit dem golden „Krautkopf“ und gleich darauf am Naschmarkt vorbeikommen. Der weitere Weg führt uns auf der Linken Wienzeile bis zum Schloss Schönbrunn bei Kilometer 16. Auf dem Weg dorthin sprechen mich ein Läufer aus Mannheim und ein Läufer aus Freiburg an, die an meiner Laufshirt-Aufschrift sehen, dass ich aus Karlsruhe komme. Marianne erzählt mir später, dass sie sogar einige Karlsruher unterwegs getroffen hat. Kein Wunder. Denn von den über 100 Nationen, die an diesem Lauf teilnehmen, stellen die Deutschen nach den Österreichern die meisten Teilnehmer.

Auf der Höhe von Schloss Schönbrunn schaue ich die ganze Zeit vergeblich nach links, um einen Blick auf das Schloss zu erhaschen. Nur im richtigen Moment, in dem ich das Schloss hätte sehen und fotografieren können, schaue ich nach rechts, wo wir jetzt in die Schloßallee einbiegen und am Technischen Museum vorbeikommen. Schade! Ich wünschte, die wichtigen Sehenswürdigkeiten wären besser auf dem Streckenplan gekennzeichnet.

Wir laufen der Mariahilfer Straße mit ihren Geschäften entlang, wo ich Werner treffe, der mir mitteilt, dass er seinen Lauf nach der Hälfte beenden wird, weil er mit einer leichten Erkältung zu kämpfen hat. Hier geht es die ganze Zeit leicht bergab und wir können nochmal richtig Gas geben. Beim Kunsthistorischen Museum wird der Läuferstrom in Halbmarathonis und Marathonis getrennt. Ich sehe die Hofburg und wir biegen in den Burgring ein. Hier haben die 21,1-km-Läufer ihr Ziel fast erreicht und dürfen auf den Heldenplatz abbiegen. Aber für die Marathon- und die Staffelläufer geht’s weiter, vorbei an Naturhistorischem Museum, Parlament, Burgtheater und Rathaus bis zum Schottentor, wo man im Hintergrund die Votivkirche stehen sieht.

Irgendwo sehe ich hier eine Temperaturanzeige, die bereits 20 Grad anzeigt, und sofort versuche ich wieder im Schatten der Häuser zu laufen. Zum Glück gibt es auch ausreichend viele Verpflegungsstellen, die ich alle ansteuere, um meinen Kopf zur Kühlung mit Wasser zu überschütten. Wir biegen in die Liechtensteinstraße ein, kommen bei einem urigen Gebäude eines Pferdemetzgers, dem Liechtenstein Museum und einem Bahnhof vorbei und überqueren auf der Friedensbrücke wieder den Donaukanal. Ein Stück entfernt ragt der Turm des Fernwärmekraftwerks Spittelau in die Höhe. Über die Obere und die Untere Donaustraße kommen wir wieder zur Schüttelstraße, auf der wir vorhin in die andere Richtung gelaufen sind. Auf dem Weg dorthin sehen wir auf der anderen Seite des Kanals die Roßauer Kaserne und nochmal die Votivkirche.

Ab Kilometer 27 haben wir Gegenverkehr. Wir begegnen Spitzenläufern, die nun schon über 38 Kilometer in den Beinen haben und uns ca. elf km voraus sind. Hier sehe ich auch die heute führende Österreicherin. Ich laufe weiter und biege bei Kilometer 29 wieder in den schattigen Park ab. Unser Weg führt uns zum ersten Wendepunkt beim Ernst-Happel-Stadion, dem mit 50.865 Plätzen größten Fußballstadions Österreichs. Hier, wo am 29. Juni diesen Jahres das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft stattfinden wird, trifft man sonst die Kicker vom SK Rapid Wien, die heute Nachmittag zusammen mit über 30.000 Fans auf dem Rathausplatz ihren Meistertitel feiern werden.

Wir biegen auf die Hauptallee ein und laufen, durch Kastanienbäume einigermaßen vor der Sonne geschützt, zum zwei Kilometer entfernten Lusthaus, wo sich der nächste Wendepunkt mit Kontroll-Messmatte befindet. Sowohl auf dem Hin-, als auch auf den Rückweg, vertreibe ich die Zeit damit, dass ich die mir entgegenkommenden Läufen nach bekannten Gesichtern abscanne und dabei auch Bernhard begegne, der aber schon den Tunnelblick hat und mich nicht sieht. Dabei lausche ich der fetzigen Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, welche entlang dieser Kastanienallee aufgebaut sind. Kurz nach Kilometer 34 brüllen Van Halen ihr „Jump“ aus den Lautsprecherboxen, was mir zwar neuen Schwung gibt, aber aufgrund meiner schon müden Beine bei mir zu einem laschen „Schleich“ mutiert.

Ich komme wieder zur Kreuzung Hauptallee / Stadionallee und schaue nochmal Richtung Stadion, wo die Läufer auf mich zulaufen, die über vier Kilometer hinter mir sind. Dann kommt mir Marianne entgegen. Sie ist gut drauf und genießt sichtlich den Lauf. Einen Kilometer weiter komme ich wieder – heute zum dritten Mal – auf die Schüttelstraße und passiere das Wiener Ortsschild. Aus den Lautsprecherdurchsagen erfahre ich, dass heute Abel Kirui mit 2:07:38 einen neuen Streckenrekord aufgestellt hat und für den Sieg und den Streckenrekord zusammen 30.000 Euro Prämie erhält 

 
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Ich laufe weiter und denke an meine Laufkollegen vom SV Hohenwettersbach. Marco, mit dem ich vor drei Wochen den Deutsche Weinstraße Marathon gelaufen bin, rennt jetzt gerade die Strecke des Hamburg Marathon ab und Angelika und Enrico sowie mehrere Läuferinnen vom SC Wettersbach, mit dem wir auch öfter unterwegs sind, laufen heute den Oberelbe Marathon. Ich erreiche das Kilometerschild 37, neben dem „Achtung Radarkontrolle“ steht, und instinktiv drossle ich das Tempo. Hier überholt mich Armin, der auf 3:59 Kurs ist. Ich beschleunige wieder etwas und versuche mitzuhalten, aber entscheide mich dann, meinen Ehrgeiz heute schlummern zu lassen und weiterhin gemütliches Sightseeing zu betreiben.

Wir überqueren den Donaukanal und kommen über den Radetzkyplatz wieder auf den Stubenring. Bei klassischer Musik laufen wir erneut am Stadtpark und dann am Schwarzenberg Denkmal vorbei. Auf einem Verpflegungsstand greife ich mir einen Becher Cola. Bisher habe ich nur Wasser getrunken und einmal das Isogetränk probiert, das mir aber nicht so gut bekommen ist. Ich befinde mich auf dem letzten Kilometer. Die Zuschauermenge steigt jetzt umgekehrt proportional mit der Entfernung zum Ziel.

 
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Als ich zum Burgtor abbiege, winkt mir Christoph aus der Zuschauermenge zu. Ich komme auf den Heldenplatz, der zur Feier des Tages extra mit Rasen belegt wurde. Anstatt jetzt noch mit einem Spurt die letzten Sekunden herauszuholen, bleibe ich einfach vor dieser historischen Kulisse stehen und genieße einen Moment lang die Sinfonie aus Zuschauerjubel, Lautsprecherdurchsagen, Geklatsche und vorbeitrampelnden Läufern. Dann reiße ich die Arme hoch und renne durchs Ziel. Herrlich! Wie im Prospekt angekündigt war dieser Lauf wirklich ein „Museumsbesuch in kurzen Hosen“.

Ich lasse mir meine Medaille um den Hals hängen, die in diesem Jahr mit Swarovski-Steinen besetzt ist, und beschließe, gleich hier beim Ziel auf Marianne zu warten. Sie kommt etwa eine halbe Stunde nach mir an. Leider übersehe ich sie und bleibe deshalb hier sitzen, bis der Besenwagen kommt, was auch einmal eine interessante Erfahrung ist. Am Ausgang der Hofburg bekomme ich eine Tragetasche mit Powerade, Mineralwasser, Apfel, Banane, Müsliriegel und anderen gute Dingen. Gerne würde ich mich jetzt noch ein wenig zu den anderen Läufern ins Gras setzen, aber aufgrund der fortgeschrittenen Zeit mache ich mich, ohne vorher die Duschen zu testen, auf den Weg zum gelegenen Hotel, wo Marianne schon auf mich wartet.

 


 

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