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Laufberichte

Nebliges Trailvergnügen

 

 

Bald nach der Brücke lässt uns der erste steile Aufstieg den kalten Regen vergessen. Über die Hirschgasse kommen wir schnell hinauf zum berühmten Philosophenweg. Wo sich einst Studenten, Gelehrte und anderes gebildetes Volk in Gesprächen über das Wesen der Welt verloren, laufen wir heute durch herbstliche Kälte. Wir merken nichts davon, dass dies normalerweise einer der wärmsten Orte Deutschlands ist, weswegen in den parkartige Gärten viele exotische Pflanzen wachsen. Immer wieder genießen wir herrliche Blicke hinab zum Neckar, der Altstadt und zum Schloss. An einer Stelle zeigt eine Schautafel auch den Kupferstich von Matthias Merian aus dem Jahr 1620 und lädt zum Vergleich mit der Gegenwart ein. 

Über Waldwege und Trails steigen wir auf den Heiligenberg. Ein besonderes Schmankerl ist der Aufstieg über die 178 Treppenstufen in der Thingstätte. Die Nazis ließen die 1935 eingeweihte Freilichtbühne vom Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten errichten und nutzten sie für Propagandazwecke. In der großen, im Stil eines griechischen Theaters erbauten Freilichtbühne, fanden in 56 Zuschauerreihen bei der Einweihung 20.000 Menschen Platz. Heute verhüllt der Nebel hier oben so stark die Sicht, dass man von den unteren Stufen nicht bis ganz hinauf und von oben nicht bis zum Eingang hinab sehen kann, was die Szenerie besonders mystisch macht. 

Kilometerweit wechseln sich breite Waldwege und schöne Single-Trails ab, mal bergauf, mal bergab. Noch immer umgibt uns Nebel, nur der Regen hört allmählich auf. Mir gefallen die Trails ausgesprochen gut. Ich fühle gut, setze ich ein wenig auf Risiko und laufe die ersten 12 km trotz vieler Höhenmeter im für mich auf solcher Strecke eigentlich zu hohem Tempo. Vielleicht kann ich schneller sein, als vor zwei Jahren. Falls mir später aber die Kraft doch ausgeht, wird das Zeitlimit trotzdem reichen.

Dann erreiche ich beim Weißen Stein den mit 548 m höchsten Punkt unseres nördlichen Streckenabschnitts. Hier stehen ein 23 m hoher Aussichtsturm, der 1906 vom Odenwaldklub erbaute wurde, ein 108 m hoher Fernmeldeturm sowie eine Gaststätte mit Biergarten. Etwa 18,5 km sind nun schon geschafft, jetzt geht es eine Weile meist leicht bergab. 

Bald darauf erreiche ich die zweite Verpflegungsstelle, wo gleichzeitig auch der zweite Wechselpunkt für Staffeln ist. Abgesehen vom höheren Trail-Anteil, orientieren sich die Veranstalter auch hinsichtlich der Verpflegungsstellen mehr an klassischen Trailrunning-Events. So gibt es jetzt unterwegs nur noch 4 (statt wie bei der Premiere 12) Verpflegungsstellen. Dafür wird das Mitnehmen eigener Wasservorräte in der Ausschreibung empfohlen. Wer das so nicht kennt, kann schon einmal reinschnuppern in die Versorgung bei den großen Ultra-Trails,  bei denen man oft sogar mehr als doppelt so lange laufen muss, bis man wieder seine Flaschen auffüllen kann. Wie unterwegs zu hören ist, kommt das nicht überall gut an. Vielleicht hat auch nicht jeder die Ausschreibung aufmerksam gelesen. Aber ganz ehrlich - wer bei so einem Lauf startet, der sucht doch die Herausforderung, oder nicht? 

Auf den nächsten Kilometern hinab zum Neckar wurde der Asphalt-Anteil erheblich reduziert. Obwohl ich in meinen Beinen inzwischen deutlich das zu hohe Anfangstempo merke und ich nicht so schnell bergab rennen kann wie ich will, kann ich hier einige Plätze gutmachen. Für Staffeln  ist dieser Lauf perfekt, denn man kann die einzelnen Abschnitte ideal entsprechend der individuellen Stärken aufteilen. Vom Weißen Stein nach Schlierbach sind die Sprinter gefragt, danach die kräftigen Bergsteiger und ganz am Schluss Leute, die wie ich steinige  Abstiege lieben. 

Bei Schlierbach überqueren wir den Neckar. Noch immer hängen die Wolken tief an den Bergen der Umgebung. Eine sehr sympathische Idee finde ich die in kurpfälzischem Dialekt geschriebenen Sprüche, mit denen manche Kilometermarkierungen verziert wurden, z.B. bei km 30: "De Rescht machscht mit links!"

Die dritte Verpflegungs- und Staffel-Wechselstelle führt vielleicht manchen Läufer mit vorübergehendem Motivationsloch in Versuchung, denn direkt daneben ist ein Bahnhof, von dem aus man bequem bis zur Heidelberger Altstadt zurück fahren könnte. 

Es folgen einige Kilometer mal bergauf, mal bergab, zwischendurch auf Trails, meist aber  auf breiteren Waldwegen. Schade, dass ich nun öfters gehen muss,  statt zu laufen. Das ist die Quittung für mein zu hohes Anfangstempo.

Dann erreiche ich den Streckenabschnitt, auf den ich mich schon seit Wochen freue: die steile, aus Natursteinen errichtete Himmelsleiter. Ich liebe diese schon 1844 erbaute Felsentreppe und habe sie schon mehrfach zum Training für alpine Rennen genutzt. Wer aber zum ersten Mal hier ist, vor dem Start weder Streckenbeschreibung noch Laufberichte gelesen hat und dachte, anspruchsvolle Trails hinter sich zu haben, der kommt nun ordentlich ins Staunen, Schwitzen und Fluchen.

Etwa 250 Höhenmeter steigen wir auf der Himmelsleiter empor, nur unterbrochen durch eine Schleife auf einem breiten Waldweg. Klasse! Wirklich klasse!  Auf meiner Trainingsstrecke vom Kornmarkt in der Fußgängerzone bis zum Gipfel sind es insgesamt sogar 1600 Stufen.

Während bei Ultra-Trails Stöcke immer öfters empfohlen werden, ist dies hier beim Trail-Marathon ausdrücklich verboten. Mindestens ein Teilnehmer ignoriert das. Vielleicht an Analphabet.

Bei km 36 erreiche ich den 567 m hohen Königstuhl. Vom Sendeturm, dem Märchenpark und der Greifvogelwarte sehen wir nichts, aber direkt hinter der Verpflegungsstelle erblicken wir Heidelberg, den Neckar, die Rheinebene und auf der anderen Seite die Berge der Pfalz.

Jetzt folgt ein sehr steiniger Trail bergab. Trittsichere Läufer sind jetzt klar im Vorteil. Nach etwa einem Kilometer rasantem Downhill muss ich noch einmal ein paar Minuten auf einem breiten Forstweg aufsteigen, dann folgt schon der nächste tolle Trail. Als ich die Trasse der Bergbahn überquere, sehe ich über mir das Restaurant Molkenkur, unten die Altstadt von Heidelberg. Bereits seit dem Jahr 1890 fährt eine Bergbahn bis Molkenkur, 1907 kam eine weitere von dort bis zum Gipfel hinzu, die sogar elektrisch faährt. Der untere Streckenabschnitt wurde inzwischen durch eine sehr moderne Bahn ersetzt. 

Und weiter gehen die Trails. Jetzt macht mir das Laufen wieder richtig Spaß! Doch wo bleibt die für den Nachmittag angekündigte Auflockerung der Wolkendecke?

Erst kurz vor dem Schloss laufe ich wieder auf normalen Wegen. Noch ein Stück durch den Schlossgarten, dann eile ich hinab zum Ziel. Beim Finish habe ich oft gemischte Gefühle. So auch heute. Einesteils bin ich froh, den einst Hortus Palatinus genannten Schlossgarten zu erreichen, andererseits bedeutet es aber auch, dass ein schönes Lauferlebnis zu Ende ist.

 

 

5:42 ist nicht das Ergebnis, das ich heute gerne erzielt hätte, aber andererseits bin ich mit Platz 248 von 295 Männern, die innerhalb von 7 Stunden gewertet wurden, doch zufrieden. Von den Frauen stehen 53 auf der Finisherliste. 

Zehn Minuten nach meiner Zielankunft blinzelt der erste Sonnenstrahl zu mir herab. Eine Weile setze ich mich noch auf eine der Schloss-Terrassen, dann fahre ich bei inzwischen wolkenlosem Himmel nach Hause. 

Im Gegensatz zu alpinen Trails, ist Nebel wie hier in Heidelberg kaum ein Nachteil. Klar, Sonnenschein ist immer schöner, aber insgesamt ist dieser Trail-Marathon bei jedem Wetter eine Empfehlung. Man sollte die Strecke aber nicht unterschätzen. Wer aber gut trainiert hat, vor allem auch ab und zu auf steileren Trails, wird Freude haben und im Ziel stolz und glücklich sein. Es gibt leichtere Landschaftsläufe und es gibt schwerere Trail-Rennen. In der jetzigen Form bietet der Heidelberg Trail Marathon aber eine meiner Meinung nach perfekte Symbiose. Sie gefällt sowohl konditionsstarken Landschaftsläufern, die eine anspruchsvolle Herausforderung suchen, als auch leidenschaftlichen Trailrunnern, die sich auf einer schönen Strecke Spaß und Freude wünschen.
 

 

Einen  weiteren Laufbericht mit
vielen Bildern findet ihr hier

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Müller, Matthias (GER)  03:14:35  
2 Abel, Kim  03:24:47  
3 Sharpe, Charlie (ENG) 03:25:41  

Frauen

1 Quigly, Aoife  03:49:52  
2 Jakob, Anja (GER) 03:59:04  
3 Kenty, Daniela (GER)  04:03:59

348 Finisher

 

12
 
 

Informationen: GELITA Trail Marathon Heidelberg
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