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Laufberichte

Voll Dreckisch

 
Autor: Joe Kelbel

In Marokko bin ich mal in Tamessoult, statt in Tameslout angekommen. Mit Mohamad lande ich in Hennef, statt in Honnef.

Mohamad kommt aus Marokko, übers Dreckswetter lacht er, auf dem Bonner Weihnachtsmarkt glitzern seine Augen und vor Beethovens Geburtshaus bleibt er staunend stehen, bedankt sich vielmals dafür, dass ich ihm das Haus von dem  Komponisten ( 1712-73) zeige.

Mohamad Ahansal hat fünfmal den Marathon des Sables gewonnen, sein Bruder Lahcen zehnmal. Beide kommen aus Zagora, Sahara, wo ich ausnahmsweise wieder in der nächste Woche laufen werde.

Ich habe Mohamad vom herrlichen, verschneiten Gebirge hoch über dem Rhein vorgeschwärmt. Von Siegfried dem Drachentöter, den wunderschönen Burgen und Schlössern und von der  herrlichen Sicht bis hin zum Kölner Dom. Wir wollten den Drachenfels besteigen, die Drachenburg anschauen, durchs Nachtigallental spazieren, in Königswinter Schwarzwälder Kirschtorte essen und Andenken kaufen. Und jetzt haben wir so ein normales, mieses Wetter.

Es ist Sonntag, noch dunkel. Sicherlich hat jeder Probleme, sich bei diesem Sauwetter aus dem Bett zu pellen, aber bei der Ankunft in der Aegidienhalle höre ich: „ Gerade haben wir die letzten Startnummern hervorgekramt.“ Auch die Sicherheitsnadeln müssen ergänzt werden. Was ist denn hier los?  Wieso gibt es heute Morgen soviele Nachmeldungen? Jeder will heute ein Dreckspatz sein!

Traditionell wird beim Siebengebirgsmarathon nachgemeldet und umgemeldet, die Orga macht das gerne mit. Mohamad wird direkt am Eingang abgepasst: „Da isser!“ Er muss Autogramme geben. Mir ist Aurore auf den Fersen, sie schreibt für das französische Magazin Zatopek einen Artikel über mich.  

Mohamad und ich warten lieber im Auto. Der Regen trommelt aufs Autodach und der lokale Sender dudelt „Last Christmas…“  was gibt es Schöneres?

Start ist am Gangsportzentrum, dem Trainingsgebiet der Aegidienberger Pferde. Die haben kein Problem mit dem Wetter, sehen lustig aus, mit ihrer dicken, nassen Mähne, die ihnen über die Augen hängt. Man hat den Pferden den fünften Gang beigebracht, das „Tölten“.  Ziel der Züchtung: „Umgänglicher, gelassener Charakter, fein und fleißig, leichtrittiger, taktklarer Tölt mit gutem Ausdruck und gut akzentuierten Bewegungen“. Also alles, was  ich schon längst drauf habe.

Es gab Jahre beim Siebengebirgsmarathon, da hatten wir kein Wort gesprochen, damit uns nicht die Zunge abfror. Heute ist die Stimmung grandios, es wird aufgeregt geplappert. Wir stehen im Schlamm, der pausenlos von einer braunen, stark riechende Flüssigkeit, die von den Pferdeschuppen kommt, aufgesuppt wird. Es ist das Wetter, bei dem man keinen Läufer und keinen Hund vor die Tür schickt.

Hunde sind willkommen, erhalten eine eigene Startnummer. Jedes Jahr laufen hier mehr Marathonhunde, alle äußerst diszipliniert. Halbmarathonläufer sind nicht so, starten deswegen eine Stunde vor uns.

Das Startbanner hat Mastbruch, wie Dieter Bohlen! Kurz vor Start drückt man den Startbogen nach oben und wir können freudig durch den Matsch laufen. Ich sehe das Grinsen beim Wüstensohn, der mit seiner weissen Kaputze dem Wetter trotzen will. Er wiegt die Hälfte von mir, sinkt deswegen nicht so tief ein und ist sogleich weg. Ich hechte hinterher.

Letzte Nacht erzählte ich ihm von der Völkerwanderung, von den Barbaren, die über die Strasse von Gibraltar segelten und seinem Volk, den Berbern, den Namen und blonde Haare gaben, vom Zerfall des römischen Reiches, als es versuchte, das Siebengebirge zu erobern. Ich erzählte, wie Siegfried das Chaos, so wird der Drache interpretiert, befriedet hat. Drachen gab es auch in Afrika, aber hier im Siebengebirge hat Siegfried im Blut der Bestie gebadet, nicht im Matsch.

Es gibt einige Läufer, die wollen heute den Laufuntergrund auflockern. Ein Haudegen, nennen wir ihn mal Pascal, ist eine tiefe Furche im Schlamm gelungen. Ein anderer Haudegen, nennen wir ihn mal Teddy, schleppt einen Riesenbär mit, der sich alsbald  mit 7 kg Regen füllt. Dietmar läuft heute seinen Hundersten -  in diesem Jahr! 5 kommen noch dazu, dann muss er die Scheidung einreichen. Frank wird heute 50, läuft seinen 50ten, Mohamad seinen ersten -  im Siebengebirge. Ich habe heute, hier und heute, vor 7 Jahren meinen ersten Bericht bei M4Y veröffentlicht. Normal ist anders.  

Angie wundert sich, dass ich mit vernünftigen Laufschuhen laufe, ist aber bei dieser Sauerei notwenig. Die kleine Runde durch das Dorf trennt schon diejenigen, die nachher warm duschen wollen, von denen, die die wunderschöne Landschaft des ältesten Naturparkes Deutschlands lieber im Dreck genießen.

Die Engländer haben das Siebengebirge als Reisegebiet entdeckt und darüber Gedichte und Lieder geschrieben. Das war Anfang des 19. Jahrhunderts. Dann kam die Deutsche Rheinromantik auf, mit Bildern und Gedichten. Hermann Heinrich fügt die schlafende, gut ausgestattete  Brünhilde in das Siebengebirge ein. Nicht nur ihre wohlgeformte Nase zählt seitdem zu den sagenhaften sieben Bergen. Etwa 800 Hm, ohne extreme Steigung werden wir heute bewältigen.  

Schon kurz nach  dem Lauf durchs Dorf wird es noch dreckiger, es geht in den Wald. Es läuft gut bei mir, aber ich muss für Fotos anhalten, es ist zu dunkel heute. Die Linse ist immer wieder verschmiert, habe nichts Trockenes mehr, die Kamera fokussiert automatisch lieber Regentropfen als Läufer.  

Regina (Name geändert) legt sich schon bei km 5 hin und versaut sich ihr leuchtendes Laufdress. Als Männer noch Mammuts jagten, hatten Frauen einen Blick für leuchtendes Obst und Beeren entwickelt. Jetzt tragen sie rosa und rot und zeigen ihren Freundinnen: „Guck mal, was ich auf der Marathonmesse gefunden habe!“

Die drei Damen vom TV Urbar bestellen schöne Grüße vom Frank. Urbar liegt nördlich von Koblenz, doch wo liegt Frank, die faule Socke? Beim Parkplatz im Schmelztal ist die erste Verpflegungsstelle. Wenn man vom Rhein kommend nach Aegidienberg kommt, dann sieht man die mittelalterlichen Schlackehalden, die dem Schmelztal den Namen gaben. Jetzt müssen wir die ewig lange Steigung zur Löwenburg (455m) hoch. Zweiter VP und hoch zum Lohrberg ( 432m).

Die Spitzenläufer kommen uns entgegen: Dennis, Tim, Frank und Fabian. Immer wieder gut, wenn man seine Vorläufer sieht, das beeindruckt! Mohamad läuft heute langssam, er ist fürs Training hierhergekommen.

Schnell hinuter zur Magarethenhöhe, ein  Foto vom Sophienhof, wo man sich die Torte an der Theke bestellt, ein kleines buntes Zettelchen erhält und dann hofft, dass es auch die Schwarzwälder sein wird. Es sollte mal zu einem großen Museum ausgebaut werden. Doch am Drachenfels löste sich ein Riesenfels, polterte ins Tal. Die Sicherung der Weinberge verschlang 100.000 Euro. Kein Geld mehr für mein Lieblingsforsthaus.

Der Drachenfels wurde mal durch eine Lotterie gerettet. Damals war es die preussische Rheinprovinz und der Kaiser höchstpersönlich stand hinter der Lotterie, deren Hauptgewinn ein Silberbarren war. Schade, der Drachenfels und Schloß Drachenburg bleiben heute im Nebel verborgen.

An der Margarethenhöhe begann ein Bittweg hinauf zum Petersberg, damals, zur Zeit des Ablasshandels. Die Grundmauern der Kapelle auf dem Petersberg sind noch deutlich sichtbar.
Hier steht ein Kreuz (1641), es zeigt die Heilige Magaretha, die von einem Drachen bedroht wird.

Bevor das Land christlich wurde, befanden sich germanische Kultstätten auf den Gipfeln der sieben Berge. Was da oben wohnte, konnte also nur ein Monster sein. Die Sage erzählt, wie der Drache vom Drachenfels die anderen Drachen auffraß. Siegfried brauchte also nur noch den einen Drachen, den am Drachenfels, besiegen und konnte dann in der Höhle des Alberichs den Schatz verbergen.

Anders als im Nibelungenlied, ging Siegfried in der Sage vom Siebengebirge bei Alberich zur Lehre als Metallschmelzer. Die Sage erzählt von Gold und Mädchen, die geopfert wurden. Doch weder Germanen noch Kelten brachten Menschenopfer dar. Römer und frühe Christen haben das Gerücht verbreitet.

Es geht einmal um die Löwenburg herum. Der Berg ist nach der Burg benannt, die im 16. Jahrh. zerstört wurde. Wir kommen wieder an die Verpflegungsstation unterhalb des Löwenburger Hofes vorbei. Der Hof sollte der Stall und Wirtschaftshof der Burg werden, doch  die Löwenburg war nie bewohnt. Es sollte die Burg vom Roland werden, doch der wurde beim Kreuzzug vermisst, weswegen sein Mädchen ins Kloster auf Nonnenwerth zog, in den Orden der Franziskanerinnen eintrat und fortan mit Gott vermählt war.

Roland hatte jedoch überlebt. Er baute seine neue Burg auf der anderen Rheinseite, um sein Mädchen unten auf der Insel immer sehen zu können. Heute ist der Rolandsbogen ein beliebtes und edles Ausflugslokal.

Zurück am VP Schmelztal geht es hinauf zum Servatiushof, dessen Pachtertrag der Erhaltung der kleinen Marienkapelle diente. Die Laufstrecke weist jetzt lange Geraden auf. Vor der Florianshütte sind 22 km geschafft.

Den Himmerich (366 m), im Volksmund auch „Riesenschiss“ genannt, müssen wir nicht hinauf. Die Braunen wollten hier ein riesiges Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen der Kämpfe für die separate Rheinrepublik 1923 errichten.

Rund geht’s am Leyberg, aber nur eine Runde. Von hier hätten wir eine wunderschöne Aussicht über die Rheinebene. Stattdessen überqueren wir jetzt die Grenze zu Rheinland Pfalz und kommen in das Gebiet der Breiten Heide. Das ist keine besoffene Einheimische, sondern ein ehemaliges Bergbaugebiet. Es wäre ratsam, hier nicht zu stark aufzutreten, denn unter unserer Laufstrecke befinden sich Stollen aus dem 16. Jahrh.

Eine schöne Schleife könnte man jetzt abkürzen, wenn dort nicht wie jedes Jahr die Feuerwehr stehen und uns beobachten würde. Die Asberger Seens künden vom Basaltabbau. Leider wurde dadurch auch eine große keltische Burg zerstört.

Als mich Svenja auf Krücken überholt, falle ich vom Glauben ab! Schlimmer kann`s nicht kommen. Am VP gibt’s Kölsch, das hilft.

Wir kommen zu den Abschussrampen der V1 Raketen. Das V stand für „Vergeltungswaffe“ und war der erste Marschflugkörper. Die Abschussrampen wurden im Herbst 1944 gebaut. Wegen Arbeits-und Materialmangel sind die Anlagen sehr simpel. Sie sollten die Ludendorfbrücke bei Remagen schützen, doch konnten sie nicht mehr fertiggestellt werden und  die Amerikaner kamen bis auf 600 Meter an die Stellungen heran. Daraufhin verlegte die Wehrmacht die Geschütze vom 11. bis 21. März 1945 Richtung Berlin.

Von der Laufstrecke aus ist nur diese eine Batterie sichtbar, insgesamt gibt es hier aber 4 zugängliche Stellungen.  Der Läufer muss sich deswegen nicht wundern, wenn wir auf asphaltieren Wegen laufen, sie wurden 1944 angelegt, um das Material hierher zu transportieren.

Auf der letzten Steigung, bei km 40,  steht Stefan Winkler wie jedes Jahr mit Trommel und Trillerpfeife. Absolut klasse, wie der einsame Solist uns hier auf die letzten zwei Kilometer schickt! Danke Dir!

Endlich wieder Asphalt. Da können die Schlammklumpen von meinen Füssen fallen. Im Laufschritt beobachte ich, wie die Polizisten mir die Überquerung der Schmelztalstrasse ermöglichen wollen. Das haben sie heute schon mindest 300mal geübt.

Vor der Halle steht Mohamad. Schon lange geduscht, drückt er mir die Autoschlüssel in die Hand. Perfektes Timing. Und Zack! Da bin ich in der Aegidenhalle und seh absolut nix mehr! Was, wie, wer bin ich? Alles beschlagen.

Medaille auf die Birne und Leute, die mich begrüßen. Ich muss erstmal meine Windschutzscheibe klarmachen! Siegerehrung oben, ich unten - voll eingesaut. Klasse war´s! Aber die Sahara ist sauberer!

 

Informationen: Siebengebirgsmarathon
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