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Laufberichte

Hitzefrei

 


Schwarzwaldmädel


Jugendlich ist auch noch immer das Gesicht des nun schon fast hundertjährigen Schwarzwaldmädels mit dem roten Bollenhut. Überall prangt sie unwillkürlich jedem Schwarzwaldtouristen entgegen. Freundlich wirbt sie für diese Urlaubsregion, für Milch, Schinken und lächelt frech vom Flaschenbier. Das unschuldige Schwarzwaldmädel ist nicht ganz unschuldig am Touristen-Boom der beginnenden 1950er Jahre. Dabei war „Das Schwarzwaldmädel“ nur ein Film deutscher Rührselig- und Biederkeit. Der Schwarzwald wurde zum begehrten Reise-, Kur- und Urlaubsziel.

Wenn es schön ist oder gut schmeckt, dann lässt man sich gerne täuschen. So ist der Bollenhut, der als Schwarzwälder Tracht schlechthin betrachtet wird, nur Teil der traditionellen Kleidung in lediglich drei Ortschaften des Schwarzwaldes. Und den Begriff „Mädel“ kennt man nicht im badischen Dialekt. Ach ja, und die leckere, weltberühmte Schwarzwälder Kirschtorte mit der knallroten, zuckersüßen Cocktailkirsche obenauf hat irgendwer erfunden, ein Schwarzwälder war es jedenfalls nicht.

Ich beschließe, ein Stück spazierenzugehen und mal gründlich über alles nachzudenken. Schönheit und Sünde, Ruhe und Bewegung, alle möglichen Themen bieten sich zum Meditieren an. Da fällt mir ein: Seit ich beim Wintertraining auf dem Mountainbike ein weißes Reh (!) erblickt habe, lässt mich dieser magische Moment nicht mehr los. Plötzlich stand es da, kurz starr wie eine Statue, um im nächsten Moment fortzuspringen. Mich hat der Anblick fast aus dem Sattel geworfen. Das habe ich nicht irgendwo im Gebirge des Kaukasus oder hier im dichten Wald erlebt, sondern bei der Umrundung des Frankfurter Flughafengeländes. Zum Glück war ich nicht alleine, sonst würde man mich am Ende noch für verrückt erklären.

Genug getrödelt, noch ein kurzer Blick ins Tal von 745 Metern über NN. Es ist Halbzeit an der Wegscheide. Dort haben es sich ein paar Wanderer am Lagerfeuer bequem gemacht, sie winken mir hinterher.

Mit neuem Schwung „rollt“ es bis zur Schwarzenbachtalsperre wie von selbst. Von weitem sehe ich die Staumauer, damit ist der tiefste Punkt des Marathons erreicht. „Tee, Iso Wasser“, rufen die Herren besten Alters an der Verpflegung. Auch so etwas gibt es immer wieder. Warum soll ich die knapp zwei Kilometer hin und herlaufen, wenn ich doch auch gleich rechts ab kann. Dachte sich sicher der Läufer im blauen Trikot. Um es gleich vorweg zu nehmen, er wurde am Ende aus der Wertung genommen – mir soll es recht sein.

Für alle anderen und mich heißt es nun 900 Meter am Stausee entlang, der sich hinter dem Gebüsch zu verstecken versucht. Es macht keinen wirklichen Spaß, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Am 180 Grad Wendepunkt ruft ein Helfer meine Startnummer, ein anderer schreibt sie auf. „Auf Peter, super Peter“, höre ich es hinter mir brüllen. Schon geht es die gleichen 900 Meter wieder zurück.

„Tee, Iso, Wasser“ rufen die Herren noch immer. Dass es dort auch Brot, Zitronenstückchen und Gourmet-Bananen gibt, behalten die Kerle doch tatsächlich für sich. Ein Mountainbiker glänzt lautstark mit vergangenen Heldentaten: Er war bei der ersten Austragung vor zweiundvierzig Jahren dabei, da sei er gerade siebzehn gewesen. „Ja“, sagt er, „seinen ersten Marathon vergisst man nie.“

Anfänger sind hier die wenigsten. Um mich herum nur Läufer mit Erfahrungen jenseits der Vorstellungskraft. Da ist zum Beispiel René Wallesch, der extra heute aus Hamburg angereist ist und Jochen Höschele. Beide Gesichter erkenne ich wieder. Nicht minder interessant ist Walter Zimmermann aus Marktheidenfeld. Mit 33 Jahren fing er mit dem Laufen an, mittlerweile rennt er seit 27 Jahren Ultramarathons – auch in New York. Jetzt werden vielleicht einige von euch sagen „New York, ja und?“ Aber: Dort gibt es nicht nur den New York Marathon, sondern auch Mehrtages-Ultraläufe, sogenannte (Multidayraces). An sechs oder zehn Tagen wird auf kleinstem und nicht unbedingt attraktiven Gelände gelaufen. Mancher Läufer bringt an einem Tag schon mal 180 Kilometer unter seine Sohlen. Einige Male stand Walter dort schon auf dem Siegerpodest!

Ganz so viele Kilometer hat sich die sonntäglich gekleidete, generationsübergreifende Wandergruppe, an der ich gerade vorbei laufe, sicher nicht vorgenommen. Die Bäume spiegeln sich im glatten Wasser der zwei Kilometer langen Talsperre, nur vereinzelt sieht man die Kringel der Fische auf der Oberfläche und am gegenüberliegenden Ufer lauert ein Angler unter einem grün getarnten Schirm auf fangfrische Beute.


Holländermichel


Die Romantiker verklärten den Wald. Kaum ein Sänger oder Dichter, der ihn nicht beschrieben hätte. Kaum ein deutsches Märchen ohne ihn. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. „Dein ist all Land, wo Tannen stehen, lässt sich nur Sonntagskindern sehen“, schrieb Wilhelm Hauff im berühmten Schwarzwaldmärchen „Das kalte Herz“. Was der erst 24 jährige Märchendichter Wilhelm Hauff über die Flößerei im Schwarzwald schrieb, konnte treffender nicht beschrieben werden. Das Märchen beginnt erst beim "Holländer Michel". Darin wird von dem einfachen Kohlebrenner Peter Munk erzählt, der aus Gier sein Herz an einen Waldgeist, den „Holländer Michel“, verkauft. Als Gegenleistung erhielt er dafür ein hartes und eiskaltes Herz aus Stein. Das veränderte sein Wesen, er wurde hart und böse genauso wie sein steinernes Herz. Es gibt ein Happy End.

Für die Romantik bin ich deutlich ein paar Jahre zu spät, aber hier an der sogenannten „Große- oder Herrenwieser Schwallung“ auf 703 Metern über NN wird mir anhand einer Schautafel erklärt, dass hier bis 1856 das sogenannte „Holländerholz“ zu Tal geführt bzw. getriftet wurde.

So kommt es also, dass ich mich für einen winzigen Moment als Teil dieses Märchens fühle. Amsterdam-Reisende sollten sich bei ihrem Besuch genau das Holz der Krachten betrachten. Starke, sogenannte „Holländertannen“, mussten dafür herhalten. Sie maßen mindestens 30 Meter in der Länge und maßen  an ihrem dünnsten Ende noch 48 Zentimeter. Mittels Pferdekraft wurden sie von den höchsten Höhen des Schwarzwaldes auf „Lotwegen“ hierher geschleppt.


Nationalpark Schwarzwald


Sachte Kurven, der Kies knirscht unter meinen Sohlen, die Strecke führt stetig bergauf; niemals durch Serpentinen, denn so steil sind die Anstiege nun wirklich nicht. Es sei denn, die Strecke würde direkt über die Skipiste hoch auf den Mehliskopf, wie bei dem anfangs erwähnten Berglauf, führen.

Dann müssten wir nun noch auf 9,5 Kilometern eine Höhendifferenz von 776 Metern bewältigen. Für uns stehen am Ende des Tages nur etwa 350 positive Höhenmeter auf dem GPS, die meisten davon laufe ich im Moment auf der halbseitig mit Pylonen gesperrten Schwarzwaldhochstraße. Ein Schild sagt mir, dass ich gleich an der Skihütte angelangt bin.

Hundseck ist als Skigebiet bekannt. Seit über einhundert Jahren gibt es den Ski-Club Bühlertal. Wer es gerne urig mag, hat sich in die kostengünstige Skihütte einquartiert. Die Frage „…sind die Duschen wieder kalt?“ wird von einem anderen Läufer mit „Noch sind sie heiß!“ beantwortet.

Auch Uli Amborn, der mehrmalige Hornisgrinde-Marathongewinner, begibt sich frisch geduscht zur Siegerehrung – auch wenn der Lauf für ihn heute nur ein lockerer Trainingslauf war, denn er startet nächste Woche irgendwo in Thailand. Gespenstisch sieht man schon von weitem die Ruine des Kurhauses Hundseck. In diesem Haus sind schon lange die Lichter aus. In den 1880er Jahren war es noch ein prächtiges Luxushotel für Sommerfrischler oder Reisende wie Mark Twain, später diente es zum Aufpäppeln schmächtiger Kinder und erholungsbedürftiger Bergleute aus dem Ruhrpott.

Auf dem steil ansteigenden Trampelpfad ist plötzlich die Gegenwart präsent: Ich bin im Ziel. Im wahrsten Sinne des Wortes gekrönt wird der Zieleinlauf mit einem Teilnehmer-Präsent, einer Running-Cap. Im großen Festzelt, dem Ausflugslokal für zwei Tage, sitzen die Läufer bequemund entspannt vor großen Weizenbieren und leckeren Maultaschen nach Großmutter Art. Die vielen Sorten Kuchen erinnern an die Auslagen einer Bäckerei/Konditorei, draußen an den Plastikwänden läuft das Regenwasser in kleinen Rinnsalen herab. Gäbe es jetzt noch Schwarzwälder Kirschtorte, ich wäre begeistert!


Resümee:


Die Erwartungen für einen Marathon sind meist groß und sehr verschieden. Spektakulär ist es nicht, was der Hornigsgrinde Marathon am Hundseck zu bieten hat, er ist technisch einfach und auch die Höhenunterschiede sind gering, jedoch die Lage, der weite Blick über Berge, Wälder und Täler ist ausgezeichnet – der Schwarzwald ist und bleibt einfach zeitlos schön. 42 Kilometer, 42 Jahre Erfahrung, 42 Jahre ehrenamtliches Engagement für unser Laufvergnügen. Vielen Dank!

 

Steckbrief:


Distanz 42,195 km / 350 HM/ Hügelige Streckenführung, fast durchgängig im Wald

Wettbewerbe: Neben dem Marathon werden auch ein Halbmarathon, 10 Kilometer Lauf und (Nordic-)Walking angeboten. Halbmarathon und Schülerläufe werdenSamstags, alle anderen Läufe Sonntags ausgetragen.

Verpflegung: Wasser, Tee, Iso, Obst, zusätzl. Cola ab km 30

Zeitmessung: Handzeitmessung per „myraceresult“


Ergebnisse gesamt Männer:

1. Ronny Seifert  LT Furtwangen 3:04:02
2. Florian Huber LC Diabü Eschenburg 3:05:36
3. Dr. Johannes Waldschmidt Männer Rudergesellschaft Wetzlar 3:07:38

Ergebnisse gesamt Frauen:

1. Karin Kern;  LAV Stadtwerke Tübingen;03:17:34 h
2. Natascha Bischoff; LSG Karlsruhe;03:38:43 h
3. Nicole Benning;  EK Schwaikheim;03:44:30 h

Finisher: Marathon 135 Männer, 33 Frauen

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Informationen: Hornisgrinde Marathon
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