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Laufberichte

Fuß-Wallfahrt zum dicken Anton

17.12.11

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto geht es auch bald weiter, schließlich ist es nicht ganz warm und Bewegung daher willkommen. Und die führt vornehmlich nach unten. Auf den nächsten 6 km verlieren wir ca. 230 der vorher mühsam erarbeiteten Höhenmeter. 15 % Gefälle verkündet das Verkehrszeichen, ich glaube es nicht, aber Andreas empfiehlt mir, mich mal umzudrehen. OK, gekauft.

So stoßen wir am Ende des Gefälles bei km 31,8 auf die Steinbachtalsperre, Beginn der fünften Teilstrecke. Sie wurde auf Druck der Euskirchener Tuchindustrie gebaut, die gegen Ende der 1920er Jahre ihren Wasserbedarf aus den natürlichen Bachläufen nicht mehr decken konnte. Gute 17 m ist der Stausee tief, ein schönes Freibad lädt zu anderer Jahreszeit zum Planschen ein. Heute eher weniger. Dennoch schaue ich mich ganz besonders interessiert um, denn auf dem dreimal zu nehmenden 3 km-Kurs um den See soll in zwei Wochen Elkes und mein Silvesterlauf stattfinden.

Drei km weiter wartet mit der Hardtburg wieder ein optischer Leckerbissen auf uns. Die gut erhaltene Ruine einer Wasserburg aus dem 11. oder 12. Jahrhundert ist zwar schon seit dem 18. Jahrhundert ruinös, wird aber seit 1965 instandgehalten, ist frei zugänglich und macht von außen einen guten Eindruck. Hier ist nun die allerletzte Möglichkeit, noch zu uns zu stoßen oder den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und aufzuhören. Letzteres wäre aber doof, denn es sind nur noch 8,5 km ins Ziel und nach 35 km aussteigen?

Hoch über Kreuzweingarten genießen wir am Hochkreuz den Blick über diesen Euskirchener Stadtteil, bis wir durch diesen Ort einem weiteren Höhepunkt zustreben, den man allerdings gezeigt bekommen muß, sonst rennt man daran vorbei: Die Reste eines Römerkanals (Wasserleitung) zeigen uns, in welch hohem Lebensstandard man schon vor zwei Jahrtausenden zu leben verstand. Die Wasserleitung nach Köln war eines der längsten Aquädukte des römischen Imperiums und gilt als größtes antikes Bauwerk nördlich der Alpen. Zum Schutz vor Frost etwa 1 m unterhalb der Erdoberfläche verlaufend, wurde sie um das Jahr 80 n. Chr. aus Gußmauerwerk (Vorläufer des Betons, wie das Kolosseum in Rom) und im Halbbogen gemauerten Steinen vom römischen Heer erbaut und ca. 180 Jahre lang genutzt.

Sie hatte eine Länge von 95,4 Kilometern und eine Transportkapazität von bis zu 20.000 Kubikmetern Trinkwasser je Tag. Zählt man die verschiedenen Zuleitungen von den Quellen noch hinzu, dann hatte die Leitung sogar eine Länge von 130 km. Die Anlage versorgte die damalige römische Stadt Köln mit Wasser für die öffentlichen Laufbrunnen, Thermen und privaten Hausanschlüsse und transportierte das Wasser einzig und allein durch ihr Gefälle. Sie gehört zu den Denkmälern damaliger, bis heute nachwirkender, Ingenieurskunst. Das, was heute noch zu sehen ist, sieht beileibe nicht nach zweitausend Jahren aus. So manches, was auf „nur“ tausend Jahre angelegt war, existierte bekanntermaßen schon zwölf Jahre später nicht mehr…

Die Wege sind wirklich schwer matschig vom Regen der letzten Tage. Nicht weiter verwunderlich, daß man hier im Februar dieses Jahres den ersten internationalen (!) Crosslauf durchgeführt hat! Das, was uns der November an Nässe verweigert hat, gibt uns der Dezember zum Ausgleich doppelt zurück. Ich jedenfalls bin froh, mal wieder meine GoreTex-Schuhe anzuhaben, die Füße sind nach wie vor trocken. Dem Doc Michel, der im April noch in schwarzen Strapsen per Rad auf der Piste war, wäre es heute definitiv zu frisch. Unser Johannes jedoch findet so ein Wetter klasse, aber der steht ja bekanntermaßen auf alle Arten von Schweinereien.

Etliche Serpentinen führen uns ins Dorf hinab und im beständigen Wechsel zwischen Auf und Ab begeben wir uns auf die letzten Kilometer, die wie immer etwas zäh zu werden beginnen, zumindest für mich. Aber das intensive Gequassel mit Andreas lenkt erfolgreich ab und irgendwann ist auch der längste Weg mal zu Ende. Kurz nachdem uns das Euskirchener Ortsschild wieder heimatliche Gefilde angezeigt hat, sind wir an Andreas‘ Haus angelangt und haben es wieder einmal geschafft. Mit trockenen Kleidern versehen, sitzen wir noch gemütlich im Butzschen Wohnzimmer, mampfen Giselas Vollkornleckereien (vier verschiedene Sorten, nur beim Vollkornschnitzel mit Vollkornpommes mußte sie passen) und bekämpfen die Dehydration mit jeder Menge Wasser und heißem Tee.

Wie mein Lauffreund Werner Kerkenbusch mache auch ich heute für dieses Jahr damit das Dutzend voll, so viele Marathons und länger habe ich auch noch nicht absolviert: Mit einem, nein, DEM 50er in Rodgau begann es, untertage ging’s in Merkers weiter, Rom begeisterte, zwei Etappen auf dem Rheinsteig folgten, der Zehenbruch ärgerte, dann kamen nächtens Marburg und die Hornisgrinde. Als Höhepunkt empfand ich den Jungfrau-Marathon bei stahlblauem Himmel und großer Wärme, gefolgt von Hachenburg, Nairobi und dem Karnevalsmarathon. Und heute schließt sich, diesmal ohne Eis und fast ohne Schnee, der Kreis bei diesem wunderschönen Landschaftslauf.

Streckenbeschreibung:
Anspruchsvoller Rundkurs mit zahlreichen Steigungen und Gefällen auf teilweise schwierigen Wegen, 878 Höhenmeter. 90% Forst-, Wald- und Feldwege.

Auszeichnung:
Urkunde aus dem Internet

Logistik:
Keine

Verpflegung:
Keine, jeder Teilnehmer ist für die Ver- und Entsorgung selbst zuständig. Bei diesem Lauf Wasserversorgung beim km 23,7.

Kostenbeitrag:
Keiner, es wird aber um eine Spende von 2-5 € gebeten, die zu 90% zugunsten der Sportförderung behinderter Kinder und zu 10% zum Erhalt der Kapelle Decke Tönnes weitergereicht wird.

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Informationen: Decke Tönnes
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