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Laufberichte

Genuss hoch zwei

 

Ein schattiger Radweg bringt uns nach Ergersheim. Bei den Winzern ist "Singed tarte" im Angebot. Die heißt nicht umsonst "versengt". Ich erwische ein ziemlich schwarzes Stück. Wer Speck und Zwiebeln erwartet hatte, wird enttäuscht. Die Tarte ist mit Apfel. Dazu gibt es Cremant, den Elsässer "Champagner". Die Trauben müssen aus der Region kommen. Wie der originale Champagner reift auch der Cremant in Flaschen. Die Köstlichkeit kann aber nicht so lange gelagert werden, schon gar nicht wird der Cremant durch lange Lagerzeit besser. Spätestens nach 4 Jahren sollte man ihn getrunken haben.

Die Dusche vervollständigt das Angebot der VP und führt dazu, dass wir uns etwas länger aufhalten. Beim überqueren der D727 hilft ein Streckenposten mit lautem Getröte auf einer Vierklang-Fanfare. Hier fällt mir wieder auf, dass die unzähligen Streckenposten top motiviert sind. Immer wird geklatscht und mit lautem "allez, allez" angefeuert. Auch das Publikum steht nicht vornehm herum. Jeder applaudiert. Viele haben auch etwas zum Lärmen dabei. Oft werden die Läufer persönlich angesprochen. Der Vorname steht ja auf der Startnummer.

Nanu, kommt da schon wieder eine VP? Nein, unter dem Partyzelt ist eine Musikanlage aufgebaut, und "elsassisch isch bombisch" proklamiert. Fans sind dabei, ein riesiges Transparent aufzubauen mit dem ein gewisser Thomas gefeiert wird. Vor lauter Schauen hätte ich fast die Helfer mit den Schwämmen übersehen. Auf der ganzen Strecke werden, wenn mal keine VP in Sicht ist, tropfnasse Kühlschwämme ausgeteilt. Die muss man aber nicht mit sich schleppen; nach ein paar Metern stehen Boxen, in denen der Schwamm vom Läufer wieder entsorgt werden kann. Kleinigkeiten, die aber wirklich hilfreich sind.

Hinter dem Ort geht es im Weinberg bergauf. Die Straße wird zum Feldweg und der Weinbau zur Ackerwirtschaft. Wir streifen die verlassene Wallfahrtskirche Maria Altbronn und der Feldweg wird zum Grasweg. Ob hier extra für die Läufer das hohe Gras gestutzt wurde? Wieder gibt es keinen Schatten und der Weg zieht sich endlos. Nur die phantasievollen Kilometerangaben (jedes Schild hat ein anderes Motiv) machen diesen Streckenabschnitt erträglich.

Hinter einer Kuppe erreichen wir Dahlenheim. Der kleine Ort mit den alten Fachwerkhäusern scheint menschenleer. Das große Willkommensbanner, das in jedem Ort über die Strecke gespannt ist, sagt, dass wir hier richtig sind. Plötzlich ertönt in die Stille laute Musik. Hinter der nächsten Kurve laden die Winzer von Dahlenheim ein. Zu "Let the sun shine" auf Französisch gibt es frisch gegrillte Bratwurst und einen wirklich guten Auxerrois. In Deutschland eher unbekannt, gehört dieser Weißwein zur Gruppe der Burgunder. Geschmacklich erinnert er an Weißburgunder, hat aber weniger Säure. Wir lassen uns nicht lange zu Tisch bitten und als dann das Lied noch auf Englisch erklingt, kann nun auch jeder mitsingen.

Frisch gestärkt machen wir uns daran, die Steigung hinter dem Ortsausgang zu erklimmen. Oben haben wir einen phantastischen Blick,  Elsass pur: Felder, Wiesen, Weinberge. Es geht links und noch ein Stück geradeaus. In Scharrachbergheim war der Start des Halbmarathon. Wir laufen durch das Starttor. Hier läuft auf der großen Digitaluhr die Marathonzeit mit. Naja: wir waren bei Halbzeit auch schon mal schneller. Trotz des hohen Anfangstempos ist eine gute Zeit in weiter Ferne.

An der VP wird ein kühler Pinot Gris ausgeschenkt. Dazu wieder Hefegebäck - das kann ich immer essen. Nach einer Sightseeingtour durch die malerischen Gassen von Scharrachbergheim ist Odratzheim nicht weit. Hier kurz vor km 23 gibt es Livemusik, Schwämme, eine Dusche und viel Aufmunterung durch frohgelaunte Helfer. Ein wohltuend schattiger Radweg bringt uns nach Kirchheim. Dort steht in der prallen Hitze ein älterer Mann im Helfershirt und spielt unermüdlich Akkordeon - mir fehlen die Worte! Da kommt auch schon eine VP mit Wasser und allem was der Läufer normalerweise zu sich nimmt. Gegenüber liegen einige cremeweiße Charolais Rinder im schattigen Offenstall und käuen wieder. Was die wohl gerade denken?

Wieder auf dem Radweg geht es Richtung Marlenheim am "Parc à cigognes", dem Storchenpark, vorbei. Zwei große Nester sind zur Freude der Vorbeilaufenden bewohnt. Noch größere Freude bringt die VP der Winzer aus Marlenheim. Zum Riesling gibt es Fisch. Zarte Filets werden verführerisch auf Weißbrot angeboten. Lecker! Ein zweites Stück verkneife ich mir. Wir müssen ja weiter. Leider macht die Kapelle gerade Pause. Es sei ihnen vergönnt.

Wir haben den nördlichsten Punkt unserer Schleife erreicht. Es geht links. Ein schmaler Pfad führt zuerst zwischen Pferdeweiden und dann eng stehenden Häusern nach Wangen. Hier steht die schönste VP des Laufs. Direkt vor dem Niederthorturm, einem von drei sehr gut erhaltenen Toren der mittelalterlichen Stadtbefestigung aus dem 16. Jahrhundert ist die lange Theke aufgebaut. Erst gibt es rechts die Läufernahrung mit gewohnter reichhaltiger Ausstattung. Beliebter ist der links folgende Stand der Wangener Winzer. Es gibt wieder Riesling. Die Wurst, unserer Saitenwurst ähnlich, kann man essen, muss man aber nicht. Auch hier macht die Kapelle gerade Pause - schade. Trotzdem lädt das stilvolle Ambiente zu einer längeren Verweildauer ein.

Unser Weg führt uns weiter durch das Tor und im Vorbeilaufen können wir noch weitere alte Fachwerkbauten bewundern (km 28). Wir verlassen Wangen. Hier stehen mitten im Nichts Zuschauer und Sanitäter, die uns trotz der Hitze frenetisch beklatschen. Eine Streuobstwiese schenkt auch keinen Schatten. Sie geht nahtlos in ein Traubenfeld über. Hier braucht der Wein wohl keinen Berg um sich wohl zu fühlen. Die Traubenfelder reichen bis zum Horizont. Dazwischen unbefestigte Feld- und Wiesenwege. Flirrende Hitze liegt über dem gesamten Gebiet. Die bunten Gestalten mittendrin bieten ein surreales Bild.

Da taucht plötzlich eine VP auf. Hoffentlich entpuppt sie sich nicht als Fata Morgana. Nein, sie ist ganz real. Es gibt Wasser! Am Rhabarberfeld geht es links und vor der Straße nochmal rechts. An einer von Streckenposten gesicherten Stelle überqueren wir die D 220. Tränheim kommt in Sicht. Die Tränheimer Winzer lassen sich nicht lumpen; einen Riesling Grand Cru von der Lage "Altenberg de Bergbieten" von 2008 gibt es nicht alle Tage. Norbert und ich genießen ihn mit Bedacht. Vor allem, als sich herausstellt, dass wir die beiden letzten Gläser dieses edlen Tropfens bekommen haben. Er ist tatsächlich aus. Da die VP mit der Läufernahrung an gleicher Stelle ist, fällt das nicht so auf.

In einer angrenzenden Scheune machen zwei Mädels flotte Musik, die spontan viele Fans unter den lustig verkleideten Läufern findet. Durch den Hof eines Anwesens geht der Weg verschlungen weiter. Ein Hohlweg, rechts und links dicht mit Büschen versehen, bietet ein bisschen Schatten. Lautes Gejohle reißt uns aus unserer Lethargie. Von hinten kommen drei Gestalten in die Fahnen von Deutschland, Frankreich und England eingehüllt und mit den jeweiligen Landesfarben geschminkt. Wie kann man jetzt noch so rennen? Und - trinken die uns jetzt, da sie vor uns sind, den ganzen Wein weg? An der gleich folgenden VP sehen wir, dass noch genug da ist. Die Tränheimer Winzer haben nun einen Gewürztraminer und Munsterkäse im Programm. Vom Käse gönne ich mir zwei Stücke. Der ist richtig gut. Schnell hat sich wieder eine ganze Mannschaft um die VP im Niemandsland zwischen den Weinreben eingefunden. Die Fahnenträger, eine Herde Kühe, eine männliche Ballerina und zwei Sträflinge sind nur die auffälligsten Verkleidungen, die sich jetzt am Wein und Käse gütlich tun. Wir benutzen die Gelegenheit, um ein paar Plätze gut zu machen.

Die Hitzeschlacht geht weiter. In Bergbieten kurz vor km 35 wartet eine Dusche bevor wir wieder auf die trockenen Felder entlassen werden. Auch Dangolsheim empfängt uns mit einer Dusche. Ein dicker Schlauch ist am Gartenzaun befestigt und mit mehreren Löchern versehen, als Wasserspender umfunktioniert. Im Ortszentrum sind dann die Winzer am Werk. Der Pinot Gris passt perfekt zur Pastete. Die sieht so lecker aus, dass ich sie unbedingt probieren muss. Inzwischen ist die Kuhherde wieder zu uns aufgelaufen. In der allgemeinen Ausgelassenheit stellen sie sich als Belgier vor - belgische Kühe!

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Informationen: Marathon du Vignoble d'Alsace
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