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Laufberichte

Corona zum Trotz: Wat mutt, dat mutt

 

Es ist noch lange nicht vorbei. Auch als unerschütterlicher Optimist kann ich mich der Erkenntnis nicht entziehen, daß unser derzeitiges Leben unverändert weiterhin maßgeblich vom Auftreten eines kleinen Virus bestimmt wird. Viel lieber würde ich damit das durchaus willkommene Laufvirus meinen, das uns alle schon lange befallen hat, aber dieses ist es leider nicht. Das gemeinte und gleichermaßen gemeine kleine Mistding ist immer noch dabei, unser Tun nach seinen Regeln zu bestimmen, dabei wollen wir alle doch so gerne zu unseren normalen Gewohnheiten zurückkehren. Lauftechnisch macht es uns derzeit fast überall einen dicken Strich durch die Rechnung.

Wie viele unserer vielbesuchten Lieblingsveranstaltungen sind alleine in Germanien dieses Jahr schon ausgefallen, weil derart große Menschenansammlungen nicht verantwortbar erschienen: Hamburg, München, Berlin, Frankfurt, Münster, Dresden. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, es ist ein Graus. Zahlreichen mittleren und leider auch kleineren Läufen hat es ebenfalls das Genick gebrochen. Doch den einen oder anderen Lichtblick gibt es. So fassten sich vor vier Wochen Sabine und Reinhold im Westerwald ein Herz, zogen ihren Biermarathon durch und bescherten mir so den ersten „gescheiten“ Marathon seit Ausbruch der Pandemie. Das Hoffen, Bangen und Setzen auf kleine Veranstaltungen ging für mich weiter. Und siehe da: Bremerhaven hat genau dieses Kaliber und zieht’s erfreulicherweise durch, daher mache ich mich auf in den Norden unserer gebeutelten Republik. Corona zum Trotz: Wat mutt, dat mutt (§ 2 des Bremerhavener Grundgesetzes).

Hier waren wir unentschuldbarer Weise noch nie gewesen, daher reisen wir schon am Freitag an, nutzen den Samstag zu einer ausgiebigen Besichtigung und versuchen dabei, unsere Laufwerkzeuge nicht allzu sehr zu strapazieren. Wie immer wurde der Vorsatz schnell über Bord geworfen. Die besondere Lage der Stadt an der Wesermündung in die Nordsee bietet, wie wir schnell feststellen, die perfekte Kombination aus wasser- und landgebundenen Sehenswürdigkeiten, über die im Zuge des Laufs zu sprechen sein wird. Als Exklave mit gut 113.000 Einwohnern und damit exakt Koblenzer Kragenweite gehört sie zum Land Freie Hansestadt Bremen, wer’s nicht gewußt haben sollte. Unser Hotel am Theaterplatz ist gerade mal 200 m von Start und Ziel entfernt und damit optimal im Herzen gelegen.

 

 

Die Startunterlagen, Elke hat für den Zehner, ich überraschenderweise für den Marathon gemeldet, gibt’s am Samstag ab 13 Uhr aus einem Zelt an Start und Ziel heraus. Für die Übergabe eines Umschlags mit der Startnummer hat man die Hürden hoch gelegt: Pflicht zum Tragen des Mund-Nase-Schutzes, Handdesinfektion, Abstand beim Anstehen, Plexiglasscheibe am Schalter. Natürlich ist das überzogen, jeder weiß es. Jeder weiß aber auch, daß viele mit Argus- und auch neidischen Augen das Geschehen beobachten, daher alles richtig gemacht.

Eine Pastaparty gibt es auch. Gegenüber der Startnummernausgabe hat man ins Karstadt-Restaurant eingeladen, wo ein reichhaltiges und vielfältiges Angebot an Nudel- und Reisgerichten der Vernichtung harrt, Nachschlag inklusive. Es schmeckt prima, hoffentlich ist das bis morgen verdaut. Der Klönschnack mit Co-Autor Thomas Enck ist kurzweilig und wird auf der Straße im gegenüberliegenden Eiscafè fortgesetzt, die Fettdepots werden dabei reichlich gefüllt. Thomas ist ganz mutig: Zwar vergeht beim Ultraläufer kaum ein Tag ohne Sport, jedoch liegt der letzte längere Lauf sehr lange zurück. Offensichtlich leiden wir beide an der Allergie gegen lange Läufe ohne Startnummer, denn die sind ja bekanntermaßen sinnlos.

Läuferfreundlich ist der Startzeitpunkt am Folgetag: Nach den Halbmarathonern sind wir um 9:45 und 9:50 Uhr an der Reihe. So ganz ohne Anpassungen an die besondere Situation geht’s aber auch hier nicht, wie man schon an der doppelten Startzeit erkennt. Es ist ein Sammelplatz für alle Läufer 100 m vom Start entfernt eingerichtet, wo sich, wie bei großen Leichtathletikmeisterschaften, ein sogenannte Callroom (nicht zu verwechseln mit einem Callcenter!) befindet. Hier sammeln sich die Teilnehmer des jeweils nächsten Laufs nach Aufruf. Pro Start dürfen im Fünf-Minuten-Abstand jeweils 100 Läufer/innen starten. Die Läufe werden nach den gemeldeten Zielzeiten sortiert, so daß die schnellsten Läufer im schnellsten Lauf vorne stehen. Im Startkanal findet jeder einen Startpunkt, der seiner Startnummer zugeteilt ist. Danach wird Reihe für Reihe auf die Reise geschickt, bei der Nettozeitnahme kein Problem. Die Maskenpflicht entfällt erst, wenn man frei laufen kann.

 

 

Genauso geschieht es auch, wir Läufer sind ja gehorsam, machen dem Veranstalter keine Probleme und folgen zum Startplatz vor der Großen Kirche, dem Dreh- und Angelpunkt der heutigen Veranstaltung. Der beeindruckende Klinkerbau (offizielle Bezeichnung „Gemeinde zur Bgm.-Smidt-Gedächtniskirche“) wurde 1855 eingeweiht, der Kirchturm 1870 angebaut. Mit seiner beachtlichen Höhe von 80 Metern war er auch eine Landmarke für die Schifffahrt. 1944 bis auf den Turm zerstört, wurde die Kirche 1960 wieder eingeweiht. Fünf Minuten nach der ersten Welle überschreite auch ich die Startlinie, um die erste von vier 10,55 km-Runden unter die Füße zu nehmen.

Aber auch nach dem Start sind wir angehalten, uns coronakonform zu benehmen: Eine Schutzmaßnahme während des Laufs bestimmt z.B., dass neben dem Rechtslaufgebot den Schildern, Hütchen, Gittern und Bodenpfeilen auf der Laufstrecke zu folgen ist. Ein Abkürzen (Kurve schneiden, etc.) ist ausdrücklich untersagt. Klar ist damit natürlich, dass am Ende jeder eine längere Strecke auf dem Tacho haben muss, wenn er sich konsequent daran hält. Denn bei der amtlichen Vermessung ist nämlich genau das (Kurve schneiden, sofern keine Absperrung vorhanden ist, man sie also laufen kann) gemacht worden, um sicherzustellen, dass die offizielle Streckenlänge auch tatsächlich erreicht wird. Und ein Promille hat man sicherheitshalber zusätzlich draufgeschlagen, also 10,55 m auf unserer 10,55 km-Strecke.

Vom Ende der Fußgängerzone haben wir schnell die Alte Geestebrücke, neben dem später folgenden Weserdeich der höchste Punkt unseres Kurses, erreicht. Berglaufqualitäten werden heute also nicht gefragt sein, pro Runde fallen atemberaubende zwanzig Höhenmeter an. Als Drehbrücke führt sie seit 1904 über die Geeste. Klasse anzusehen zieren zwei stählerne Bremer Wappen das Portal an der Nordwestseite, von der wir zuerst kommen, und zwar das Landes- und das damalige Stadtwappen von Bremerhaven. Seitlich davon sind zudem der Leuchtturm Roter Sand und ein Dampfschiff des Norddeutschen Lloyd abgebildet. Insgesamt achtmal werden wir diese Brücke heute überqueren. Hübsch ist sie, insbesondere für Fans des Jugendstils.

Das Morgensternmuseum (Historisches Museum Bremerhaven) am Geesteufer zwischen unseren beiden Brücken zeigt die Geschichte Bremerhavens und seiner Umgebung, wenn man denn Zeit für einen Besuch hätte. Unter der Kennedybrücke auf unangenehmem Kopfsteinpflaster laufen wir durch, die Brückenrampe hoch und gleich danach über sie. Mit dem Sturmflutsperrwerk bildet sie seit 1960 ein kombiniertes Wasserbauwerk, das die Stadt vor Überschwemmung durch Sturmfluten schützt. Aufgrund der Breite der Wege, insbesondere auf der hier für uns gesperrten Straße, fällt das Einhalten der Benimmregeln leicht: Beim Laufen den Abstand einzuhalten und das Überholen an günstigen Stellen vorzunehmen, beim Überholen den Überholten nicht anzuschnaufen, sondern kurz den Kopf wegzudrehen. Schön ist der Blick auf die bunten Schiffe mit dem 107 m hohen Richtfunkturm als Hintergrund.

Wir bleiben gehorsam und kommen, am Richtfunkturm vorbei, zum Südende des Weserdeichs, an dem der Wasserstandsanzeiger liegt, der die Kapitäne über den Gezeitenstand der Wesermündung informierte. Wie früher die Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche und der Leuchtturm „Lange Heinrich“ ist der Wasserstandsanzeiger (wieder) das Wahrzeichen Bremerhavens. Fast 32 Meter hoch, ist die stählerne Gitterkonstruktion die einzige erhalten gebliebene historische Anlage ihrer Art an der Deutschen Bucht. Nach ihrer Sanierung 1978 wurde sie in die Denkmalliste des Landes Bremen aufgenommen, erfährt heute jedoch nur noch eingeschränkte Nutzung. Ein netter Blickfang ist sie allemal.

Ich bin froh, heute mal wieder auf einem Stadtkurs unterwegs zu sein, auf dem es vor auch zu beschreibenden Fotomotiven nur so wimmelt. Angenehm ist es, sich beim Knipsen eher disziplinieren als krampfhaft nach etwas halbwegs Lohnendem Ausschau halten zu müssen. Das hinter dem Wasserstandsanzeiger liegende (gesperrte) Weser-Strandbad, nur ein paar Meter entfernt von den Havenwelten und den großen Einkaufszentren, soll normalerweise ein traditionelles norddeutsches Strandleben mit Strandkörben und vorbeiziehenden Schiffen mitten in der Stadt bieten. Kann man sich unschwer vorstellen. Allerdings ist das Baden in der Weser aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt und wäre jetzt eh unpassend. Wenn auch wettertechnisch willkommen, denn wir haben einen Bombentag mit hohen Temperaturen und für hiesige Verhältnisse fast Windstille erwischt. Da habe ich den Berichten der vergangenen Jahre ganz andere Bilder entnommen.

 

 

Auf der Deichkrone, links die Weser, rechts die noch zu beschreibenden Gebäude der Havenwelten, kommen wir gut voran. Ein paar Meter tiefer, direkt an der Weser, geht es weiter. Wir passieren, leider mit einiger Entfernung, das ausdrucksstarke Auswandererdenkmal, der Vater weist seiner Familie den Weg in die neue Welt. Politisch heute wahrscheinlich auch nicht mehr korrekt.  Da sagt die Mutter, wo's langgeht. Es steht heute an der Stelle eines ehemaligen Docks, von dem früher die Auswanderer abgereist sind. Mehr als sieben Millionen Menschen sollen zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus die Schiffspassage nach Übersee angetreten haben. Im äußerst gelungenen Deutschen Auswandererhaus, wir haben es am Samstag besucht, wird einem diese geschichtliche Episode eindrücklich nahegebracht.

Parallel zum Alten Hafen, der als erstes im neu gegründeten Bremerhaven angelegtes künstliches Hafenbecken den Kristallisationskern für die nachfolgende Stadt- und Hafenentwicklung bildet, passieren wir eine Klappbrücke im holländischen Stil. Im September 1830 hatte das amerikanische Segelschiff DRAPER als erstes Überseeschiff das neu erbaute Hafenbecken angelaufen. In der Folgezeit entwickelte sich der Alte Hafen zur Drehscheibe für den aufstrebenden Auswandererverkehr in die USA, eine Funktion, die er nach dem Bau des weiter nördlich gelegenen Neuen Hafens (1851) allmählich einbüßte. Es folgt die kurze Besichtigung des Leuchtturms Bremer Unterfeuer, eines rot-weiß gestreiften Leuchtturms. Linkerhand grüßt das sog. Windsemaphor. Uns wird weisgemacht, es handele sich um einen historischen optischen Windanzeiger, und die beiden Buchstaben B und H stünden für Borkum und Helgoland. Doch das ist natürlich Unsinn. In Wirklichkeit war das nämlich die Stelle, an der die Auswandererfrauen als Opfergabe für eine glückliche Überfahrt ein bestimmtes Kleidungsstück über Bord zu werfen hatten.

Auswandererdenkmal und Windsemaphor hinter uns lassend, folgt die Umrundung des Zoos am Meer, der sich als Themenzoo auf wasserlebende und nordische Tierarten spezialisiert hat. Hier ist der westlichste Punkt unseres Kurses erreicht. Nur wenige Meter trennen uns vom Großen Leuchtturm von 1856, einem tollen, 40 m hohen Backsteingebäude. Das steht als Bremerhavener Oberfeuer am Neuen Hafen und ist der älteste noch in Betrieb befindliche Festland-Leuchtturm an der Deutschen Bucht. Heute zu den Wahrzeichen Bremerhavens zählend, steht das Bauwerk seit 1984 unter Denkmalschutz. Huldvoll grüßt Michael Brehe, der Organisator des Rubbenbruchseemarathons, wie immer ganz in bajuwarisches Rot gehüllt. Davon abgesehen ist er wirklich ein netter Kerl, immer wieder freue ich mich, ihn zu treffen. Selbst in Lissabon und Dubai ist er mir schon über den Weg gelaufen.

Über die sog. grüne Brücke – hier liegen noch die Schienen der ehemaligen Straßenbahn - dackeln wir entlang des neuen Hafens bis zur Wendemarke auf Höhe der Querstraße, unmittelbar an einem alten, restaurierten Kran, der sich quasi zwischen die Häuser zwängt. Dessen Restaurierung, so lernen wir auf der Hafenrundfahrt, soll stolze drei Millionen Euro verschlungen haben. Wir kehren, an zahlreichen neuen Mehrfamilienhäusern zu ganz sicher stolzen Preisen vorbei, wieder zum alten Hafen zurück. Besonders missvergnüglich ist auch hier das Kopfsteinpflaster, aber wer ein echter Trailer zu sein vorgibt, sollte besser aufhören zu jammern und seine Klappe halten. Apropos Klappe: Ivan Theunissen aus Holland, der Sieger des Marathons von Hachenburg, erkennt mich wieder und ruft ein lautes Hallo herüber. Offensichtlich habe ich ihm vor vier Wochen gebührend genug gehuldigt. Heute wird er respektabler Achter und Dritter seiner Altersklasse.

 

 

Ein Glanzlicht jagt das nächste: Wir streifen das unter Denkmalschutz stehende Deutsche Schifffahrtsmuseum, das als eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft Ausstellungs- und Forschungstätigkeiten vereinigt. Erste Ideen zum Bau waren 1935 entstanden, fertiggestellt wurde es 1975. Als Hauptattraktion gilt die seit 2000 fertig restaurierte, in Bremen gefundene Bremer Kogge aus dem Jahr 1380. Weiter werden Schaustücke zu verschiedenen Schifffahrtsepochen und zu den Themen Handelsschifffahrt, Fischerei und Walfang, Polarforschung, Militär und mehr ausgestellt. Leider war uns die Zeit für einen Besuch zu knapp gewesen.

Ein Wort zu den Versorgungsstellen auf der Strecke: Es stehen Getränke und Obst auf Tischen bereit, die selbst zu nehmen sind. Es wird nichts gereicht. Soweit die Ausschreibung und so geschieht es auch. Die Jungs und Mädels sind bemüht und freundlich, zu wünschen lässt einzig das Angebot übrig: Wasser, Cola, Apfelschnitze. Zu essen brauche ich nichts, aber Iso geht mir echt ab. Mit reinem Wasser komme ich auf Dauer nicht über die Runden, insbesondere nicht an einem so warmen Tag, und mit Cola will ich nicht schon von Anfang an loslegen. Dies ist jedoch die einzige Kritik an einer ansonsten mustergültigen Veranstaltung mit vielen zu lösenden (und gelösten!) Problemen im aktuellen Umfeld. Ich bin heilfroh, hier sein und an einem „richtigen“ Marathonlauf teilnehmen zu können.

Neben uns sind aus der Ferne heute übrigens jede Menge Langstreckenlauf-Darbende nach Bremerhaven gereist, um ihr Marathonglück zu finden. Verloren sich im vergangenen Jahr noch 67 Männlein und 15 Weiblein auf den letzten beiden Runden - nachdem alle anderen Wettbewerbe beendet waren -, konnten sich die Veranstalter heuer über fast 200 Anmeldungen, so viele wie wohl noch nie, freuen, von denen es 153 (133/21) in die Ergebnisliste geschafft haben. Obwohl, um ehrlich zu sein, bei dem derzeit dürftigen Angebot an Laufveranstaltungen hätten es noch viel mehr sein müssen. Egal, die Verdoppelung ist auf jeden Fall der Lohn für den Mut, den Lauf allen Widrigkeiten zum Trotz situationskonform durchgezogen zu haben. Sicherlich hat auch die Absage des Marathons von Bremen ihr Scherflein zum Erfolg des Marathons seines Havens beigetragen. Es ist zu wünschen, dass dies keine Eintagsfliege bleibt.

Weiter präsentiert sich uns zunächst das in seiner Form einem Boot ähnelnde Klimahaus Bremerhaven 8° Ost. Das wissenschaftliche Ausstellungshaus bietet die Möglichkeit einer virtuellen Reise um die Erde in Nord-Süd-Richtung auf etwa der geographischen Länge des Ausgangspunktes, 8°34′30″ östlich von Greenwich, und in der Verlängerung über den Südpol in Nordrichtung entlang des 171. bis 172. westlichen Längengrades. Die rund 18.800 m² große Wissens- und Erlebniswelt greift in drei Ausstellungsbereichen (Reise, Perspektiven und Chancen) den Themenkomplex Klima und Klimawandel auf. Auch das war uns aus Zeitgründen leider nicht vergönnt.

 

 

Daneben meine ich mit dem Atlantic Hotel Sail City ein doppeltes Déjà-vu zu haben: Das Gebäude erinnert in seiner Form frappierend an das 7-Sterne-Hotel Burj al Arab in Dubai, auch einem Hotel am Tejo im Lissaboner Park der Nationen kommen die Umrisse nahe. Zarte Erinnerungen an zwei tolle Marathonaufenthalte werden wach. Es folgt mit dem Mediterraneo ein nettes kleines, aber feines Einkaufszentrum (Outlet) mit Cafés und Restaurants in mediterranem Stil. Schaut mal hinein: Lichtdurchflutet durch eine Kuppel über den Cafés hebt es sich nach unserem Geschmack wohltuend von so manchem Riesenzentrum ab und vor allem auch von den in seiner Mehrzahl doch eher tristen Geschäften der Innenstadt. Auch der Museumshafen verdiente noch eine ausführliche Beschreibung, aber das würde den Rahmen endgültig sprengen. Wer noch nie in einem U-Boot war: In der Wilhelm Bauer ist es möglich.

Wieder über Kennedy- und Geestebrücke führt uns der Kurs jetzt entlang der Geeste, dem untersten Nebenfluss der Weser. Mit seinen 40,1 km Länge von der Quelle bis zur Mündung ist er fast marathongeeignet. In seinem Unterlauf mäandert er schön durch Bremerhaven, von ehemals fünf Flussschleifen sind noch drei vorhanden. Für Euch ist jetzt Erholung vom Fremdenführer angesagt, für mich allerdings auch. Über die Deichstraße – leider kann ich unsere Marineoperationsschule am gegenüberliegenden Ufer nicht sehen – komme ich auf dem Geestewanderweg unmittelbar ans Wasser. Ein beeindruckender Kran ist das einzige von hier aus sichtbare Relikt der Rickmerswerft, die hier einst stand und auf der Windjammern gebaut wurden. Das ehemalige Eingangstor sieht man aus der Ferne nur von hinten, wenn man es kennt. Wir haben es am Vortag für Euch eingefangen. Hübsch anzusehen sind auch die farbenfrohen Häuser des Kapitänsviertels. Am Brückenkopf Geestheller Damm kehren wir vom Geestebogen, einer hübschen Schrebergartenkolonie, in die zentrale Innenstadt zurück und sind bald darauf wieder an der Großen Kirche.

Die jetzt beendete Runde unterscheidet sich sehr von der bis 2018 gelaufenen, und zwar zum Positiven, wie ich meine. Die Hälfte zum und um den sicherlich netten Bürgerpark im Osten des aktuellen Kurses ist komplett zugunsten des Abschnitts am und um den alten und neuen Hafen entfallen. Klar, ein Naturliebhaber wird dem möglicherweise hinterhertrauern. Ich aber meine, wir haben hier einen Stadtmarathon, der uns auch an möglichst viele Glanzlichter und architektonische Höhepunkte führen sollte. Für meinen Geschmack ist das gelungen.

Zu Beginn der 2. Runde werfe ich zunächst einen wohlwollenden Blick auf die nette Moderatorin und Iromwomen Ilka Groenewold, dann über die auf dem Theodor-Heuss-Platz zahlreich aufgebauten Tische und Bänke, Zeichen des jährlichen Bürger-Brunchs der Bürgerstiftung Bremerhaven, heute zugunsten eines regelmäßigen Schulfrühstücks für bedürftige Kinder. Das zumindest war die Planung, denn natürlich ist die Umsetzung dem kleinen Plagegeist namens Corona zum Opfer gefallen und rund um das Bürgermeister-Smidt-Denkmal tote Hose. Es bleibt Euch natürlich nicht erspart, auch zu diesem Menschen ein paar Worte zu lesen: Hochgeehrt ist er, denn an seinen Aktivitäten lag es, heute als Gründervater der Stadt zu gelten. Das Problem der Bremer bestand in der zunehmenden Versandung der Weser, die den Zugang vom Bremer Hafen zur Nordsee gefährdete. Daher hatte er nach komplizierten Verhandlungen vom Königreich Hannover ein Landstück am rechten Weserufer nördlich der Geestemündung erworben und damit den der Stadt Bremen vorgelagerten „Bremer Haven“ als Keimzelle der heutigen Stadt Bremerhaven ermöglicht.

Dreimal noch ist der Kurs zu nehmen, dreimal tue ich es auch. Ein Läufer spricht mich an: „Ich kenne Dich!“ Ach Du lieber Gott, den Thomas Wenning habe ich ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen! Der frühere Sportfotograf und Ultraläufer hat sich nach seinem beruflichen Rückzug aus dem Sportgeschäft rargemacht und bestreitet heute nach zehn Jahren seinen ersten Marathon. Seiner Dauerflamme Claudia genügen heute zwei Runden. Zur dritten Runde hätte ich gerne meine Kamera abgegeben, aber die Moderatorin ist gerade mit dem Start des 6,5 km-Laufs zugange. Am vorletzten VP der vierten Runde sind die Becher ausgegangen und als ich das am allerletzten VP bei km 38 melde, haben die das Problem schon gelöst. Prima!

 

 

Die letzten vier km fallen mir extrem schwer, Bernd Neumanns inzwischen legendärer Berichtstitel kommt mir in den Sinn: Geeste oder läufste? Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, und so stolpere ich, etliche Federn lassend, schließlich reichlich K.O. ins Ziel. Es ist vollbracht. Eine würdevolle Medaillenübergabe kann in diesem Jahr leider nicht stattfinden, stattdessen finden wir unsere verdiente Finishermedaille im gut gefüllten Beutel der Zielverpflegung vor, die wir uns von einem langen Tisch in der Nebenstraße selbst nehmen können. Auch ein freundliches Bleifreies bekomme ich, da kann ich mich doch wunderbar auf den Eingangsstufen eines Hauses niederlassen und mit Michael und Peter hervorragend fachsimpeln und gemeinsam Wunden lecken.

Von dort aus kehren wir auf direktem Weg wieder zum Sammelplatz hinter der Großen Kirche zurück. Hohen Luxus bietet man uns, der Not gehorchend, bei den Mobiltoiletten. Denn diese werden von drei Reinigungskräften betreut, die für ausreichende Hygiene (Desinfektionsmittel, Einmalhandtücher und Toilettenpapier) sorgen. Wer nur einmal auf einer größeren Veranstaltung ein solches Etablissement hat nutzen müssen, weiß, was uns heute erspart geblieben ist. Umkleiden oder Duschen stehen diesmal nicht zur Verfügung.

Langer Rede kurzer Sinn: Die vielen im Rahmen eines zu kurzen Wochenendes gefahrenen km, um hier teilnehmen zu können, haben sich gelohnt. Wir lernten eine neue Stadt kennen, waren nach langer Zeit endlich wieder mal im Norden, hatten totalen Dusel mit dem Wetter und nach Hachenburg schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit wieder einen „vernünftigen“ Marathonlauf absolvieren können. Was will man mehr? Ja, mehr davon. Der Dusel wird weitergehen. Demnächst mehr an dieser Stelle.

 

Streckenbeschreibung:

Interessanter, flacher und verkehrsfreier 10,55 km-Kurs zu großen Teilen entlang der Geeste sowie im Hafengebiet.

Startgebühr:

Je nach Anmeldezeitpunkt 25 - 55 € für den Marathon.

Weitere Veranstaltungen:

4 x 10,55 km-Marathonstaffel, Halbmarathon, 10 und 6,5 km.

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde.

Logistik:
Alles unmittelbar im Start-/Zielbereich, coronabedingt diesmal keine Umkleiden/Duschen.

Verpflegung:
3 Verpflegungsstationen auf der 10,55 km-Runde.

Zuschauer:

Vereinzelt, insbesondere in den Havenwelten, netter Beifall. Insgesamt deutlich ausbaufähig.

 

Informationen: City Marathon Bremerhaven
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