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Laufberichte

Die Jecke sind los: Helau und Alaaf!

 

„Bremst Corona Narren aus?“ Diese beängstigende Überschrift der gestrigen Ausgabe der Rhein-Zeitung war durchaus zur Verunsicherung des Laufwilligen geeignet, war doch die Session 2020 komplett dem verdammten Virus zum Opfer gefallen. So manches Nordlicht mag darüber nur müde lächeln oder verständnislos den Kopf schütteln, für uns Rheinländer – zumindest für einen erheblichen Teil dieses außerordentlich sympathischen Völkchens, dem ich mich selbstverständlich zugehörig fühle – brach eine kleine Welt zusammen. Selbst einem kleinen Lauf, von dem gleich die Rede sein wird und auf den der Autor fest gesetzt hatte, brach es das Genick. Von diesem Schock erholten wir uns dann leidlich und hofften aufs nächste Jahr. Doch jetzt schon wieder? Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit.

Manche Gelegenheiten sind günstig und eigentlich nicht wiederholbar. So geschehen am samstäglichen 10.10.10, als ich um 10:10 Uhr zur Doppelrunde um den Essener Beldeneysee aufbrach und mich fragte, wo ich denn wohl im Folgejahr am 11.11.11 um 11:11 Uhr starten würde. Doch nichts war in Sicht. Klar, welcher Dödel richtet schon freitagsvormittags einen Marathonlauf aus? Genaugenommen waren es dann zwei Dödel, nämlich vor allem mein Freund und M4Y-Schreiberlingskollege Markus, die am für Rheinländer magischen Datum zur passenden Uhrzeit um 11:11 Uhr im Stadion zu Bad Driburg den Karnevalsmarathon aus der Taufe hoben. Ein hübsches Kind war es, das da, vom Bad Driburger Prinzenpaar in vollem Ornat losgeschossen, aus der Taufe gehoben wurde.

23 nett verkleidete Narren wetzten dabei um die halbsonnige Tartanbahn und hatten bei aller Anstrengung einen Heidenspaß. Unvergessen wird für mich immer Werner Britz bleiben, der unmittelbar vor seinem Laufende etwas Blitzendes aus dem Rucksack zog, was sich dann als Trompete erwies, und mit selbiger „Echte Fründe ston zesamme“ intonierend die Ziellinie überschritt. Doch erlaubte der Aufwand keine Wiederholung, es sollte ein singuläres Ereignis bleiben. Sollte. Denn glücklicherweise gibt es noch mehr positiv Bekloppte und hier kommt Evert ins Spiel. Genauer gesagt Dr. Evert Delbanco, der sich beruflich mit Farben beschäftigt. Da ist doch die Brücke zum karnevalistisch-bunten Treiben schnell geschlagen, oder? Vor allem, wenn man Rheinländer ist. Oder halt, wie in seinem Fall, gebürtiger Ostfriese. Aber warum nicht, wenn man sich gesellschaftlich weiterentwickeln kann?

 

 

Um beim Naheliegenden oder besser nahe Liegenden zu bleiben: Sein Laufrevier ist der Pescher See im Kölner Nordwesten, ein aus einem Baggerloch entstandener Badesee, der bei der Umrundung eine befestigte Laufrunde von 2,732 km Länge erlaubt. Diese 15-mal abgehoppelt plus eine Pendelstrecke von 1,215 km zu Beginn, fertig ist die Kiste. Nur 83 km von meinem Zuhause entfernt ist dies das perfekte Marathonziel im November. Gut, mit dem Baden ist das derzeit so eine Sache, zumindest hier und heute, aber vorstellen kann man es sich bei ordentlichem Wetter durchaus. Ich lasse mich also von der düsteren Prognose des heimischen Tagblattes nicht beirren, steige ins Auto und düse nach Kölle.

Auf der Zoobrücke sehe ich die ersten dick vermummten Jecken, vermutlich auf dem Weg zum Altermarkt, dem Epizentrum des Kölsche Karnevals. Dick vermummt ist in der Tat angebracht. Zwar zeigt die Wetterapp seit dem Morgen blauen Himmel mit prallem Sonnenschein an, jedoch die Realität vor Ort besteht aus zwei Grad kaltem, dichtem Nebel. Michael Brehe ist nicht der Einzige, der im warmen Auto sitzt und auf den Beginn wartet.

Ich besorge mir am Pavillon, unter dem später die Verpflegungsstelle aufgebaut werden wird, meine Startnummer aus der Hand des Organisators himself, Evert Delbanco. Der versteht ausnahmsweise in einem Punkt keinen Spaß: Die Kontrolle der 2G-Regel, diesbezüglich wurde die Ausschreibung sogar nachträglich geändert. Nachdem Corona-App und Ausweis kontrolliert wurden, steht meinem Einsatz nichts mehr im Weg.  „Jäht et he loss?“ „Jajo dat!“ Man versteht sich. Vom Getränkesponsor gibt’s sogar noch einen Kuli und ein Skatblatt, falls es unterwegs langweilig werden sollte. Die Startnummer ist übrigens eine ganz interessante, denn auf ihr sind die 15 Runden als Zahlen gelistet. Die sollen nach jeder Runde markiert werden, um den Überblick zu behalten.

 

 

Aber nicht nur das thematisiert Evert bei seiner Begrüßung per Flüstertüte, er lobt natürlich auch seinen Getränkesponsor und erinnert dabei an welche, die sich bereits vor dem Start mit drei, vier Kölsch gestärkt haben sollen. Mir fällt da spontan auch sofort jemand ein. Nach dem obligatorischen Gruppenfoto begrüßt uns auch noch der Veedelsbürgermeister (Bezirk), danach wird’s ernst. Wir nehmen die Startaufstellung ein, um zunächst die kurze Wendepunktstrecke erst gegen den Uhrzeigersinn abzulaufen. Kaum stehen wir, macht es Peng und wir dürfen los. Selten war das Warmlaufen so wertvoll wie heute. Mir ist das zusätzliche Gelegenheit, die ersten Mittäter auf Platte zu bannen. Kaum ist das geschehen, bin ich wieder am Pavillon angekommen und beginne die erste von fünfzehn Runden.

Die Runde entspricht ziemlich genau einem Trapez. Besonders die erste kurze Seite erlaubt schöne Blicke auf den nebligen See, Älteren wird das aus den Edgar Wallace-Filmen noch wohlvertraut sein. Allerlei Federvieh tummelt sich dort, wo in der warmen Jahreszeit vermutlich Badegäste ihr Stelldichein geben, nämlich auf einem netten Sandstrand. An mehreren Stellen werden wir auf das hiesige Landschaftsschutzgebiet hingewiesen. Auch deshalb wurden wir – was jedem halbwegs Klardenkenden einleuchtet – gebeten, keinen Müll zu hinterlassen. Allerdings hat Evert seinen hoffnungsfrohen Nachwuchs nach der Schule zu einer Kontrollrunde zum Ende des Laufs verdonnert, sie werden ihn dafür besonders lieben. Schon sind zwei km vorbei, was unschwer am Erreichen des ehemaligen Wendepunkts zu erkennen ist, es folgen die einzigen, wenigen Asphaltmeter, der Rest besteht aus festem Sand.

 

 

Wieder an Start und Ziel geht’s zu wie bei der Bundesbahn seligen Angedenkens: Gleich mehrere Kontrolleure stehen Schaffnern gleich bereit, die erste Zahl auf der Startnummer (15) abzuknipsen. Die Noch-Mainzerin und Bald-Montabäurin Sandra unterhält mich mit ihren Freundinnen, alle drei im blauen Tutu, prächtig. Wie immer dreht sich der Austausch vor allem um die besten Läufe. Dann geschieht ein Wunder: Erst frage ich mich, was der etwas hellere Kreis am Firmament bedeuten möge, dann setzt sich tatsächlich langsam die Sonne durch und beginnt etwas zu wärmen. Das freut insbesondere Katrin und Claudia Maria, die – fast bin ich versucht, halbnackt zu sagen – in ganz Kurz um den See wetzen und die Damenwertung in dieser Reihenfolge für sich entscheiden werden.

Ja, bei Sonnenschein es dat schon en janz anner Jeschäft, jetzt fehlen nur noch ein paar Karat nach oben. Der spätere Gesamtsieger Volker hat bei allem Tempo noch Zeit zum Posen und legt später, zwei- oder dreimal wird er mich bis dahin überrundet haben, Wert auf ein Küßchen-Foto mit seiner Herzdame. Das jetzt gute Wetter lockt zahlreiche Spaziergänger auf die Piste, etliche geizen nicht mit Anfeuerung.  „Wie viele km?“ „42,2!“ „Hammer!“ Und schon fallen die nächsten Schritte dank zusätzlicher Motivation deutlich leichter.

Und so vergeht Runde für Runde, schön (zumindest aus der Entfernung, vermutlich aber auch nur von dort) strahlen die Pescher Hochhäuser in der Sonne. Ein Kosovare kommt mit mir ins Gespräch, er besucht derzeit seinen Sohn in Troisdorf und ist wohl kurzfristig noch ins Feld gerutscht. Unsere Spontanfreundschaft wird direkt in einem gemeinsamen Selfie festgehalten, um das er mich bittet.

 

 

Bis aufs erste Mal nehme ich nach jeder Runde die großzügige Verpflegungsauswahl wahr: Es gibt zweierlei Sorten heißen Tees, Wasser, Iso, Faßbrause und lecker Kölsch, zum Knabbern Salzstangen, diverse Riegel, Salmiakbälle und einen halben Haribo-Laden Süßkram, perfekt. So ganz langsam beginnt die Sonne wieder zu sinken, der Schatten nimmt zu und der Ladestand meines Akkus ab, der sich am Ende der zehnten Runde abmeldet. Egal, das Wesentliche ist im Kasten und die Mädels von der Verpflegung passen ab sofort auf die Kamera auf. Wie fast immer gestaltet sich das Ende etwas zäh, aber das kennt man ja.

Nach knapp viereinhalb Stunden ist es dann geschafft und ich staune, daß meine recht zuverlässige Suunto stolze 135 Höhenmeter attestiert. Evert unternimmt noch einen Bestechungsversuch, indem er dem Reporter für seine Mühe einen Pin des diesjährigen Escher Dreigestirns überreicht, denn er gibt in dieser Session die dortige Jungfrau. Der wird gerne genommen und mit Freude getragen, aber auch ohne diesen gibt’s heute die Note 1 mit Sternchen.

 

 

Streckenbeschreibung:

2,732 km-Rundkurs mit einer Pendelstrecke von 1,215 km zu Beginn. Offizielles Zeitlimit 5:49 Std. (von 11:11 bis 17:00 Uhr).

 

Startgebühr:

33,33 €. Der nach Abzug aller Kosten verbleibende Betrag wird an Kölner Karnevalsgesellschaften zwecks Erhalts des Brauchtums gespendet.

 

Streckenversorgung:

Zweierlei Sorten heißen Tees, Wasser, Iso, Faßbrause und lecker Kölsch, zum Knabbern Salzstangen, diverse Riegel, Salmiakbälle und einen halben Haribo-Laden Süßkram.

 

Auszeichnung:

Einzigartiger Finisher-Karnevalsorden.

 

Leistungen/Logistik:

Umkleiden, Duschen und Toiletten können im nahegelegenen Clubheim des FC Pesch 1956 e.V. während der gesamten Veranstaltung genutzt werden. An der Strecke selbst befinden sich keine Toiletten.

 

Zuschauer:

Keine.

 

Informationen: Karneval-Marathon
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