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Laufberichte

Jubiläumsrun auf den Berglaufolymp

09.09.12

Irgendwann hat die Serpentinendreherei ein Ende und wir erreichen wieder offenes Gelände mit weiten Almen und einsamen Berghütten. Weiterhin geht es aufwärts, allerdings nicht mehr permanent steil, sodass wir ab und an mal austesten können, ob wir noch lauffähig sind. Eine nette Abwechslung ist die BOB, deren Gleise sich wieder der Laufstrecke annähern, und jeder vorbeiziehende Zug hinterlässt einen Hauch von Karnevalsstimmung.

Absolut hervorragend und durchdacht ist die Verpflegungssituation. Bereits 2 km nach dem Beginn der Steilpassage in Lauterbrunnen bekommen wir wieder Wasser, nach weiteren 1,5 km ist erneut „full service“ angesagt. Die stolze Zahl von 15 Verpflegungsstationen ist zwischen Start und Ziel eingerichtet, davon fünf auf der leichteren ersten Streckenhälfte, zehn auf der anstrengenderen zweiten. Nur drei davon sind reine Wasserausgabestellen, positioniert dort, wo Flüssigkeit aufgrund der vorangegangenen Anstrengung besonders benötigt wird. Ansonsten variiert das Angebot. Es reicht von isotonischen Getränken über Cola bis zur Bouillon, daneben gibt es Energy-Gels und -Riegel, Magnesiumtabs und Bananen.

Wie wichtig die ausreichende „Bewässerung“ ist, zeigt sich gerade an einem Tag wie heute, an dem sich der Sommer noch einmal mit voller Kraft zurück meldet. Im offenen Gelände brennt die Sonne gnadenlos auf uns nieder, der Schweiß fließt in Strömen, so mancher kämpft mit Krämpfen. Aber zum Glück: Die nächste Erfrischung ist nie weit. Die andere Seite dieser Laufbedingungen ist jedoch: Ein traumhaftes Bergpanorama. Je höher wir kommen, desto weiter reicht der Blick über die umgebenden Berge und desto tiefer in das Tal hinein. Und am südlichen Horizont, noch weitgehend verdeckt, spitzt ab und an verheißungsvoll gleißend das Jungfraumassiv hervor.

 

Straßenparty in Wengen

 

Etwa bei km 30 erreichen wir das 1280 m üNN gelegene Dorf Wengen, international vor allem bekannt durch das Lauberhornrennen im Rahmen des Skiweltcups. Unser Laufparcours führt geradewegs die Hauptstraße des langgezogen im steilen Hang klebenden Ortes entlang. Und wie schon in Lauterbrunnen empfängt uns auch hier ein Menschenauflauf und eine Emotion, die man sie bei einem Berglauf, selbst wenn es die Weltmeisterschaft ist, nicht erwarten würde. Ein ohrenbetäubendes Getröte und Getrommel, Gejohle und Geratter begleitet uns auf unserem Weg, Bänder aus roten und weißen, im Wind flatternden Streifen überspannen wie ein luftiger Baldachin die Straße und unterstreichen auch optisch die Partylaune. Ich lasse mich von der Stimmung durch den Ort tragen, vergesse die Schwere in meinen Beinen, habe teil an diesem Fest, das Läufer und Zuschauer hier gemeinsam feiern.

Wengen ist zugleich die letzte Ansiedlung auf unserem Weg zum Ziel. 800 Höhenmeter sind geschafft, 1000 liegen noch vor uns. Doch das „dicke Ende“ lässt auf sich warten. Tendenziell sammeln wir zwar hinter Wengen weiter Höhenmeter, aber nicht sonderlich schnell und immer wieder durchsetzt von flacheren Passagen. In großer Einmütigkeit bewegt sich der Läufertross mal laufend, mal marschierend auf dem Naturweg durch das höhenbedingt immer offenere, nur ab und an von Bergwald unterbrochene Gelände fort. Schon bald liegt Wengen weit hinter und tief unter uns. Und gespannt richtet sich der Blick nach vorne, wo wir immer öfter ausschnittweise einen Blick auf das Weiß der nahenden richtig hohen Berge werden dürfen, jene Berge, die die Kulisse aller Jungfrau-Marathon-Träume bilden. 

 

Im Angesicht des Dreigestirns

 

Bei km 35,5, auf Höhe der Mettlenalp, ist es soweit. Unser Weg folgt der Biegung des Berghangs und auf einmal ist sie da – zunächst noch teilweise durch Fichten verdeckt, dann immer offener und schließlich in voller Pracht: Die Bergkette aus Eiger (3.970 m) , Mönch (4.107 m) und Jungfrau (4.158 m), das berühmte Dreigestirn, schnee- und gletscherbedeckt, mächtig, unnahbar. Das ewige Eis leuchtet im gleißenden Sonnenlicht. Eine Traumkulisse. Nicht nur ich bin einfach hin und weg. „Einfach Wahnsinn“ – „irre“ – „immer wieder überwältigend“, höre ich andere Läufer sagen. Und so ist es. Im krassen Gegensatz zu den schroffen, uns weit über 2000 m überragenden Felsriesen stehen die sanften, grünen Hügel, über die uns bewegen, geradewegs hin zu dieser Szenerie.

Etwa ab km 38 mutiert der bis dahin noch relativ breite Naturweg zu einem profilierten, winkeligen Bergpfad. Ein Überholen ist hier kaum bzw. allenfalls unter unverhältnismäßigem Kraftaufwand mehr möglich. Die meisten stört das aber nicht, letztlich haben sich jetzt ohnehin diejenigen Läufer mit einem vergleichbaren Tempo zusammen gefunden. Bis auf ein paar Hektiker ergibt sich das Gros der Läufer in sein Schicksal und trottet schweigend dahin, einer hinter dem anderen wie auf einer Ameisenstraße. Mich stört das ohnehin nicht: Bei jeder passenden Gelegenheit trete ich zu einem Fotostopp beiseite und reihe mich dann wieder ein.

Ein kurzes Wegstück führt schließlich sogar nochmals bergab, ehe uns kurz vor km 40 traditionell ein Dutzend malerisch im Wiesenabhang aufgereihter Alphornbläser musikalisch auf den letzten großen Anstieg vorbereitet. Weithin hörbar schallen die getragenen Klänge der Schweizer Nationalinstrumente durch die Bergwelt. Dazu lassen Fahnenschwinger großflächige Schweizer Fahnen durch die Luft wirbeln - vor der Kulisse des übermächtigen Gebirgsstocks ein überaus reizvolles, irgendwie unwirkliches Bild. Ich frage mich, wie es die Organisatoren wohl geschafft haben, die musikalischen Ungetüme an diesen Ort zu bringen.

 
 

Informationen: Jungfrau-Marathon
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