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Laufberichte

Mit der letzten Luft

 

Meinen letzten Leipziger Wintermarathon habe ich noch in guter Erinnerung. Wir haben uns 2012 zu einem gemeinsamen Läufchen innerhalb der M4Y-Redaktion dort getroffen und es hat mir sehr viel Spass bereitet, zusammen mit Daniel Steiner und Klaus Sobirey die Strecke zu meistern. Daniel hat seinerzeit dort seinen 100. Marathon vollendet und das ganze danach bei Kuchen und Sekt gefeiert.

2017 schaut es ein wenig anders aus. Henny ist die treibende Kraft und ich soll mich doch bitteschön zurücknehmen. Fehlt nur noch der dritte Mann oder die dritte Frau. Da trifft es sich gut, dass Sabine Schneider (viele kennen die laufverrückte Westerwälderin) ebenfalls auf der Suche ist, den drei Leute brauchst du, um als Team mitlaufen zu können. Mit Egoisten oder Einzelkämpfern hast du keine Chance, aktiv mitzumachen. Denn nur gemeinsam wirst du als Team gewertet. Und irgendwie habe ich in Erinnerung, dass man gemeinsam und nicht einsam durchs Ziel laufen muss.  Es gibt eine Teambörse und  wenn in einem Team einer erkrankt, dann stellt der Veranstalter einen Ersatzmann.

Gewertet wird dann in der Männer-, Frauen- oder Mixedklasse. Und da wird noch unterschieden in die älteren Läufer (mit einem Gesamtalter von über 150 Lebensjahren) und dem Nachwuchs (unter 90 Jahre). Gerade bei letzterem kommt mir ein Schmunzeln aus.

Leipzig ist mit dem ÖPNV hervorragend zu erreichen. Man ist auch nur ein wenig länger unterwegs als mit dem Auto. Und stressfreier ist es auch mit dem Zug. Um in unsere Unterkunft zu kommen, müssen wir lediglich eine Station mit der Tram fahren und zum Wettkampfort sind es lediglich ein paar Minuten mehr mit der Straßenbahn.

Am nächsten Morgen sehen wir am Frühstückstisch einen einzelnen, mit einer Laufhose bekleideten Mann unseres Alters. Henny spricht ihn an und siehe da, der Thomas Marthaler aus Zürich hat sich in der Teambörse eingetragen und bildet mit Roland Blumensaat und Anton Luber ein Team. Die beiden kennt er nicht, dafür wir umso besser, und schon ist das Eis gebrochen. Die Zeit beim Frühstück vergeht und wir müssen uns auf die Reise zum Clara-Zetkin-Park machen. Dort findet seit mittlerweile sieben Jahren der Wintermarathon statt.

 

 
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Vor fast 40 Jahren gründete Roland Winkler in Berlin diesen Mannschaftslauf, ausgetragen wurde die Veranstaltung im Plänterwald. Die Absicht, die auch heute noch gilt, sowohl für die schnellen Hirsche und die langsamen Radiergummis: Der Leichtathlet und Läufer wird im Winter gemacht. Denn wenn du im Frühjahr einen Marathon angreifen willst, braucht es im Winter viele lange, manchmal auch einsame Läufe. Und gemeinsam lassen sich die langen Einheiten leichter absolvieren.

Was in Berlin nach 31 Jahren endete, ging in Folge dann in Leipzig weiter. Der  Winter! Marathon war geboren. Die familiäre Atmosphäre, die Lust am gemeinsamen Laufen und der Spaß waren auch hier in der Mitte Deutschlands zu finden. Die LG eXa e.V. erwies sich als würdiger Nachfolger von Rolands Truppe.

Was die Macher der LG eXa Ronald Speer, Matthias Lappe und Alexander Probst da organisieren, ist erste Sahne. Frühstück für hungrige Läufer (gegen eine kleine Spende), Sauna und Massage nach dem Lauf, Medaille, Urkunde, an alles ist gedacht. Gelaufen wird auf einer flachen fünf Kilometer langen Runde und als Zugabe (2,195 Kilometer) geht auf eine kleine Zusatzschleife.

Viele alte Bekannte sind zu ihrem ersten LongJog des Jahres angereist. Im Gesundheitszentrum des BSV AOK können wir unsere Unterlagen abholen. Die Starttasche ist nicht nur mit drei Startnummern und drei Zeitmesschips, sondern auch mit jeder Menge Gel, Traubenzucker und was weiß ich denn noch gefüllt. Das nicht benötigte Gepäck kann unter Bewachung gelagert werden.

Punkt 11.00 Uhr ist der Start vorgesehen, die vielen Teams scharren schon mit den Hufen. Mit ein paar Minuten Verspätung laufen wir durch den Startbogen. Um nicht zu schnell zu beginnen, ist unsere Taktik, die Meute vor uns her zu treiben, sicher nicht verkehrt. Die Sonne strahlt vom makellos blauen Himmel, nur ein wenig kalt ist es, ich schätze, ein paar Grad unter Null. Zuhause zeigte die Thermometersäule in den letzten Tagen die Minusgrade zweistellig an. Davon sind wir hier weit entfernt.

Nach ein paar Metern biegen wir am Sportheim der AOK auf den Rad- und Fußweg der Anton-Bruckner-Allee ein. Der Untergrund ist schneebedeckt, doch gut griffig. Trailschuhe oder Laufschuhe mit einem ordentlichen Profil sind ausreichend. Die LG eXa hat uns sogar zwei Tage vor unserem Läufchen noch einen
Streckenzustandsbericht gemailt. Sie haben geräumt und an einigen Stellen auch versucht, glatte Stellen abzustumpfen.

Wir überqueren nun zum ersten Mal das Elsterflutbett auf der Sachsenbrücke, die den östlichen und westlichen Teil des Clara-Zetkin-Parks verbindet. Sie ist nur für Fußgänger und Radfahrer freigegeben. Heute ist das Kulturdenkmal Treffpunkt vieler Leipziger und im Sommer sieht man hier viele Musiker und Künstler. Am Ende der Allee laufen wir um einen kleinen ovalen Teich.

Den ersten Kilometer haben wir auf der Karl-Tauchnitz-Straße geschafft. Diese Straße ist zwar nicht gesperrt, doch auf dem Rad- und Gehweg haben wir genug Platz. Die Warnung vor Eisglätte der beiden Posten scheint ein wenig übertrieben zu sein, der Boden ist weiterhin schneeweiß und griffig. Doch nach einigen Metern sollte man links oder rechts laufen, denn die Mitte des Weges wird tatsächlich eisglatt.

 

 
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Bei einer Litfaßsäule biegen wir abermals rechts ab in den Rennbahnweg. Wir nähern uns im prallen Sonnenlicht der Galopprennbahn Scheibenholz, die im Jahr 1867 errichtet wurde. Fast wäre die Bahn Geschichte, denn 2004 wurde der Rennbetrieb eingestellt. Doch ein neuer Verein, der Leipziger Reit- und Rennverein Scheibenholz, machte weiter mit den Pferderennen. Das Konjunkturpaket II half mit einer finanziellen Spritze, damit das Tribünengebäude renoviert werden konnte. Vor dem Gebäude mit den zwei auffallenden Türmen wird Kilometer zwei angezeigt.

Kurz vor dem Rennbahnsteg, auf dem es wieder über das Elsterflutbett geht, hat sich ein Musiker breitgemacht. Mit Verstärker, Mikrophon, Stöcken und einigen Musikinstrumenten unterhält uns der Wolfgang an dieser Stelle. Der IT-Professor ist von Anfang an beim Winter! Marathon dabei und gehört längst zum Inventar. Hoffentlich hat er gut isolierte Stiefel an..

Jenseits des Gewässers ist der Blick auf die Rennbahn nicht minder schön. Ein längeres Stück laufen wir auf der Dammkrone. Diese verlassen wir auf Höhe des dritten Kilometer. Nun folgt im Wald ein kurzes, fast crossartiges Stück. Holzarbeiten haben den Weg auf 200, 300 Meter ein wenig rustikal gemacht. Das vierte Kilometerschild steht in einer längeren Gerade im Waldstück Nonne.

Auf dem letzten Kilometer der ersten Runde können wir schon den Moderator hören. Wir müssen das Gelände des BSV fast noch zur Gänze umrunden, dann laufen wir die letzten Meter auf Kopfsteinpflaster zum Zielbogen hin. Die erste Runde ist geschafft. Gut 35 Minuten unterwegs, passt.

Wir sind in der zweiten Runde, da kommen auf Höhe der Rennbahn die schnellen Pferde mit der Startnummer 1: Warum sich André Fischer, Oliver Tesch und Tobias Henkel als Team „Stirb langsam – Jetzt erst recht“ gegeben haben, kann ich nur mutmaßen. Auf alle Fälle sind die alles andere als langsam unterwegs, denn sie haben jetzt bereits die Führung inne und werden diese wohl auch nicht mehr abgeben. Bei den zwei Verfolgerteams „BMW-DHfK Leipzig“ und „Drei Haxen für Kenia“ ist noch alles offen. Es ist für mich als Fotograf toll, dass ich die schnellen Teams auch vor die Linse kriege.

Nach einer guten Stunde kommt das erste gemischte Team von hinten: „03/15“ in Besetzung Sören Schramm, Adrian Wenzel und Anne Richter sind in Richtung 3.30 Minuten unterwegs. Nach 1.11 Stunden Laufzeit bleiben wir an der Versorgungsstelle stehen. Wasser, Tee, heiße Zitrone, Pfefferkuchen, Zopf, Salzbrezels, Cracker, Schokolade  sind im Angebot. Wir greifen ausgiebig zu.

Meine Erinnerung an 2012: Immer wieder Regen, Graupelschauer und Schnee, Wind aus allen Richtungen und Dreck und Wasser von unten. Nein, die Bedingungen waren damals nicht gut. Heute ist alles perfekt. Die ersten Vögel pfeifen schon Frühlingslieder im Sonnenlicht, die auf dunkler Laufkleidung bereits etwas wärmt. Immer wieder sehen wir unseren Herrn Chefredakteur an der Strecke.  Zuschauer sind nur wenige zu sehen, Spaziergänger schon mehr.

Wir sind in der dritten Runde, da kommt das erste Frauenteam von hinten. Katja von der Burg, Judith Havers und Nicole Keßler nennen sich die „Die TARtrinetten – Vol. 2“ und verbreiten echt gute Laune. Wir duellieren uns derzeit mit dem „Team Hanka“, Stefan Bircher, Thomas Hanka und einem Läufer aus Indien. Auffallend sind die in ihrer Kleidung: rosa Oberteil, orange Hose. Sehr sympathisch sind sie. Sie gehen auch, wo man eigentlich laufen könnte und macht darüber Witze. Zum Beispiel sei Anlaufen nicht erlaubt, wenn die Strecke um zwei Promille ansteigt oder nach der Biergenuss bei der V-Stelle.

 

 
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Nach knapp 2,5 Stunden beenden wir die vierte Runde. Sub 5, unsere unverbindliche Zielvorgabe, hat sich davongeschlichen, Sabine, unsere Dritte auch. Ihr ist kalt, sie liegt vor uns. Egal, wir sind auf einem langen Trainingslauf. 30 Minuten schneller oder langsamer spielt keine Rolle.

Nach gut drei Stunden werde ich Zeuge, wie die dritte Mannschaft ins Ziel kommt. Die „Drei Haxen für Kenia“ haben ihre Beine für den Bronzeplatz geschunden. Erschöpft lassen sie sich die Medaillen umhängen. Wir gehen in die sechste Runde. Uns begleitet ein Seniorenläufer, mindestens M70, bekannt wie ein bunter Hund, denn viele Spaziergänger und Jogger grüßen ihn. Es ist Steffen Gottert , DDR-Meister 1969. Er erzählt uns von früheren Zeiten, als er in seiner aktiven Zeit im Marathon 2.22 Stunden gelaufen ist. Und dann zeigt er uns noch in der Karl-Tauschnitz-Straße ein sanierungsbedürftiges Gebäude, das vor der Wende der Regierung gehörte. In den 70er Jahren logierte hier unser Ministerpräsident Franz-Josef Strauß, der Milliardenkredit für die DDR eingefädelt hat.

Meine Henny ist ruhig geworden, das kenne ich eigentlich nicht so von ihr. Ich möchte fast sagen, sie leidet. Sind wir zu schnell angegangen oder kostet der rutschige Untergrund doch mehr Kraft? Da kommt Wolfgang mit dem Song „I can help“ von Billy Swan gerade recht. Trotzdem, am Ende der Runde kommt von ihr ein ungewohntes „wollen wir aufgeben?“ „Ihr braucht noch eine Stunde“, meint der Moderator. Sehr sportlich für die zwölf Restkilometer. „Wir haben dreißig Kilometer hinter uns und die zwölf packen wir auch noch“, ist meine Antwort.  Tatsächlich verläuft die siebte Runde wieder flüssiger. Zumindest brauchen wir keine Gehpause.

 

 
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„Wo ist denn der Zielbogen?“ ruft Henny in Richtung Helfer und bekommt gar nicht mit, dass sie diesen wegen einem Stromausfall auf die Seite schaffen mussten. Runde acht, die letzte lange. Ich versuche, Henny zu motivieren und mir gleichzeitig einen weiteren Plan zurechtzimmern. Was ist, wenn wir das Zeitlimit überschreiten? Heißt das kurz und knapp „her mit der Startnummer und den Chip“, oder lässt man uns noch gewähren? Ich weiß nicht mal, was die Sollzeit ist. Wenn wir herausgenommen werden, wie wird Henny reagieren? Bleibt sie heulend stehen oder läuft sie mit mir trotzdem weiter? .

Runde acht endet, die Helfer schauen fragend. „Noch die kurze Schleife“, kläre ich auf. „Ok, wir warten auf Euch“, antworten sie freundlich. Danke. Erst vorhin habe Henny das noch fehlende 2,195 Kilometer lange Stück erklärt. Mittlerweile ist die Sonne am Untergehen, der nasse Boden zieht an und wird überall glatt. Der Wendepunkt der Anton-Bruckner-Allee ist verwaist. Die Wendemarke können wir noch an der Farbmarkierung erkennen. Zurück und am Parkplatz müssen wir geradeaus wieder in den Nonnewald, wo es nach kurzem Wegstück auf die letzte Umrundung des Sportheims geht.

Und dann strahlt meine Henny, als wir uns dem Ziel im Dämmerlicht nähern. Die Helfer machen für uns die letzte La-Ola-Welle des Tages. Schön, dass ihr gewartet habt. Wir kommen wieder. Das ist ein Versprechen, keine Drohung.

 

 

Ergebnisse:
 

Männer:

1. Stirb langsam – Jetzt erst recht,
André Fischer, Oliver Tesch, Tobias Henkel, 2.54.39
2. BMW-DHfK Leipzig,
Maik Willbrandt, Christoph Latzko-Fünfstück, Robert Klein, 3.03.05
3. Drei Haxen für Kenia,
Martin Schumann, Roberto Schumann, Peter Schumann, 3.09.09

 

Mixed:

1. 03/15,
Sören Schramm, Anne Richter, Adrian Wenzel, 3.29.06
2. Läuferbund Schwarzenberg,
Dirk Uhlig, Heiko Bartsch, Constanze Quenzel, 3.36.33
3. Die Schlammspringer,
Manfred Thomas, Mario Marsch, Antje Müller, 3.45.40

 

Frauen:

1. Die TARtrinetten - Vol. 2,
Katja von der Burg, Judith Havers, Nicole Keßler, 3.43.59
2. Halberstädter Würstchen,
Irmgard Eggert, Cornelia Klockau, Nadine Pohl, 4.18.55
3. Run4Fun Berlin,
Gabriele Noichl, Sonja Eigenbrod, Nicole Sasse, 4.39.18

 

Informationen: Leipziger Wintermarathon
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