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Laufberichte

Baiersbronner Seensteig

 

Der offiziell in 5 Etappen eingeteilte Baiersbronner Seensteig zählt zu den schönsten Wanderwegen nicht nur im Schwarzwald, sondern in ganz Deutschland. Teilweise führt der hervorragend markierte Weg durch den Nationalpark Schwarzwald. Abgesehen von ein paar touristischen Hotspots ist man auf recht einsamen Wegen und Trails unterwegs. Besonders unter der Woche sind die Strecken perfekt, um Abschalten und zum “auf andere Gedanken kommen”.

Ich nehme mir vor, die 84 Kilometer in zwei Marathon-Etappen zu laufen. Da es von zuhause zu den Ausgangspunkten in Baiersbronn oder am Mummelsee nicht weit ist, komme ich ohne Übernachtung aus. Nachdem Gastronomie und Hotels demnächst wieder (wenn auch nur eingeschränkt) geöffnet werden, wäre das aber kein Problem.

Ich entscheide mich für den Mummelsee als Startplatz,  wo an Wochenenden immer sehr viel los ist. Überfüllte Parkplätze, laute Motorräder und eine endlose Schlange an Spaziergängern hinauf zur Hornisgrinde wirken auf mich eher abschreckend. Als ich am Mittwochmorgen um 8:50 am Mummelsee aus dem Bus steige, bin ich hier aber ganz alleine und genieße die Stille.

Marathonis dürfte die Gegend bekannt sein. Fährt man nämlich vom Startplatz des Hornisgrinde Marathons die Schwarzwaldhochstraße ein paar Kilometer weiter, kommt man direkt zum Mummelsee, der auf 1082 m Höhe am Fuße der Hornisgrinde (1163 m) liegt. Den Namen hat der Karsee von den weißen Seerosen, die man hier im Volksmund “Mummeln” nennt.

Obwohl der Seensteig ein Rundweg ist, starte ich beide Hälften am Mummelsee, denn die Rückfahrt ist mit stündlicher S-Bahn-Verbindung ab Baiersbronn für mich einfacher. Dadurch habe ich allerdings an beiden Tagen jeweils etwa 450 Höhenmeter mehr Ab- als Aufstieg."

Als ich hinab zum Seibelseckle laufe, ist es noch so kalt, dass ich Handschuhe anziehe. Unterwegs treffe ich zwei Westweg-Wanderer, die hier oben mit Schlafsack im Freien übernachteten. Sie erzählen, dass weniger die Kälte,  sondern viel mehr die geschlossene Gastronomie das Problem auf der Tour ist.

Am Seibelseckle, einem beliebten Park- und Rastplatz mit Skilift an der Schwarzwaldhochstraße,  führt mich der Wegweiser ein Stück weit sehr steil am Rande des Skihangs hinauf. Doch dort, wo die markierte Route auf einen bequemen Weg abzweigt, ist dieser mit einer unpassierbaren Barriere versperrt. Aus Naturschutzgründen ist auch für Wanderer das Betreten dieses Weges verboten! Das hätte man besser schon unten ankündigen sollen, dann wäre ich gleich auf der Fahrradroute geblieben und hätte mir die unnötigen Höhenmeter erspart. Aber als Trailrunner darf ich ja über Höhenmeter nicht meckern.

 

 

Die ersten Kilometer lege ich vor allem laufend zurück. Doch da dies kein Wettkampf ist, genieße ich die Strecke im weiteren Verlauf meist als  flotter Walker. Hinab zum Ruhestein und der Großbaustelle des inzwischen unglaublich viele Millionen Euro fressenden Nationalparkzentrums renne ich im Kamikazetempo auf direkter Linie die Skipiste hinab. Noch ein schneller, schweißtreibender Aufstieg, dann erreiche ich den Schliffkopf (1054 m). Es ist für mich die schönste Route im gesamten Schwarzwald. Vom Wind verkrüppelte Bäume und Sträucher, Heidekraut, Heidelbeeren und eine offene Landschaft. Es folgen ein paar Tempo-Kilometer auf breiten Forstwirtschaftswegen, dann steige ich am berühmten Lotharpfad über Treppen und Stege.

Inzwischen ist an dem 1999 vom Orkan Lothar völlig kahl rasierten Hang ein schöner Urwald gewachsen. Ein kurzes Stück spaziere ich auch am Beginn eines neuen Steges hinauf, der, wenn er fertig gebaut ist, einen rollstuhlgerechten Zugang zur Natur ermöglichen wird.

Ein paar Laufkilometer danach stehe ich am Ufer des Buhlbachsee. Der Seensteig hält, was sein Name verspricht und führt an vielen solcher märchenhaften, von den Gletschern der Eiszeit erschaffenen Karseen vorbei. Unterhalb steiler Bergflanken bieten sie ein idyllisches Naturerlebnis.

Wieder marschiere ich einen steilen Trail aufwärts. Inzwischen ist es recht warm, die Jacke und das warme Shirt habe ich längst im Rucksack verstaut.

 

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Baiersbronner Seensteig Kurzinfo:

 

Start/ Ziel: 77889 Seebach/Mummelsee Schwarzwaldhochstraße 11 oder
                   72270 Baiersbronn Bahnhof       

Distanz: je nach Ausgangspunkt 89 oder 91 km

Höhenunterschied: ca. +/- 2700 Meter

Untergrund: Forstwege und Trails

Laufzeit: jeweils 6 bis 7 Stunden (ohne Pausen) an 2 Tagen

 

Offizielle Website Seensteig

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Es folgen wieder einige schnelle Kilometer auf relativ bequemen Wegen, dann nette Trails hinab in Richtung Mitteltal, einem kleinen Ort, der zu Baiersbronn gehört. Zwischendurch geht es auch mal über ein paar Baumstämme, dann erreiche ich endlich eine „Verpflegungsstelle“! Keine Cola, kein Bier, keine Riegel, keine Bananen, nur herrlich frisches Wasser aus dem Brunnen. Zwei Hirschkühe im Wildgehege nebenan schauen als einzige Zuschauer bei meiner Pause zu.

Schon bald erreiche ich einen weiteren Brunnen und fülle meine beiden Flaschen auf.  Nach einigen Aufstiegskilometern begeistert mich der relativ neu angelegte „Abenteuerpfad“. Solche extrem schmale, verwilderten und steile Pfade kenne ich sonst nur von den Vogesen, dem Gegenstück des Schwarzwaldes auf der anderen Seite es Rheine im Elsass. Hier komme ich natürlich nur sehr langsam voran, aber dafür macht es verdammt viel Spaß!

Kurz darauf setze ich mich am Ufer des schönen Ellbachsee eine Weile ans Ufer, dann folgt ein steiler Trail bergauf. Die Aussichtsplattform ist wegen Corona momentan abgesperrt, aber man hat trotzdem einen schönen Blick auf den See. Nach ein paar relativ flachen Kilometern ist der steile Trail hinab zum Sankenbachsee ganz nach meinem Geschmack. Unterwegs komme ich an einem schönen Wasserfall vorbei.  Am See kann ich mich leider nicht länger aufhalten, denn der selbst gesetzte Zielschluss naht und ich muss um 19:11 Uhr die S-Bahn für die Heimfahrt erreichen. Genau in dem Moment, in dem ich  den Bahnhof erreiche, fährt  die Bahn ein. Punktlandung.

Am nächsten Morgen marschiere ich vom Mummelsee hinauf zur Hornisgrinde, dem höchsten Berg im Nordschwarzwald. Ich war schon sehr oft dort oben, aber zum ersten Mal in meinem Leben bin ich hier ganz alleine. Bei sonnigem, perfekten Laufwetter genieße ich die wunderbare Grindelandschaft mit ihrer weiten Aussicht.

 

 

Auf einem traumhaften Trail geht es bergab. So muss Trailrunning sein! Während der nächsten Stunden wechselt die Strecke immer wieder zwischen breiten Forstwirtschaftswegen und genialen Trails.  Einer davon führt lange Zeit an einem Bergrücken entlang und begeistert mich besonders. Beim nächsten Abstieg gebe ich auf einem Forstwirtschaftsweg dermaßen Gas, dass ich den kurzen Abstecher zum völlig verlandeten Blindsee verpasse. Schade.

Der Blick auf den Schurmsee (794m) von einem  Aussichtspunkt aus entschädigt. Bald darauf stehe ich dann unten am Ufer, von wo aus es noch ein paar Kilometer bergab geht. Dann erreiche ich im Murgtal Schönmünzach. Es folgt der Aufstieg zum nächsten See. Ein Brunnen wäre mir jetzt lieb. Ich habe noch 12 Kilometer zu laufen, aber kein Wasser mehr in den Flaschen!

Vor dem besonders steilen Trail, der vom Huzenbacher See (747m) bergauf führt, weist ein Schild darauf hin, dass man gute Schuhe braucht. Ich war hier schon sehr oft und weiß, es ist ein guter Tip!Ich bin wie immer begeistert.

Oben ein letzter Aussichtspunkt mit Seeblick, dann folgt ein Trail, auf dem sich Mutter Natur viel Mühe gegeben hat, den Pfad mit ein paar umgestürzten Bäumen in ein Kletterparadies zu verwandeln. Über oder unter Bäumen durch durfte ich an diesen Tagen häufig. Aber ich liebe es!

Leider wird wegen einer Brückenbaustelle der idyllische Weg durch das Tonbachtal über eine asphaltierte Route umgeleitet. Die letzten Kilometer geht es dann wieder auf der Originalstrecke nach Baiersbronn, wo ich diesmal den Bahnhof mit einem dicken Zeitpolster erreiche. 

 


 

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