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Laufberichte

Ein Flecken im Sauerland

 

Fleckenberg ist ein kleines Fleckchen, das aus Oberfleckenberg und Niederfleckenberg zusammengefleckt ist. Finden kann man es, indem man von Olpe nach rechts fährt. Der Ort  liegt am Fuße des Rothaargebirges. Es gibt Spitzenwitze über Rothaarige, der Name bezieht sich aber auf das gerodete Haardt (Bergwald).

Auf dem Fußweg zur gut ausgeschilderten Startnummernausgabe fallen mir die schwarz-weißen Fachwerkhäuser auf, an deren Haustüren sich besondere Namensschilder befinden: Da wohnt eine Familie Bräutigam, die vormals Schäfers hieß, aber Spiekes genannt wurde. Der Schäfers heiratete die Maria Hennecke, die im Speicher (Spieker) wohnte, also ergab sich der Name „Schäfers  genannt Spiekes“. Auffallend bei den verschiedenen Namensschildern ist allerdings, daß es wohl mehrere Damen gab, die auf einem Speicher übernachteten.
Interessant auch die Namensgebung der Familie Wiese, deren Haus auf der Wiese an der Lenne stand. Bei Hochwasser wurde dieses Haus zur Insel, weshalb die Familie Wiese nun Insels genannt wurde.

 

 
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Sogenannte Genanntnamen lösten die im Mittelalter entstandenen Familiennamen ab. Laut BGB muss der Genanntname samt Ursprungsname in behördlichen Schreiben erwähnt werden. In der Praxis setzen sich aber die Genanntnamen durch, oder es bildeten sich Doppelnamen: Spieker-Insels, oder aus dem „genannt“ enstand ein „von“, also „Spiekes von der Insel“.

Der namensgebende Hauptsponsor des Marathons, die Firma Falke, hat ihren Namen vom  Dachdecker Franz Falke, der sich wohl Falken gleich auf undichte Dächer stürzte. Er  gründete 1895 eine Strickerei in der Strumpfstadt Schmallenberg, in das Fleckenberg eingemeindet wurde. Und weil in den Wintermonaten Strümpfe auf mehr Nachfrage stoßen, als neue Dächer, verband sein Sohn den Winter und die Dächer, indem er Schirme herstellte.

 

 
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Seit 2005 bietet FALKE funktionelle Sportkleidung an. Als Sponsorengabe gibt es ein angenehmes Laufunterhemd aus Strechbaumwolle im Wert von 45 Euro, das Startgeld für den Marathon beträgt 32 Euro, da lohnt es sich natürlich auch mal den Halben (24 Euro) zu laufen. Damen bekommen ein weißes Shirt, es ist ja Regen angesagt.

Ein weiterer Hauptsponsor ist die Brauererei Veltins, die 1824 im Nachbarort Grevenstein gegründet wurde. Während Deutschlands Brauereien in Großkonzernen aufgehen, verteidigt die alleinige Besitzerin, Susanne Veltins mit sauerländischer Gelassenheit ihre Firmenanteile. Veltins sponsort Lauf- und Bikeveranstaltungen mit Fassbrause, auch Sportmolle genannt. Die Fassbrause wird auf der Basis von Wasser und Malz gebraut, ist alkoholfrei (0.5%) und wird mit Früchtekonzentraten versetzt. Diese Getränkeart war in der DDR bekannt, kam aber erst vor sieben Jahren in den Westen, wo man allenfalls das Almdudler kannte.

Der Moderator zählt die Sekunden, ich die Erhebungen des Hügels über uns. Er wird Tittenberg genannt, er war wohl mal unbewaldet. Bin glücklich, als ich sehe, wie die Schnellen kurz vor der erotischen Berglandschaft links abbiegen und hinunter zur Lenne laufen. Da kann ich trotz einiger Anstiege noch gut mithalten.  

 

 
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Fleckenberg profitierte vom 2 Kilometer entfernten Schmallenberg, das Mitglied der Hanse war und seine gesponnenen Wollprodukte bis nach Pommern verkaufte. In dem wunderschönen Fabrikgebäude von Fleckenberg wurde bis 1974 Edelstahlbestecke hergestellt. Die originalen Produktionsanlagen mit den 100jährigen Maschinen sind erhalten geblieben, sehr sehenswert, man muss sich dafür aber voranmelden.

Nach 3,5 Kilometer, im Örtchen Lenne, ist die Träumerei vorbei, es geht einen Zubringerweg hinauf zum Rothaarsteig, er ist mit einem auf dem Rücken liegenden R in schwarz auf gelbem Grund gekennzeichnet. Die Laufstrecke ähnelt erschreckend dem Grundriss des Bodensees, ist aber glücklicherweise nur 42,2 Kilometer lang, dafür aber mit 838 Höhenmeter versehen. Wir sind etwa in Friedrichshafen gestartet, sind nun in Stockach und beginnen den Aufstieg zu den in 500 Meter Höhe gelegenen Lenner Feldern, die bald darauf von dichtem Bergwald abgelöst werden. Die Böhre wird als „Wohnplatz“ tituliert, andere Quellen meinen, es sei ein Wanderparkplatz, jedenfalls ist es ein alter Flurname und bezeichnet eine langgestreckte Erhebung.

Die Stellmecke ist 650 Meter hoch. Im Sauerland gibt es viele Orte mit der Endung „-mecke“. Mecke ist Plattgermanisch und bedeutet „Bach“. Der Wortstamm ist im niederdeutschen „beke“ enthalten. Die Umwandlung von „b“ in „m“ dient der Vereinfachung der Aussprache, ist noch im Spanischen auffallend. Stellbach ist der künstliche Zufluß zu einer Mühle. Der Heidkopf, bei km 11 ist noch ein wenig höher, der Name zeugt von einer keltischen Höhensiedlung.

Im Ort Jagdhaus gibt es eine Biathlonanlage des Olympiastützpunktes, Heimat eines der drei Vereine der Ausrichtergemeinschaft dieses Marathons. Scharf geschoßen wird hier nicht mehr, man benutzt Lasergewehre und schießt auf querstehende Balken, die wie Fernrohre aussehen, in die man einen Euro einwerfen muss. Dazu nutzt man sogenannte Skikes, eine Mischung aus Langlaufskiern und Rollerskates.  Die rollen auch im unebenen Gelände. Es ist dann also ein Cross Biathlon, oder Modern Biathlon, der globalen Erwärmung sei Dank.

Uns erwärmen jetzt die Halbmarathonläufer, die für wenige Meter mit uns gemeinsam sprinten und dadurch Schwung geben.

 

 
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Am großen Hotel applaudieren uns die Gäste, das Hotel nennt sich Jagdhaus Wiese, daraus schließen wir, dass es den Erben der Familie Wiese, genannt Insels gehört.

Trudes Sonnenbank wird in allen Wanderberichten erwähnt, dabei hat die alte Dame wohl nur eine Ruhebank gespendet. Das Wandergebiet dagegen ist nicht alt, deshalb gibt es kaum seriöse Ortsbezeichnungen. Waldarbeiter und Köhler hatten anderes zu tun, als sich Gedanken über Namensgebung in ihrer düsteren Welt zu machen. Das änderte sich 1878, als die erste Schankkonzession für Jagdhaus vergeben wurde, da wurde in einer Bierlaune eine Wegekreuzung auch mal Potsdamer Platz genannt und ein kleines Rinnsal wurde zum Weinkännchen. Die Touristen freute es, denn wer konnte es sich schon leisten, zum Potsdamer Platz zu reisen.

Von einem Nebenweg kommen Walker auf die Strecke. Ich habe verdammte Mühe, die zu überholen, die sind schnell! „Joe ich habe dein Buch gelesen, ich komme gerade aus der Reha!“ Fuck! Es gibt Walker, die mich kennen! Tatsächlich überhole ich drei alte Laufkumpels, die nun walken, die mich aber an der nächsten Steigung wieder einholen. Ich danke der Orga, daß sich unsere Strecken alsbald teilen.

Von der Millionenbank kann man vielleicht Millionen Bäume sehen, oder ein Bürger spendete die Bank wegen eines Lottogewinns.  So wird Einfallslosigkeit schon mal zum lustigen Einfallsreichtum.

Man muss sich hier oben auch keine Gedanken machen, der Weg ist leicht, und mindestens alle fünf Kilometer gibt es eine Verpflegungsstation. Das ist viel, wenn man gerade von einem Lauf aus dem Hohen Atlas kommt, bei dem man sich von Bachwasser ernähren musste. Die Ernährung beim Rothaarsteig-Marathon ist bedeutend besser: Äpfel, Bananen, Müsliriegel. Tee und Wasser sind luschenmäßig angewärmt, Cola und Biersorten glücklicherweise kalt. Die Helfer behaupten, die langsamen Läufer würden das gute Veltins wegtrinken, ich schließe aber aus der guten Laune der Helfer, daß es eher umgekehrt ist.

Der Rothaarsteig- Hauptweg führt über die Berge, es gibt aber noch den parallel verlaufenden Talweg, Hochsauerlandvariante genannt. Wir laufen auf dem Grenzweg zwischen NRW und Hessen, immer noch Sprach- und Religionsgrenze. Die Sprachgrenze ist lustig: Laufen- löfe- läopen. Sau- Mucke- Suge. Kater-Korra-Kattenramm

Das Sauerland ist katholisch, das frühere Wittgenstein protestantisch.  Der älteste Grenzstein, der Magarethenstein, stammt aus dem Jahr 1692. Die hl. Magaretha sollte in Öl gebraten werden, überlebte aber. Daraus entstand die Legende, daß sie mit einem Kreuzzeichen einen Drachen abgewehrt hat. Der Drache steht immer für die vorchristlichen Religionen.

Höchster Punkt unserer Laufstrecke ist der Große Kopf (742 m, km 23), dann geht es vorbei an der Hängebrücke, nicht erwähnenswert, aber es gibt keine andere Ortsbeschreibung. In Kühhude grüßt eine gemütliche Gaststätte, sie wurde vor 300 Jahren von Kanonisten, also katholischen Kirchenjuristen gebaut. Das ist erstaunlich, denn sie wurden hier von den protestantischen Herrschern von Wittgenstein angesiedelt. Interessant auch hier der Wechsel des Familiennamens „Lauber“ ( Katholisch-Böhmen) in „Althaus“. Harald Althaus hat seinen Gasthof täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Bei km 28 verlassen wir den Roothaarsteig, schließlich müssen wir ja zurück nach Fleckenberg. Nächster „Ort“ ist Schanze, er kündigt sich mit Hinweisschild auf Skipiste und – lift an. An der Skihütte ist die nächste Verpflegungsstation. Der Skiverein ist Mitausrichter des Marathons. Die letzte Wintersaison war mit 4 bis 5 Schneewochenenden ok, jetzt hat man zwei Schneekanonen. Der Aufwand lohnt sich, wie man mir sagt.  Der Raum des Skiverleihes sei noch nicht aufgeräumt, es ist ja noch keine Saison. Ich habe das Skifahren eingestellt - zu teuer und zu riskant für einen Läufer.

 

 
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Die letzten 11 Kilometer geht es nur noch bergab. Zeit kann ich hier kaum gutmachen, das liegt wohl am rauen Klima. Der Ort Latrop gefällt mir, die kleine Mühle am Flüßchen Latrop ist wunderschön, eine Familie feiert hier ihre Großeltern, die auf einer Bank vor der Mühle für ein Foto posieren. Deren private Fotorechte gehen vor, ich fotografiere lieber unsere Laufstrecke entlang der Latrop, die in Fleckenberg in die Lenne mündet.

Der Weg entlang der Latrop ist wunderschön, vom Stadion hört man den Moderator: „Und da kommt wieder ein Walker mit einer Spitzenzeit, und da kommt wieder ein Halbmarathonläufer mit einer Superzeit, und dieser Walker hier ist eine unglaubliche Zeit erwandert!“

Als ich am Transponder vorbeilaufe, der ihm meinen Name übermittelt, da brüllt er ins Mikrofon: „Da ist er der Spitzenläufer, Joe Kelbel, er läuft für Marathon4you.de  und  erreicht in einer grandiosen Spitzenzeit das Ziel! Applaus für Joe Kelbel!“

 

Informationen: FALKE Rothaarsteig-Marathon
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