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KOMMENTAR: Goldgräberstimmung infolge des Laufbooms?

29.09.26
Quelle: Klaus Duwe

Der Laufsport boomt wie selten zuvor. Ein Teilnehmer-Rekord jagt den nächsten, Meldelisten sind innerhalb kürzester Zeit ausgebucht, die Begeisterung für den Ausdauersport hat längst alle Gesellschaftsschichten erfasst. Eigentlich eine wunderbare Entwicklung für die Gesundheit und den Gemeinschaftsgeist. Doch wo eine riesige Nachfrage entsteht, lässt das kalkulierte Angebot nicht lange auf sich warten. Die alte Redewendung „Das Geld liegt auf der Straße“ bekommt in Zeiten des aktuellen Laufhypes eine völlig neue, rein materielle Bedeutung. Bestes Beispiel dafür ist ein ambitioniertes Projekt, das im kommenden Jahr im eher beschaulichen Münsterland Premiere feiert.

 

 

In der 25.000-Einwohner-Stadt Lüdinghausen – einer charmanten Kleinstadt, die sportlich und infrastrukturell bisher jedoch kaum als Hochburg für internationale Großereignisse von sich reden machte – soll im April ein Marathon stattfinden. Hinter dem Event steckt der junge, extrem erfolgreiche Social-Media-Star und Ultraläufer Kim Gottwald, der das Projekt angeblich in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung aufzieht. Gottwald hat zweifellos Respekt verdient: Mit extremen Ausdauerleistungen, wie dem epischen Sieg beim heimischen Backyard-Format Last Soul Ultra oder spektakulären Langdistanz-Läufen quer durch Deutschland, hat er sich in kürzester Zeit einen Namen in der Szene gemacht.

 

 

Doch genau an dieser Stelle vermischen sich sportlicher Idealismus und geschäftliches Kalkül auf eine Weise, die einen faden Beigeschmack hinterlässt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Laufveranstaltung vor allem als reichweitenstarkes Vehikel genutzt wird, um Gottwalds eigene, noch junge Sportbekleidungsmarke im Markt zu etablieren. Der Marathon dient hier scheinbar als überdimensionaler Werbespot für die eigene Brand.

Was in der regionalen Laufszene für heftiges Kopfschütteln sorgt, ist die Preisgestaltung für diese Event-Premiere: Satte 109 Euro werden als Einstiegspreis für die Startgebühr aufgerufen – wohlgemerkt für die allererste Stufe einer Ticketstaffelung, die bei späteren Buchungen noch weiter ansteigt.

 

 

109 Euro für einen Newcomer auf dem Veranstaltungsmarkt. Für ein Event, das als klassischer Straßenmarathon noch mit keiner einzigen Ausgabe bewiesen hat, ob die Organisation für die angepeilten 3.000 Läufer reibungslos funktioniert, wie die attraktiv die Strecke und deren Absicherung ist und ob überhaupt die von einem Stadtlauf erwartete Stimmung aufkommt. Wer eine solche Summe verlangt, bewegt sich im preislichen Segment von etablierten City-Marathons wie Hamburg, München oder Hannover, die ganz andere logistischen Aufwände zu bewältigen haben.

Wie absurd dieser Preisaufruf für eine Premiere im ländlichen Raum ist, zeigt der direkte Blick in die Nachbarschaft. Nur rund 30 Kilometer entfernt wird jährlich der Volksbank Münster Marathon ausgetragen, der kürzlich seine erfolgreiche 24. Auflage feierte. Münster ist weit über die regionalen Grenzen hinaus als absolut stimmungsvolles, perfekt organisiertes und zuschauerstarkes Top-Event bekannt. Ein Marathon von Läufern für Läufer. Die Startgebühr dort lag in der ersten Anmeldestufe bei fairen 75 Euro.

 

 

Es herrscht eine spürbare Goldgräberstimmung. Beeindruckende sportliche Leistungen eines jungen Athleten in allen Ehren – aber wenn ein unbeschriebenes Event-Blatt in einer Kleinstadt preislich die etablierte, hochgelobte Konkurrenz der Nachbarstadt um fast 50 Prozent überflügelt, geht es offenbar weniger um die Förderung des lokalen Breitensports. Hier wird der aktuelle Hype genutzt, um eine neue Brand im Premium-Preissegment zu platzieren.

Es bleibt abzuwarten, ob die Läuferinnen und Läufer bereit sind, diese Summen blind im Voraus als Anschubfinanzierung für ein Marken-Marketing zu zahlen – oder ob sie der vermeintlichen Goldgräberstimmung die rote Karte zeigen.

 


 
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