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Laufberichte

Hong Kong Marathon

24.02.13

Anstatt Gas zu geben, machen wir jetzt erst einmal eine kleine Gehpause. Judith ist gerade dabei einzuschlafen und beschreibt das Gefühl so wie bei der Höhenkrankheit: Schwindel, Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit. Der „Hammermann“ zu Wettkampfbeginn ist für sie in ihrem 41. Marathon eine völlig neue Erfahrung. Es muss wohl mit der Zeitumstellung zu tun haben. In Deutschland ist es jetzt 0:30 Uhr; nachts haben wir höchstens vier Stunden geschlafen. Wir gehen es schön langsam an. Der Spaß soll ja im Vordergrund stehen.

Gut, dass jetzt das erste Highlight kommt. Ich würde den Lauf als Eldorado für Hoch- und Tiefbauingenieure bezeichnen. Die erste Brücke kündigt sich an. Wir laufen seit geraumer Zeit bergan und sind jetzt über einem riesigen neuen Containerhafen. Hongkong hat immerhin einen der größten Häfen der Welt. Rechts am Horizont sieht man zwei Pylone der Stonecutters Schrägseilhängebrücke. Es sieht mit der farbigen Läuferschar wirklich fantastisch aus.

Und schon wieder eine Verpflegungsstelle. Uns kommt es so vor, als würden öfter als alle 2,5 km  Wasser, Iso-Getränke, Schwämme und 2-5 stark frequentierte Toiletten geboten. Hier gibt es auch Stimmung und Anfeuerung. Die Verpflegungsstellen sind sehr lang. Iso mit erfrischendem Minzgeschmack gibt es in Plastikbeutelchen. Wahnsinn, was da für Abfall entsteht. Einmal trete ich auf einen noch fast vollen Beutel. Die Läuferin neben mir bekommt dadurch eine klebrige Abkühlung.

Als wir die Brücke erreichen, sind wir 80 Meter über dem Meer. Ich laufe an der linken Leitplanke (mehrere Planken bis 2 Meter Höhe) und kann unten das Wasser sehen. Beeindruckend auch die riesigen Pylone (298 m) zwischen den Fahrbahnen. Letztere sind getrennt, um bei Taifunen (meist im Sommer) nicht zu viel Windangriffsfläche zu bieten.

Nach der Brücke dann der erste Tunnel: Nam Wan, 1,2 km lang, man sieht am Anfang bereits den Ausgang. Vier Fahrspuren, Verpflegungsstelle und erste medizinische Kontrolle im Tunnel. Danach die ersten Doppeldeckerbusse zum Abtransport schwacher Läufer (könnte mir denken, dass einige Hongkonger nur teilnehmen, um hier auch mal zu Fuß unterwegs zu sein, und jetzt langsam schlapp machen. A propos: Judith geht es inzwischen deutlich besser).

Schöne subtropische Vegetation am Rande. „Wildbiesler“ werden ungläubig beäugt und auch gerne fotografiert. Viele Büsche und Bäume blühen in schönsten Farben. Kurze Zeit später Parallelverkehr auf vier Laufwegen. Die ersten Marathonis kommen uns entgegen (wir haben ca.  14 km geschafft, sie sind bereits bei km 18). Ein Straßenschild zeigt einen Mäusekopf mit zwei runden Ohren. Ganz klar: Hier geht es zum Disneyland.

Dann die Tsing Ma Brücke, die längste klassische Hängebrücke mit Eisenbahngleisen in der unteren Etage. Etwas größer als die Golden-Gate-Brücke (aber damit kann sie sich nicht wirklich vergleichen, die Farbe und die Umgebung sind doch in San Francisco noch beeindruckender, aber hier geht der Marathon drüber). Mir fällt auf, dass auf der linken (richtigen) Seite einiges an Autoverkehr vorbeifährt - zum Flughafen, der auf der  künstlich abgetragenen und erweiterten Insel Chek Lap Kok liegt. Vom motorisierten Gegenverkehr jedoch bemerkt man sehr wenig. An manchen Stellen gibt es Lärmschutzwände, an anderen sind Autos nicht erlaubt.

Wie der Kfz-Verkehr vom Flughafen nach Hongkong kommt, zeigt später ein Blick ins Internet: Es gibt im Untergeschoss der Brücke nicht nur zwei Eisenbahngleise, sondern auch zwei Auto-Notfahrspuren, die bei starken Taifunen benutzt werden können – und vermutlich während des Marathons. Der Flughafen hat übrigens auch ein Schiffsterminal, wie in Venedig.

Die schmale Brücke (zwei Spuren hin und zwei zurück) bietet eine gute Möglichkeit, die schon wieder entgegenkommenden Läuferinnen und Läufer vor uns zu begutachten: Es sind nur sehr wenige „Langnasen“ darunter. Die meisten sind Hongkonger. Am Ende der Brücke Wendestelle. Wir sind auf einem kleinen Inselchen mit „einigen“ Wohnhochhäusern. Man bemerkt hier kaum einen Anstieg. Verpflegung gibt’s auch mal wieder.

Ab und zu sieht man auch Haie mitlaufen, das sind entsprechend verkleidete Aktivisten, die gegen den Brauch der Haifischflossensuppe kämpfen. Die ist in China für feierliche Anlässe gebräuchlich, quasi eine Hochzeitssuppe. Das Schlimme daran ist, dass den gefangenen Haien die Flossen abgeschnitten werden und man die Fische danach „lebend“ wieder ins Meer wirft, wo sie schnell verenden. Leider hatten wir auf einer Marktstraße auch schon Haifischflossen gesehen.

Bei km 18 sehe ich links unter uns das km-22-Schild. Also jetzt noch mal zwei plus zwei km über die nächste Brücke. Langweilig? Beim Laufen auf jeden Fall nicht. Es gibt viel zu sehen. Die Ting Kau-Brücke, eine Schrägseilbrücke mit Queraussteifungen wie bei einem Segelschiff, wurde von einem deutschen Ingenieurbüro entworfen. Wieder mit zwei getrennten Fahrbahnhälften und Blick nach unten. Auf der Brücke Wendestelle und Fotoshooting von Judith und mir. Leider läuft mir da so ein Heini ins Bild. Naja, Judith ist fotografiert worden, nun eben zusammen mit einem winkenden Asiaten. Toller Blick nach links auf riesige Trabantenstädte (Tsuen Wan) in den New Territories.

Wir überholen jetzt auch mehrere Sikhs mit Turban und langem Bart. Die hatten uns beim Start abgehängt. Der 102-jährige Fauja Singh ist auch in Hongkong, läuft aber „nur“ die 10 k und will danach seine Karriere beenden. Ich nehme mir vor, mit 102 Jahren noch einen richtigen Marathon zu laufen („Zielsetzung“ nennt das der Motivationstrainer).

Die Sikhs erkennt man ja an Turban, ungeschorenen Haaren, Armreif, Pluderhose und Dolch. Die Herren tragen keine Pluderhosen. Wegen des Dolchs werde ich mich noch erkundigen. Apropos Pluderhosen: Einige Läufer tragen winterliche Kleidung und Handschuhe. Ich würde das Klima eher als sommerlich bezeichnen: 20 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit, was an einigen Stellen schon schwül wirkt, aber wohl nicht als Ausrede für unsere eher bescheidene Leistung herhalten kann.

Km 22 mit der Vierfachbegegnungsstrecke. Wir sehen, dass uns Läufer des Blocks 2 (40 Minuten später gestartet) einholen werden. Peinlich. Andererseits sind ja da auch Erstläufer dabei und die könnten theoretisch unter 2:30 h bleiben....

Judith hat sich nun wieder voll gefangen und macht Dampf.  Wir laufen durch den zweiten Tunnel (Cheung Tsing). 1,6 km, leicht gebogen, aber wieder sehr großzügig mit Verpflegungsstelle bestückt. Bei den medizinischen Kontrollen gibt es jetzt Massagesalbe für die Beine. Riecht  aufdringlich frisch nach Eukalyptus.

Danach eine unspektakuläre Brücke. Rechts wieder der Containerhafen. Links ein Hügel mit chinesischem Friedhof. Es geht in einer Rechtskurve nach unten, dadurch schöner Blick auf die Läuferschar. An der nächsten Verpflegungsstelle treffe ich auf einen japanischen Samurai. Der läuft mit Dolch, äh Schwert. Bekommt richtig Angst, als ich ihm zurufe, dass ich ein unerschrockener Deutscher bin.

Dann Wendepunkt des Halbmarathons. Uns kommen viele Läufer entgegen. Es wird auch bei uns voll, aber ein richtiges Gedränge bleibt aus. Man sieht schon seit einiger Zeit zwei riesige Hochhäuser am Horizont: Das International Commerce Center, das höchste Haus Hongkongs mit 484 m, dort geht es in den Western Harbour Tunnel, einen der drei Straßentunnel unter dem Victoria Harbour. Noch weiter weg: das Central Plaza (374 m), dritthöchstes Haus auf Hongkong Island - dort ist irgendwo das Ziel.

Die versprochenen Bananen gibt es bei km 25, bei km 30 werden sie uns jedoch vorenthalten. Man sieht aber die gefüllten Kisten. Ich freue mich, dass der Himmel heute bedeckt ist. Mit Sonne wäre das unangenehmer. Vor einigen Jahren soll es beim Marathon auch schon mal Smog gegeben haben (am Meer?). Damals verzeichnete man laut Zeitungsberichten viermal mehr Ausfälle. Kurz vor dem Tunnel die ersten Anfeuerungsgruppen auf einer Fußgängerbrücke.

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