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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (39)

 
Autor: Klaus Duwe

 

Glänzend gelaunt (oder mit glänzenden Augen) geht es der Breusch entlang in Richtung Molsheim. Der Weg ist teilweise schmal und das Ufer von dichtem Gebüsch gesäumt, ideal für eine kleine Notdurft. Oder gibt‘s hier Zecken?  Wenn ja – ist Alkohol ein guter Zeckenschutz?

Dann kann man  in Molsheim  (km 9,5) die Dosis gleich noch steigern, diesmal mit Riesling, der zu den beliebtesten weil besten Sorten im Elsass gehört. Dazu gibt es Sauerkraut. Richtig – Sauerkraut!  Und die Nachfrage ist groß. Die Deutschen werden ja wegen ihrer Vorliebe zum  Spitzkohl als Krauts bezeichnet, obwohl die Elsässer die Erfindung (wie übrigens auch die der Spätzle) für sich reklamieren. Immer rein, den Läufern ist das egal.

 

 

Über eine Holzbrücke kommen wir zum Campingplatz beim Zielgelände, das zum Glück noch Stunden auf uns warten muss. Der Regen hat längst wieder aufgehört, der Himmel hellt sich im Westen auf und die Temperaturen bleiben knapp unter 20 Grad. Das ist gut für die Läufer, denn unter Hitze leidet ja bekanntlich die Alkoholverträglichkeit. Schon wieder überholt mich die Horde Dänen, alle in ihren Landesfarben gekleidet und von einigen Zuschauern fälschlicherweise als Schweizer begrüßt. „We are Danish Dynamite“, wird reklamiert.

Nach Dachstein bringt uns ein schmaler asphaltierter Fahrweg. Bei einem alten Fachwerkhaus ist eine Verpflegungsstelle, die aber kaum genutzt wird – es gibt die erwähnte Sportlernahrung. Aus dem Rathaus hört man heute mal ganze andere Töne: Rock aus riesigen Boxen. Durch das mittelalterliche Stadttor verlassen wir den Ort und laufen nach Egersheim (km 16), wo man in einem kleinen Ofen Flammkuchen zubereitet. Wer’s nicht kennt, das ist eine Art Pizza, belegt mit Zwiebeln,  Speck und Sauerrahm. Dazu gibt es einen Rosé. Hier ist wieder mehr Betrieb.

Zuschauer sind hin und wieder auch an der Stecke, aber die braucht man eigentlich nicht. Für die phantastische Stimmung sorgen die Läufer selber mit ihren lustigen Kostümen, Gesängen und Sprüchen. Sogar einige Fahrradbegleiter sind kostümiert.

Der Weg nach Dahlenheim (km 19) ist ziemlich beschwerlich. Es geht teilweise etwas steil in die Weinberge. Die Wiesenwege haben tiefe, unebene Fahrspuren, in der Mitte steht hohes Gras. Landschaftslauf pur. Dazu gibt es schöne Ausblicke über Getreidefelder und Wiesen auf kleine Ortschaften, Weinberge und auf die Ausläufer der Vogesen.  Vorbei an der  Wallfahrtskapelle Maria Altbronn kommen wir nach Dahlenheim. Bratwurst steht auf der Speisekarte. Die ist so lecker, dass ich mir eine „Portion am Stück“ geben lasse. Anderen ist der Pinot Blanc wichtiger.

 

 

Weiter geht es durch die fast menschenleere Dorfstraße an der Kirche und dem Rathaus vorbei und dann auf der halbseitig gesperrten Verkehrsstraße bergauf nach Scharrachbergheim (km 21). Frisches Gebäck (Stolle) hat man für uns vorbereitet, dazu Konfitüre. Na ja, das war wohl mehr für die Halbmarathonläufer, die hier um 9.30 Uhr gestartet sind, als Frühstück gedacht. Aber auch die Marathonis greifen durchaus zu und sagen erst recht nicht beim Pinot Gris nein.  Der Grauburgunder wird gerne als Aperitif getrunken.

 

 

Abwärts geht es durch den Ort nach Odratzheim. Hier fallen wieder die herrlich hergerichteten und mit vielen Blumen geschmückten alten Fachwerkhäuser auf. Es gibt Wasser für innen und außen und heiße Rockrhythmen. Nach dem hügeligen Örtchen laufen wir flach an einem Bächlein entlang weiter in Richtung Marlenheim (km 26), dem nördlichsten Ort der 170 km langen Elsässer Weinstraße. Dazwischen gibt es in Kirchheim zu handgemachter Musik wieder mal  Sport-Food, was aber kaum beachtet wird. Recht flott läuft man auf dem flachen, asphaltierten Wirtschaftsweg dem Weinort entgegen, um die nächste Probe mit Nudelsalat bei Blasmusik zu absolvieren.

 

 

Bevor Wangen (km 29) erreicht wird, muss eine weitere Steigung genommen werden.  Vor dem  Niedertorturm aus dem 16. Jahrhundert spielt eine Trachtenkapelle. Es gibt verschiedene Wurstspezialitäten und Riesling.  Dann laufen wir durch den Ort und verlassen ihn, wie wir ihn betreten haben: durch ein mittelalterliches Tor.

Wir ändern die Laufrichtung. Es geht südwärts. Traenheim (km 32) ist unsere nächste Station und Hardrock live  ist angesagt. Nach der Sportlertränke kommt der Weinstand, den ich aber ignoriere. Ich weiß da was Besseres. Auf der nächsten Anhöhe gibt es frisch vom Baum die größten und süßesten Kirschen weit und breit. Dumm, dass es danach meinen liebsten Käse, den aus dem Münstertal, gibt. Umgekehrt wäre besser. Oder doch nicht? Ich mache meine längste Pause und greife mehrfach bei dem würzigen (manche sagen auch stinkigen) Käse zu. Die Einheimischen essen ihn gerne mit Pellkartoffeln und Kümmel. Dazu passt ein Gewürztraminer, der in Frankreich fast nur im Elsass angebaut wird. Sogar die Treber werden noch verwertet, indem man einen ganz hervorragenden Schnaps davon brennt, den Marc de Gewürztraminer, eine Art Grappa.

 

 

Auch der weitere Weg ist meist recht hügelig. Dafür hat man immer wieder schöne Ausblicke auf Felder, Wiesen und Weinberge, auf  Ortschaften und die Berge.  In Dangolsheim (km 36) hole ich tatsächlich ein paar Halbmarathonläufer ein und habe damit auf 15 km 30 Minuten aufgeholt. Was sind das denn für Feierbiester?  Ich probiere kurz von der Pastete und mache mich auf den Weiterweg nach Soultz les Bains. Obwohl die Verpflegungsstelle dort alkoholfreie Zone ist, ist die Stimmung bombig. Zum  ‘’Anton aus Tirol’’ wird gesungen und getanzt.

 

 

Laufen nicht vergessen. Die Wege sind jetzt meist asphaltiert und flach. Helfen tut mir das nicht, die Kräfte lassen nach. Trotzdem kann ich immer mehr  ‘’Halbe’’ einsammeln, was die aber nicht im Geringsten stört.  In Avolsheim wird bei Muscat und Süßigkeiten kräftig zugelangt.  Hat man die St. Ulrich Kirche passiert, ist die Strecke topfeben und gerade.  Normalerweise sind solche Passagen kurz vor dem Ziel nicht sehr geliebt. Sie nehmen kein Ende. Heute ist das egal. Kenner haben auch noch gar nicht das Ziel im Sinn, sondern den Cremant, der keinen Kilometer vor dem Zielbogen ausgeschenkt wird.  Hier vertreiben sich einige die Zeit, bis sie mit dem Besenwagen ins Ziel laufen können.  Solange wird dort auch gewartet und jeder Finisher gefeiert.

Zur Erinnerung gibt es eine Medaille, ein Funktionsshirt und eine Flasche Wein. Marathonis holen sich mit ihrem Bon den Spezialitätenteller ab, zu dem es ein mit Vanillecreme gefülltes Eclair gibt und ein Getränk nach Wahl. Nach der Siegerehrung werden die Marathonsieger traditionell mit Wein aufgewogen. Leider wiegen die Bleistifte ja nicht viel.

 

Impressionen

 


 

 

 

Auf Wiedersehen im Elsass beim
Marathon du Vognoble d'Alsace am 20.06.2021

 

 

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Informationen: Marathon du Vignoble d'Alsace
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