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Laufberichte

Hinter Gittern

25.04.10
Autor: Joe Kelbel

Es ist nur heiß, kein Luftzug kommt über die hohen Außenmauern. Wir schütten uns das Wasser aus den Bottichen über die rote Haut und kämpfen gegen das Leid dieser Welt. Und immer wieder diese verdammt lange Mauer, hoch und runter. Mann, ist das ätzend heiß!  Immer wieder die gleichen Bilder, die gleich Strecke, die gleichen Gebäude, die gleichen Menschen, die gleichen Mauern, der gleiche Stacheldraht, die gleiche Leere, die gleiche Hitze, alles dreht sich Runde um Runde. Was kann ein Mensch eigentlich ertragen?

Selbst der Fotoapparat dreht durch: Auf, Zu, Auf , Zu und nur noch unscharfe Bilder.

Es gibt beim Marathon keine Feindschaft, wir sitzen alle im selben Boot, Kameraden und Leidensgenossen auf Zeit.Und so entwickelte sich im Laufe des Laufes eine, wenn auch kurzfristige Freundschaft zwischen Insassen und uns Freiläufern. Im Marathon gibt es keine Unterschiede zwischen drinnen und draußen. Ich habe gefinisht, doch mir tun nun die armen Hunde leid, die noch mehr als 1,5 Stunden hier ihre Kreise drehen werden. Ich schieße Fotos von den Leidensgenossen, damit sie sich morgen freuen .

Der Lauf war hart, vielleicht so hart wie das Leben hier drinnen, dafür kürzer. Es gibt eine verdammt coole Medaille mit eigentlich nur Gefängnismauer drauf.  Mit viel Lob erwähne ich hier, dass dies nicht nur der sicherste Lauf meiner Laufkarriere war, sondern auch der mit dem besten Service. Vielen Dank an alle Helfer und Organisatoren!

Im Zielbereich gibt es zwar nur Malzbier (ist halt so im Knast), dafür guten Kaffee, Brote, Kuchen, beste Hühnersuppe, Wassser, Cola und, und,  und. Und unter der Dusche in der Turnhalle gab es sonst keine Vorkommnisse! hahaha!

Als ich auf den Klingeknopf am großen Tor drücke, um rausgelassen zu werden, muss ich an das Gleichnis von Platon denken.  Ja, Joe hat Platon gelesen. Das Höhlengleichnis: die Gefangenen  sitzen in einem unterirdischen Verlies und nehmen die Menschen und Gegenstände draußen als Schattenspiel auf der Höhlenwand wahr.  Was Platon ausdrücken wollte:

Der Mensch lebt in der Höhle seines Alltags für seine sinnlich wahrnehmbare Welt, ohne  erkennen zu können, was real ist. Und wenn er raus käme, so würde ihn die Sonne der realen Welt schmerzlich blenden. Nachdenklich schaue ich zurück. Wir alle sind Gefangene!

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Informationen: Knastmarathon Darmstadt
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