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Laufberichte

Warum in die Ferne schweifen?

15.10.11

Die ständig wechselnden Untergründe sind immer gut zu belaufen, es sei denn, ja, es sei denn, man heißt Dietmar (nicht Mücke), eifert dem Dietmar (Mücke) nach und bestreitet seinen ersten Marathon barfuß. Natürlich wird der gebürtige Nürnberger direkt interviewt und nach seinen Erfahrungen befragt, schließlich schätze auch ich den wenig bis unbeschuhten Lauf ebenfalls sehr, bin aber nicht so mutig. Seine FiveFingers hält er in den Händen und zieht diese über, wenn es zu übel wird. Mit den Schuhen an den Füßen enteilt er im Sauseschritt, ist er barfuß, hole ich ihn wieder ein.

Der erste der zu bezwingenden Berge ist bei Km 13 der Große Weißenstein nahe der Ortschaft Lochum. Hier wird es für mich heimatlich, denn nördlich von ihr, nahe Linden,  liegt die Quelle der Wied, die durch meinen Heimatort Waldbreitbach fließt. Einen Wiedweg hat man von hier bis zur Mündung in den Rhein bei Neuwied/Irlich ausgeschildert, 106 km lang, der im vergangenen Jahr von einigen ganz Harten erstmals als Tagestour gelaufen worden war. Ich hatte seinerzeit gekniffen, wohl wissend, was die Jungs sich angetan haben. Denn nicht nur die Strecke an sich, auch sehr, sehr viele Höhenmeter auf und ab, insbesondere in der zweiten Hälfte, sind zu bezwingen. Start war um 5 Uhr, Eintreffen am Rhein um etwa 22.30 Uhr mit viereinhalb  Stunden Zeitverzug gegenüber der Planung. Etliche Passagen des Wiedwegs belaufen wir heute.

Die nächsten 4 km sind beinahe flach, ideal zum Erholen. Vorbei am Golfplatz geht es weiter, die gleichnamige Ortschaft umrundend, an den (zur Zeit trockengelegten) Dreifelder (oder auch See-)Weiher, dem mit 123 ha Fläche größten See der Westerwälder Seenplatte. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde u. a. er künstlich zur Fischzucht angelegt und wird im Übrigen von der Wied durchflossen. Ja, was dem Rhein im Bodensee recht ist... Die wenigen Straßenüberquerungen sind vorbildlich durch die Feuerwehrkameraden gesichert. Die, wenn wir nicht hätten!

Wir umrunden den Dreifelder Weiher großräumig und haben an seiner Südspitze auch den südlichsten Punkt der Strecke erreicht. Dieser Abschnitt ist für mich der attraktivste des gesamten Laufs. Unbefestigte Naturwege führen durch lichten Wald, Wurzelpurzelwege sind zu nehmen und verlangen meine ganze Aufmerksamkeit. Dabei sind einige kleine Brückelchen zu überqueren, klasse. Ich weiß nicht, ob das eine Frage des zunehmenden Alters ist, aber ich kann Landschaftsläufen immer mehr abgewinnen. Der Weg verläuft weiter am Haiden- und Hoffmannsweiher; die Höhenlage der Seenplatte bewegt sich übrigens zwischen 400 und 420 m. Nördlich von Dreifelden haben wir einen 10 km langen, beinahe ebenen, kompletten Kreis geschlagen und befinden uns ab sofort auf dem Rückweg in Richtung Norden.

Um die insgesamt sieben Seen der Westerwälder Seenplatte verläuft der 36 km lange „7-Weiher-Weg“, der auch an den Aussichtstürmen Helleberg bei Freilingen und Gräbersberg bei Alpenrod vorbeiführt, wir belaufen ihn über etliche Zeit. Ausgangspunkt ist der Parkplatz am großen Waldspielplatz Steinen, an dem die Errichtung eines interessanten Natur- und Informationszentrums geplant ist. Nur ein paar Meter sind es zur bereits erwähnten  Wiedbachquelle in der Nähe der Gemeinde Linden. Ich glaube, hierhin muß ich mal zu einem „Langen“ zurückkehren. Oder wie wäre es mit einem „Sieben-Weiher-Marathon“, Sabine? Ruf‘ – mich – an! Die fehlenden 6 km müßten doch auch noch irgendwie zusammenzubekommen sein.

Wieder einmal riesigen Dusel habe ich heute mit dem Wetter: Dank der Startzeit um die Mittagsstunde und eitel Sonnenschein ist mir angenehm warm, auch wenn die Quecksilbersäule von morgendlichen 4° nur auf 11° steigt. Selbst der Wind hält sich in erträglichen Grenzen und gerade der pfeift im Westerwald ja angeblich so kalt. Dem kann auch so sein, ich sage es Euch! Auf jeden Fall ist die Tour deutlich weniger hart als die des Münchner Klaus’ am letzten Wochenende in und um Söll in Tirol. Mein innerer Pigdog hat daher heute maximal Meerschweinchengröße.

Vor mir ist jetzt unverkennbar eine Läuferin unterwegs, die ich jetzt eigentlich überholen könnte, aber seit dem vorletzten Wochenende ich bin gehemmt. Andreas Bericht aus Bremen hat mich nachdenklich gemacht und verunsichert. Ist das Überholen weiblicher Personen durch einen Kerl noch politisch korrekt? Vielleicht gar sexistisch? Andrea zufolge ist der Überholvorgang nämlich als Erbe der Evolution nichts anderes als männliches Imponiergehabe: ein Signal an die Frauen, dass hier ein starker Beschützer gesundes Erbgut weiterzugeben hat. Also: erstens habe ich schon mehrfach und zweitens komme ich langsam aus dem Alter heraus. Jetzt nicht für die technische Durchführung als solcher, sondern für diejenige mit langjährigen Folgen. Daher nehme meinen ganzen Mut zusammen und ziehe vorbei.

Danach gilt es im weiteren Verlauf, wieder an Höhe zu gewinnen. Wobei bis auf die flache Seerunde eigentlich ständige Wechsel zwischen Auf und Ab stattfinden. So kommen natürlich doch etliche Höhenmeter, insgesamt 455, zusammen, wobei die Einzelsteigungen völlig harmlos sind. Natürlich nur dann, wenn Du etwas drauf hast. Ab gut der Hälfte laufe ich den Rest mit Stefan aus dem Bergischen zusammen, wir haben uns viel von vergangenen und zukünftigen Heldentaten zu erzählen und so ist der weitere Verlauf äußerst kurzweilig und lenkt vom völlig fehlenden Zuschauerzuspruch unterwegs ab. Danke, Stefan, und alles Gute beim Röntgenlauf!

Am Campingplatz vorbei begleitet uns wieder das vertraute Bild: Windräder und Kühe, die jede Menge laufender Rindviecher als Artgenossen erkennen. Der Feuerwehr wird der Wäller (Westerwälder) Schlachtruf „Hui Wäller!“ entboten, das „Allemol!“ folgt auf dem Fuße.

Weit voraus bewegt sich, für mich unerreichbar, ein bewunderungswürdiges Phänomen. Obwohl ihm die Bezeichnung eigentlich nicht gerecht wird, denn das klingt nach Zufall und bekanntermaßen kommt nichts von alleine. Der im südlich der Seenplatte gelegenen  Weidenhahn wohnende Norbert Hoffmann, spätberufener Läufer und Senior der 3 Generationen Hoffmann (Opa, Mama, Enkelsohn), ist aktueller Weltmeister der AK M70 im 100 km-Lauf (9:49!!!), errungen in Winschoten. Und läuft mich als 20 Jahre Älterer problemlos in Grund und Boden, dreieinhalb Stunden über flache 42 km sind für ihn durchaus noch Normalmaß. Und das beleibe nicht nur ein Mal im Jahr, der Mann ist die Hölle! Mama Sigrid, Vierte ihrer AK in Winschoten (ebenfalls in 9:49 Std.) steht ihm kaum noch nach (aktuelle Westdeutsche Marathonvizemeisterin in 3:30:55 letzte Woche am Baldeneysee und heute schon wieder „zum Auslaufen“ unterwegs) und ihr Sohn Hans ist auf dem besten Wege, ebenfalls mal Marathonläufer zu werden. Vorletzte Woche noch haben sie als Staffel „3genHoffmann“ Waldbreitbach unsicher gemacht.

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Informationen: Hachenburger Löwen-Marathon
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